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Die süße Rückkehr

Thi Thu Huong Duong arbeitet im Pflegedienst Hohenschönhausen des UNIONHILFSWERK. Hier war die Vietnamesin von Januar bis Dezember letzten Jahres tätig. Um sich um ihre hilfsbedürftige Mutter zu kümmern, ging sie zurück nach Vietnam und kam im Mai wieder. Mit ihrem Text schildert sie ihre Eindrücke und Erfahrungen in einer anderen Kultur und - das ist ihr sehr wichtig - dankt ihrem Team und ihren Patienten für die entgegengebrachte Unterstützung und Zuneigung.

Thi Thu Huong Duong (Mitte) fühlt sich in ihrem Team sehr wohl.
Thi Thu Huong Duong (Mitte) fühlt sich in ihrem Team sehr wohl.

Die wohlwollende Brücke in eine neue Kultur

Meine Chefin, die Pflegedienstleitung Corinna Lange, begleitete mich persönlich zur ersten Tour. An den ersten zwei Tagen fuhren wir gemeinsam mit dem Fahrrad zu einer Reihe von Patienten. Corinna stellte sie mir eingehend vor und begann mit der richtigen Aussprache der Patientennamen. Für mich war das nicht einfach, weil ich aus Asien komme. Sie zeigte mir alle Einzelheiten bei der Arbeit. In der Pause teilte sie mit mir ihr mitgebrachtes Essen, was in Deutschland eher unüblich ist. Sie zeigte mir auch die Fotos ihrer drei Kinder. Das älteste ist 13, das jüngste erst 3 Jahre alt. „Das Kleinste ist noch in der Kinderkrippe. Jeden Morgen bringe ich es mit dem Fahrrad dort hin und muss mich beeilen, um pünktlich meine Tour zu den Patienten zu starten,“ erzählte sie mir strahlend. Nach zwei Tagen lobte sie: „Ich bin sehr zufrieden mit dir und deiner Pflege der Patienten. Der nächste notwendige Schritt ist, die deutsche Sprache gut zu lernen“, gab sie mir als Rat mit auf den Weg.

Leiterin Corinna Lange mit einem Patienten | Foto: UNIONHILFSWERK

Das Besondere an den Menschen sehen und annehmen

An den folgenden Tagen fuhr ich mit meiner Kollegin Katja im Auto zu den Patienten. Sie ist eine lebhafte, fröhliche Kollegin und versteht es, den Erlebnissen während der Arbeit immer das Besondere und Positive abzugewinnen. „Bei diesem Beruf kann man viele bewegende, aber auch lustige oder gar komische Geschichten erleben“, erzählte Katja, „wie beispielsweise über Frau Bayer*, die allein in ihrem dicht bewachsenen Sträuchergarten lebt. Sie wollte, dass ich für sie ihre Glühlampen repariere, so wie ein Hausmeister, und Brot mit vier Seiten kaufe. Wenn dem Brot eine Seite fehlte, wollte sie es nicht essen.“ Nur eine liebevoll zugewandte Kollegin kann genug Geduld aufbringen, um einer alten Frau, einst Sozialforscherin, die Wärme und das Verständnis entgegenzubringen, das sie braucht, weil sie wegen ihrer Krankheit langsam die Vorstellung von Raum und Zeit verliert.

Katja erzählte mir von der Persönlichkeit und den Vorlieben jedes einzelnen Patienten. Es gibt stille, wortkarge Patienten, andere sind sonderbar oder eigen. Jeder alte Mensch hat seinen eigenen Charakter. Wenn wir ihn gut verstehen und auf ihn eingehen, ist auch unsere Arbeit leichter, weil sie sich verstanden wissen.
Manchmal kommt man an die eigenen Grenzen. Trotz meines Engagements und meiner Geduld sind alte Menschen manchmal reizbar oder verärgert. Verständlicherweise ist man wegen Krankheit und Einsamkeit nicht so fröhlich wie Menschen, die noch aktiver im Leben stehen können.

Der Reichtum in einer besonderen Währung

Die Mehrzahl der Senioren, zu denen wir fahren, hat keine Kinder oder die Kinder leben weit weg von ihnen. Andere wiederum gehen intensiv anderen Dingen und Tätigkeiten nach und haben deshalb wenig Zeit für ihre Eltern. Ich wollte mit meiner Kollegin einen Spaß machen und sagte: „Oh, du und ich, wir sind doch glücklicher und reicher als viele andere.“ Sie war irritiert: „Was heißt das?“ „Jede von uns hat zwei Kinder. Wenn jedes Kind ein Diamant ist, dann haben wir mehr als 50 Kilo Diamanten“, antwortete ich. Katja verstand es und lachte laut: „Ich bin reicher, meine zwei Kinder wiegen jetzt jeweils über 60 Kilo“. Nachdem wir zwei Wochen mit viel Spaß gemeinsam gearbeitet hatten, gab mir Katja am letzten Tag ihre private und auch die dienstliche Nummer. „Ab Morgen musst du allein auf die Touren gehen. Aber allein bedeutet nicht einsam. Wann immer du Hilfe brauchst, ruf mich an. Mach dir keine Gedanken, du wirst es gut schaffen, davon bin ich überzeugt.“

Sprache, der Schlüssel für eine neue Kultur

Unser Büro ist klein, aber sehr gut organisiert – und jeder hat ein eigenes Fach, das mit dem Namen versehen ist. Jeden Morgen schauen wir nach, ob wir Briefe oder Fax haben, manchmal liegt da auch eine Postkarte oder Schokolade von jemandem, der Geburtstag hat. Eines Tages öffnete ich mein Fach und fand zusätzlich zu den üblichen Dokumenten eine kleine Broschüre, zweisprachig: „Deutsch-vietnamesisches Wörterbuch zur Kranken – und Pflegeversicherung in der Bundesrepublik Deutschland“. Ich war überrascht, ahnte aber sofort, von wem das kam. Es konnte niemand anderes sein als meine Chefin, die mich immer wieder ans Deutschlernen erinnerte. Mal direkt, mal über einen Notizzettel mit dem Hinweis auf einen Deutschkurs, verbunden mit dem Rat, daran teilzunehmen.

