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Vom Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum zum Selbsthilfezentrum

Seit 35 Jahren gibt es das Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum Reinickendorf. Was genau das Team im Norden Berlins anbietet und warum sich der Name dieses wichtigen Projektes nun ändert, das erzählt uns Susanne Kühle, die als Koordinatorin dort arbeitet, in ihrem Gastbeitrag.

Gleichgesinnte kommen zusammen und tauschen sich zu einem Thema aus - sie helfen und unterstützen sich damit gegenseitig

Wie der Name sagt, gibt es hier sowohl Raum und Unterstützung für Selbsthilfegruppen als auch Angebote im Rahmen der Stadtteilarbeit, z.B. in Form eines Nachbarschaftstreffs und eines Tai Chi Chuan-Kurses.

Aktuell kümmern sich drei Kolleginnen, Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagoginnen, um alle Belange rund um die Selbsthilfeunterstützung in Reinickendorf. Die Aufgabenbereiche sind vielfältig. Zu den Hauptaufgaben zählen die Beratung von Menschen, die eine Selbsthilfegruppe suchen, sowie die Begleitung und Unterstützung der bestehenden Gruppen im Haus und an anderen Orten im Bezirk. Auch die Gründung einer neuen Gruppe unterstützen wir mit allen dazu gehörenden Fragen.

Momentan haben die Mitarbeiterinnen ca. 90 Selbsthilfegruppen im Bezirk im Blick. Davon treffen sich etwa 35 im Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum Reinickendorf.

Darüber hinaus gehört es zu unseren Aufgaben, die Selbsthilfe bekannter zu machen. Daher machen wir auf unterschiedliche Weise Öffentlichkeitsarbeit.

 

Was meint denn nun eigentlich Selbsthilfe?

Die Kernidee von Selbsthilfe ist, dass Menschen, die z.B. eine Erkrankung oder auch ein soziales Konfliktthema haben, sich mit anderen Gleichbetroffenen zusammentun, um sich darüber auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. Wie der Name also schon sagt, helfen die Menschen sich selbst. Es gibt keine fachliche Leitung in den Gruppen, wie z. B. eine*n Therapeut*in oder Sozialarbeiter*in. Das bedeutet, die Teilnehmenden der Gruppe bestimmen selbstständig die Art und die Inhalte ihrer Treffen. Es gibt auch keine*n „Chef*in“ in der Gruppe. Alle sind gleichberechtigt und entscheiden gemeinsam, wie sie arbeiten möchten.

Jede*r, der an gegenseitiger Unterstützung interessiert ist, kann Mitglied einer Selbsthilfegruppe werden. Die einzige Voraussetzung zur Teilnahme ist, dass man etwas für die Verbesserung seiner eigenen Lebenssituation tun möchte. Natürlich sollte man auch von dem Thema der Gruppe selbst betroffen sein.

 

Welche Themen gibt es?

Die Themen von Selbsthilfegruppen sind so vielfältig wie das Leben. Es gibt Gruppen sowohl zu körperlichen als auch zu psychischen Erkrankungen, zu sozialen Themen und auch zu Freizeitthemen.

Hier ein paar Beispiele:

Suchterkrankungen, wie z.B. Alkohol-, illegale Drogen-, Medikamenten-, Computer-, Esssucht

Psychische Erkrankungen, wie z.B. Ängste und Depressionen, Borderline, Bipolarität, Schizophrenie, Stimmenhören, Zwangsstörungen

Somatische Erkrankungen, wie z.B. Erkrankungen innerer Organe wie Herz, Lunge, Niere, Darm, oder der Haut (Allergien), Gelenke (Rheuma), Adipositas

Soziale Themen, wie z.B. Toxische Beziehungen, Hochsensibilität, Migration, Sexueller Missbrauch, queere Menschen, Arbeitslosigkeit, Trennung/Scheidung, Gewalt

Angehörigengruppen, wie z.B. Angehörige von Menschen mit Behinderungen, Angehörige von suchterkrankten Menschen, Eltern, deren Kinder den Kontakt abgebrochen haben, Eltern, deren Kinder rechtsradikal sind

Freizeitthemen, wie z.B. Handarbeiten, Tanzen, Singen, kreatives Gestalten

 

Was ist das Besondere an Selbsthilfegruppen? Wie wirkt Selbsthilfe?

Am besten, wir fragen da mal die Gruppenmitglieder selbst. Hier einige Zitate:

„Durch die Gruppe fühle ich mich nicht mehr so isoliert.“

„Hier kann ich mich so zeigen wie ich bin, die anderen verstehen mich und niemand lacht mich aus.“

„Die anderen Gruppenmitglieder wissen genau, wie ich mich fühle. Das macht mir Mut.“

„Der Austausch in der Gruppe hilft mir, besser mit meiner Krankheit zu leben.“

„Seit ich die Gruppe besuche, fühle ich mich informierter und selbstbewusster.“

„Hier kann ich offen über meine Gefühle sprechen.“

 

Was ist das Besondere an dieser Arbeitsstelle?

Das Besondere für mich als Mitarbeiterin ist, dass Menschen zu uns kommen, die sich aus eigenem Engagement auf den Weg machen, ihre persönliche Lebenssituation zu verbessern. Diese Menschen haben z.T. schwere Schicksale erlebt. Dennoch lassen sie sich nicht entmutigen. Sie finden in ihrer Gruppe große gegenseitige Unterstützung und Zusammenhalt. Das wiederum gibt ihnen die Kraft, etwas von ihrer gewonnenen Zuversicht an die anderen abzugeben. Viele sind weit über ihre eigene Gruppe hinaus aktiv und machen andere Betroffene auf die Selbsthilfe aufmerksam, z.B. auf Märkten, in Kliniken u.v.a.m.. So erhält sich die Selbsthilfe immer wieder selbst. Das ist die Kraft der Selbsthilfe. Und das beeindruckt mich immer wieder.

 

Und was hat es mit dem Titel dieses Beitrags auf sich?

Seit Januar 2024 gibt es eine kleine und doch bedeutsame Neuerung.

Häufiger gab es Irritationen bei Interessierten, wenn sie den Namen der Einrichtung lasen oder hörten. Sie erwarteten dann mehr offene Angebote, wie z.B. Kurse und Workshops und waren enttäuscht, wenn sie erfuhren, dass sich bei uns überwiegend Selbsthilfegruppen treffen. Um diese Irritation nun auszuräumen und eine eindeutigere Kennzeichnung zu haben, wandeln wir unseren Namen etwas ab:

Seit Januar 2024 heißt unsere Einrichtung SELBSTHILFEZENTRUM REINICKENDORF. Damit ist der Schwerpunkt unserer Arbeit für alle deutlicher sichtbar.

 

2 Kommentare zu “Vom Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum zum Selbsthilfezentrum”

    1. Adelina Koch |

      Lieber Herr Krebs,

      danke für Ihre Nachfrage.
      Das Haus bleibt nach seinem Gründer benannt, der Name der Einrichtung – also auf inhaltlicher Ebene – lautet „Selbsthilfezentrum Reinickendorf“.

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