{"id":2687,"date":"2019-11-13T11:46:46","date_gmt":"2019-11-13T10:46:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.unionhilfswerk.de\/?p=2687"},"modified":"2019-11-13T11:46:46","modified_gmt":"2019-11-13T10:46:46","slug":"nein-heisst-nein-warum-wir-uns-in-der-behindertenhilfe-mit-sexualisierter-gewalt-beschaeftigen-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.unionhilfswerk.de\/?p=2687","title":{"rendered":"Nein hei\u00dft Nein &#8211; Warum wir uns in der Behindertenhilfe mit sexualisierter Gewalt besch\u00e4ftigen m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<p>Insbesondere von Institutionen wissen wir nicht erst seit der Odenwaldschule, dass die hier herrschenden Hierarchien und strukturellen Machtverh\u00e4ltnisse sexualisierte Gewalt beg\u00fcnstigen.<br \/>\nWir m\u00fcssen uns also fragen: Ist so etwas auch bei uns m\u00f6glich? Und wie k\u00f6nnen wir das verhindern? Wo sind unsere Risikofaktoren? Und welche Betreuungs- und Arbeitssettings sind besonders brisant im Hinblick auf \u00dcbergriffe?<\/p>\n<p>Die in Fachkreisen gern zitierte Studie der Universit\u00e4t Bielefeld von 2011\/2012 (eine aktuellere in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung gibt es zurzeit nicht in Deutschland) hat gezeigt, dass Frauen mit Behinderungen noch sehr viel h\u00e4ufiger von sexualisierter Gewalt und anderen Gewaltformen betroffen sind, als Menschen ohne Behinderung (oB). So waren von 1561 Teilnehmerinnen der Studie 20-34% in ihrer Kindheit und Jugend sexualisierten \u00dcbergriffen und 50-60% physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt (vgl. 10% Frauen oB und 36%). Im Erwachsenenalter waren 21-43% Opfer sexualisierter Gewalt und 58-75% physischer Gewalt (vgl. 13% und 35%). M\u00e4nner wurden in dieser Studie nicht ber\u00fccksichtigt, doch wir alle wissen aus unserem eigenen Arbeitskontext, dass auch viele unserer m\u00e4nnlichen Klienten schwerwiegenden \u00dcbergriffe erleiden mussten.<br \/>\nEs geht also um Pr\u00e4vention und Schutz, wenn wir uns im UNIONHILFWERK der Auseinandersetzung mit diesem Thema stellen. Es geht auch darum, vorbereitet zu sein und mehr Sicherheit im Umgang damit zu finden. Und es braucht Mut, zu beginnen.<\/p>\n<p>Tabus und Geheimnisse stehen urs\u00e4chlich in Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt, denn erst die Sprachlosigkeit erm\u00f6glicht ihr Fortbestehen. Sprachlosigkeit wird durch hierarchische Strukturen gef\u00f6rdert, strukturelle Gewalt schafft einen idealen N\u00e4hrboden f\u00fcr sexualisierte Gewalt. Daher m\u00fcssen wir potentielle strukturelle Gewaltformen in unseren Arbeitsbereichen aufsp\u00fcren, analysieren, eine offene Umgangsform damit finden. Wir m\u00fcssen Risiken benennen, der Sprachlosigkeit mit System begegnen, Wege aus der Sprachlosigkeit finden und diese Wege vor allem aufzeigen, d.h. Konzepte erarbeiten, Fragen beantworten und Bef\u00fcrchtungen beruhigen. Was mache ich, wenn ich merke, dass irgendetwas nicht stimmt? Wie kann ich \u00fcberhaupt meinem Gef\u00fchl trauen? Welche Konsequenzen hat es f\u00fcr mich und andere, wenn ich mich einmische? Was wird sich dann ver\u00e4ndern? Vielleicht bin am Ende <em>ich<\/em> die Dumme, wenn ich Dinge anspreche, die ich selbst nicht so genau einzusch\u00e4tzen vermag.