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Bauvorhaben „Schwiebusser Straße“ – nicht nur der neue Standort für die Mitarbeiter*innen der Verwaltung

7.125 m³ Boden wurde ausgehoben, 1.963,69 m³ Beton geliefert, 700 Steckdosen und 350 Lichtschalter eingebaut. Diese Zahlen klingen beeindruckend und lassen erahnen, dass es hier um ein größeres Bauprojekt geht. Den Auftakt dazu machte ein Architektenwettbewerb. Zahlreiche Entscheidungen waren zu treffen und mit der Nachbarschaft wurde verhandelt. 2018 unterzeichneten die Verantwortlichen die Baugenehmigung und es konnte losgehen. Wir möchten von Nobert Bleisch Einzelheiten zum Bau des neuen Standortes erfahren.

 

Lieber Herr Bleisch, ein so großes Bauvorhaben benötigt eine intensive Vorbereitung und genaue Planung. Seit wann beschäftigen Sie sich damit?

Ja, das stimmt. Ich beschäftige mich seit 2014 mit diesem Projekt.

 

Was waren und sind die größten Herausforderungen?

Hier sind tatsächlich verschiedene Bereiche aufzuführen.

Zum einen haben wir uns anfangs Gedanken zum Raum- / Nutzungskonzept gemacht. Mit der Festlegung der Entscheidungsträger, einen neuen Standort für den Hauptsitz des UNIONHILFSWERK Unternehmensverbundes zu errichten, war mir klar, dass in dem neuen Gebäude ein effektives und zeitgemäßes Raumkonzept umzusetzen sein wird. Damit stand gleichermaßen fest, dass sich die gewohnten Arbeitsplatzkonzepte verändern werden. Weg vom klassischen Schreibtisch-Einzelbüro hin zur modernen und sozialen Begegnungswelt der Zukunft. Die Herausforderung bestand zunächst darin, die Arbeits- und Verwaltungsbereiche mit deren Arbeitsplätzen so effektiv wie möglich auf der zur Verfügung stehenden Nutzfläche unterzubringen.
Dabei aber gleichermaßen auch Arbeitsplatzbedingungen zu schaffen, die der Unternehmenskultur entsprechen, die den bereichsspezifischen Bedarfen gerecht werden, die Anforderungen an zeitgemäße IT, Hardware- sowie Software-Infrastruktur erfüllen und mit denen sich die Mitarbeiter*innen identifizieren können. In Zusammenarbeit mit der Firma Raumhaus, dem Ingenieurbüro Riederer und weiteren Fachleuten wurden zu diesem Thema verschiedenste Informationen eingeholt und nicht zuletzt auch diverse Besichtigungen in Referenzobjekten durchgeführt.

Eine weitere Herausforderung stellte die Abstimmung von Nachbarschaftsfragen dar. Wird in einer Stadt wie Berlin gebaut, sind aufgrund der immensen Dichte der Bebauung stets die direkten Nachbarn betroffen. Für den Zeitraum des Baugeschehens sind zwischen den Beteiligten Vereinbarungen bezüglich Bauablauf, Bauzeit, Lärmbelästigung und dergleichen zu treffen. Zusätzlich ging und geht es aber auch um Aspekte des künftigen Miteinanders.

Auch der Entscheidungsdruck ist herausfordernd. Durch den Bauherrn sind seit Baubeginn täglich eine Vielzahl von Fragen zu beantworten. Hier wird in mindestens 75 Prozent der Fälle sofort, spätestens am darauffolgenden Tag eine Antwort erwartet. Dem gerecht zu werden, stellt eine weitere Herausforderung dar.

Eine der grundlegendsten Herausforderungen stellt jedoch wie bei jedem Bauvorhaben der Kosten- und Termindruck und nicht zuletzt der eigene Anspruch dar. Das wird wohl auch noch einige Tage anhalten.

 

Können Sie uns einen kurzen Einblick in die einzelnen Bauphasen geben und schildern, wie diese verliefen?

Vor Baubeginn im Oktober 2019 waren zunächst noch einige vorbereitende Maßnahmen umzusetzen: die bisherige Feuerwehrzufahrt des Pflegewohnheims musste temporär verlegt und der Fluchtweg sichergestellt werden. Um die Grundvoraussetzung für die spätere Gründung des neuen Gebäudes zu schaffen, folgte das Ausheben der Baugrube.

