Monthly Archives: November 2022

Zurück zu den Wurzeln: Hilfen für geflüchtete Menschen

Das Unionhilfswerk und seine Erfahrung sind gefragt

Anfang 2014 wendten sich das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales und das Bezirksamt Treptow-Köpenick an das Unionhilfswerk. Sie suchten nach Unterstützung bei der Unterbringung von Flüchtlingen. Für das Jahr 2014 rechneten sie mit etwa 6.000 zusätzlichen Geflüchteten, die in Berlin untergebracht und versorgt werden müssen. Das Unionhilfswerk schien ihnen hierfür ein geeignete*r Partner*in zu sein, denn es verfügte über langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Wohnungslosen und der Betreibung von Wohnheimen. Die Standards für die Unterbringung waren ähnlich. Das Unionhilfswerk war somit auf seine neue Aufgabe gut vorbereitet.

 

Fremdenhass und Willkommenskultur in Berlin-Rahnsdorf

Klare Botschaft: Alle sind in Rahnsdorf willkommen!

Im Herbst 2014 begannen Umbauarbeiten an der Fürstenwalder Allee in Berlin-Rahnsdorf: In einem leerstehenden Bürogebäude soll eine Flüchtlingsunterkunft entstehen. Ihr Träger: Das Unionhilfswerk. Bald tauchten in den sozialen Medien erste Meldungen auf, mit denen versucht wurde, gegen die Flüchtlinge, die nach Rahnsdorf kommen sollen, Stimmung zu machen. Die Nachrichten stammten von einer Gruppe, die sich „Rahnsdorfer Widerstand“ nannte. Sie lud bald auch zu Informationsveranstaltungen ein, von denen sie jeden ausschloss, der nicht ihre fremdenfeindliche Haltung verrat. Viele Rahnsdorfer*innen wollten das nicht auf sich sitzen lassen: Sie gründeten den „Unterstützerkreis Rahnsdorf“ mit dem Ziel, „eine Willkommenskultur zu schaffen“, erinnert sich Bärbel Gehrlein, eines der Gründungsmitglieder. „Das hat wirklich alle unter einem Oberziel vereint, so unterschiedlich wir auch waren.“ Die örtliche Kirchengemeinde unterstützte die Initiative, indem sie Räume zur Verfügung stellte und ein Spendenkonto einrichtete.

 

Flüchtlinge ziehen in Rahnsdorf ein

Für das Jahr 2015 werden mittlerweile 25.000 Flüchtlinge in Berlin erwartet. 150 von ihnen zogen im September in die Rahnsdorfer Unterkunft des Unionhilfswerk ein. Hier gibt es 74 Zimmer, die zum Teil speziell für Familien und behinderte Flüchtlinge eingerichtet wurden. Das Haus verfügt außerdem über mehrere Gemeinschaftsküchen, eine Waschküche, einen Veranstaltungsraum, Spiel- und Unterrichtszimmer. Das Unionhilfswerk konnte sich über eine große Hilfsbereitschaft der Rahnsdorfer*innen freuen: Der Unterstützerkreis war mittlerweile auf über 200 Mitglieder angewachsen, von denen viele aktiv mit anpacken wollten. Das passierte auf ganz unterschiedliche Weise: Für die Kinder der Flüchtlingsunterkunft wurden Hausaufgabenhilfen angeboten, andere Freiwillige organisierten Kleiderspenden, gaben Deutschunterricht oder dolmetschten für die Flüchtlinge bei Ärzten und Behörden.

 

Die Flüchtlingsarbeit wird professionalisiert

Hand in Hand: Mitarbeiter*innen und Freiwillige ermöglichen Angebote zur Integration von Geflüchteten