Eine universelle Sprache, die der Liebe und des Teilens

Katjas Erfahrungen sind tatsächlich exzellent: Wenn wir den Charakter und die Bedürfnisse von jemandem verstehen, wird der Umgang viel einfacher und unkomplizierter. Die Sprachbarriere erscheint zunächst riesig, aber sobald man die Zuneigung und das Vertrauen des Patienten hat, entsteht eine andere, eine neue Sprache: die Sprache der Liebe und des Teilens.

Und ich genieße das Wunder dieser Sprache sehr. Nun habe ich keine Sorge, keine Nervosität, keine Anspannung mehr, wenn ich zur Arbeit gehe. An manchen Wochenenden vermisse ich meine Klienten sogar und grüble, ob die Schmerzen von Frau Sommer* nach dem Sturz in der Mitte der Woche gelindert sind oder ob Frau Becker* nach vier Wochen im Krankenhaus wegen einer Lungenentzündung vollständig genesen ist.

Schalkauer Straße: Nachdem ich eintrat, wurde ich mit einem fröhlichen Lächeln empfangen: „Oh, wo warst du letzte Woche? Ich habe die ganze Zeit auf dich gewartet.“ „Ja, die Kinder waren krank, ich musste zuhause bleiben und mich um sie kümmern“, erwiderte ich, „was sind meine Aufgaben für heute?“ „Langsam, Langsam, lege bitte ab und setz’ dich. Ich möchte mich nach deinen Kindern erkundigen. Ist deine Mutter in deiner Heimat wieder gesund? Erzähle bitte zuerst etwas.“

Ein anderes Mal in der Zechliner Straße: Nach dem Baden und Reinigen des Hauses für Frau Müller*, sagte sie zu mir: „Wenn du frei hast, dann bring bitte deine Kinder zu mir zum Spielen. Ich liebe Kinder sehr. Mein Mann und mein Sohn sind schon verstorben. Jetzt habe ich nur noch die Schwiegertochter und Enkelkinder. Sie sind sehr lieb, aber sie haben immer wenig Zeit. Sieh mich bitte als deine Oma an – jederzeit. Wenn du Hilfe brauchst, komm’ einfach vorbei. Jetzt hast du in Berlin zusätzlich eine Verwandte und brauchst keine Angst mehr vor Traurigkeit zu haben.“ Ich war sehr berührt und wusste in diesem Moment nicht, was ich sagen soll. Ich schaute liebevoll in die Falkenaugen der 83-jährigen alten Dame. Bevor ich ging, wartete ich am Türrahmen, um mich von ihr zu verabschieden. Ihre Hausschuhe schienen wie festgeklebt auf dem Teppich, schwere und kleine Schritte folgten. Fest hielt ich ihre Hand und sagte „Tschüss“. Die kleine, alte Frau mit stark gekrümmtem Rücken umarmte mich und sagte: „Denk’ bitte daran. Dies ist das Versprechen eines 83-jährigen Menschen“ und rieb ihren Kopf an meiner Schulter. Als ich mich abwandte, spürte ich plötzlich eine wohltuende Wärme.

Ein schwerer Entschluss

Eines Tages stand ich vor einer schweren Entscheidung. Die Sorgen um meine einsame und kranke Mutter in der Heimat beherrschten meine Gedanken vollständig. Ich kam nicht zur Ruhe, schlief aus Sorge nachts kaum und hatte zu wenig Energie für einen neuen Arbeitstag. Das Fahrradfahren wurde langsamer und schwerer für mich. Überlegungen und Abwägungen und ein schwerer Entschluss: Kehre ich in die Heimat zurück und gehe dort einer leichteren Arbeit am Computer in klimatisierten Büroräumen nach oder bleibe ich bei dieser sinnvollen, aber teilweise harten Arbeit.

Die glückliche Rückkehr

Ich war hin und her gerissen, als ich entschied, zu meiner alten Arbeitsstelle zurückzukehren. Was werden die Leute über mich denken? Wie werden sich meine Kolleginnen verhalten? Werde ich ihre große Zuneigung spüren können, wie zuvor? Aber meine Sorgen waren überflüssig. Ein warmer Händedruck Corinnas wie am ersten Tag, das freundliche Lächeln von Dagmar, von Mary wie in der alten Zeit, und auch das sehr starke Schulterklopfen von Kerstin beim ersten Tag des Wiedersehens. Dann wurde mir in der folgenden Woche ein neuer Arbeitsvertrag persönlich übergeben, obwohl die Dame aus der Personalabteilung plötzlich krank war. Eine Kollegin sprang für sie ein.

„Ich arbeite schon seit fast 25 Jahren im UNIONHILFSWERK“, verriet mir meine sehr nette Kollegin Carmen . Jetzt verstehe ich, warum sie so lange und ausdauernd diese Arbeit verrichten kann. Ja, jetzt glaube ich an die Geschichte meiner Kollegin Carmen sowie an das Versprechen von Oma Müller* und denke an die süße Umarmung am Türrahmen damals – und daran, dass ich an meine Rückkehr glaubte.

*Name von der Redaktion geändert

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