Mit dem Baubeginn und der Fertigstellung der Tief- und Spezialtiefbauarbeiten zum Jahreswechsel sind wir zunächst gut über den Winter 2019/20 gekommen. Der Hochbau konnte planmäßig im Januar 2020 einsetzen. Auch hier waren wieder sämtliche Materiallieferungen und der Bauablauf exakt aufeinander abzustimmen. Durch ein äußerst zielorientiertes Zusammenwirken von Planungsteam, Objektüberwachung (Bauleitung), Auftragnehmer und Bauherrn konnte auch unter Corona-Bedingungen das Gebäude wie geplant vor dem Winter 2020/21 geschlossen werden. Die termingerechte Ausschreibung und Auftragsvergabe sorgten für einen unterbrechungsfreien Einsatz der Haustechnik-  und Ausbaugewerke. Mit der Bereitstellung einer Winterbauheizung konnten auch über den tatsächlich im November einsetzenden und länger als in den zurückliegenden Jahren anhaltenden Winter 2020/2021 die Arbeiten im und am Gebäude fortgesetzt werden.

Eine gute Baustellenlogistik ist über den Verlauf eines solchen Bauvorhabens eine zentrale Aufgabe. Sämtliche Phasen der Umsetzung, beginnend mit der Planung, über die Ausschreibung und zeitlich genau getaktete Auftragsvergabe bis hin zur Festlegung einzelner Ausführungsdetails müssen aufeinander abgestimmt werden.

 

Hat die Corona-Pandemie den Fortschritt beeinträchtigt?

Auch mit Corona wird mehr gebaut und die Nachfrage nach Bauleistungen im Raum Berlin/Brandenburg ist und bleibt enorm groß. Leider wird aber weniger produziert. Inzwischen kommen auch auf unserer Baustelle erste industriebedingte Verzögerungen an. Holz beispielsweise ist ein sehr knapper und sehr teurer Baustoff geworden, aber ebenso Wasserrohre, Dämmstoffe, Estrich, Kabel und selbst Farben sind derzeit schwer verfügbar und besonders teuer. Die Lieferung von Materialien Just-in-time ist nicht mehr möglich, Lagerfläche auf der Baustelle unter Einhaltung der Arbeitssicherheitsvorschriften aber nur eingeschränkt verfügbar – das wird aktuell zu einer Herausforderung.
Alle Beteiligten sind hier besonders gefordert. Gleichermaßen sorgt dieser Umstand für Verknappung an Arbeitskräften sowie an technischen Bau- und Anlagenteilen. Die größte Herausforderung an dieser Stelle ist, auch bei absolutem Verständnis in der Sache, den Druck auf der Baustelle hochzuhalten, alle Beteiligten im Boot zu behalten, mitzunehmen und die Gespräche in erster Linie stets lösungsorientiert zu führen. Das ist nicht immer einfach.

Auf einer Baustelle Abstands- und Hygieneregelungen einzuhalten ist keineswegs einfach.

Auch wenn unsere Vertragspartner an der Stelle äußerst aufmerksam agieren, so stellt es sich im Alltag keineswegs einfach dar, Abstands- und Hygieneregeln immer gut einzuhalten. Die Abstimmungen auf der Baustelle erfolgen in der Regel im persönlichen Gespräch und anhand von Planungsunterlagen in Papierform. Baubegleitende Planungsrunden finden oft als Hybridveranstaltung statt, hier sind die Bauleitung, Vertreter der Auftragnehmer und der Bauherr auf der Baustelle, andererseits sind Objektplaner (Architekt), Fachplaner und Sachverständige digital zugeschaltet. Der wöchentliche Baurapport mit den ausführenden Gewerken finden zum Schutz inzwischen im Stehen (wenn möglich) im Freien statt. Auch das ist nicht immer einfach.

 

Der Neubau soll hinsichtlich des Energieverbrauchs besonders nachhaltig geplant und gebaut worden sein. Was genau können wir uns darunter vorstellen?

Ziel des Energiekonzeptes ist es, bei größtmöglicher Behaglichkeit und besten Raumkonditionen einen Gesamtprimärenergiebedarf von 100 kWh pro m2 Nutzfläche jährlich nicht zu überschreiten. Das Gebäude ist durch eine kompakte Form, eine doppelschalige Fassade sowie Fensteranlagen mit optimierter Verglasung und geringen Wärmeverlusten sehr energieeffizient. Die hohe Speicherwirkung sorgt dafür, dass das Gebäude nur an wenigen Tagen des Jahres temperiert werden muss. Zur Erhöhung der Speichermasse ist abgesehen von Besprechungsräumen, wo eine Akustikdecke notwendig wird, keine Deckenabhängung in den Räumen vorgesehen.

