Monthly Archives: Dezember 2019

Neujahrsbräuche aus aller Welt

Wer den Jahreswechsel in anderen Ländern verbringt, merkt schnell: Fondue und Feuerzangenbowle am Abend, früher Blei-, heute Wachsgießen, Raketen und Böller um Mitternacht – das ist typisch für Silvester in Deutschland, aber in anderen Ländern und Kulturkreisen sehen die Bräuche oft anders aus. Und nicht nur die Gepflogenheiten oder Rituale unterscheiden sich voneinander – auch der Termin des Neujahrsbeginns variiert – je nach Zeitrechnung. Auch in Deutschland und den europäischen Nachbarländern feierte man bis zum Jahr 1582, als der Gregorianische den Julianischen Kalender ablöste, den letzten Tag des Jahres am 24. Dezember. Damals verlegte man den Tag auf den 31.12, den Todestag des Papstes Silvester. Dieser starb 335 in Rom, er wurde zum Tagesheiligen und somit Namensgeber für das Jahresende. In vielen orthodoxen Ländern gilt noch heute der Julianischen Kalender. Er differiert um 13 Tage zu unserem, was dazu führt, dass unser 7. Januar dort erst der 25. Dezember ist – Weihnachtsfest vieler orthodoxer Kirchen, wie dem Patriarchat Jerusalem, Russland, Serbien, Mazedonien, Bulgarien, Griechenland, Georgien und der altorientalischen Kirchen der Syrer, Kopten, Eritreer, Äthiopier.

Das islamische Neujahr gilt als sehr wichtig in der Geschichte des Islam, denn an diesem Tag wanderte der Prophet Mohammed im Jahre 622 n.Chr. mit all seinen Anhängern von Mekka nach Medina aus, um dort das erste islamische Staatswesen aufzubauen. Der 16. Juli 622 ist der Beginn der islamischen Zeitrechnung nach Mondjahren, was im Vergleich zu unserer Zeitrechnung in Sonnenjahren zu Verschiebungen führt. Im Jahr 2020 fällt das islamische Neujahr somit auf den 19.August.

Die Chinesen begrüßen das neue Jahr nach dem traditionellen chinesischen Mondkalender ebenfalls erst später: In diesem Jahr am 25. Januar – es wird mit großen Familienfesten und Feuerwerk begangen. Eine Woche lang kommt das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen, Millionen Chinesen reisen in ihre Heimatdörfer. Am Vorabend des Neujahrsfestes, auch Frühlingsfest genannt, werden traditionell kleine Teigtaschen gegessen, deren Form an alte chinesische Geldstücke erinnert und die deswegen Glück und Reichtum verheißen soll. Den ganzen Abend wird Feuerwerk gezündet. In einigen Teilen Chinas werfen unverheiratete Mandarinen ins Meer und erhoffen sich damit großes Liebesglück im neuen Jahr.

Von bösen Geistern & magischen Sieben

Obwohl die Termine für die Jahreswechsel in vielen Fällen eng verbunden sind mit kirchlichen Inhalten oder Traditionen, zeigen vielen alten Bräuchen, wie sehr hier auch der Aberglaube und „heidnische“ Wurzeln eine Rolle spielen. So hat die Tradition des Feuerwerks in der Nacht von Silvester auf Neujahr ihren Ursprung bei den alten Germanen. Diese veranstalteten ein Feuerwerk als Abwehrzauber, um damit böse Geister vom neuen Jahr fernzuhalten.

Japans Tradition kennt dagegen sieben Glücksbringer, spezielle Gottheiten, die am Neujahrstag auf ihrem Schiff fünf Schätze bringen: den unerschöpflichen Geldbeutel, einen Hut, der unsichtbar macht, den Glücksmantel, den hölzernen Hammer des Reichtums und die geisterjagende Ratte. In den Tagen nach Neujahr ist es Brauch, die Schreine der Sieben aufzusuchen und ein gutes Jahr zu erbitten.

Traditionsbewusste Briten starten gern musikalisch ins neue Jahr und singen um Mitternacht gemeinsam «Auld Lang Syne». Der Text des Liedes kommt aus SCHOTTLAND, wo am 1.1. der First-Foot, also der «erste Fuß», Glück bringt: Das ist die erste Person, die im neuen Jahr einen Fuß ins Haus setzt. Besonders viel Glück sollen dunkelhaarige Männer bringen.

