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HERZTÖNE – Theaterensemble „Die Papillons“ mit der zweiten Premiere

Die Regisseurin für inklusives Theater, Christine Vogt, Gründerin des Theater Thikwà für Menschen mit und ohne Behinderung, weitete im Laufe ihrer langjährigen Theaterarbeit den Fokus auf Menschen mit Demenz aus. Als Betreuungsassistentin kam sie 2016 ins Pflegewohnheim „Am Kreuzberg“ des UNIONHILFSWERK. Unterstützt von der damaligen Einrichtungsleitung und der Geschäftsleitung, begann sie 2017 die Projektarbeit mit Menschen mit Demenz. Nun stand mit „Herztöne“ die Premiere der zweiten Inszenierung ins Haus. Wie es zu diesem sehr besonderen und wirkungsvollen Projekt kam, lesen Sie hier.

„Wer bin ich eigentlich“ – auf der Suche nach Erinnerungen

Christine Vogt baute mit den Bewohnern in intensiven Gesprächen nach und nach engeren Kontakt auf. Sie versuchte, mit ihnen lang zurückliegende Erinnerungen frei zu legen oder Antworten auf die Frage zu finden, wer sie eigentlich sind. Sie wollte sozusagen das innere Gesicht jedes Einzelnen anschauen.
Hieraus entstand die erste Projektidee, Gipsmasken für die einzelnen Teilnehmer zu bauen – ein gewagtes Experiment, weil die alten Menschen das teilweise ablehnten. “Ich brauche eine Brille, keine Maske,“ sagte einer kurz vor der Premiere der Werkstattaufführungen.

Das Experiment glückte – die sehr niedrigschwelligen Aufführungen vor Angehörigen, Freunden, Unterstützern und vor allem auch den Pflegekräften im Pflegewohnheim waren ein großer Erfolg. „Ich hatte anfangs große Sorge, wie das Projekt beim Publikum ankommen würde, weil es nur Fragmente waren. Aber mich überzeugte die Begeisterung der 11 zum Teil recht dementen Bewohnerinnen und Bewohner zwischen 60 und 94 Jahren, die wie „angefixt“ waren. Sie erkennen mich immer wieder und verbinden mit mir etwas, das unmittelbar an ihre Lebenserfahrung anknüpft. Es war wunderschön, Menschen in das Pflegewohnheim einzuladen, die die 11 Bewohner in einer völlig anderen Rolle sehen konnten, als bei normalen Besuchen: im Scheinwerferlicht und mit schönen Kostümen. Ich fühlte mich durch die positive Resonanz des Trägers und auch der Kollegen ermutigt, weiter zu machen. Eine Arbeit, die natürlich ohne die tolle Unterstützung meiner Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege und der Betreuungsassistenz gar nicht möglich gewesen wäre!“

Welch aktivierende Wirkung diese Projektarbeit haben kann, beschreibt Christine Vogt am Beispiel eines Bewohners, der infolge schwerer psychischer Krisen antriebsschwach geworden war und fast immer im Bett lag. Die entstandene Gemeinschaft, das regelmäßige Körpertraining, Feedback-Runden und viel Dynamik führten dazu, dass der Bewohner sich bis zum heutigen Tag aufrappelt, zu jeder Probe kommt und bei der Stange bleibt , trotz seines zeitweilig kritischen psychischen Zustands. So geht es vielen der dementen Bewohner. Sie stehen auf, überwinden ihre krankheitsbedingte Passivität und ihre Isolation.

Gemeinsam mit professionellen Künstlern und Assistenten arbeiten regelmäßig über 20 Personen zusammen – jeder aus seiner Profession heraus. „Es ist wie eine Welle, die sich fortsetzt, selbst bis zu einer Mitarbeiterin, die eigentlich für die Wäsche zuständig ist. Sie unterstützt uns ganz toll und macht mit ihrem Smartphone Fotos von den Bewohnern im Kostüm. So entsteht genau das, was ich mir gewünscht habe: dass das Projekt nicht nur an mich gebunden ist. Dann heißt es plötzlich, „oh‘ die Schauspieler kommen“, das gibt den Akteuren eine ungeheure Aufwertung“, freut sich Christine Vogt über die Wirkung des Projektes.

