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Das schmerzhafte Gefühl, das uns alle angeht

Einsamkeit ist weit mehr als nur Alleinsein – sie ist ein unterschätztes gesellschaftliches Problem mit ernsten Folgen.

Mirjam Dierkes ist Bereichs- und Projektleitung des Kompetenznetzes Einsamkeit (KNE) und gab im Interview spannende Einblicke in dieses wichtige Thema und ihre Arbeit

Einsamkeit ist ungewollt, unangenehm und schmerzhaft. Dennoch bleibt sie ein Tabuthema, über das viele Menschen nur ungern sprechen. Dabei fungiert das Gefühl eigentlich als wichtiges Warnsignal – ähnlich wie Hunger oder Durst –, das uns auf unbefriedigte soziale Bedürfnisse aufmerksam macht. Doch wann wird aus einem normalen, vorübergehenden Zustand ein chronisches gesellschaftliches Problem? Mirjam Dierkes, Bereichs- und Projektleitung des Kompetenznetzes Einsamkeit (KNE), erklärt im Interview, wo die Unterschiede zum bloßen Alleinsein liegen und wie das aktuelle Einsamkeitsbarometer die Lage in Deutschland einordnet.

 

Einsamkeit ist ein Thema, über das viele Menschen nur ungern sprechen. Was verstehen Sie unter Einsamkeit – und wann wird aus einem normalen Gefühl ein gesellschaftliches Problem?

Nach einer gängigen Definition in der Forschung, auf die wir uns auch in unserer Arbeit im Kompetenznetz Einsamkeit beziehen, ist Einsamkeit ein subjektiver Zustand, der eine „wahrgenommene Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen“ beschreibt. Das heißt: Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl. Es kann sich sowohl auf die Qualität von Beziehungen beziehen als auch auf die Quantität. Einsamkeit ist ungewollt, unangenehm und auch schmerzhaft. Einsamkeit kann darüber hinaus aber auch als Warnsignal verstanden werden und hat dadurch auch eine positive Funktion. Sie zeigt auf, dass ein Grundbedürfnis, nämlich das nach Gemeinschaft, nicht befriedigt ist. Wenn dieser Mangel auf Dauer nicht gestillt wird, entsteht kontinuierlicher Stress. Wichtig ist: Einsamkeit ist nicht gleichzusetzen mit Alleinsein. Man kann durchaus alleine sein und sich dabei nicht einsam fühlen. Umgekehrt kann man sich unter vielen Menschen sehr einsam fühlen.

Grundsätzlich ist auch festzuhalten: Einsamkeit ist ein Gefühl, das alle Menschen zu unterschiedlichen Zeiten im Leben empfinden. Problematisch wird es erst, wenn dieses Empfinden länger anhält und chronisch wird, wenn Menschen selbst nicht mehr aus dieser Situation herauskommen.

 

Wie verbreitet ist Einsamkeit in Deutschland, insbesondere in Berlin und welche Menschen sind besonders häufig betroffen? Gibt es dabei Entwicklungen, die Sie derzeit besonders beschäftigen?

Das Einsamkeitsbarometer 2024 zeigt, dass Einsamkeit in Deutschland weiterhin viele Menschen betrifft. Für das Jahr 2021 lag die Einsamkeitsbelastung in der Gesamtbevölkerung bei 11,3 Prozent – das ist ungefähr jede neunte erwachsene Person. Während der Corona-Pandemie war dieser Wert deutlich angestiegen und ist danach wieder zurückgegangen, liegt aber in einzelnen Gruppen weiterhin auf einem erhöhten Niveau. Besonders häufig betroffen sind unter anderem junge Menschen, alte Menschen, Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Behinderungen sowie Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung. Für Berlin gilt dabei grundsätzlich, was auch bundesweit sichtbar wird: Einsamkeit ist kein Randphänomen und betrifft Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen. Sie kommt auch in der Stadt und auf dem Land gleichermaßen vor. Auffallend ist, dass junge Menschen seit der Pandemie stärker belastet bleiben, dies zeigen auch in den letzten Jahren spezifisch zu dieser Bevölkerungsgruppe erschienene Studien.

 

Welche Ursachen und Lebensereignisse können dazu führen, dass Menschen den Anschluss an andere verlieren?

Die Ursachen für Einsamkeit sind sehr unterschiedlich und hängen stark von Alter, Lebensphase und individueller Lebenssituation ab. Häufig spielen Übergänge oder Brüche im Lebenslauf eine wichtige Rolle: ein. studienbedingter Umzug in eine neue Stadt, der Wechsel von einer Schule zu einer anderen, in Ausbildung oder Beruf, der Eintritt in den Ruhestand, eine Trennung oder der Tod eines nahestehenden Menschen. Auch eine Familiengründung kann mit erhöhter Einsamkeit verbunden sein, wenn vertraute Kontakte weniger werden oder sich der Alltag stark verändert. Hinzu kommen strukturelle Faktoren wie Armut, Krankheit, Behinderung, fehlende Mobilität oder Diskriminierungserfahrungen, die soziale Teilhabe erschweren können.