Wärmepumpe und Solarstromanlage bringen optimale Wärme und leisten einen großen Beitrag zum Klimaschutz

Die Fassadenkonstruktion gewährleistet eine freie Lüftung und eine Nachtauskühlung. Es werden lediglich in den Innenzonen dezentrale Lüftungsgeräte verwendet. Die Beheizung erfolgt über eine klassische Fußbodenheizung, mit der in geringem Umfang auch gekühlt werden kann. Die Wärmeerzeugung erfolgt über eine Wärmepumpe, die ergänzend mit einer Kühlfunktion ausgestattet ist.
Die Wärmepumpenheizung verzichtet nicht nur auf das Verfeuern fossiler Brennstoffe (Erdgas, Öl), sie erzeugt dabei eben auch ausgesprochen geringe Betriebskosten. Aufgrund des Funktionsprinzips sind Wärmepumpen eher Dauer- als Schnellheizer. Ihr Einsatz macht vor allem dann Sinn, wenn der Heizwärmebedarf, wie bei der im neuen Standort eingesetzten Fußbodenheizung, eine niedrige Vorlauftemperatur benötigt.

Wie im Bereich der Elektromobilität stellt sich aber eben auch hier die Frage, woher der zum Betrieb notwendige Strom kommt. Das neue Gebäude ist neben der Wärmepumpe mit einer ergänzenden Photovoltaik-Anlage (Solarstromanlage) zur Eigenstromversorgung ausgestattet. Mit der Nutzung des hier erzeugten Stroms läuft die Wärmepumpe besonders effizient. Da im laufenden Betrieb keine Emission freigesetzt wird, kann mit dem Einsatz der Wärmepumpe ein großer Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden. Durch die Nutzung des selbst produzierten Solarstroms können die Betriebskosten der Wärmepumpe erheblich gesenkt werden, was zu einem weiteren positiven Nebeneffekt führt. Damit werden die Heizkosten für das Gebäude niedriger. Gleichzeitig steigt durch mehr Eigennutzung die Wirtschaftlichkeit der Photovoltaikanlage.

Förderung der Grundwasser-Neubildung durch Rigolenanlage

Grundsätzlich wird Niederschlagswasser durch Ableitung in die Kanalisation dem natürlichen Wasserkreislauf entzogen. In vielen Gebieten Deutschlands sinkt der Grundwasserspiegel bereits seit einiger Zeit. Hieraus entstehen u. a. großflächige Schädigungen der Vegetation. Mittels einer Rigolenanlage auf dem Grundstück versickert anfallendes Niederschlagswasser vollständig und wird nicht in die öffentliche Kanalisation eingeleitet. So wird die Grundwasser-Neubildung aktiv gefördert. In diesem Zusammenhang war planerisch sicherzustellen, dass anfallendes Niederschlagswasser schadlos auf dem eigenen Grundstück zurückgehalten wird und auch ein Schutz vor Überflutung bei Starkregen gegeben ist. Die Funktion der Rigole stellt also eine Art Pufferspeicher dar, der anfallende Regenwassermengen zwischenspeichert und danach langsam ins Erdreich abgibt.

Ein grünes Dach mit viel Potential

Um das Volumen des „Pufferspeicher“ möglichst gering zu halten, wurde für das Gebäude ergänzend ein Dach mit extensiver Begrünung geplant. Das Gründach speichert mit seinem Aufbau Niederschlagswasser, erhöht die Verdunstungsrate, entlastet dabei den „Pufferspeicher“ und produziert ferner Verdunstungskühle, die Wärmerückstrahlung wird um 70 Prozent reduziert.

 

Als Leiter des Bereichs Gebäudetechnik/Instandhaltung (GTI) verantworten Sie noch weitere Aufgaben. Wie vereinbaren Sie das mit dem Großbauprojekt?

Die Koordination der Baustelle und das GTI-Tagesgeschäft stellt insbesondere während der Umsetzung des Bauvorhabens eine Herausforderung dar. Neben den Baustellen ist auch pit-FM als GTI-Digitalisierungsprojekt voranzutreiben. Hinzu kommt, dass mit der zunächst coronabedingten Arbeit im Homeoffice der persönliche Kontakt im Team seltener wird und damit der spontane Austausch nicht mehr wie gewohnt gegeben ist. Der Aufwand zur Sicherstellung eines Informationsaustauschs ist deutlich größer als gewohnt. Nicht zuletzt kommt erschwerend hinzu, dass das Pendeln zwischen Büro – Baustelle – Homeoffice (manchmal mehrfach am Tag) einen nicht unwesentlichen Zeitraum des Tages in Anspruch nimmt.

