Monthly Archives: Oktober 2019

Begegnung mit dem Milchtrinker vom Bahnhof Zoo – oder was Stadterkundungen in Berlin mit dem nächsten Winter zu tun haben können….

Sonntagnachmittag, Treffpunkt Bahnhof Zoo: eine kleine, sehr gemischte Runde mit Neu- und Ur-Berlinern sowie Stadtbesuchern findet sich zusammen und schart sich um diesen überaus besonderen Guide – bereit für den „Ausflug“ mit ihm in eine Welt auf der Straße, seine ehemalige Welt. Diese Welt ist für die meisten von uns eher fremd – manchmal befremdlich. Bausteine aus persönlichen Begegnungen oder Erfahrungen erzeugen Klischees – decken sie sich mit der Realität?

Bahnhof Zoo – ein Ort, der für Obdachlose in diesem Teil der Stadt eine große Bedeutung hat. Einer der Gründe: die Berliner Stadtmission bietet hier seit vielen Jahren praktische Hilfe für obdachlose Menschen an. Diese Form der Unterstützung von Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen auf der Straße leben, ist vielen bekannt. Was für Obdachlose in der Gegend sonst noch wichtig und allgemein nicht geläufig ist, zeigt uns Dieter, als wir vom Haupteingang des Bahnhofs auf dessen Rückseite in die Jebenstraße gehen.

2012 wird Dieter hier von einer Gruppe Obdachloser aufgenommen, als er – wohnungslos geworden – aus einer thüringischen Kleinstadt nach Berlin kommt. Sie schlafen und leben zu acht auf der Bahnhofsrückseite über den warmen Lüftungsschächten der U-Bahn und schützen sich gegenseitig. Eine bunte Gruppe – vom ehemaligen Boxer aus Russland bis zu einer blutjungen Frau, die mit 21 Jahren schließlich an Cristal Meth zugrunde gehen wird. Mittlerweile sind alle bis auf Dieter und B. gestorben: Drogen, Kältetod, Alkohol – typische Todesursachen bei Menschen, die auf der Straße leben.

Unser Stadtführer zeigt uns Orte und Dinge, die im Alltag Obdachloser eine Rolle spielen. So natürlich auch die orangefarbenen Mülleimer der BSR, als wichtiger Lieferant von Pfandflaschen, einer wichtigen Einnahmequelle. Das Bild kennen alle: Menschen mit großen Tüten – mittlerweile nicht mehr ausschließlich Obdachlose – die in den Abfallbehältern nach Pfandgut suchen. Rechtlich eine spannende Grauzone, sagt Dieter und spricht einen Paragraphen an, der etwas mit der Unterschlagung von Fundsachen zu tun hat. In Berlin werde es geduldet, sagt er.

Nasse Kleidung? Kunst hilft  

Kunst im öffentlichen Raum kann durchaus auch mal von ganz praktischem Nutzen sein. Das erfahren wir an einer großen schwarzen Skulptur aus Polyester auf dem Platz vor dem Konzertsaal der Universität der Künste in der Hardenbergstraße/Ecke Fasanenstraße: Die „Schwarze Plastikskulptur“ des Künstlers Hans Nagel hat die positive Nebenwirkung, dass sie sich stark erwärmt, sobald die Sonne darauf scheint. Obdachlose nutzen sie daher sehr gern, um Wäsche darauf zu trocknen.

Eine zeitgemäß modernisierte Grünanlage und ihre Nebenwirkungen

Wir stehen in der neu gestalteten, modern und aufgeräumt wirkenden Grünanlage am Steinplatz vis á vis des Hauptgebäudes der Universität der Künste. Die Sanierung dieser Grünanlage hat leider Nebenwirkungen für die Obdachlosen, erklärt Dieter: Mit der Entfernung von Hecken und Bäumen wurde der Platz zwar lichter und freier, es verschwanden jedoch geschützte Plätze, die für Obdachlose zuvor als Schlafplätze dienten. Die Sitzflächen der neuen Bänke im modernen Design sind aus einem Material-Mix mit Beton. Im Gegensatz zu den bisherigen Klassikern aus purem Holz, die die Wärme speicherten, sind die todschicken Modelle sehr kalte Schlafplätze.