<\/p>\n<h2>Qu\u00e4lende Gef\u00fchle der Scham bei den Opfern sexualisierter Gewalt<\/h2>\n<p>Menschen, die Gewalt und vor allem sexualisierte Gewalt aus\u00fcben, haben immer einen erheblichen Vorsprung. Sie haben selbst bereits die Strukturen, in denen sie sich bewegen und arbeiten, exakt analysiert und wissen die Beziehungsgeflechte innerhalb dieser Struktur zu nutzen. Sie erarbeiten sich ein System, das ihnen Zugriff erm\u00f6glicht. Sie haben sich ein genaues Bild gemacht von den Menschen in ihrem (Arbeits-) Umfeld, wissen, wer wie tickt. H\u00e4ufig bauen sie Loyalit\u00e4ten auf, schaffen Verbindungen und \u00fcber Gef\u00e4lligkeiten kleine Abh\u00e4ngigkeiten. Das muss nichts Verwerfliches sein, Verwerfliches k\u00f6nnte zu schnell auffallen. Daher geht es hier auch nicht um die Korrumpierbarkeit von einzelnen Kolleg*innen, sondern unter Umst\u00e4nden im Gegenteil um das Wohlwollen und die Harmoniebed\u00fcrftigkeit ganzer Teams. Harmonie entsteht ja nicht nur durch Altruismus, sondern gern auch durch Abgrenzung nach au\u00dfen, Zusammenhalt und \u201emeine kleine Welt\u201c innerhalb meines Bereiches. Und einen weiteren ganz wesentlichen Vorteil wissen die T\u00e4ter*innen sexualisierter Gewalt zu nutzen: unsere Scham. Scham ist eines der intensivsten und wirkungsvollsten Gef\u00fchle \u00fcberhaupt. Und es ist eines der machtvollsten.<\/p>\n<p>\u00dcber das Ma\u00df an Scham, das wir empfinden, sind wir manipulierbar. Je unangenehmer und peinlicher eine Sache f\u00fcr uns ist, desto schwerer f\u00e4llt es uns, dar\u00fcber zu sprechen. Es ist ein ganz nat\u00fcrlicher Vorgang; wir sch\u00fctzen uns lediglich. In der Fachliteratur ist bereits sehr viel bekannt \u00fcber die oft lebenslang qu\u00e4lenden Gef\u00fchle der Scham, die Opfer sexualisierter Gewalt empfinden. Eine Scham, die sie meist in Verbindung mit Angst sprachlos gemacht hat. Aber auch wir sind diesem Gef\u00fchl ausgeliefert und es beeinflusst unser Handeln tagt\u00e4glich. Und damit sind wir wieder bei dem Thema Tabus und Geheimnisse. Welche Tabus gibt es bei uns? Welche unbequemen Fragen darf ich stellen und welche nicht?<\/p>\n<h2>Verabschieden von Glaubenss\u00e4tzen<\/h2>\n<p>Wir m\u00fcssen uns Fragen stellen wie: Was passiert eigentlich (mit uns) und wie k\u00f6nnen wir reagieren, wenn jemand von uns ein*e T\u00e4ter*in w\u00e4re? Es geht darum, die Schwachstellen in unserem eigenen kleinen System zu identifizieren und uns von dem Glaubenssatz zu verabschieden: <em>Bei uns gibt es sowas nicht! Und wenn, w\u00fcrde ich es doch merken.<\/em><br \/>\nSolche Glaubenss\u00e4tze k\u00f6nnen oberfl\u00e4chlich beruhigen, aber sie dienen lediglich den T\u00e4ter*innen. Die Realit\u00e4t beweist uns etwas Anderes, denn in der Regel merken wir es nicht oder erst sehr sp\u00e4t. Wir sind meist gefangen im System unserer eigenen Bed\u00fcrfnisse, und das in allerbester Absicht. Wer m\u00f6chte nicht einen Arbeitsplatz mit netten Kolleg*innen und im Bestfall einer entspannten und gleichwohl effektiven Arbeitsatmosph\u00e4re? Und wenn diese Atmosph\u00e4re anf\u00e4ngt zu brodeln oder gar brennt, dann doch bitte nicht aufgrund dieses Themas, das einem so nah kommt und so viel Gewesenes infrage stellt.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt uns inzwischen nicht mehr so schwer, \u00dcbergriffe von Klient*innen zu besprechen und Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, auch wenn ad\u00e4quate L\u00f6sungen manchmal nicht leicht zu finden sind. Wir haben leider schon etliche Erfahrungen damit gemacht. Wenn uns jedoch sexuelle \u00dcbergriffe durch Kolleg*innen begegnet, ersch\u00fcttert es uns und das gesamte Team in seinen Grundfesten. Eine Flut von Fragen taucht auf und der pl\u00f6tzliche Vertrauensverlust f\u00fchrt zu einer umfassenden Orientierungslosigkeit. Auch hierbei spielt die Scham wieder eine sehr gro\u00dfe Rolle. H\u00e4tte ich etwas merken m\u00fcssen? Habe ich vielleicht sogar etwas komisch gefunden und nicht reagiert? Trage ich dadurch eine Mitschuld? Und vieles, vieles mehr\u2026<br \/>\nOft werden diese Gef\u00fchle des Entsetzens, der Scham und Schuld auch kollektiv abgewehrt und es finden nicht selten Ausgrenzungsversuche statt. Nicht unbedingt wird dabei der\/die verd\u00e4chtigte Kolleg*in ausgegrenzt, sondern manchmal sind es auch diejenigen, die das Thema ansprechen oder die Betroffenen selbst.