In Griechenland wird zum Neujahrsfest gezockt. Es geht hoch her bei Karten- oder Würfelspielen zu Hause oder im Kasino. Das große Neujahrszocken beginnt bereits am Abend des 31. Dezember und dauert oft bis zum Sonnenaufgang am 1. Januar. Landesweit wird legal oder illegal ein dreistelliger Millionenbetrag verspielt. Wer gewinnt, soll das ganze Jahr über Glück haben. Wer nicht gewinnt, kann wenigstens auf Glück in der Liebe hoffen.

Während man hierzulande Marzipanschweinchen verschenkt oder flüssiges Wachs in kaltes Wasser tropfen lässt, um anschließend mit viel Fantasie zu interpretieren, was das neue Jahr bringt, sind die Spanier etwas kreativer. Für sie haben die Mitternachtsglocken eine wichtige Bedeutung: Wer dort zu jedem Glockenschlag eine Weintraube verzehrt, darf sich etwas wünschen.

Ein weit verbreiteter Brauch ist der Silvester- bzw. Neujahrsgruß, bei dem man sich »Ein gutes und gesegnetes neues Jahr!« wünscht. Oft wird auch mit dem berüchtigten »Prosit Neujahr« angestoßen. »Prosit« ist lateinisch und bedeutet »Es möge gelingen«. In diesem Sinne wünschen auch wir Ihnen ein gesundes, glückliches und erfolgreiches Jahr 2020!

Eine große Kämpferin für eine bessere Psychiatrie ist im Alter von 103 Jahren verstorben. Eine Erinnerung an Dorothea Buck

„Wir brauchen eine Psychiatriereform“: Dorothea Buck kämpft auch mit 95 noch für eine bessere Psychiatrie

Ein Glas klare Flüssigkeit. Der Befehl: Austrinken, sofort! Die Substanz ist bitter. Panik steigt auf. Gift! Ich werde vergiftet! Rund um die junge Frau wird es dunkel… Mit 19 Jahre erlebte Dorothea Buck 1936 nach ihrer Einweisung in die von Bodelschwinghsche Anstalten Bethel so ihre erste Zwangsbehandlung. Diagnose: Schizophrenie. 77 Jahre später ist aus der tief verängstigten jungen Frau eine der engagiertesten Kämpferinnen für die Rechte von Psychiatriepatienten geworden. Für ihren Einsatz wurde sie 2008 mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Sie hielt zahlreiche Vorträge auf Fachtagungen und gründete mit dem Hamburger Dr. Thomas Bock 1989 das erste Psychose Seminar. Ihr autobiografisches Werk „Auf der Spur des Morgensterns. Psychose als Selbstfindung“ gehört zur Standardliteratur in der Sozialpsychiatrie.

Eine besondere Frau

Wir treffen Dorothea Buck in ihrem Häuschen in Hamburg. Es liegt versteckt am Ende eines Gartens, nur wer weiß, wo er suchen muss, findet sie hier. Es ist warm und gemütlich, der Ölofen blubbert. Überall stehen kleine Plastiken von Dorothea Buck, die sich auch als Künstlerin einen Namen machte. U.a. steht ein Guss ihrer Figur „Mutter mit Kind“ in der Berliner Charité. Die 95-Jährige hat es sich auf ihrem kleinen Sofa gemütlich gemacht. Rechts von ihr parkt der Rollator, auf der linken Seite türmen sich Bücher und Fachzeitschriften. Die Beine machen nicht mehr so richtig mit, ihrem scharfen Verstand konnte das Alter jedoch nichts anhaben. Noch beeindruckender als ihr klarer Geist sind jedoch ihre Heiterkeit und ihre große menschliche Wärme. Sogar wenn sie über ihre schlimmsten Psychiatrieerfahrungen wie Dauerbäder, nasse Packungen, Insulinschocks und die eigene Zwangssterilisation berichtet, ist keine Verbitterung zu spüren. Man müsse mit den Menschen ein bisschen nachsichtig sein, erklärt sie lächelnd.