 

Können Sie uns schon verraten, wann mit einem Umzug zum neuen Standort zu rechnen und was bis dahin noch geplant ist?

Der Druck, den Neubau im Rahmen der festgelegten Vorgaben termingerecht fertigzustellen, ist hoch und wird sich vermutlich in den kommenden Wochen noch erhöhen. Bis zu einer bauaufsichtlichen Genehmigung zur Nutzungsaufnahme sind noch viele Punkte abzuarbeiten. Als nächstes stehen zum Beispiel Aufgaben wie das Schließen der Trockenbauwände und Decken, die Installation von Elektrotechnik, Heizungs,- Lüftungs- und Sanitäranlagen, die Oberflächenarbeiten (Maler / Fliesenleger / Fußboden) und die technische Gebäudeausrüstung wie Kältetechnik, Raumlufttechnik, Wärmetechnik an. Die Lieferung und Montage der wichtigen Glastrennwände ist im Juli 2021 vorgesehen. Sind alle Aufgaben erledigt, sind Inbetriebnahmen, Sachverständigenprüfungen und bauordnungsrechtliche Abnahmen für September/Oktober 2021 vorgesehen und einer anschließenden Nutzungsaufnahme steht nichts mehr im Weg. Die Umzugsvorbereitungen laufen und Ausstattungsdetails werden derzeit besprochen.

Vieles ist bereits geschafft, doch bis zur Fertigstellung gibt es noch Einiges zu tun. Ein weiterhin gut funktionierendes und zielorientiertes Zusammenwirken aller Beteiligten wird das Erreichen der gesetzten Ziele ermöglichen. Davon bin ich überzeugt!

Abschließend bin ich ebenso überzeugt, dass mit dem neuen Standort an der Schwiebusser Straße für das UNIONHILFSWERK ein städtebaulich überzeugendes, in nachhaltiger Bauweise errichtetes und insgesamt energetisch effizientes Gebäude mit angemessener Innen- und Außenwirkung entsteht. Die modernen Arbeitsbedingungen werden die Mitarbeiter*innen begeistern und die Zusammenarbeit der Verwaltungsbereiche weiter fördern.

 

Wir bedanken uns herzlich für das spannende Interview, lieber Herr Bleisch, und wünschen weiterhin viel Erfolg und gutes Gelingen.
Lesen Sie in wenigen Tagen auf unserem Blog das Interview mit dem Stiftungsvorstand zum neuen Standort für die Verwaltungsbereiche. Wir fragen unter anderem: Warum ein Neubau?

 

Sehen Sie hier die Bauphasen im Schnelldurchlauf

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“Unionhilfswerker”: Dirk Möller

Name: Dirk Möller

Alter: 55

Beruf: Ursprungsberufe sind Schlosser und Maler, als Quereinsteiger bin ich jetzt als Sachbearbeiter und Sozialbetreuer tätig und arbeite in der Wohnungsloseneinrichtung in Wedding.

 

Was genau machen Sie da?

Da wir nur sechs Kolleginnen und Kollegen sind, macht hier eigentlich jeder alles. Hauptsächlich mache ich aber die Abrechnung und die Bewohnerinnen und Bewohner werden von mir in allen Belangen beraten und unterstützt.

 

Was mögen Sie am liebsten an Ihrem Beruf?

Die Vielseitigkeit und die gute Zusammenarbeit im Team.

 

Was wollten Sie werden als Sie klein waren?

Ich glaube, wir wollten damals alle Astronaut werden.

 

Was ist das Schrägste, was Ihnen bisher in Ihrem Berufsleben passiert ist?

Vielleicht nicht das Schrägste, aber das Bemerkenswerteste ist, dass ich hier am selben Arbeitsplatz wegen Trägerwechsel schon vier unterschiedliche Arbeitgeber hatte.

 

Welche Tätigkeit beherrschen Sie neben dem Job so gut, dass man Sie dafür bezahlen würde?

Ich werde gerne zum Einrichten von Telefonen, Netzwerken, Smart Home Systemen und bei Computerproblemen herangezogen.

 

Am Wochenende mache ich am liebsten…?

Alle möglichen Freizeitaktivitäten im Freien. Mein Frühbeet und meine Hochbeete werden von mir liebevoll gepflegt. Ich bin aber auch gerne mal einfach nur faul.

 

Was ist Ihr Lieblingsplatz/-ort?

Einer der vielen Campingplätze in Kroatien.

 

Auf welchen Luxus könnten Sie verzichten?

Viel Luxus kann ich mir nicht leisten, am ehesten würde ich auf meinen Fernseher verzichten.