<\/p>\n<h2>Wir brauchen Worte und m\u00fcssen gemeinsam hingucken<\/h2>\n<p>\u201eDer \u00dcberbringer der schlechten Nachricht wird gek\u00f6pft.\u201c Das war vor 2000 Jahren so und scheint auch heute noch ganz archaisch in unserem Gesellschaftswesen verankert zu sein. Wir Menschen sind immer auf der Suche nach Verbundenheit und das ist ja durchaus auch etwas Sch\u00f6nes und Bereicherndes und sichert letztlich unser (\u00dcber-) Leben. Es geht also nicht darum, Verbindungen zu kappen, sondern im Gegenteil diesen Verbindungen durch Worte mehr Verbindlichkeit zu geben. Wir brauchen Worte, damit wir nicht so manipulierbar sind. Wir brauchen Worte, damit wir nicht so ausgeliefert sind. Wir brauchen Worte, damit unsere Scham nicht dazu f\u00fchrt, dass es Raum f\u00fcr sexuelle \u00dcbergriffe gibt. Wir m\u00fcssen hingucken und dieses Hingucken m\u00fcssen wir erst noch lernen. Und das ist wirklich keine leichte Aufgabe.<\/p>\n<h2>Fachtag &#8222;Nein hei\u00dft Nein&#8220; des Fachbereiches f\u00fcr Menschen mit Behinderung<\/h2>\n<p>Unser Fachtag \u201eNein hei\u00dft Nein\u201c im November ist erst der Anfang. Er ist der Paukenschlag, der unsere kollektive Aufmerksamkeit auf dieses <em>eine<\/em> ausgesprochen wichtige Thema lenkt, uns fokussiert und die Einf\u00fchrung unseres Sexualp\u00e4dagogischen Konzepts untermauert.<br \/>\nDie Entwicklung dieses sexualp\u00e4dagogischen Konzepts wurde vor einigen Jahren von den Leitungen des Fachbereiches f\u00fcr Menschen mit Behinderungen ins Leben gerufen. Es stellt die Grundlage unseres Handels dar und ist zugleich ein Statement gegen sexualisierte Gewalt und andere Gewaltformen in unseren Einrichtungen. Es beinhaltet zudem Leitf\u00e4den und Orientierungshilfen f\u00fcr den Umgang mit Situationen, in denen wir unge\u00fcbt und die emotional aufgeladen sind. Und es sind Worte. Viele Worte, die uns vielleicht an manchen Stellen fehlen und die nun mit Leben gef\u00fcllt werden m\u00fcssen\u2026von jedem einzelnen Mitarbeitenden und auf allen Ebenen, angefangen bei unseren Klient*innen bis hinauf in die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung. W\u00e4hrend es bei der Klientel \u00fcber Wege der Information, Aufkl\u00e4rung und Schulung um Empowerment und die St\u00e4rkung von Mitbestimmungsrechten geht, m\u00fcssen wir uns als Kolleg*innen auch mit der Frage auseinandersetzen, welche Strukturen bei uns ein Klima von Offenheit und Transparenz einschr\u00e4nken. Das Thema ist hochbrisant und komplex. Es ist auch unbequem und vielleicht f\u00fchrt es dazu, dass unsere kleine Welt, in der wir uns bewegen, nicht ganz so bleiben wird, wie sie war und ist. Aber wenn wir nur einen Bruchteil der Energie, die wir daf\u00fcr nutzen, wegzuschauen, in die andere Richtung lenken und hinschauen, wird sehr viel Positives frei. Davon bin ich zutiefst \u00fcberzeugt.<\/p>\n<h2>Es braucht Information und Aufkl\u00e4rung<\/h2>\n<p>Vor ein paar Wochen stellte mir eine Klientin, die sich als Expertin in Leichter Sprache mit der \u00dcbersetzung unseres sexualp\u00e4dagogischen Konzepts besch\u00e4ftigt, die Frage: \u201eK\u00f6nnt ihr nur Gewalt oder auch Aufkl\u00e4rung? Ich wei\u00df n\u00e4mlich manchmal nicht, ob das richtig ist, was mein Freund von mir will. Und er sagt dann, das machen alle so.