Bei der aktuellen Debatte zum Thema Zwangsbehandlungen von Psychiatriepatienten ist es mit der Nachsicht allerdings vorbei. Lässt die Neureglung doch das grundlegende Credo der UN-Behindertenrechtskonvention „Nicht über uns ohne uns“ außer Acht. „Eigentlich müsste man herausfinden, warum sich jemand nicht behandeln lassen will.“ Natürlich gibt es Menschen, die Psychopharmaka brauchen, „doch die Entscheidung muss jeder für sich treffen können“, so Buck. Aus Empörung über das Schweigen zur Euthanasie und über die schlechten Zustände in deutschen Psychiatrien hatte Buck in den frühen 60er Jahren begonnen, sich für die Betroffenen einzusetzen. Das Schweigen ist ihrer Ansicht nach auch heute noch das zentrale Problem. „Es setzt sich mehr und mehr eine biologistische Sichtweise durch. Danach liegen die Ursachen einer Psychose in einer genetisch bedingten Hirnstoffwechselstörung. Seelische Ursachen gibt es nicht.“ Besonders weit entfernt vom erblich bedingten Schwachsinn der Nationalsozialisten sei man mit dieser Sichtweise nicht. Buck ist überzeugt, dass jede Psychose einen Sinn hat. Nur wer die Zusammenhänge erkenne und für sich aufarbeite, wird gesund.

Unheilbar aber gesund

Die Wahlhamburgerin erlebte insgesamt fünf schizophrene Schübe, den letzten 1959. Seit nunmehr 54 Jahren ist sie rückfallfrei. Sie wünscht sich für die Zukunft der Psychiatrie in Deutschland eine Abkehr vom Unheilbarkeitsdogma und mehr Kommunikation mit den Betroffenen. Einen guten Ansatz sieht sie in Programmen wie EX-IN (Experienced Involvement). Dabei werden Psychiatrieerfahrene zu Dozenten und Mitarbeitern ausgebildet und anschließend in der psychiatrischen Versorgung eingesetzt. Generell müsse das Hilfesystem mehr Behandlungsalternativen zur Verfügung stellen. Unbedingt auch ohne oder mit gering dosierten Neuroleptika. „Die Biologisten weigern sich einzusehen, dass die Neuroleptika die Patienten dumm machen – und nicht die Krankheit. Eigentlich brauchen wir wirklich noch einmal eine Psychiatriereform“, sagt Dorothea Buck bestimmt. Wer diese außergewöhnliche Dame mit dem markanten grauen Pagenkopf einmal in Aktion erlebt hat, zweifelt nicht daran, dass sie trotz ihres hohen Alters auch bei dieser noch einmal mit vollem Einsatz dabei wäre.

 

„Was Weihnachten ist, haben wir fast vergessen, …

Dieses Weihnachtsessen ist nicht nur richtig lecker, sondern auch gut vorzubereiten. So steht einem entspannten und gemütlichen Feiertag nichts mehr im Weg.

Diese Zutaten benötigen Sie für 6 Personen:

FÜR DEN LACHS:

  • 2 Scheiben tiefgekühlten Blätterteig (150g)
  • 1 Eigelb
  • 1 kg Lachsfilet am Stück (Mittelstück mit Haut, beim Fischhändler vorbestellen)
  • je 1/2 TL Fenchel-, Koriander- und Kardamomsamen
  • 1/2 Bund Thymian
  • 1 Bio-Zitrone
  • Salz, Pfeffer, 3 EL Olivenöl

FÜR DIE GEMÜSEROSEN

  • 400 ml Milch
  • 200 g Schlagsahne
  • 6 Eier
  • je 4 Möhren und große, längliche Kartoffeln
  • 2 Zuccini
  • Salz, Pfeffer, Muskatnuss und Fett für die Form

FÜR DIE SAUCE

  • 1 EL Butter
  • 1 EL Mehl
  • 400 ml Fischfond
  • 100 g Schlagsahne
  • 2-3 TL Meerrettich
  • Salz, Pfeffer, Muskatnuss

Viele Handgriffe können schon am Vortag vorbereitet werden:

Lassen Sie den Blätterteig auftauen und stechen Sie Sterne (oder beliebige andere weihnachtliche Formen) daraus aus. Heizen Sie den Ofen auf 180 Grad (Umluft 160 Grad) vor. Legen Sie die Sterne auf ein mit Backpapier (oder besser noch einer Dauerbackmatte) ausgelegtes Backblech, bestreichen Sie diese mit Eigelb und backen Sie sie für 10-15 Minuten. Die Blätterteig-Sterne können dann in einer Keksdose aufbewahrt werden.