Mehr als zehn Prozent der Deutschen engagierten sich während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ in über 15.000 neu gegründeten Projekten und Initiativen. Das war insbesondere in Berlin eine große Hilfe. Hier waren die Behörden besonders stark überlastet. Das Unionhilfswerk eröffnete in der Folgezeit noch zwei weitere Gemeinschaftsunterkünfte für gefüchtete Menschen in Pankow und Lichtenberg. Mit der Zeit wurde die Arbeit des Unterstützerkreises Rahnsdorf rund um das Flüchtlingsheim, aber immer weniger gebraucht. Die Bewohner konnten nun offiziell anerkannte Sprachkurse besuchen. Manche von ihnen fanden schon bald eine Arbeit und begaben sich anschließend auf Wohnungssuche. Die Mitarbeiter*innen des Unionhilfswerk unterstützten sie dabei. Heute ist der Unterstützerkreis Rahnsdorf nicht mehr aktiv. Zwischen manchen freiwilligen Helfern und ehemaligen Bewohnern der Unterkunft haben sich aber Freundschaften entwickelt, die bis heute bestehen.

 

Plötzlich eine neue Unterkunft – Hilfe für Menschen aus der Ukraine

Innerhalb weniger Tage nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges helfen zahlreiche Unionhilfswerker*innen bei der Aufnahme von Geflüchteten in einer neuen Unterkunft

Seit der Eröffnung der Gemeinschaftsunterkünfte für geflüchtete Menschen hat sich die Arbeit des Unionhilfswerk in diesem Bereich immer weiter professionalisiert – sowohl hauptamtlich als auch ehrenamtlich. „Hier sind wir mit unseren Dienstleistungen im besten Sinne „Wegbegleiter“ und arbeiten im Verbund mit hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeitern am Ebnen von persönlichen Wegen“, sagt Ulrike Hinrichs, die seit 2018 den Fachbereich geschäftsführend leitet. Im Lauf der Zeit wurden die zwei Unterkünfte in Pankow und Lichtenberg an andere Träger übergeben und in diesen Fachbereich schien etwas Ruhe einzukehren – bis zum 24. Februar 2022, als Russland einen Angriffskrieg auf die Ukraine startete. Innerhalb weniger Tage wurden die Pläne für eine Notunterkunft im Rahmen der Kältehilfe in einem ehemaligen Friedrichshainer Hotel umorganisiert. Während schon tausende geflüchtete Menschen aus der Ukraine in Berlin ankamen, eröffnete das Unionhilfswerk bereits am 1. März 2022 in dem Hotel eine Erstaufnahmeeinrichtung für bis zu 300 Menschen. Ohne die professionalisierten Strukturen und die gesammelten Erfahrungen aus den vergangenen Jahren wäre dies so schnell nicht umzusetzen gewesen. Die große Solidarität mit den Ukrainern und Ukrainerinnen war auch im Unionhilfswerk spürbar. Zahlreiche Menschen meldeten sich über alle Kanäle, um freiwillig zu helfen. Auch Mitarbeiter*innen aus dem Unternehmensverbund halfen nach der Arbeit oder an den Wochenenden in der Einrichtung, um Zimmer vorzubereiten, Frühstück auszugeben oder die Ankommenden zu begrüßen. Von überall kamen Sach- und Geldspenden, um die geflüchteten Menschen zu unterstützen. Wie schon von 75 Jahren zeigte sich hier, wie wichtig die Initiative von Freiwilligen für den Zusammenhalt in der Gesellschaft gerade in Krisensituationen ist und welchen Wert dieses Engagement für das Unionhilfswerk auch in Zukunft hat.

Unionhilfswerker*in: Jelena Schmidt

Name: Jelena Schmidt

Alter: 41

Beruf: Mitarbeiterin für Verwaltung und Veranstaltungsmanagement im Freiwilligenmanagement

 

Was genau machen Sie da?

Alles was irgendwie mit der Verwaltung und Anerkennungskultur für die freiwilligen Mitarbeiter*innen zu tun hat. Das reicht vom Ausstellen von Engagement-Bescheinigungen über Organisation verschiedenster Veranstaltungen bis zur Zuarbeit für neue Fördermittelanträge.

 

Was mögen Sie am liebsten an Ihrem Beruf?

Die Menschen, die Vielfältigkeit und den Überraschungseffekt. Die Tage verlaufen selten wie vorab geplant und ich führe oft interessante Gespräche.

 

Was wollten Sie werden, als Sie klein waren?

Das wechselte je nach Stimmung zwischen Archäologin und Autorin.

