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Inklusiver Wahlworkshop: Probewählen im Joachim-Fahl-Haus

Kreuzchen machen, Zettel falten, in die Urne stecken. Klingt einfach, oder? Aber was wird eigentlich gewählt? Und wer bekommt meine Stimme? Kann ich auch zwei Kreuze machen? In Vorbereitung auf die Berliner Abgeordnetenhauswahl haben sich Rita Hübenthal-Montero und Stefan Zeh genau diesen Fragen angenommen und organisierten bereits zum wiederholten Male erfolgreich einen inklusiven Wahlworkshop für Menschen mit Beeinträchtigungen in leichter Sprache.

Mit Herz, Einfühlungsvermögen und Erfahrung stehen Rita und Stefan vor rund 20 Personen im Joachim-Fahl-Haus, einer besonderen Wohnform für Erwachsene mit Beeinträchtigungen. Hier möchten sie offene Fragen zur Berliner Wahl am 20. September beantworten. Doch eine Frontal-Veranstaltung ist der von ihnen organisierte Wahlworkshop ganz und gar nicht: In interaktiven Blöcken wird die Gruppe eingebunden, dazu ermutigt, sich einzubringen und Unsicherheiten zu benennen.

Für Rita steht vor allem eine zentrale Botschaft im Mittelpunkt: „Unsere Teilnehmer*innen sollen wissen, dass ihre Stimme zählt. Ihre Meinung ist wichtig.“
Viele ihrer Klient*innen würden das anders erleben, sagt die langjährige Fachkraft in der Eingliederungshilfe. Mit dieser Haltung aus dem Workshop-Tag zu gehen, mache ihrer Erfahrung nach den größten Unterschied – nicht nur, um den Schritt ins Wahllokal zu wagen, sondern auch, um sich mit den Parteien und Wahlprogrammen nach ihren Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

 

Politische Teilhabe heißt nicht nur, wählen gehen zu können, sondern auch, eine Entscheidung zu treffen, die sich richtig anfühlt.

Alle Workshop-Teilnehmer*innen werden da abgeholt, wo sie stehen: Unklarheiten zur Berliner Wahl werden zunächst auf einem Flipchart gesammelt und der Kenntnisstand der Klient*innen mithilfe von vorbereiteten Kernaussagen der Parteiprogramme ergänzt. Dabei zieht sich eine Frage durch den gesamten Workshop-Tag: Was planen die Parteien für Menschen mit Behinderungen? Rita und Stefan setzten sich in Vorbereitung auf den Tag mit allen politischen Vorhaben auseinander und erklären Kernthemen der Parteien neutral, unabhängig und zielgruppengerecht in kurzen Sätzen mit einfachen Wörtern.

“Die politischen Themen verstehen die meisten sehr gut. Worum es am Wahltag wirklich geht, ist Sicherheit – dass niemand aus Versehen ungültig wählt, nur weil die Situation neu und unbekannt ist.“ – Stefan Zeh, Fachkraft im betreuten Einzelwohnen.

Das Recht zu wählen haben in Deutschland fast alle Menschen mit Behinderung. Ob sie es auch nutzen können, hängt davon ab, ob der Weg dorthin barrierearm ist – von der Wahlbenachrichtigung bis zur Kabine. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen schließt der Workshop eine Lücke. Wir tragen so dazu bei, dass politische Teilhabe für alle Menschen möglich wird und Barrieren Schritt für Schritt abgebaut werden.

 

Probewählen für den Ernstfall

Im nachgestellten Wahllokal wird es im zweiten Teil des Workshops praktisch: Am Eingang werden die Namen der Wählenden abgefragt, es gibt Wahlzettel-Kopien, Wahlkabinen, sogar Wahlhelfer*innen. Mit dem gewonnenen Wissen aus dem ersten Teil des Workshops geht dann alles ganz schnell: Wählen, Falten, in die Urne stecken, auszählen – der gesamte Prozess wird durchgespielt, bevor es am 20. September ernst wird.

 

Selbstbestimmung nicht nur an der Wahlurne

Das Joachim-Fahl-Haus liegt idyllisch direkt am Berliner Plötzensee. Auf dem weitläufigen Gelände wohnen 30 Bewohner*innen in fünf Wohngruppen mit Einfamilienhaus-Charakter. Im Mittelpunkt steht ein heilpädagogischer Ansatz, der sich an den individuellen Bedürfnissen und Wünschen der Bewohner*innen orientiert und um vielseitige Angebote ergänzt wird. So wird der Alltag aktiv mitbestimmt und mithilfe von Mitarbeitenden geplant.
Der Workshop von Rita und Stefan zeigt ebenfalls, was Teilhabe konkret bedeutet: Inklusion endet nicht beim Zugang zur Wahlkabine. Sie fängt da erst an. Der Workshop hat auch im Nachgang noch zu angeregten Gesprächen geführt und, so spiegeln es die Mitarbeitenden des Joachim-Fahl-Hauses, trotz ernster Inhalte Spaß bereitet.

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