Den Kontrast dazu zeigt Dieter am Savignyplatz – ein „Luxusplatz“ zum Schlafen für Obdachlose: Seit Jahrzehnten unverändert, bieten die lauschigen Lauben rund um den Platz geschützte und im Sommer zugewachsene Schlafmöglichkeiten für Menschen ohne richtiges Dach über dem Kopf. In jeder der kleinen Lauben steht eine Bank, die, dank stabiler Rankgitter auf der Rückseite, einen soliden Schutz nach hinten bietet. Was für die obdachlosen Menschen auf der Suche nach sicheren Schlafplätzen immer wichtiger wird, damit sie besser vor nächtlich-üblen „Streichen“ geschützt sind. Immer wieder, so Dieter, kommt es vor, dass Scherzbolde Parkbänke, auf denen Obdachlose schlafen, von hinten umstoßen, sodass die wehrlosen Schläfer unter der schweren Bank begraben oder eingekeilt sind.

Der Weg auf die Straße…..

In der Grünanlage auf dem Savignyplatz erzählt Dieter mehr darüber, warum er auf der Straße landete. 2011 meldet seine Vermieterin Eigenbedarf für seine Wohnung an. Dabei wird ihm übel mitgespielt – noch vor Ablauf der Kündigungsfrist werden ihm Gas und Wasser abgestellt. Im strengen Winter 2011/12 bekommt er bei Temperaturen von bis zu -21°C eine beidseitige Lungenentzündung, verbunden mit einer Lungenembolie als Folge der starken Unterkühlung. Beim Jobcenter werden seine Angebote für neue Wohnungen aufgrund der Mietpreise oder Wohnungsgröße abgelehnt.

Er ist zu stolz, sich Hilfe in seinem Umfeld zu holen. Er macht sich zu Fuß auf den Weg an die westfranzösische Küste, landet aber mangels Orientierungssinn in Leipzig, von wo aus er per Mitfahrgelegenheit in einem Truck nach Berlin kommt.

„Hast Du vor, auf der Straße zu sterben?“

In Berlin landet er schließlich am Bahnhof  Zoo in der Jebenstraße, wo er in eine Gruppe Obdachloser aufgenommen wird. Eines Tages spricht ihn ein Polizist an: „Hast Du vor, auf der Straße zu sterben?“ Diese Frage rettet ihm vielleicht das Leben, resümiert Dieter, denn der Polizist nimmt ihn mit in die Stadtmission zu einem Sozialarbeiter. Gespräche folgen, der Sozialarbeiter vermittelt ihn in ein betreutes Einzelwohnprojekt. Zugleich arbeitet Dieter ehrenamtlich mit Obdachlosen – sehr engagiert. Vielleicht etwas zu engagiert, denn 2015 bricht er zusammen – er leidet unter starkem Bluthochdruck.

Seit März 2014 hat er eine Wohnung in Karlshorst und bietet seit Oktober 2014 auch die Stadtführungen für querstadtein an. Mittlerweile sind es mehrere Hundert Führungen, mit denen Dieter dazu beiträgt, mehr über den Alltag Obdachloser, aber auch die vielschichtigen Hintergründe für den Weg in diese Situation zu vermitteln. Wege, die leider oft wenig Hoffnung auf ein gutes Ende zulassen, wenngleich uns Dieter mit seiner Biografie eines besseren belehrt. Glücklicherweise!

Der Winter steht vor der Tür – Kältehilfe für Obdachlose in diesem Jahr nicht vom UNIONHILFSWERK

Die kalte Jahreszeit ist für obdachlose Menschen immer wieder eine extreme, nicht selten lebensbedrohliche Herausforderung. Aus diesem Grund gibt es in Berlin im Rahmen der Kältehilfe ab 1.11. bis zum 31.3. diverse Hilfeangebote für Menschen, die auf der Straße leben. Dazu zählen auch die kostenlosen Übernachtungsangebote im Winter, die von Sozialen Trägern im Auftrag des Landes Berlin bzw. der Bezirke umgesetzt werden. In den vergangenen beiden Jahren hat auch das UNIONHILFSWERK Übernachtungsplätze für Obdachlose angeboten. Für diese Wintersaison ist die Beteiligung des Trägers allerdings nicht vorgesehen, da der ermittelte Bedarf an Schlafplätzen bereits gedeckt ist, so die offizielle Auskunft.