 

Was ist das Schrägste, was Ihnen bisher in Ihrem Berufsleben passiert ist?

Bevor ich beim Unionhilfswerk angefangen habe, war ich u.a. in der Denkmalpflege tätig. Ich habe einen sehr surrealen Nachmittag lang mit Kollegen in einem alten Keller aufgemessen. Es gab so viele Spinnweben, dass man den Eindruck hatte, durch Nebel zu sehen und in großen Teilen konnten wir uns nur auf den Knien fortbewegen. Heute ist meine Arbeit auf jeden Fall bequemer.

 

Welche Tätigkeit beherrschen Sie neben dem Job so gut, dass man Sie dafür bezahlen würde?

Kuchen backen und Socken stricken

 

Am Wochenende mache ich am liebsten…?

Ein richtig gutes Buch lesen und das Berliner Kulturangebot nutzen, gerne mit Freunden.

 

Was ist Ihr Lieblingsplatz/-ort?

Meine Leseecke.

 

Auf welchen Luxus könnten Sie verzichten?

Das Handy. Ich muss nicht immer erreichbar sein.

 

Sie dürfen drei Gegenstände mit auf eine einsame Insel nehmen. Welche wären das?

Mein E-Book-Reader, eine Solarpowerbank und ein Taschenmesser.

 

Wenn Sie eine Zeitmaschine hätten, zu welcher Zeit hätten Sie gern gelebt?

Während der Weimarer Republik. Sicher keine leichte Zeit, aber eine, die große Auswirkungen auf unsere heutigen Wertvorstellungen hatte und einige sehr interessante Künstler hervorgebracht hat.

 

Was sollte jeder Mensch einmal im Leben getan haben?

Einfach mal völlig spontan „Ja“ sagen. Man weiß nie, was passieren kann.

 

Welche Superkraft hätten Sie gern: Unsichtbar sein können, Gedanken lesen oder fliegen?

Ganz klar fliegen. Super für meinen CO2-Fussabruck und ich wäre gerne in der Lage, nach Wunsch aus einer anderen Perspektive auf das Leben zu schauen.

 

Zum Schluss: Wen möchten Sie bei der Gelegenheit grüßen?

Meine Kollegen und die „Truppe“ (solltet ihr dies lesen, fühlt euch angesprochen!).

„Jede*r wächst an einem freiwilligen Engagement.“ – Das Ehrenamtsbüro Reinickendorf

Im Jahr 2020 erhielt die Stiftung den Auftrag, als Trägerin des Ehrenamtsbüros Reinickendorf hauptamtliche Strukturen einzuführen und das bisher rein ehrenamtlich gestaltete Projekt qualitativ weiterzuentwickeln. Dazu gehören bundesweit bewährte Beratungsstandards, die Arbeit mit einer Vermittlungsdatenbank, die Öffentlichkeitswirksamkeit durch eine eigene Webseite und die Etablierung einer erkennbaren Marke für Reinickendorf.
Auch wenn Corona in den vergangenen Jahren ganz besondere Herausforderungen mit sich brachte, haben Ralf-René Gottschalk und das Team der ehrenamtlich und freiwillig Tätigen den Traditionsstandort im Rathaus Reinickendorf inzwischen vorangebracht und den zusätzlichen Standort in Tegel seit November 2020 erfolgreich etabliert.

Die Aufgaben sind vielfältig

Hauptsächlich geht es darum, die am Engagement interessierten Menschen zu beraten. Ist Ehrenamt etwas für mich? Welches Einsatzfeld könnte passen? Bin ich beim Engagement unfallversichert? Erhalte ich eine Engagementbestätigung für meinen Lebenslauf? Was mache ich, wenn ich Fragen habe oder Hilfe brauche?
„Wir geben Informationen, beantworten Fragen und beraten die Menschen in Reinickendorf“, so Ralf-René Gottschalk. „Wir schauen dabei nicht nur auf die vorhandenen Ressourcen der Menschen, sondern auch auf die Potenziale der Interessierten. Denn viele Menschen entwickeln sich während ihres Engagements weiter und lernen dazu.“ Deshalb sind insbesondere auch junge Menschen in der Ausbildung sowie Menschen mit Fluchterfahrung wichtige Zielgruppen. Sie können durch ein Engagement ihre Selbstwirksamkeit zu stärken und weiterentwickeln.

