„Eine Kollegin hat letztes Jahr schon teilgenommen und mir die Info-Tour wärmstens empfohlen“, berichtet eine Teilnehmerin gleich zu Beginn der Tour. Es ist der 9. November, der Jahrestag des Mauerfalls, und eine kleine Gruppe von UNIONHILFSWERK-Mitarbeitern hat sich erwartungsvoll vor dem Stasimusem auf dem Gelände der ehemaligen Zentrale der DDR-Staatssicherheit in Lichtenberg versammelt. Bereits zum dritten Mal wurden 35 intessierte Kolleginnen und Kollegen ausgelost, um einen ganzen Tag in das Universum der Stasi einzutauchen und mehr über die Arbeit, die Täter und die Opfer zu erfahren.
Im Büro des Ministers für Staatssicherheit
An der ersten Station, im Stasimuseum, gelangt die Gruppe bereits ins einstige Zentrum des Stasi-Apparates: dem Büro von Erich Mielke, ehemaliger Minister für Staatssicherheit. Hier ist alles noch im Original erhalten – großer Schreibtisch, Sitzgruppe, Gardinen, Zimmerpflanzen. Der Besucherreferent Lutz Pupke erzählt, wie Mielke von dort aus geschaltet und gewaltet hat, was es mit den zwei Telefonen auf dem Schreibtisch auf sich hatte und wer am großen Konferenztisch wo sitzen durfte. Lutz Pupke kennt sich aus. Er ist nicht nur schon seit Jahren Besucherreferent im Museum, sondern war auch dabei, als die Stasi-Zentrale im Januar 1990 von DDR-Bürgern gestürmt wurde. In den Ausstellungsräumen des Museums klärt er über die „Sicherheitsideologie“ der Stasi auf und macht anhand eigener Erfahrungen und Berichten anderer Zeitzeugen anschaulich, wie ausgefeilt und tief sie in die Privatsphäre der Menschen eingriff.
Zeitzeugen erzählen von ihren Hafterfahrungen
Nach dem Einblick in die Welt der Täter, macht sich die Gruppe auf den Weg zur Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, um sich dort anzuschauen, was mit Menschen in der DDR passieren konnte, die der Stasi ein Dorn im Auge waren. In dem ehemaligen Untersuchungsgefängnis treffen die Unionhilfswerker auf zwei Zeitzeugen, die sie durch Gefängnisräume führen und von ihren ganz persönlichen Hafterfahrungen erzählen. Hansjürg Schößler engagierte sich in den 1980er Jahren in einer Friedens- und Umweltinitiative in Thüringen und wurde deshalb mehrfach von der Stasi festgenommen und inhaftiert. In einer Gefängniszelle berichtet er der Gruppe von der Isolation in der Haft . Auch Kubaner Jorge Luís García Vázquez, der nach einem gescheiterten Fluchtversuch ins Untersuchungsgefängnis kam, schildert seine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Repressionsapparat der DDR. Beide Referenten führen schon seit Jahren Besucher durch die Gedenkstätte – mit einer klaren Botschaft: Freiheit und Demokratie sind hohe Güter, für die es sich einzusetzen lohnt. „Es geht um die Freiheit der Menschenrechte. Man soll debattieren und nicht verdrängen“, gibt Vázquez am Ende der Führung der Gruppe mit auf den Weg.

Der Blick aufs Ganze: Lutz Pupke zeigt der Gruppe am Modell die Größe der Stasi-Zentrale

Eine Stadt in der Stadt: Auf dem Gelände der Stasi-Zentrale gabe nicht nur Büros für die Stasi-Mitarbeiter, sondern auch einen Friseur, einen Buchladen und ein Reisebüro

Überwachung total: Die Ausstellung im Stasimuseum zeigt Dokumente und Berichte von Betroffenen

Die Stasi hört mit: An Hörstationen können Besucher des Stasimuseums mehr über die Überwachungstechniken der Stasi erfahren.

Arbeit und Vergnügen: Neben dem Büro von Erich Mielke, gab es auch noch Konferenzräume und ein Kasino auf der Etage. In der Garderobe konnten die Gäste überprüfen, ob alles sitzt.

Zeitzeuge Hansjürg Schößler berichtet über die Haftbedingungen in Hohenschönhausen

Ständige Überwachung: Alle 10 Minuten würde der Häftling durch die Klappe vom Wärter kontrolliert

Führung durch das ehemalige Kellergefängnis in Hohenschönhausen

Zeitzeuge Jorge Luís García Vázquez zeigt Auszüge aus einer Stasi-Akte

Zur Klärung eines Sachverhaltes: Festgenommene kamen in einem Transporter ohne Fenster nach Hohenschönhausen
Ein Tag, der zum Nachdenken anregt
Die Berichte der Zeitzeugen und das Gesehene haben bei der Gruppe am Ende der Info-Tour deutlich Eindruck hinterlassen. Die Gefühle schwanken zwischen Begeisterung über die Möglichkeit, einen solchen Einblick in die Geschichte zu erhalten, und Bedrückung über das Erzählte, die Schicksale der Menschen und die aufgefeilten Stasi-Methoden. „Ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance hatte, hier heute dabei zu sein, und dass ein Arbeitgeber ein solche Tour seinen Mitarbeitern anbietet, ist einfach toll“, resümiert eine Teilnehmerin. Einige aus der Gruppe wollen sich weiter mit dem Thema auseinandersetzen oder auch mit ihren Familien noch einmal das Museum oder die Gedenkstätte besuchen.

Ein Tag, der verbindet: Die Unionhilfswerker am Ende eines eindrucksvollen Ausflugs in die Welt der Stasi