 

Sie dürfen drei Gegenstände mit auf eine einsame Insel nehmen. Welche wären das?

Da ich leidenschaftlicher Kaffeetrinker bin, ganz viel Kaffee, eine Kaffeemühle und Streichhölzer.

 

Wenn Sie eine Zeitmaschine hätten, zu welcher Zeit hätten Sie gern gelebt?

West-Berlin, Ende 70, Anfang der 80er. Da durfte ich zu dieser Zeit leider – dank der Mauer – nie hin.

 

Was sollte jeder Mensch einmal im Leben getan haben?

Jemandem etwas Gutes tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

 

Welche Superkraft hätten Sie gern: Unsichtbar sein können, Gedanken lesen oder fliegen?

Unsichtbar sein wäre schon sehr verlockend, da man so Dinge erleben kann, die einem sonst verwehrt bleiben.

 

Zum Schluss: Wen möchten Sie bei der Gelegenheit grüßen?

Zuerst meine Frau und meine beiden Töchter, aber natürlich auch mein Team und alle Unionhilfswerker die mich kennen.

Chancen trotz Krise!

„Gesund durch die derzeitige Pandemie-Krise“, wie kann das gehen? Die Unternehmenskommunikation im UNIONHILFSWERK Berlin bat mich um eine Einschätzung. Was oder wer ist hilfreich, auf welches Experten*innenwissen kann ich mich jenseits meiner persönlichen und psychotherapeutischen Erfahrungen berufen?

Resilienz – was bedeutet das?

Zunächst fiel mir die Resilienzforschung ein, die ich bemühe, wenn man mich nach Verhaltensweisen fragt, die sich professionell und wissenschaftlich als wirkungsvoll erwiesen haben. Resilienzforschung befasst sich mit dem Geheimnis der psychischen Widerstandskraft, die uns stark macht gegen Stress, Depression und Burn-out, mit der Kraft, die Menschen aus einer deprimierenden Situation wieder ins volle Leben zurückkehren lässt – gegen die Zumutungen der Umwelt und gezielt das verwertet, was konstruktiv ist. Was genau macht Einzelne von uns aus, die derartige Eigenschaften besitzen?

Dazu hat Christina Berndt, anlehnend an den Thesen von Martin Seligman, dem Begründer der Positiven Psychologie,
zehn Wege zur Resilienz aufgezeigt:

1. Bauen Sie soziale Kontakte auf.
2. Sehen Sie Krisen nicht als unlösbare Probleme.
3. Akzeptieren Sie, dass Veränderungen zum Leben gehören.
4. Versuchen Sie, Ziele zu erreichen.
5. Handeln Sie entschlossen.
6. Finden Sie zu sich selbst.
7. Entwickeln Sie eine positive Sicht auf sich selbst.
8. Behalten Sie die Zukunft im Auge.
9. Erwarten Sie das Beste.
10. Sorgen Sie für sich selbst.

Quelle / Buchempfehlung:
Resilienz: Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft
Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out
dtv premium 2013, von Christina Berndt

 

Und ganz praktisch orientiert: Wo sind die Expertinnen und Experten in eigener Sache und gerade mittendrin? Wen könnte ich befragen? Wer ist professionell mit Krisen beschäftigt, hat Kontakt zu besonders emotional verletzlichen Gruppen, muss die Kraft aufbringen die Situation persönlich und beruflich zu bewältigen, hat über ein Jahr Erfahrungen gemacht, die es bisher so noch nicht gab?

Mein Team – und unser Arbeitsbereich

Das sind die Mitarbeiter*innen des Verbunds Betreutes Wohnen Mitte. 16 Kollegen*innen waren bereit, mir in einem Interview Fragen zu beantworten und darüber hinaus von ihren Erfahrungen innerhalb der letzten 12 Monate zu berichten.

Der Verbund Betreutes Wohnen Mitte ist einer von vier Verbünden innerhalb des Fachbereichs für Menschen mit psychischer Erkrankung im UNIONHILFSWERK. Unsere Hilfen sollen personenzentriert, individuell und teilhabegerecht ausgerichtet sein. Im Verbund Betreutes Wohnen Mitte können 72 Menschen von aktuell 26 Mitarbeiter*innen in multiprofessionellen Teams begleitet werden.

Die Herausforderungen während der Pandemie

Der politisch beschlossene Lockdown hat bei vielen Menschen persönliche Krisen ausgelöst. Einsamkeit, Beziehungsstress, soziale Isolation, Ängste, Verzweiflung bis hin zu Suizidgedanken treffen viele von uns. Die Situation ist für alle schwierig, doch die Folgen der Pandemie verteilen sich nicht gleichmäßig, sondern ungerecht. Insbesondere trifft es Menschen am Rande der Gesellschaft härter.