„Wir möchten zeigen, was Engagement alles kann. Man hilft anderen, ja. Aber man hat auch selbst ganz viel davon. Engagement steigert die eigene Zufriedenheit, das hören wir immer wieder. Es ist immer ein Geben und Nehmen“, erklärt Ralf-René Gottschalk.

Das ehrenamtliche Beratungsteam informiert die Freiwilligen und Ehrenamtlichen auch zu Qualifizierungs- und Fortbildungsangeboten, die unter anderem in Kooperation mit der Volkshochschule Reinickendorf kostenfrei angeboten werden.
„Fit fürs Ehrenamt“ bietet dazu Workshops und Seminare an: „Konflikte lösen“, „Selbstfürsorge“, „Umgang mit Populismus“ oder „Vorurteile bei mir selbst erkennen“ sind nur einige der möglichen Themen, die für Freiwillige spannend und erkenntnisreich sind und ihnen mehr Sicherheit und Zufriedenheit im Engagement geben können.

 

Die andere Seite: Organisationen, Projekte & Einsatzstellen

Auf der anderen Seite werden Organisationen, Einsatzstellen, Projekte und Initiativen dabei beraten, wie sie freiwilliges Engagement nutzen oder, wenn sie bereits mit Freiwilligen arbeiten, Strukturen verbessern können.
„Dabei ist die Abgrenzung zur sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit wichtig. Soziales Engagement kann und soll Hauptamt nicht ersetzen, sondern es unterstützend und ergänzend begleiten“, so Ralf-René Gottschalk.
Anerkennung und Wertschätzung im Ehrenamt tragen dazu bei, Freiwillige nachhaltig im Engagement zu halten. Von der handschriftlichen Geburtstagskarte und regelmäßigen Freiwilligentreffen bei Kaffee, Tee und Keksen, über den Berliner Freiwilligenpass bis hin zur Ehrenurkunde – vieles ist möglich, um aufrichtig „Danke“ zu sagen. Und es ist wichtig.

 

Netzwerken, Koordination und Finanzierung

Die hauptamtlichen Kolleg*innen des Ehrenamtsbüros sind ebenso für den Aufbau und die Pflege einer gelingenden Netzwerkarbeit zuständig. Sie machen sich stark für bürgerschaftliches Engagement und Unternehmensengagement, machen Lobby-Arbeit und engagieren sich in diversen Interessenvertretungen und Gremien im Bezirk und auf Landesebene.

Öffentlichkeitsarbeit ist eine der wichtigen Querschnittsaufgaben, um die gesellschaftlich wichtige Wirkung des freiwilligen Engagements nachhaltig sichtbar zu machen.

Des Weiteren gehören die Koordination und Organisation des Teams sowie die Finanzierung des Projekts zu den hauptamtlichen Aufgaben. Das Projekt ist über Mittel des Bezirks und Senats basisfinanziert. Daher müssen regelmäßig zusätzliche Finanzmittel beantragt und Verhandlungen mit möglichen Auftrag- und Zuwendungsgebern geführt werden.

So wurde beispielsweise das Projekt „AWEB – Alles Was Es Braucht“ durch die Mittel der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin ermöglicht. Das Projekt spricht Menschen mit Fluchterfahrungen an und ermöglicht über ein freiwilliges Engagement mehr Teilhabe und Beteiligung an der Gesellschaft. Seit Juni 2022 entwickelt Abdullah Al Jonaid das AWEB-Projekt mit einer vollen Stelle als Projektkoordinator. Seit Anfang November unterstützt Adam Mostek im Rahmen seines Bundesfreiwilligendienstes wichtige Aufgabenbereiche im Projekt.