Weitergehende Informationen zum Thema: https://www.kaeltehilfe-berlin.de/

Köstliche Kürbisse: Kürbisrisotto zum Mitnehmen

Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da – und er bringt nicht nur bunte Blätter sondern auch jede Menge Kürbisse. Ob Butternuss oder Hokaido, im Oktober und November gehört der Kürbis auf den Tisch, klassisch als Suppe, als Kuchen oder auch als Lasagne. Heute gibt es ein schnelles Rezept für köstliches Kürbisrisotto, perfekt für einen Abend mit Freunden und Familie, aber auch am nächsten Tag im Büro noch lecker.

Diese Zutaten werden für 6 Portionen Risotto benötigt

100 g Parmesan
1 Bund Petersilie
500 g Kürbis (zum Beispiel Hokaido oder Butternuss)
20 g frischen Ingwer
1 Bund Frühlingszwiebeln
1 Knoblauchzehe
40 ml Olivenöl
300 g Risotto
150 ml Weißwein
20 g Butter

Wasser oder Gemüsebrühe
Salz
Pfeffer

An die Töpfe, fertig los!

In Vorbereitung auf das Risotto wird der Parmesan gehobelt, die Petersilie fein gehackt und beides zur Seite gestellt. Im nächsten Schritt geht es dann dem Kürbis an den Kragen: Er wird, falls nötig, geschält, anschließend gewürfelt und mit dem Mixer oder dem Pürierstab zerkleinert. Auch der Kürbis wird kurz zur Seite gestellt.

Danach den frischen Ingwer und die Frühlingszwiebeln gemeinsam mit Knoblauch klein hacken und mit etwa 40 ml Olivenöl in einen großen Topf geben. Unter Rühren alles andünsten. Risotto-Reis hinzugeben und weitere 3 Minuten dünsten. Im Anschluss mit dem Wein ablöschen und etwas einköcheln lassen.

Nun wird der Kürbis gemeinsam mit etwas Gemüsebrühe, 2 Teelöffel Salz und einer großzügigen Prise Pfeffer in den Topf gegeben. Alles gemeinsam ca. eine halbe Stunde unter regelmäßigem Rühren köcheln lassen, dabei nach und nach etwa 600 ml Wasser oder Gemüsebrühe – ja nach Vorliebe und Geschmack – zugeben.
Zum Schluss werden Parmesan, Butter und Petersilie unter das Risotto gehoben. Dann heißt es: Abschmecken, aufteilen und servieren!

Ein kleiner Tipp: Alle, denen es nicht schnell genug gehen kann, greifen am besten zum Hokaido – hier kann die Schale des Kürbisses einfach mitgegessen werden. Generell gilt das für die Butternuss zwar auch, hier ist die Schale aber härter und verlängert den Kochprozess.

Wir wünschen einen goldenen Herbst und guten Appetit! Welches sind Ihre Lieblings-Herbst-Rezepte? Verraten Sie es uns in den Kommentaren.

StradiVaRi – Weltbester Geigenbauer und so viel mehr

StradiVaRi steht für „Strukturen alternativ denken in Verwaltungsbereichen aller Richtungen“ und das klingt im ersten Moment wenig melodisch. Für einige mag es sich sogar anfühlen, als säße man vor einem Blatt Musiknoten, ohne Noten lesen zu können…
Wir wollen Licht ins Dunkel bringen: Was macht dieses StradiVaRi-Team und warum? Welche Ziele werden verfolgt und woran konkret gearbeitet? Und last but not least: Hat das Ganze irgendetwas mit Musik zu tun?

„Wir sind die Verwaltung“ – „Wir nehmen uns als Einheit wahr“

Das StradiVaRi-Team besteht aus 12 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltungsbereiche aller Gesellschaften im UNIONHILFSWERK. Insgesamt zählen 137 Mitarbeiter*innen zur Verwaltung des Unternehmensverbundes. Und damit kommen wir dem Ziel auch schon etwas näher: Das StradiVaRi-Team arbeitet daran, dass diese Mitarbeiter*innen sich ihrer Gemeinsamkeiten bewusst werden, die Ansätze für gemeinsames Handeln weiterentwickeln und sich nach und nach als „die eine gemeinsame Verwaltung“ empfinden und erleben.

Wenn man sich ansieht, an wie vielen Standorten diese Mitarbeiter*innen tätig sind, wie unterschiedlich deren Aufgabenbereiche und Inhalte sind – trotz des gemeinsamen Nenners „Verwaltung“, dann ahnt man, dass das StradiVaRi-Team gute Ansätze, Geduld und sicherlich Durchhaltevermögen braucht. Denn ein solcher Prozess des Zusammenwachsens, verbunden mit „Wir“- oder Team-Gefühlen, lässt sich schlecht als „Arbeitsauftrag“ formulieren. Hier ist ein gemeinsam zurück gelegter Weg gefragt, der Zeit braucht, um sich zu finden, zu verstehen und dann schließlich – zusammenzuwachsen!