Die Zielsetzungen in der Begleitung, Menschen aus Isolation und Rückzug zu mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu motivieren, ist durch die notwendigen Hygiene- und Abstandsregeln zum Tabu geworden. In den Wohngemeinschaften entfallen so gut wie alle auf Gruppen ausgerichteten Angebote wie Ergotherapie, Gesprächsgruppen, Gruppenausflüge und Kulturveranstaltungen. Die Maskenpflicht erschwert die soziale Kommunikation. Blickkontakt, das freundliche Lächeln sind erschwert. Die Mimik fehlt, ebenso ein verbindlicher Händedruck zur Begrüßung und zum Abschied. Ein soziales Miteinander, welches für Menschen, die verletzlich sind, besonders wertvoll sind, ist eingeschränkt.

Ihr Arbeitsalltag meiner Kollegen und Kolleginnen hat sich verändert. Nicht nur in der Begleitung der Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Was früher zu vermeiden galt, ist heute überlebenswichtige Handlungsstrategie. Die Pandemie fordert  auch im privaten Lebensbereich der einzelnen erheblichen Anpassungsstrategien. Die Kinderbetreuung, der Haushalt müssen organisiert werden. Das familiäre Miteinander wirkt unterstützend und mitunter herausfordernd zugleich. Die Angst vor eigener Erkrankung, Ansteckung und die Sorge um Freunde und Freundinnen, Familie fordert stark.

Das Team, als Ort der Unterstützung eine wichtige Ressource für das Ausbalancieren seelischer Belastungen, ist wenig bis kaum „körperlich“ präsent. Digitale Kommunikationssoftware ermöglicht Austausch, gemeinsam mit Messenger-Diensten, sind sie für die einen „ein Segen“, für andere „Fluch“ oder für manche „beides“. Ebenso die Option des Arbeitgebers, bürokratische Tätigkeiten im mobilen Arbeiten oder Homeoffice zu erledigen, mit den entsprechenden technischen und persönlichen Kenntnissen versteht sich. Neue Begriffe müssen erlernt und den Klienten und Klientinnen erklärt werden: Lockdown, AHA+C+L, Inzidenz, der 7-Tage-R-Wert …

Mitunter gilt es, Uneinsichtigkeit, Unkenntnis und alternative Meinungen zu integrieren oder einfach nur auszuhalten, im privaten oder beruflichen Umfeld gleichermaßen. All dies – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – prägte den Zeitraum, um den es sich rückblickend in meiner Befragung handelte.

Die Ergebnisse waren sehr verschieden

Am meisten vermisst wurden eindeutig die Kontakte, betont wurde der Verlust von Spontanität und körperlicher Nähe in den Begegnungen, das gemeinsame Feiern, die gewohnten Rituale an Geburtstagen, Jubiläen. Auch das Reisen fehlt als „Kraftquelle“ , ist es doch sonst hilfreich gegen „Alltagsfrust“, neben Essengehen mit mehreren Menschen, sich verwöhnen lassen und Sport in der Gruppe als „energetischem Ausgleich“. Über allem steht der Wunsch nach Spontanität anstatt Kontrolle.

Als hilfreiche Strategien nannten meine Mitarbeiter*innen hier als Fähigkeit das „Besinnen auf sich selbst“, man schreibt wieder „richtige Briefe und verschickt Pakete“ und nutzt online Angebote vermehrt, für gemeinsam-digitale Aktivitäten wie Yoga oder FaceTime Termine. Viele sahen in Meditation und Achtsamkeitstraining eine Hilfe, neben Tätigkeiten der Um-/ Gestaltung des eigenen Zu Hauses und viele Kochaktivitäten.

Diese Anpassung wirkt nicht „passiv“, sondern spornt an, neue Möglichkeiten zu entdecken. Zwei Kollegen*innen geben an, sich sogar weniger belastet zu fühlen. Die „Lizenz zum Chillen“ und der Rückzug wirken auf sie wie eine „Erlaubnis“ aus dem Hamsterrad mal auszusteigen. Zwei weitere Mitarbeiterinnen erlebten die Zeit auch als „besonders“, da sie neue Beziehungen eingegangen waren und „Kontaktbeschränkungen“ ohnehin zu dieser Lebensphase passen.