 

Einzig beständig ist der Wandel

„Flexibilität im Umgang mit krisenhaften Situationen gehört zum Tagesgeschäft einer Freiwilligenagentur, so auch zum Ehrenamtsbüro Reinickendorf“, erklärt Ralf-René Gottschalk. Aufgrund der Pandemie wurde im April 2020 die Corona-Hilfe-Hotline-Reinickendorf aufgebaut und bis zum September 2021 aufrechterhalten. Seit März 2022 beteiligt sich das Ehrenamtsbüro Reinickendorf an der berlinweiten Ukraine-Hilfe-Vermittlungsdatenbank, die das freiwillige Engagement der Berlinerinnen und Berliner mit den Hilfebedarfen der geflüchteten Menschen zusammenbringt. Aktuell diskutieren die zwölf bezirklichen Freiwilligenagenturen und Ehrenamtsbüro darüber, wie sie sich mit ihren Kompetenzen bei dem Aufbau und der Unterstützung des Berliner Wärmenetzwerks einbringen können.

„On – Off – On- Off“, so antwortet Ralf-René Gottschalk auf die Frage, wie Corona die Arbeit des Ehrenamtsbüro Reinickendorf beeinflusst hat und es noch tut.
Es gab und gibt einen steten Wechsel zwischen telefonischen Beratungen einschließlich Video-Chats und Präsenzberatungen. Nichts war vorausschauend planbar, da auch viele Angebote für freiwilliges Engagement schließen oder pausieren mussten. Ebenso sind viele öffentlichen Veranstaltungen und Feste in 2020 und 2021 ausgefallen, die für die Öffentlichkeitsarbeit einer Freiwilligenagentur wichtig sind. Seit März 2022 finden nun wieder regelmäßig persönliche Engagementberatungen in Präsenz an beiden Standorten statt.

Auch Veranstaltungen konnten im zweiten Halbjahr 2022 endlich wieder in Präsenz zuverlässig geplant und umgesetzt werden, beispielsweise die Berliner Freiwilligentage oder die interkulturelle Woche, der „Tag des offenen Rathauses“, Kiezfeste und Informationsabende. Diese Anlässe sind wichtig und notwendig für eine erfolgreiche Netzwerkarbeit und die öffentlichkeitswirksame Engagement-Werbung.

„Das versüßt uns gerade definitiv den Tag“, lacht Ralf-René Gottschalk. „Endlich wieder analog und ganz in echt Gespräche zu führen, sich auszutauschen, Ideen zu entwickeln und sich dabei von Angesicht zu Angesicht zu begegnen – das hat uns sehr gefehlt und das genießen wir nunmehr sehr.“

 

Und in Zukunft?

„Junges Engagement“ soll in den kommenden Jahren einen weiteren Aktions- und Mitmachraum des Ehrenamtsbüros bilden. „Wir möchten mehr junge Menschen zwischen dem 14. und 29. Lebensjahr erreichen und für ein Engagement gewinnen. Dafür ist eine Ansprache auf Augenhöhe und auf den richtigen Kanälen wichtig“, so Ralf-René Gottschalk.

„An dieser Stelle möchte ich meinen ganz herzlichen Dank an das tolle, hochmotivierte und tatkräftig engagierte ehrenamtliche Beratungsteam zum Ausdruck bringen. Mit ihrem zuverlässigen und verbindlichen Einsatz machen sie es möglich, dass wir gemeinsam das Gesamtkonzept des Ehrenamtsbüros Reinickendorf so erfolgreich umsetzen können.“

„Schlimm ist, wenn man denkt, alles zu wissen und man sich nicht mehr selber reflektiert“

Wieso braucht es jetzt ein Gewaltpräventionskonzept?

Neben den gesetzlichen Vorgaben wünschten sich die Geschäftsführung und viele USE-Mitarbeiter einen einheitlichen, konsequenten Umgang mit Grenzverletzungen und Gewalt im Unternehmen. Alle sollen eine Arbeitsatmosphäre vorfinden, in der sie sich sicher, wohl und geschützt fühlen.

Wer hat daran mitgewirkt und wie haben Sie es sich erarbeitet?