Austausch, Transparenz und gemeinsame Prozesse 

Wo ist es vorteilhaft, zusammenzuarbeiten? Wo gewinnt man Zeit oder lassen sich Kompetenzen noch besser nutzten? Wo entstehen Synergien durch Austausch und Kommunikation? Hier gilt es, sich Prozesse genauer anzusehen und gemeinsam – wenn es passt – weiter zu entwickeln. „Der Weg ist das Ziel“ – dieser Satz gilt hier im Besonderen. Denn bereits die gemeinsame Arbeit an bestimmten Teilprojekten und Prozessen sorgt für ein Zusammenwachsen. So hat das StradiVaRi-Team in den letzten Jahren schon einiges auf die Beine gestellt. Unter anderem Themen wie Digitalisierung, die Willkommensmappe für neue Mitarbeiter, gemeinsame Organisation des Fahrdienstes und Fuhrparks, elektronische Archivierung von Personalakten (Alt-Akten), gegenseitige Nutzung der Dienstleistungen und Produkte aus unseren Gesellschaften, Einführung gemeinsamer Softwarelösungen wurden erfolgreich bearbeitet.

Gemeinsames Leitbild für die Verwaltung – Unser Notenblatt

Das STRADIVARI-Team lud im September 22 Mitarbeiter*innen aus den Verwaltungsbereichen dazu ein, ein Leitbild für die Verwaltung zu entwickeln. Sich auf gemeinsame Werte und Visionen zu verständigen, darüber nachzudenken und zu diskutieren – auch dies ein weiterer Schritt auf dem Weg des Zusammenwachsens.
Gemeinsam mit der externen Moderatorin Sigrid Harp, die das StradiVaRi-Team von Anfang an beratend begleitet, haben die Kolleg*innen einen Tag lang intensiv miteinander gearbeitet. Dabei ging es um elementare Fragen: „Was wollen wir erreichen?“, „Welchen Qualitätsanspruch haben wir an unsere Arbeit?“ oder „Wann empfinden wir unsere Arbeit als gelungen?“ und vieles mehr. Hier die Gemeinsamkeiten zu finden, Aussagen zu formulieren, die von allen Beteiligten als richtig und passend anerkannt werden, bedurfte langer Diskussionen, Erklärungen und Überlegungen.
Es wurden Ergebnisse zunächst paarweise gesammelt, diese wiederum in immer größer werdenden Gruppen diskutiert und weiterentwickelt – bis sich am Ende die komplette Gruppe auf die fünf wichtigsten Aussagen zu einigen hatte.

 

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Mitwirken und mitgestalten

Herausfordernd empfanden die Teilnehmer*innen, sich trotz sehr unterschiedlicher Arbeitsabläufe und –inhalte auf gemeinsame und für alle geltende Aussagen zu einigen. Diese Herausforderung nahmen alle gern an. Der Tag bot allen die Möglichkeit, mitzuwirken und aktiv zu gestalten – aber natürlich auch, sich kennenzulernen, mehr über andere Verwaltungsbereiche zu erfahren und Ideen für Schnittstellen zu entwickeln.  Besonders diese Punkte wurden von den Teilnehmenden in der Auswertung des Tages geschätzt. „Ich finde es einfach großartig, bei der Entwicklung des Leitbildes mitarbeiten und meine Anliegen und Gedanken hier einbringen zu können.“, sagt eine Kollegin aus der USE.

Im Anschluss an diesen Tag kam das StradiVaRi-Team nochmal zusammen, um die Ergebnisse auszuwerten und weiter zusammenzufassen. Der Entwurf für ein Leitbild wurde inzwischen bereits an alle Teilnehmer*innen geschickt. Jeder hatte nochmal die Möglichkeit, die Aussagen im eigenen Team zu besprechen und StradiVaRi letzte Anmerkungen und Hinweise zu geben. Der finale Leitbild-Entwurf soll im nächsten Schritt allen Verwaltungsmitarbeitern und letzten Endes den Auftraggebern, der Geschäftsleitung, vorgestellt werden.