Für die Gemüserosen heizen Sie den Ofen auf 200 Grad (Umluft 180 Grad) vor. Schälen Sie Möhren und Kartoffeln. Waschen und putzen Sie die Zuccini. Das Gemüse wird dann mit einem Hobel (z.B. einem Spar- oder Spargelschäler) in lange, dünne Scheiben gehobelt und in kochendem Salzwasser ca. 30 Sekunden gegart. Schrecken Sie das Gemüse anschließend kalt ab und tupfen es trocken. Fetten Sie dann eine Auflaufform ein (Durchmesser etwa 28 cm).
Die Gemüsescheiben werden nun portionsweise zu 6 großen oder 12 kleinen „Rosen“ eingedreht und in die Form gesetzt. Das ist ein bisschen fummelig, klappt aber eigentlich sehr gut. Verrühren Sie nun Milch, Sahne und Eier mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss und gießen Sie diesen Milch-Mix über die Gemüserosen. Die Rosen werden etwa 45 Minuten im Ofen gebacken. Nehmen Sie die Rosen nach dem Backen aus dem Ofen, lassen Sie sie auskühlen und stellen Sie sie dann zugedeckt kalt.

Am Festtag ist noch dies zu tun:

Brausen Sie den Lachs ab, tupfen Sie ihn trocken und schneiden Sie jeweils quer 1-2 cm breite Streifen ein (aber nicht durchschneiden). Zerstoßen Sie die Fenchel-, Koriander- und Kardamomsamen im Mörser (einmal schnuppern nicht vergessen – herrlich). Zupfen Sie die Thymianblättchen ab. Reiben Sie 1 TL Zitronenschale und pressen Sie den Zitronensaft aus, stellen Sie diesen beiseite. Die Gewürze, Thymian und Zitronenschalen werden dann vemischt. Reiben Sie den Lachs damit ein und stellen Sie ihn kalt.

Etwa 50 Minuten vor dem Servieren:

Heizen Sie den Ofen auf 160 Grad (Umluft 140 Grad) vor. Salzen und pfeffern Sie den Lachs und legen ihn mit der Hautseite nach unten auf ein Backblech (auf die Dauerbackmatte). Beträufeln Sie ihn mit etwas Öl und garen Sie ihn für 35-40 Minuten im Ofen. 15 Minuten vor Ende der Garzeit stellen Sie die Gemüserosen zum Aufbacken dazu.
Für die Sauce zerlassen Sie Butter, rühren das Mehl ein und schwitzen es an. Rühren Sie Fond und Sahne unter, lassen die Sauce aufkochen und 5 Minuten bei kleiner Hitze köcheln. Schmecken Sie die Sauce dann mit Meerrettich, Salz, Pfeffer, Muskatnuss und dem vorbereiteten Zitronensaft ab. Richten Sie jetzt alles schön an – Blätterteig-Sterne nicht vergessen.

 

Wir wünschen Ihnen – ob Gewürzlachs oder Gänsebraten auf dem Teller – einen guten Appetit. Vor allem aber ein glückliches und friedliches Weihnachtsfest im Kreise Ihrer Lieben und mit viel Zeit für Besinnlichkeit.

„Tag der Pflege und Betreuung. Oder: Warum die Vorbereitung dieser Veranstaltung besser ist als jede Team-Bildungs-Maßnahme“

Bereits seit 2012 heißt es in der Martin-Hoffmann-Straße einmal im Jahr „Herzlich willkommen zum Tag der Pflege und Betreuung“. Vor sieben Jahren entstand der Wunsch, die Türen des Pflegewohnheimes einmal zu öffnen. Die Mitarbeiter wollen zeigen, was in ihrem Haus für die Bewohnerinnen und Bewohner alles angeboten wird, und sich an so einem Tag einmal Zeit nehmen, um mit Angehörigen, Kollegen oder Kooperationspartnern ausführlichere Gespräche zu führen.