 

Welche Folgen kann anhaltende Einsamkeit für die Betroffenen haben – und warum sollten wir Einsamkeit auch als gesellschaftliche Herausforderung ernst nehmen?

In der Forschung sind die negativen Auswirkungen von chronischer Einsamkeit gut belegt, und zwar sowohl für die Betroffenen selbst als auch für die Gesellschaft insgesamt. Auf individueller Ebene kann anhaltende Einsamkeit körperliche Folgen haben und unter anderem mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Demenzerkrankungen in Verbindung stehen. Hinzu kommen psychische Belastungen wie Depressionen oder Schlafstörungen. Auch psychosozial kann Einsamkeit das Verhalten, Denken und Erleben beeinflussen: Betroffene haben häufig weniger Vertrauen in andere Menschen und ein geringeres Selbstwertgefühl. Zugleich kann Einsamkeit den sozialen Zusammenhalt schwächen, politisches Engagement und prosoziales Verhalten verringern und nicht zuletzt höhere ökonomische Kosten verursachen, zum Beispiel im Gesundheits- und Pflegesektor. Deshalb ist Einsamkeit nicht nur ein Thema der betroffenen Menschen, sondern geht uns alle an.

 

Was wissen wir heute über wirksame Ansätze gegen Einsamkeit – und was können Politik, Organisationen, Arbeitgeber und letztlich auch jeder Einzelne konkret tun?

Zur Wirksamkeit von Maßnahmen gegen Einsamkeit ist die Forschungslage in Deutschland aktuell noch ausbaufähig. Evaluationsstudien für einzelne Maßnahmen und Projekte liegen noch zu wenig vor. Die internationale Forschung weist jedoch darauf hin, dass Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Unterstützung zu einer Linderung von Einsamkeit beitragen können. Insbesondere haben sich auch psychologische Interventionen als wirksam erwiesen. Ansätze, die niedrigschwellig soziale Teilhabe und Miteinander fördern, können in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen ganz verschieden aussehen: Die Politik kann, beispielsweise mit entsprechenden Kampagnen, für das Thema sensibilisieren und sollte sicherstellen, dass die strukturellen Rahmenbedingungen für die soziale Teilhabe aller ermöglicht wird. Organisationen und Arbeitgeber sollten das Thema für ihre Angehörigen und Mitarbeitenden im Blick haben und Strukturen so gestalten, dass das soziale Miteinander gefördert wird. Hierzu gehört zum Beispiel Raum für Austauschmöglichkeiten auch jenseits des rein Fachlichen, etwa in Form von kurzen Check-Ins zu Beginn eines Meetings oder Buddy-Programme für neue Mitarbeitende im Team. Und auf der individuellen Ebene ist es oft schon hilfreich, aufmerksam für die Menschen in der eigenen Umgebung und ihr vorhandenes Bedürfnis nach Kontakt zu sein – in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, im Verein. Die meisten Menschen freuen sich über einen Gruß oder ein Lächeln – und für einige bedeutet es vielleicht einen großen Unterschied.

 

Und was würden Sie Menschen sagen, die selbst einsam sind und den ersten Schritt zurück in Kontakt mit anderen suchen?

Der berühmte Ratschlag „Geh doch mal wieder unter Leute!“ dürfte bei einsamen Menschen, zumal bei chronisch einsamen, meistens nicht hilfreich sein. Für einsame Menschen geht es eher darum, soziale Nähe erst einmal wieder zu lernen. Da hilft es oft, in kleinen Schritten zu „üben“. Nicht zu unterschätzen sind ganz kleine soziale Interaktionenwie ein kurzes Thekengespräch beim Bäcker, an der Supermarktkasse oder im Bus. Diese können dazu beitragen, sich seinem alltäglichen Umfeld wieder zugehöriger zu fühlen. Das Sprechen über die eigene Einsamkeit mit anderen (Familie, Freund*innen, Unterstützungsangebote) kann ebenfalls hilfreich sein, um Einsamkeit zu lindern und bei Bedarf auch gleich Hilfe und Unterstützung zu erhalten.

Dafür ist es wichtig, dass Einsamkeit enttabuisiert, wird: Viele Betroffene schämen sich nämlich für ihre Einsamkeit, sodass ihnen das Reden darüber schwerfällt.

 

Chronisch einsame Menschen tendieren außerdem dazu anzunehmen, dass Andere ihnen grundsätzlich nicht wohlgesonnen sind, und laufen Gefahr, jeden Austausch nur durch diese Brille zu sehen. Hier ist es ein erster wichtiger Schritt, diese Annahmen für sich selbst zu hinterfragen: Hat die Nachbarin mich wirklich nicht gegrüßt, weil sie mich nicht leiden kann – oder ist sie vielleicht gerade in Gedanken ihre Einkaufsliste durchgegangen und war daher zu abgelenkt, um mich zu bemerken?

Der erste Schritt zurück in die Gemeinschaft erfordert keinen radikalen Neuanfang, sondern die Bereitschaft, das eigene Umfeld mit offeneren Augen wahrzunehmen. Indem Betroffene den Druck herausnehmen und soziale Interaktionen als kleine Übungen begreifen, kann der Übergang zurück in den Kontakt gelingen.

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