Als wir mit der Arbeitsgruppe Ende 2019 starteten waren wir eine kleine inklusive Arbeitsgruppe, bestehend aus der Frauenbeauftragen, Vertretern des Werkstattrats und des Betriebsrats, der Personalabteilung und mir. Unterstützt wurden wir von Sascha Omidi, der als Fachberater für Gewaltprävention für die LAG WfbM Berlin e.V. tätig ist.
Leider machte uns Corona einen Strich durch die Rechnung. Treffen in großer Runde waren nicht mehr möglich, so dass wir das Konzept zu dritt fertig stellten.

Zunächst haben wir uns angeschaut, welche Vorfälle es in der USE gab. Und wir schauten uns verschiedene, bestehende Konzepte zum Gewaltschutz an.

Unser Konzept besteht nun aus drei Säulen: 1. Präventionsmaßnahmen, damit Gewalt gar nicht erst entsteht, 2. Maßnahmen und Handlungsweisen im Umgang mit Vorfällen oder Verdachtsmomenten und 3. Nachsorgemaßnahmen.


Gab und gibt es Gewalt-Vorfälle in der USE oder ist dieses Konzept prophylaktisch?

Ja, es gab und gibt Gewalt-Vorfälle innerhalb der USE – wie in jedem Unternehmen. Aber diese Vorfälle wurden schon immer sehr ernst genommen. Trotzdem glauben wir, dass es wichtig ist, ein gleichmäßiges, konsequentes Vorgehen und eine separate Anlaufstelle zu haben – deshalb gibt es die Vertrauensstelle Gewaltprävention

 

Wie wird das Konzept nun ins Laufen gebracht, vor allem in die Köpfe der Mitarbeitenden und Beschäftigten?

Die Umsetzung ist eine große Herausforderung.  Zunächst haben wir wichtige Menschen und Schnittstellen einbezogen. Für die Vertrauensstelle Gewaltprävention haben wir eine inklusive Struktur gefunden: Sie besteht aus der Frauenbeauftragen, einem Vertreter des Werkstattrates, einer Vertreterin des Betriebsrates, einem Mitarbeiter des Arbeitsschutzes. Eine Kollegin aus der Personalabteilung und ich leiten die Vertrauensstelle.

Nach der Dokumentation stellen wir es in verschiedenen internen Gremien und Runden vor und verbreiten es über die Interne Kommunikation.
Niemand weiß Alles und das ist auch gar nicht schlimm. Schlimm ist, wenn man denkt, alles zu wissen und sich dann nicht mehr selbst reflektiert.

 

 

Gewaltprävention – die Hintergründe

Was ist Gewaltprävention?

Unsere Gesellschaft ist nicht frei von Gewalt. Es spielt keine Rolle, welche Herkunft jemand hat, zu welcher Schicht er gehört oder wie alt er ist. Gewalt kann überall vorkommen. Unter Gewalt versteht man alles, was eine Person absichtlich tut und in dessen Folge eine andere Person darunter leidet – also auch Beschimpfungen und Mobbing oder Gewalt im Internet.
Die Maßnahmen der Gewaltprävention sollen Menschen davor schützen, Täterinnen oder Täter bzw. Opfer zu werden.

Wen betrifft es?

Behinderte Menschen sind viel häufiger von Gewalt betroffen als nichtbehinderte Menschen. Besonders trifft es Frauen mit Lernschwierigkeiten, die in Einrichtungen leben: Mehr als die Hälfte hat körperliche Übergriffe erlebt und jede fünfte sexuelle Gewalt, belegen Studien.

Was tut die Politik?

Der Koalitionsvertrag kündigt auch eine Reform des Betreuungsrechts an.  Um behinderte Menschen besser vor Gewalt zu schützen, sollen noch mehr Gewaltschutzkonzepte in Einrichtungen kommen und barrierefreie Frauenhäuser gefördert werden. Gewalt nicht erst zu bekämpfen, wenn sie passiert, sondern sie möglichst zu verhindern, ist ein Grundsatz moderner Sozialpolitik.

