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„Reinkieken“ ins UNIONHILFSWERK – Praktikant Mohamed im Porträt

Mohamed kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Jetzt absolvierte er ein vierwöchiges Praktikum in unserem Wohnverbund Betreutes Wohnen in Neukölln. Er war den Kolleginnen und Kollegen dort eine große Hilfe und braucht nun selbst dringend Unterstützung: Mohamed muss aus seiner Wohngemeinschaft ausziehen und benötigt dringend eine Bleibe.

Diese Tafel hängt im Büro des Wohnverbundes Neukölln und zeigt, wieviele Klienten täglich Unterstützung von den Kolleginnen und Kollegen bekommen. Mohamed hat das Team als Praktikant tatkräftig unterstützt.

Ich treffe Mohamed im Büro unseres Wohnverbundes in Neukölln. Er ist ein 19jähriger junger Mann, der mich zurückhaltend begrüßt. Er spricht leise, aber deutlich. Sein Blick ist neugierig.
Keine leichte Interview-Situation. Er soll mit mir – einer für ihn unbekannten Person – über seine Fluchtgeschichte und seine aktuelle Situation  sprechen und ich muss  Fragen stellen, die mit Sicherheit auch schmerzhafte Erinnerungen in ihm wachrufen werden.
Ich bitte ihn, dass wir ganz offen miteinander sprechen. Er solle mir einfach sagen, wenn er eine Frage nicht beantworten möchte.
Arne Bäcker, der Sozialarbeiter des Teams in Neukölln, der auch die Idee zu diesem Interview hatte, sitzt bei uns und hilft dabei, die Situation aufzulockern. Es gelingt uns – wir führen zu dritt ein angenehmes, wenn auch emotionales und teilweise sehr trauriges Gespräch.

Als 16-jähriger floh Mohamed mit seinem jüngeren Bruder aus Syrien

Mohamed stammt aus Aleppo in Syrien und floh Ende 2015, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder, aus dem Kriegsgebiet. Über die Türkei, Griechenland, Serbien und Kroatien waren die beiden insgesamt mehr als 4 Wochen lang auf der Flucht und begegneten dabei immer wieder Menschen, die ihre Not ausnutzten und sie mit falschen Versprechungen in die Irre führten. Vier Wochen voller Angst und Unsicherheit.

Erschöpft kamen die beiden schließlich im November 2015 mit einem Bus in Hamburg an. Der dritte und älteste Bruder wohnte zu dieser Zeit bereits seit 4 Jahren in Berlin und schickte die Zugtickets, die die beiden in die Hauptstadt brachten.

Viele Ämtergänge standen nach einer kurzen Erholungszeit auf dem Programm. Da beide zu diesem Zeitpunkt minderjährig waren, war die Jugendhilfe zuständig.
Sie konnten in ein Heim für Jugendliche der Johanniter ziehen. Anfangs wohnten 20 junge Menschen in dem Haus, innerhalb einer Woche waren es bereits 50 Jugendliche.
Mohamed und sein Bruder teilten ein Zimmer mit 7 anderen Jungen und wohnten insgesamt ein Jahr lang in dieser Einrichtung. Dann konnten beide in eine betreute Wohngemeinschaft umziehen, mit 9 Mitbewohnern, aber einem eigenen Zimmer für jeden.
In dieser Wohngemeinschaft wohnt Mohamed seit zwei Jahren und fühlt sich dort wohl. Es sind erste Freundschaften entstanden, das Vertrauen zueinander ist gewachsen. In der großen Gemeinschaftsküche kocht jeder mal für die anderen.

Der Berliner Dialekt war eine Herausforderung beim Deutsch lernen

Mohamed besucht seit zwei Jahren das Oberstufenzentrum in Schöneberg. Er hat Deutsch gelernt und sich dabei auch den Herausforderungen des Berliner Dialektes gestellt. „Das Wort ‚Kieken‘ habe ich anfangs gar nicht verstanden“, erzählt er lachend.
Gerade hat er sein Abschlusszeugnis für die Berufsbildungsreife (BBR) erhalten – die wiederum ist die Grundlage für eine nun mögliche Ausbildung. In den letzten zwei Jahren hat er zahlreiche Praktika absolviert und dabei in sehr unterschiedliche Berufsfelder hineingeschnuppert.
Er hat in einer Kita gearbeitet und alte Menschen versorgt, hat sich als Koch probiert und auch bereits als Anlagen-Mechaniker. Diese Erfahrungen waren wichtig und er konnte für sich herausfinden, dass er gern mit Menschen und im sozialen Bereich arbeiten möchte.

Zum ersten Mal Kontakt zu Menschen mit einer psychischen Erkrankung

Das Praktikum in unserem Wohnverbund in Neukölln unterstrich diese Tendenz für ihn noch einmal. Obwohl er das erste Mal in seinem Leben Kontakt zu Menschen mit einer psychischen Erkrankung hatte, fand er schnell Zugang zu ihnen und die Arbeit machte ihm Spaß.
„Mohamed hat sich am ersten Tag alles angesehen und ist einmal ‚mitgelaufen‘. Bereits am zweiten Tag musste man gar nicht mehr viel sagen oder erklären. Er hat mitgedacht und ganz schnell Aufgaben übernommen und erledigt. Er hatte auch einen guten Draht zu den Klienten, die ihn sofort akzeptiert haben“, berichtet Arne Bäcker. Und Mohamed ergänzt: „Die Kollegen hier im Team haben mich toll unterstützt. Ich fühle mich hier inzwischen fast wie zuhause. Vielleicht sollte ich einfach hier einziehen…“. Er sagt das mit einem Schmunzeln im Gesicht. Und doch ist ihm anzusehen, wie ernst die Lage für ihn gerade ist. Durch seine Volljährigkeit haben sich Zuständigkeiten geändert und er muss aus seiner Wohngemeinschaft ausziehen – bereits jetzt im Juli.

Mohamed benötigt dringend eine Wohnung und wünscht sich weiterhin Unterstützung. Gerade die bürokratischen Angelegenheiten und Ämtergänge traut er sich alleine noch nicht zu.
Er wartet nun auf Vorschläge vom Jugendamt.
Wir möchten diesen Blog-Beitrag auch als Aufruf nutzen. Wer kann helfen oder hat eine Idee?
Schreiben Sie dazu gern an die Blog-Redaktion.

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