Die Mitarbeiter lassen ihrer Kreativität freien Lauf

Inzwischen ist aus dieser ersten Idee eine liebgewonnene Tradition geworden. Und alle im Haus legen sich mächtig ins Zeug. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wohnbereiche überlegen sich jeweils eigenständig, was sie auf ihren Etagen anbieten möchten. Um im Lauf der Jahre wurden sie dabei immer routinierter und mutiger.

In diesem Jahr gab es auf jeder Etage und auch im Garten etwas anderes zu sehen und vor allem zu probieren: So wurden die Besucher im Wohnbereich 3 mit philippinischen Nudeln, frisch frittierten Frühlingsrollen und Bananen mit Rohrzucker in Reispapier verwöhnt. Auch Spezialitäten aus Afghanistan, Polen, Sri-Lanka und vielen anderen Ländern warteten auf die Gäste – gleich beim Betreten des Hauses stieg allen der Duft von frisch gemachten Kartoffelpuffern in die Nase.

Streichelzoo statt falscher Hase

Neben kulinarischen Genüssen aus aller Welt konnten sich Bewohner und Gäste über zahlreiche Aktionen freuen: Die Kinder aus dem benachbarten Kindergarten kamen zum weihnachtlichen Vorsingen, Ballonkünstler verbreiteten gute Laune, Verkaufsstände und kleine Flohmärkte luden zum Stöbern ein, Smoothies sorgten für gesunde Erfrischung, das große Glücksrad lockte mit tollen Gewinnen, ein Drehorgel-Spieler lud zum Mitschunkeln ein. Ein ganz besonderes Highlight war wohl der Streichelzoo. „Ich war mir sicher, wir würden hier oben auf Pappaufsteller treffen. Dass hier tatsächlich echte Tiere ins Haus geholt werden, damit habe ich nicht gerechnet“, rief eine Angehörige erstaunt. Tatsächlich wurden die Gäste in der vierten Etage von Schafen, Meerschweinchen und Hasen begrüßt.
Für alle gab es in den Wohnbereichen viel zu entdecken und zu probieren und so verbreitete sich schnell eine fröhliche und lebendige Stimmung im ganzen Haus. Dass hier viel liebevolle Vorbereitung drinsteckte, war offensichtlich.

Ein solcher Tag schweißt zusammen

Schon Monate vor dem Tag der Pflege und Betreuung beginnen die Überlegungen und Planungen. Die letzten Wochen und Tage vor dem großen Ereignis sind dann, trotz über die Jahre gewonnener Routine, immer wieder  intensiv und aufregend für alle Kolleginnen und Kollegen. Es wird eingekauft und vorgekocht, gemeinsam mit den Bewohnern Obst und Gemüse geschnippelt und das ganz Haus geschmückt. Das geht Hand und Hand und schweißt zusammen.

Und so bedankt sich die Heimleitung Katrin Soltysiak bei ihrer Begrüßungsrede auch von Herzen bei ihrem tollen Team und verteilt große Präsentkörbe und Rosen an alle Wohnbereiche.

Gemeinsam einen solchen Tag auf die Beine zu stellen, das verbindet und stärkt den Team-Zusammenhalt wohl besser als jede Team-Bildungs-Maßnahme. Und diese gute Stimmung spüren dann auch alle Gäste.

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„Letzte-Hilfe-in-Berlin-Kurs“ – oder über die Gelegenheit, im Angesicht des Todes aufs Leben zu schauen!

Sterben: Ein ungewohntes Thema?