Eine Sache der Perspektive? Was die Kollegen*innen anderen raten und wovon sie dringend abraten:

Abgesehen von den eigenen Strategien, die die „therapeutisch geschulten Mitarbeiter*innen nicht 1:1 auf andere übertragen möchten, raten sie: „den Blick zu schärfen, auf das, was es noch gibt“ oder „verweisen darauf, was bis jetzt auch gut gelaufen ist oder noch möglich ist“.
Sie raten ab von „zu viel oder falschen Informationen“ und oder davon, sich in Katastrophenphantasien zu verlieren. Reduktion digitaler Medien, „einfach mal SEIN“ oder sich langweilen, Bewegung, Joggen, TV-Rituale wie der nachmittägliche Krimi zum Kaffee, werden empfohlen aber auch Humor und „nicht so viel Alkohol trinken“.

Kann man rückblickend auf das letzte Jahr auch positive Aspekte an der Krise finden? Nur zwei Personen verneinten die Frage, die meisten sahen Vorteile des Homeoffice, begleitend mit der eingeschränkten Nutzung des ÖPNV. Die Umwelt, bzw. „das Stadtleben Berlin“ wurde als ruhiger wahrgenommen. Allerdings auch die Umorientierung eigener Werte und Bedürfnisse, vor allem die Bedeutung von Beziehungen und Freundschaften wurden einigen in der Krise klarer.

Gibt es etwas Neues, was in dieser Zeit Platz im Leben bekommen hat?

In einem Fall wurde die Zeit dazu genutzt, eine berufliche Neuorientierung vorzubereiten, die „Freude an juristischer Fachliteratur“ wurde entdeckt, oder „die Akzeptanz für die Angst anderer Menschen“. Wir haben das „Aushalten von Durststrecken“  gelernt und auch ein „neues Bewusstsein für die eigene Gesundheit“. Die Anwendung der Maske als „Schutz“, erschien früher lächerlich – jetzt sinnvoll. Der Umgang mit Online-Medien wurde in diesem Jahr gelernt – das kann sogar zum Teambuliding beitragen.

Auf Herausforderungen und Veränderungen mit Anpassung des eigenen Verhaltens reagieren – das ist Resilienz. Die Fähigkeit haben, auch in schweren Situationen das Positive zu sehen und sich dennoch auf bessere Zeiten freuen. Am meisten freuen sich die Befragten auf spontane Ausdehnungen des Lebens- und Bewegungsradius.

Mich, Birgit Hoffmann, haben die Umgangsweisen mit der Krise und die Gedanken meiner Kolleg*innen beeindruckt. Durch die Befragung erfuhr ich von ihren persönlichen Erfahrungen, Werten und Motiven und möchte mich hier noch einmal für das geschenkte Vertrauen bedanken. So individuell wie die einzelnen mit der Situation umgehen, gibt es doch auch immer wieder Gemeinsamkeiten. Ein Patentrezept lässt sich für die Bewältigung daraus wohl nicht ableiten. Für mich lässt sich jedoch eine besondere Kraft erkennen, die Psychologen*innen als Resilienz bezeichnen: eine Fähigkeit aus einer deprimierenden Situation wieder ins volle Leben zurückzukehren; Widerstand zu leisten gegen die Zumutungen der Umwelt und den Blick optimistisch nach vorn zu richten und aus einer Selbstsicherheit heraus aus einem eingeschränkten Lebensraum das Beste rauszuholen.

 

 

Bei einer akuten psychischen Krise oder einem psychischen Notfall, der sofortige Hilfe erforderlich macht, können folgende Anlaufstellen weiterhelfen:

  • Der Berliner Krisendienst ist ein Hilfe- und Beratungsangebot für Menschen in akuten Krisen.  Er ist rund um die Uhr erreichbar und für Hilfesuchende kostenlos. An neun Standorten werden Hilfesuchende ohne Anmeldung persönlich oder am Telefon beraten – auf Wunsch anonym: https://www.berliner-krisendienst.de
  • Der ärztliche Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen ist außerhalb der üblichen Praxissprechzeiten (zum Beispiel nachts, an Wochenenden und an Feiertagen) bundesweit erreichbar über die Rufnummer 116117. Weitere Informationen finden Sie unter: https://www.kbv.de/html/aerztlicher_bereitschaftsdienst.php.
  • Als Sofortmaßnahme kann gegebenenfalls eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie aufgesucht werden. Adressen sind dem ärztlichen Bereitschaftsdienst bekannt.
  • Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter folgenden Rufnummern: 08001110111 oder 08001110222. Darüber hinaus steht ein Beratungsangebot per Mail oder Chat zur Verfügung; Webseite: www.telefonseelsorge.de.
  • Das Info-Telefon Depression steht kostenfrei unter der Rufnummer 08003344533 zur Verfügung; Sprechzeiten: Mo, Di, Do – 13.00 bis 17.00 Uhr; Mi und Fr – 08.30 bis 12.30 Uhr, Webseite: www.deutsche-depressionshilfe.de.
  • Beim „SeeleFon für Flüchtlinge“ in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch können sich Geflüchtete – oder ihre Angehörigen – melden, wenn es um konkrete Möglichkeiten der gesundheitlichen psychologischen Versorgung in Deutschland geht – kultursensibel und möglichst in der Sprache der Betroffenen. Erreichbar montags, dienstags und mittwochs jeweils von 10:00 bis 12:00 Uhr sowie von 14:00 bis 15:00 Uhr, Tel.: 022871002425, Webseite: www.bapk.de/angebote/seelefon .

