Menü

Jedes Jahr im Leben eines Menschen ist wichtig – mehr Qualität für die Pflege

Mit dem Ende der DDR veränderten sich auch die Versorgungsstrukturen für die älteren Menschen "im Osten" - sie sollten den Standards der Bundesrepublik angepasst werden. Neben der Eröffnung von Sozialstationen wurden auch für ehemalige DDR-Pflegeheime neue Besitzer*innen und neue Konzepte gesucht. Für das Unionhilfswerk öffenete sich damit Mitte der 90er Jahre ein neues Betätigungsfeld.

Gemütlichkeit und Geselligkeit: In den 90er Jahren wird in stationären Einrichtungen das Bedürfnis nach schönem Wohnen und Pflege miteinander verbunden.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden auch für die Seniorenheime der ehemaligen DDR neue Träger gesucht. Die stationären Pflegeeinrichtungen der DDR hatten einen schlechten Ruf: Ihr Standard war sehr niedrig, die Ausstattung schlecht. „Als die Pflegewohnheime ausgeschrieben worden sind, habe ich nicht bei jedem Hurra geschrien“, erinnert sich Dieter Krebs, der damalige Geschäftsführer des Unionhilfswerks. Die Gebäude, die er besichtigte, befanden sich in einem schlechten Zustand: Die Fassaden bröckelten, ein eigenartiger Geruch ging von der Bausubstanz aus.

Heimleiterin des Pankower Seniorenheims “Dr. Günter Hesse”, Dagmar Kestens mit einer Bewohnerin beim Fotoshooting für einen Unionhilfswerk-Flyer, 1996

Was Dieter Krebs jedoch überzeugte, war ein Besuch im Pflegeheim in der Pankower Straße: „Der Kern des Ganzen waren für mich die Menschen, die dort beschäftigt waren. Das werde ich nie vergessen. Dort lernte ich die Heimleiterin und eine Pflegedienstleitung kennen, die mich durch das Haus führten. So konnte ich die Stimmung in diesem Haus wahrnehmen, bekam einen ersten positiven Eindruck. Und dann habe ich gesagt: Dieses Heim will ich haben!“ Im Jahr 1996 ging so das erste Seniorenheim in die Trägerschaft des Unionhilfswerks über.

Freud und Leid im „Plänterwald“: Baustellentourismus als Happening

Im Jahr 1998 übernahm das Unionhilfswerk ein weiteres Pflegewohnheim aus der ehemaligen DDR: Das Seniorenheim „Am Plänterwald“ in Treptow. Neben dem baulichen Zustand des Gebäudes entsprach auch die Zimmeraufteilung nicht den westdeutschen Standards: Es gab viele Mehrbettzimmer, in denen bis zu vier Senioren gemeinsam lebten. Von Privatsphäre konnte keine Rede sein. Ab 2002 wurde das Haus grundlegend saniert und umgebaut. Für die Bewohner*innen bedeutete dies eine große Umstellung: Sie mussten für knapp zwei Jahre in einem Heim in Pankow leben. Die Zeit überbrückte man mit Berliner Humor und Pragmatismus. Die Sozialarbeiterin Anne Fritzsche, die auch für das kulturelle Programm im Seniorenheim „Am Plänterwald“ zuständig war, hatte beispielsweise die Idee für einen ganz besonderen Ausflug: „Wir besichtigen jetzt die Baustelle! Wir haben einen Kleinbus genommen und sind alle dorthin gefahren und haben uns mal angeguckt, wie das so weiterging mit unserem alten Haus.“

Die Postkarte zeigt das Pflegewohnheim “Am Plänterwald” vor seiner Sanierung 2002.

Das Ereignis war ein voller Erfolg: „Die Bauarbeiter haben sich gefreut und die alten Menschen haben sich auch gefreut. Das war schon ganz witzig, sich das Baugeschehen mal so zwischendurch anzugucken.“ 2004 waren die Umbauarbeiten fertiggestellt und die Bewohner*innen konnten wieder in das Pflegewohnheim „Am Plänterwald“ ziehen. Die Zimmer verfügen seitdem über eigene Duschbäder, die Flure sind mit Teppichboden ausgelegt, alles ist in warmen Farben gehalten. Dennoch waren einige Bewohner*innen unzufrieden: Sie konnten ihre Zimmer nicht genauso einrichten wie zuvor. „Das ist halt anders. Da kann man den Schrank jetzt nicht so stellen wie vorher, weil das Zimmer einfach anders geschnitten ist. Und dann musste man sich an neu und schön manchmal auch erst mal gewöhnen“, erinnert sich Anne Fritzsche.

Die passende Pflege für jeden Bedarf

Mit der Übernahme seiner ersten Pflegewohnheime war das Unionhilfswerk endgültig in der Seniorenhilfe angekommen. In den folgenden Jahren entstanden viele weitere Projekte und Angebote zur Unterstützung alter Menschen, auch im Bereich der Sterbebegleitung. Das Unionhilfswerk betreibt aktuell vier Pflegewohnheime und sechs ambulante Pflegedienste. Anne Fritzsche leitet heute das Seniorenzentrum in Friedrichshain. Hier leben die Bewohner*innen selbstbestimmt in eigenen Wohnungen und können eine Vielzahl von Angeboten des Unionhilfswerks wahrnehmen: vom Singen im Chor über gemeinsame Gymnastik bis hin zu Kinobesuchen und Dampferfahrten. Solche Wohnformen, bei denen die Bewohner*innen ein eigenständiges Leben mit individueller Betreuung kombinieren können, nehmen zu: Aktuell betreut das Unionhilfswerk sieben Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz. Anne Fritzsches Philosophie lautet bis heute: „Egal ob es das letzte oder das erste ist, jedes Jahr im Leben eines Menschen ist wichtig. Die letzten Jahre eben auch.”

 

Im nächsten Beitrag erfahren Sie wie das Unionhilfswerk zu seinen jüngsten Betreuten kam und was ausgerechnet die Internationale Bauausstellung 1987 damit zu tun hatte.

Ein Kommentar zu “Jedes Jahr im Leben eines Menschen ist wichtig – mehr Qualität für die Pflege”

  1. Christin Ruf |

    Als Lebens- und Sterbebegleiterin des Unionhilfswerks habe ich zwei Jahre lang eine Dame begleitet, die bereits zu DDR-Zeiten im Heim in der Pankower Strasse gewohnt hat. Zuvor war sie viele Jahre als „externe“ und Anwohnerin Leiterin des Handarbeitskreises im Heim gewesen. So schön, was sie alles erlebt hat in dieser Zeit. Sie war so dankbar für dieses Heim. Bis zuletzt. Sie ist dieses Jahr mit 102 Jahren gestorben.

Ihr Kommentar

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit einem * markierten Felder aus. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Um Ihren Kommentar bearbeiten und veröffentlichen zu können, speichern wir die von Ihnen übermittelten Daten. Dafür benötigen wir Ihre Einwilligung. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Datenschutzerklärung.

Auch interessant

Das könnte Sie auch interessieren