„Du gehst bitte wo hin?“ Das war die erste Reaktion meines Mannes, als ich ihm davon erzählte, dass ich am Wochenende zu einem „Letzte-Hilfe-Kurs“ gehen wollte. Und mit dieser Reaktion war er nicht alleine. Erste Hilfe, klar, diese Kurse kennt jeder. Letzte Hilfe aber klingt für Laien wie mich ersteimal befremdlich, wenig greifbar, vielleicht sogar beängstigend. Da das UNIONHILFSWERK diese Letzte-Hilfe-Kurse aber regelmäßig anbietet und ich das Thema wirklich spannend finde, habe ich mich also angemeldet und bin gespannt, was mich erwartet…

Die erste Überraschung erlebe ich dann noch vor dem Start des Seminars: Der Kurs findet im Bestattungsunternehmen Grieneisen statt, so viel hatte ich vorab gelesen.  Das Gebäude, vor dem ich morgens stehe, hat mit dem kleinen Schauraum voller Särge, das ich erwartet hatte, dann aber rein gar nichts zu tun. Da ist ein großes, helles und modernes Gebäude, mit Wasserplätschern und Steingarten im Foyer und automatischer Türöffnung.

Die erwartete Beklemmung bleibt also erst einmal aus – in kleinen Wellen kommt sie über den Tag dann aber doch: Zum Beispiel, als eine Teilnehmerin schon in der Vorstellungsrunde erzählt, wie sie in den letzten Jahren nacheinander beide Eltern verloren hat und warum sie hofft, dass sich da noch „einiges am System ändert“. Oder als ihre Sitznachbarin davon berichtet, dass ihr Lebenspartner schwer demenzkrank sei und sie sich „einfach so langsam vorbereiten“ müsse. Sie lässt den ganzen Tag ihr Handy nicht aus den Augen.
Zwei andere Teilnehmerinnen hingegen sind auf der Suche nach einem Ehrenamt. Für sie könnte der Letzte-Hilfe-in-Berlin-Kurs ein erster Schritt auf dem Weg zur Tätigkeit als Sterbebegleiterin sein. Alle Teilnehmer*innen des Kurses sind Laien wie du und ich, aber klar ist auch: Mit dem Thema Sterben haben wir alle unsere ganz eigenen Erfahrungen gemacht, ganz persönlich und individuell.

Letzte Hilfe – was ist das?

Letzte Hilfen sind laut Kursleiter Dirk Müller, Maßnahmen zur Hilfe bei lebensbedrohlichen Erkrankungen mit dem Ziel der Linderung von Leid und Erhaltung von Lebensqualität. Er stellt klar: „Auch wenn es schwer ist, geht es nicht darum, das bloße Überleben eines Angehörigen zu sichern, sondern darum, ihm das Gehen möglichst angenehm zu machen.“ Ausdruck findet das auch in dem bekannten Zitat von Cicley Saunders, die als Begründerin der modernen Hospizbewegung gilt: „Es geht darum, den Tagen mehr Leben zu geben, als dem Leben mehr Tage.“

Kein Wunder also, meint Dirk Müller, dass viele Angehörige sich bei einem Todesfall im Krankenhaus schlecht betreut fühlen: Ärzte sind schließlich dazu ausgebildet, zu heilen. Das ist in der Hospizbetreuung etwas ganz Anderes: Hier können die Patienten oft das erste Mal zur Ruhe kommen.

Wir leben und sterben individuell

Zu Beginn des Kurses lernen wir Grundlagen, erfahren was da eigentlich passiert, wenn man stirbt – sowohl körperlich, als auch psychisch und im sozialen Umfeld. Dirk Müller erklärt, dass Schmerz in verschiedenen Dimensionen empfunden werden kann (Stichwort: „Total Pain Concept“) und dass deswegen für einen Sterbenden mal eine höhere Dosis an Schmerzmitteln Erleichterung schafft, während bei dem nächsten das Gespräch mit dem Pfarrer helfen kann. „Und beides ist richtig“, betont er. „Denn jeder Mensch ist individuell und darf auf seine ganz eigene Weise gehen“.

Dann geht es um das Thema Vorsorge: Es ist wichtig, mit Angehörigen rechtzeitig über Wünsche und Ängste zu sprechen, aber auch festzulegen, wie das eigene Sterben eigentlich aussehen soll. Zentral ist hier die Vorsorgevollmacht, die ganz klar einen Zuständigen und Entscheidungsbefugten festlegt, für den Fall, dass selbst keine Entscheidungen mehr getroffen werden können. In Ergänzung ist auch die Patientenverfügung sinnvoll, in der vorab beispielsweise festgelegt werden kann, ob man künstlich beatmet werden will.