Herztöne – die Idee für ein Singspiel

Christine Vogt hatte schon lange über die musikalische Ausrichtung des Projektes nachgedacht, als sie die Gelegenheit bekam, den Chor des Pflegewohnheims zu übernehmen. Gemeinsam zusammengetragene Volkslieder und Schlager mündeten in einem Liederbuch mit 65 Lieblings-Hits der Bewohner. Seither arbeitet der Chor, bestehend aus 40 Sängern, darunter auch Angehörige und Nachbarn, hiermit. Mit den 11 Papillon-Mitgliedern wählte Christine Vogt besondere Lieder danach aus, wie sehr diese sie bewegten, positiv oder auch negativ. Von schrecklichen Erinnerungen, an die man nicht mehr denken will, bis zum Lied, das im Herzen wohnt. Gemeinsam wurde aus diesen Liedern in einer „Stichwahl“ ein spezielles Lied ausgewählt. Der Titel „Herztöne” entstand im Laufe der Arbeit aus der Erkenntnis, dass Herztöne an die Substanz gehen, essentiell über Leben und Tod entscheiden.

Schon zu Beginn des Projektes war klar, dass Christine Vogt mit professionellen Künstlern arbeiten wollte, seitens der Leitung hatte sie hier freie Hand. So konnte sie die beiden Künstler, Birthe Bendixen und Christoph Grund, für das Projekt begeistern. „Birte als Sängerin und Gesangspädagogin und Christoph als Komponist und Pianist haben sofort Blut geleckt“, freut sich Christine Vogt, die zudem die Künstlerin Silija Landsberg für die Kostüme und das Bühnenbild, und die Musiktherapeutin und Produktionsassistentin, Nina Kuyumcu, für das professionelle Konzeptionsteam begeistern konnte. Die ausgewählten Lieder wurden in Kompositionen mit neuer Musik eingebettet, auf Dialoge wird bei dem Singspiel verzichtet. Immer wieder gibt es Momente, in denen die Bewohner einfach so sind wie sie sind – wenn sie warten, bis die Erinnerung kommt.

Zur Vorbereitungsphase zählten auch zwei intensive Probenwochenenden. In den beiden abschließenden Feedback-Runden waren die Bewohner trotz der geforderten hohen Konzentration erfreulicherweise positiv gestimmt. „Wir sind eine Gemeinschaft. Das brachten sie explizit zum Ausdruck. Selbst eine Bewohnerin, die die Arbeit durch ihre Negativität immer wieder behinderte, ließ sich mitnehmen von der positiven Dynamik. Die Arbeit mit Menschen mit Demenz ist nicht so einfach, das ist kein Spaziergang. Immer wieder gilt es, die Teilnehmer mit vereinten Kräften, und unterstützt von Freiwilligen, zu den Proben zu holen. Ich kann in diesen Momenten authentisch sagen, ‚ich brauche dich – komm, du bist ein Teil dieses dramaturgischen Ablaufes‘. Und das spüren auch die Teilnehmer, das spüren sie,“ resümiert Christine Vogt über ihre Arbeit.

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit (Karl Valentin)

Christine Vogt ist es wichtig, dass die Beteiligten das Projekt ernst nehmen – letztlich geht es um das Normalisierungsprinzip, ohne Schonhaltung für die Menschen. So wird sie in der Phase vor der Premiere auch mal streng, wenn Angehörige mit Papillon-Mitgliedern rausgehen wollen. Hier geht die Probe vor, und sie lädt die Angehörigen ein, zuzuschauen oder zu warten. Eine Haltung, die sich lohnt – davon konnten wir uns am vergangenen Wochenende überzeugen – bei 70 Minuten Herztönen im Pflegewohnheim am Kreuzberg!

 

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