Dieses Leitbild für die Verwaltung ist ein weiterer Schritt auf dem Weg des Zusammenwachsens. Es kann einen Rahmen bieten, eine gemeinsame Vision. Wie das Notenblatt für die Musiker eines großen Orchesters. Auch hier wird nur ein schöner, harmonischer Klang erzeugt werden können, wenn man sich vorab auf ein Musikstück, die Tonlage, den Rhythmus und das Tempo verständigt hat. Daran arbeitet StradiVaRi – damit sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der vielen verschiedenen Verwaltungsbereiche künftig als Einheit, als großes Orchester, empfinden und erleben.

Was es bedeutet, auf Hilfe angewiesen zu sein – ein Selbstversuch

Folgenreiche Mitmachaktionen

Ich ließ mich überreden, an einigen Mitmachaktionen teilzunehmen. Aus der ursprünglich geplanten Stippvisite wurde dadurch ein Selbstversuch. Im Nachhinein bin ich dafür sehr dankbar, denn die Mitmachaktionen sorgten für einen Perspektivwechsel. Ich erfuhr, was es bedeutet, nicht mehr im Vollbesitz meiner Kräfte und auf Hilfe angewiesen zu sein.

Perspektivwechsel: nicht sehen können

Mobi-Dienst-Mitarbeiterin Andrea Schneider setzte mir verschiedene präparierte Brillen auf, die mein Sehvermögen auf unterschiedliche Weise stark einschränkten. Außerdem zog sie mir Gummihandschuhe an und schnallte mir Gewichte um die Unterarme, um zusätzlich meine Mobilität einzuschränken. Meine Aufgabe war es nun, auf einem Notizblock in Visitenkartengröße etwas zu malen oder zu schreiben. Dies war mir nur mit größter Konzentration und sehr langsam möglich. „Jetzt können Sie sich vorstellen, wie es vielen älteren Menschen an der Kasse geht“, sagte Leiterin Ursula Illies.

Alles kann zum Problem werden

Anschließend lud mich Holger Sieg, ein hauptamtlicher Mobilitätshelfer zu einem besonderen Spaziergang ein. Ich setzte also eine Brille auf, die meine Sicht besonders stark einschränkte. Danach hakte ich mich unter und wir gingen los. Ich musste darauf vertrauen, dass mein Begleiter mich sicher führt. Ein mulmiges Gefühl, denn ob Türen, Aufzüge, Treppen oder Richtungswechsel: Alles kann in so einer Situation zum Problem werden. „Deshalb ist es wichtig, als Mobilitätshelfer immer zu erklären, was man gerade tut und was sich wo befindet“, betonte Holger Sieg.

Perspektivwechsel: nicht laufen können

Als wir zurückkamen, wartete die nächste Herausforderung auf mich. Ich probierte das Scalamobil aus. Mit diesem speziellen Rollstuhl können Helfer Menschen mit Mobilitätseinschränkungen Treppen hinunter- und hinaufbegleiten, ohne viel Kraft aufzuwenden. Erwin Blaschka, ein weiterer hauptamtlicher Mobilitätshelfer, brachte mich dafür fast in die waagerechte Position und schob mich bis zur Treppenkante. Wieder machte sich ein ungehagliches Gefühl in meinem Bauch breit. „Das Scalamobil stoppt automatisch“, beruhigte mich Erwin Blaschka. Nach einem Knopfdruck ging es dann entweder sanft nach unten oder nach oben.

Mehr Achtsamkeit und Empathie

Froh, wieder sehen und selber laufen zu können, aber auch froh, dass es die Mobilitätshelfer gibt, verabschiedete ich mich vom engagierten Team des Mobilitätshilfedienstes Reinickendorf. Es war ein Besuch, den ich nicht vergessen werde. Die eigene Hilfsbedürftigkeit zu erfahren, gab mir eine Ahnung davon, wie es anderen geht, die tatsächlich Hilfe brauchen, und wie es mir im Alter gehen könnte. Eine Erfahrung, die mich noch achtsamer und empathischer werden lässt, z.B. wenn es an der Kasse mal wieder länger dauert.

Der Mobilitätshilfedienst Reinickendorf freut sich auch über freiwillig Engagierte. Bei Interesse stehen Ursula Illies (ursula.illies[at]unionhilfswerk.de) und der Leiter des Freiwilligenmanagements Daniel Büchel (freiwillig[at]unionhilfswerk.de) gern zur Verfügung.