Im Fall einer akuten, potentiell sogar lebensbedrohlichen Notlage, beispielsweise bei akuter Suizidgefahr, sollte die Notrufnummer 112 für Feuerwehr und Rettungsdienst gewählt werden. Die 112 sollte auch angerufen werden, wenn die Situation unklar ist, aber lebensbedrohlich sein könnte.

Ein schöner Tag zum Impfen

Geduld war gefragt

Zweimal kam kurz vor dem Impftermin die Absage. Einmal wurde die Zusage aufgrund von anderen priorisierten Einrichtungen wieder abgesagt, und das zweite Mal, nur wenige Stunden vor dem Termin, gab es plötzlich keinen Impfstoff mehr. Die Schlagzeilen über AstraZeneca versus BioNtech hielten alle in Atem. Immer wieder kamen neue Nachrichten, die unsere Bewohner*innen verunsicherten und viele Gespräche erforderten. Dann ging aber alles ganz schnell und wie von selbst. Das mobile Impfteam kündigte sich für Ende April an und kam zu uns in die Kirchgasse.

 

Die Kolleginnen und Kollegen unterstützten vor Ort

Holger Graf, Mitarbeiter unserer Zuverdienstwerkstatt in der Donaustrasse und dem Übergangswohnheim in der Kirchgasse, kreierte das Schild zum Gartenzugang, das alle willkommen hieß.
In den Garten ließ unser Kollege Jonas Schwarz die Impflinge aber erst nach dem Fiebermessen und mit Ausstattung einer FFP2 Maske.
Miriam Abbas, Fachkraft aus dem Übergangswohnheim, war die strahlende Frau im ‚Check-In‘ und schmückte sich zur Feier des Tages mit einem Schwesternhäubchen. Sie empfing und wies die meist aufgeregten Gäste in den Ablauf ein und wechselte sich mit ihrem Kollegen Jan Mikoleit ab, der sich allerdings leider vehement weigerte, ebenfalls ein Schwesternhäubchen zu tragen.
Unsere Kollegin Susanne Schenk zeigte ihr Multitasking-Talent, indem sie in Windeseile die mitgebrachten Unterlagen checkte, zusätzlich neue Impfbescheinigungen des Impfteams ausfüllte und jeden mit einem Lächeln zur nächsten Station weiterleitete.

Das fünfköpfige Impfteam, das vom Impfzentrum in Tegel angereist war, übernahm im Anschluss das Durchsehen der Aufklärungs- und Anamnesebögen und jeder der 84 Impfwilligen bekam nach dem ärztlichen Gespräch dann auch endlich die ersehnte Spritze.

 

Erleichterung und Freude nach dem Impfen

Die Nervosität Einiger zuvor wich der Freude danach. „Ich hab’s geschafft! Es war überhaupt nicht schlimm!“, strahlte ein Bewohner der Kirchgasse, als er aus dem Impfraum kam. „Nun wird es bald ein Ende haben mit dieser bekloppten Pandemie!“
Am Ausgang erhielten alle Impflinge von Carolin Rosner neben einem Zeitmesser für die 15 Minuten, die im Anschluss im Wartebereich verbracht werden mussten, noch Gummibärchen oder einen Lolli. In der Wartezone empfing unser Kollege René Stahlberg als ‚Check-Out-Kraft‘ die Geimpften und verkürzte allen mit Anekdoten, Smalltalk und Getränken die Zeit.

Schaute man sich um, sah man nur fröhliche Gesichter und ein gemütliches Miteinander unter vielen Sonnenstrahlen. Ein Betreuter brachte es auf den Punkt: „Es fühlt sich hier an, als wäre ich bei einem schönen Ausflug ins Grüne.“

Ja, es war ein schöner Tag zum Impfen.