Dem Rotweintrinker seinen Rotwein

Nach der Mittagspause wird es dann praktischer: Was können wir konkret tun, um Sterbenden die letzten Tage so angenehm, wie möglich zu machen?  „Auch das ist individuell“, erzählt Dirk Müller und verweist schmunzelnd auf das Zitat einer alten Dame „Ich brauche keine Hilfe, ich will nur meinen gottverdammten Eierlikör!“.

Selbst wenn Sterbende nicht mehr trinken können, haben sie oft ein Durstgefühl. Außerdem nehmen sie meist noch Düfte, Geschmacksaromen oder Musik wahr. Warum also sorgen wir nicht für eine Atmosphäre, in der sie sich wohlfühlen? Damit das klarer wird, probieren wir es gleich aneinander aus: Die jeweiligen Sitznachbarn werden wahlweise mit Zitronen- (belebend), Mandel- (beruhigend) oder Lavendelöl (für mich einfach furchtbar!) eingecremt, die Lippen mit Wein, Sekt, O-Saft oder eben Eierlikör befeuchtet. Ich muss lächeln und denke an meine eigene Familie. Notiere: Rotwein auf die Lippen, frischgemahlenes Kaffeepulver unter die Nase und Roy Black auf die Ohren!

Einblicke in die Welt der Bestatter

Nach den Praxisübungen, die tatsächlich in fröhliches Miteinander übergegangen sind, steht dann der letzte Programmpunkt an: wir besichtigen das Haus der Begegnung von Grieneisen. Dominik Kleinen führt uns durchs Haus und bleibt direkt im Foyer stehen. Er erklärt, dass Wasserspiel und Steingarten nicht nur nett aussehen, sondern vor allem für eine beruhigende Atmosphäre sorgen sollen. Denn die Kunden, die hier herkommen haben in der Regel gerade einen Angehörigen verloren. Wir besichtigen einen „Abschiedsraum“, an der Wand große beleuchtete Bilder, die das offene Meer zeigen. Jeder Abschied ist hier anders.

Zum Schluss geht es in den Keller, zu den Särgen. Das leicht mulmige Gefühl verschwindet schon beim Betreten des Raumes: Hier riecht es nach Tischlerei! Klar, auch Särge müssen irgendwie gebaut werden. „Die Kunden haben natürlich die Wahl zwischen verschiedensten Modellen“, erzählt Dominik Kleinen. Klingt ein bisschen nach Autokauf, ist aber etwas, mit dem man sich auseinandersetzen sollte. Wie ein Sarg gebaut wird, lernen wir dann ganz praktisch und legen Hand an: Wir bringen selbst Griffe und Polsterungen an und bekommen alles genau erklärt. „Ich habe am Wochenende übrigens einen Sarg gebaut“ mag zwar zugegebenermaßen ziemlich befremdlich klingen. Dennoch: Ich kann behaupten, dass ein Sarg selbst jetzt absolut nichts Befremdliches oder aber Gruseliges mehr für mich ist.

Wissen, Wissen, Wissen

Ganz generell denke ich an diesem Abend: „Wissen ist tatsächlich Macht“ – auch in Verbindung mit dem Thema Sterben. Eigentlich ist das natürlich keine große Erkenntnis, für mich aber trotzdem ein Fazit für den Letzte-Hilfe-in-Berlin-Kurs. Denn um die Auseinandersetzung mit dem Tod kommt schließlich niemand von uns herum und insbesondere das Sterben von Angehörigen kann, so empfinde ich es, ein kleines bisschen leichter werden, wenn man sich vorab gut informiert.

Entlassen werden wir am Nachmittag mit den unterschiedlichsten Gedanken: „Viele sagen ja, man solle vom Tod aus auf das Leben schauen“, sagt Dirk Müller. „Hätte ich doch mal… doch noch das neuste Handy gekauft! ist nur ganz selten der letzte Gedanke eines Sterbenden. Also: Was macht das Leben eigentlich lebenswert?“

Informationen zum aktuellen Kursangebot und zum Thema Stebebegleitung finden Sie hier.