\u201c Diese Klientin hat mit ihrer klugen Frage genau den Kern des Problems erfasst. Denn um mit sexualisierter (oder in Leichter Sprache sexueller) Gewalt umgehen zu k\u00f6nnen, braucht es zun\u00e4chst einmal ganz viel Information und Aufkl\u00e4rung. Und das wiederum auf allen Ebenen. Damit meine Grenzen nicht \u00fcberschritten werden, muss ich wissen, wo sie liegen und ich muss den Mut haben, sie zu benennen. Das sexualp\u00e4dagogische Konzept beschreibt diese Grenzen allgemeing\u00fcltig (f\u00fcr den Fachbereich 600) auf der Metaebene. Nun m\u00fcssen wir uns auf die Suche nach der individuellen Ebene machen. Auf Klientel-Ebene wird das bereits von unseren Frauen- und M\u00e4nnerbeauftragten unterst\u00fctzt, die seit Anfang 2018 in der internen Beratungsstelle FROZEN ehrenamtlich t\u00e4tig sind. Denn wer viel wei\u00df, kann sich und andere besser sch\u00fctzen.<\/p>\n<h2>Strukturelle Machtverh\u00e4ltnisse und strukturelle Gewalt<\/h2>\n<p>Was meinen eigentlich die Begriffe strukturelle Machtverh\u00e4ltnisse und strukturelle Gewalt, von denen hier so h\u00e4ufig die Rede ist? Es geht darum, unsere Beziehungsstrukturen zu beleuchten. Gemeint sind vor allem auch positive Beziehungen, freundschaftliche Verkn\u00fcpfungen und Verflechtungen aller Art. Das UNIONHILFSWERK hat vor allem in den letzten Jahren viel daf\u00fcr getan, das Gemeinschaftsgef\u00fchl innerhalb des gesamten Tr\u00e4gers zu st\u00e4rken. \u201eWir sind eine gro\u00dfe Familie\u201c, ein Gef\u00fchl von Verbindung und Verbindlichkeit, das uns zusammenh\u00e4lt und die Identifikation mit unserer t\u00e4glichen Arbeit unterf\u00fcttert. Und das ist ja auch wirklich ein sch\u00f6ner Ansatz, denn wir wollen alle gern zur Arbeit gehen, uns sicher f\u00fchlen und ein positives Miteinander gestalten. Und tats\u00e4chlich gibt es viele enge Beziehungen bei uns. Es gibt Freundschaften, Liebesbeziehungen und Ehen, es gibt sogar die zweite Generation (oder auch die dritte?), die schon bei uns t\u00e4tig ist. Bei all dem Sch\u00f6nen und St\u00e4rkenden, d\u00fcrfen wir jedoch nicht vergessen, dass enge pers\u00f6nliche Verflechtungen auch den idealen N\u00e4hrboden f\u00fcr Misstrauen darstellen, denn es bilden sich Koalitionen, die \u00fcber das normale kollegiale Ma\u00df hinausgehen. Wie klar bleibt mein Blick angesichts des Freundes oder der Tochter im Team? Wem kann ich mich anvertrauen, wenn ich ein Problem mit dem (Ehe-) Partner\/der (Ehe-) Partnerin in meinem Team habe? Wie verhalten sich die Mitarbeiter*innen, wenn Leitungen in diese Verbindungen involviert sind?<\/p>\n<p>Es geht nicht darum, Verbindungen zu kappen, nicht mal darum, sie zu ver\u00e4ndern. Aber es geht darum, einen offenen und klaren Umgang damit zu finden, alternative (Gespr\u00e4chs-) Angebote zu installieren, damit diese Konstellationen und ggf. Tabus nicht das Vertrauen zerst\u00f6ren und dazu f\u00fchren, dass uns die wirklich wichtigen Themen verborgen bleiben.<\/p>\n<p>Der Fachereich f\u00fcr Menschen mit Behinderungen f\u00e4ngt also schon mal an. Mit dem Hingucken\u2026langsam, vielleicht blinzelnd und hoffentlich best\u00e4ndig. Die spannendste Frage ist jedoch noch offen: Wer im UNIONHILFSWERK folgt uns?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fachbereich f\u00fcr Menschen mit Behinderung veranstaltete Mitte November einen Fachtag zu dem Thema \u201eSexualisierte Gewalt in der Behindertenhilfe\u201c und versteht diesen als Auftakt, als Paukenschlag, der die kollektive Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema lenken soll. 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