Ein Geben und Nehmen – Wandel im freiwilligen Engagement

Traditionelles Ehrenamt auf dem Rückzug

Heute werden die Begrifflichkeiten oft verwischt, doch lange Zeit war klar: Ein „Ehrenamt“ im Unionhilfswerk zu haben bedeutete, sich freiwillig mit einem gewählten Mandat innerhalb der Vereinsstruktur zu engagieren, etwa als Bezirks- oder Landesvorsitzende*r, als Schatzmeister*in oder Beiratsmitglied. Freiwilliges Engagement spielte sich hauptsächlich in den Bezirksverbänden ab, wo sich die Vereinsmitglieder in der Nachbarschaftshilfe, der Unterstützung älterer, einsamer Menschen, der Organisation von Bastelgruppen oder Ausflugsfahrten einbrachten. Doch ab den 90er Jahren verzeichnete das Unionhilfswerk einen stetigen Mitgliederrückgang. Es fehlte an Nachwuchs. Auch andere Wohlfahrtsverbände standen vor diesem Problem, ebenso große Institutionen wie Kirchen, Parteien oder Gewerkschaften.

Wir wollen mitgestalten! „Neue Freiwillige“ auf dem Vormarsch

Atomkraft – Nein, danke!: Viele Menschen enagieren sich in den 70er und 80er Jahren freiwilligen in Umweltintitiativen. (Foto: Suyk Koen via wikimedia commons)

Bereits in den 1970er und 1980er Jahren war in Westdeutschland von einer „Krise des Ehrenamts” die Rede. Diese „Krise” wurde jedoch weniger durch einen allgemeinen Rückgang des ehrenamtlichen Engagements ausgelöst als vielmehr durch dessen Strukturwandel: Ehrenamtliches Engagement verlagerte sich von den großen Verbänden weg zu kleineren Projekten der Frauen-, Gesundheits- oder Umweltbewegung und zeitlich befristeten Bürgerinitiativen. Werte wie christliche Nächstenliebe verloren für viele Menschen an Bedeutung. Individualisierung und Wertewandel brachten mit sich, dass sich die Erwartungen der sogenannten „neuen Freiwilligen” an die ehrenamtliche Tätigkeit veränderten: Sie wollten mitgestalten, sich selbst verwirklichen, eigene Ideen einbringen. Es ging ihnen um ein Geben und Nehmen statt Selbstaufgabe. Flexibilität, eine eher lockere Bindung an eine Organisation sowie eine zeitliche Befristung des Engagements erhielten einen höheren Stellenwert. Die Strukturen eines formal organisierten Ehrenamts erschienen vielen jüngeren Menschen zu starr und galten ihnen daher eher als unattraktiv.

Wertschätzend und individuell begleitend: Professionelles Freiwilligenmanagement

Begleitung von jungen Menschen: Seit 2009 gibt es Mentoring-Projekte im Unionhilfswerk

Das Unionhilfswerk reagierte auf diese Veränderungen und stellte die Freiwilligenarbeit auf neue Füße. Die Idee: Das weiterhin wichtige langfristige Vereinsengagement durch zeitlich begrenzte Einsätze ergänzen und den Interessierten einen zentralen Ansprechpartner für das freiwillige Engagement zur Verfügung stellen. Zu diesem Zweck wurde die Stelle eines „Koordinators für Freiwilligenmanagement“ eingerichtet und zum 1. April 2003 mit Daniel Büchel besetzt, der bereits seit 1999 für das Unionhilfswerk tätig war. Die Einrichtung eines Freiwilligenmanagements bedeutete einen Meilenstein in der Geschichte des Unionhilfswerks. Doch die neu geschaffene Stelle war nur der Anfang. Im Laufe der Zeit wurde die Freiwilligenarbeit immer weiter professionalisiert. Freiwillige beteiligten sich bereits an der Entwicklung neuer Freiwilligenprojekte wie dem Jugend-Mentoring-Bereich. Leitlinien wurden ausgearbeitet und den veränderten Bedürfnissen der Freiwilligen Rechnung getragen. Ihre individuellen Erwartungen werden seitdem in einem ersten Gespräch herausgearbeitet: Wie kann ich mich auf sinnvolle Art und Weise einbringen? Welches Aufgabenfeld passt zu mir? Welche Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten habe ich? Nachdem ein passendes Betätigungsfeld gefunden ist, werden die genauen Aufgaben und die Rahmenbedingungen des Engagements wie etwa Aufwandsentschädigung, zeitlicher Umfang, feste Ansprechpartner*innen vor Ort, Fortbildungsmöglichkeiten etc. verbindlich und transparent vereinbart. Außerdem wurden Möglichkeiten entwickelt, sich zuerst einmalig bei Schnupper-Engagements einzubringen und es wurde eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung etabliert So finden beispielsweise regelmäßig Dankeschön-Feiern und -Fahrten statt, den Freiwilligen wird auf Augenhöhe begegnet und sie werden beteiligt.

Das Engagement erfolgte zunehmend projektbezogen. Die Veränderungen zeigten Wirkung: Die von den Freiwilligen geleisteten Zeitspenden stiegen rasant. Allein in den gemeinnützigen Gesellschaften hatte sich die Zahl der Zeitstunden von 3.700 im Jahr 2003 auf 68.300 im Jahr 2016 erhöht. Das Unionhilfswerk hatte den richtigen Weg eingeschlagen. Mit Gründung der „Stiftung Unionhilfswerk Berlin“ 2015 wurde die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements zum Stiftungszweck. Die zentrale Bedeutung des freiwilligen und ehrenamtlichen Engagements für das Unionhilfswerk und die Gesellschaft wurde damit in den Mittelpunkt der Unternehmensträgerstiftung gestellt.

Engagement für Jung oder Alt – je nach Interesse

Engagement Spezial: Interessengemeinschaften bündeln frewilliges Engagement zu einem Thema

Um Menschen mit gleichen Interessen zusammenzubringen, für die die Mitgliedschaft in klassischen Vereinsstrukturen bisher keine Option war, wurden zusätzlich zu den bestehenden regionalen Bezirksverbänden des Landesverbands Interessengemeinschaften gegründet. Diese bündeln bestimmte Themen und ermöglichen ein gezieltes Engagement. 2013 nahmen die Interessengemeinschaft „Palliative Geriatrie“, die die Bedürfnisse hochbetagter und demenziell erkrankter Menschen in den Mittelpunkt rückt, sowie die Interessengemeinschaft „Förderung junger Menschen“, die sich für benachteiligte junge Menschen mit und ohne Behinderungen einsetzt, ihre Arbeit auf. 2016 wurde die Interessengemeinschaft „Montessori-Kinderhaus Lissabonallee“ gegründet, die auf vielfältige Weise das Kinderhaus Lissabonallee unterstützt. Durch die Interessengemeinschaften wurde vielen der Einstieg in ehrenamtliches Vereins-Engagement erleichtert.

Barrierearm und inklusiv: Visionen für die Zukunft

Und was bringt die Zukunft? Die Mitarbeiter*innen des Freiwilligenmanagements haben sich zum Ziel gesetzt, freiwilliges Engagement für größere Kreise interessant zu machen: „Wir wollen noch barrierefreier werden. Egal, welche kulturellen Orientierungen, welche Fähigkeiten jemand hat – jeder soll sich engagieren können. Die Engagementbereiche sollen auch inklusiver werden, so dass sich Betroffene selbst als Erfahrungsexperten einbringen können. Zum Beispiel psychisch kranke Menschen, die mit ihrer Erfahrung andere Menschen mit Beeinträchtigungen bei Freizeitaktivitäten begleiten”, sagt Daniel Büchel, der bis heute das Freiwilligenmanagement mit seinem Team leitet. Seine „Vision ist es, für diese Vielfalt einen professionellen Rahmen zu schaffen und stetig weiterzuentwickeln, damit Räume für diese wertvollen Begegnungen zwischen Generationen, Kulturen und Orientierungen vorhanden sind. Das ist das, was die Gesellschaft zusammenhält. Und wenn wir einander kennen und füreinander da sind, wirken wir Isolation, extremistischen und antidemokratischen Tendenzen entgegen.“

 

Im nächsten und letzten Beitrag zur Geschichte des Unionhilfswerks erfahren Sie, wie es dazu kam, dass das Unionhilfswerk nach fast 70 Jahren zu seinen Wurzeln zurückgekehrte.