Monthly Archives: Juni 2026

Woche der Einsamkeit: Warum Gemeinschaft mehr ist als nur Zusammensein

 

Einsamkeit hat viele Gesichter

Eine volle U-Bahn, belebte Straßen, Cafés und Parks voller Menschen – und trotzdem fühlen sich viele Berlinerinnen und Berliner allein. Einsamkeit ist längst kein Randthema mehr. Sie betrifft Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Lebenssituationen. Nach dem Verlust nahestehender Menschen, nach einem Umzug, im Alter oder auch mitten im Berufsleben kann das Gefühl entstehen, nicht mehr dazuzugehören.

Dabei bedeutet Einsamkeit weit mehr, als allein zu sein. Sie entsteht dort, wo Beziehungen fehlen, die Halt geben, zuhören und das Gefühl vermitteln: Ich gehöre dazu.

Gerade deshalb gehört das Thema für das Unionhilfswerk zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Jeden Tag begleiten unsere Mitarbeitenden und Freiwilligen Menschen in Berlin – in der Pflege, der Eingliederungshilfe, der Kinder- und Jugendhilfe, in Nachbarschaftseinrichtungen und vielen weiteren Angeboten. Dabei erleben wir immer wieder, wie wichtig soziale Beziehungen und Teilhabe für Lebensqualität und Gesundheit sind.

 

Gemeinschaft entsteht nicht zufällig

Einsamkeit lässt sich nicht einfach „wegreden“. Sie braucht Räume, in denen Menschen sich begegnen können – ohne Hürden, ohne Erwartungen und möglichst regelmäßig. Solche Orte gibt es im Unionhilfswerk bereits an vielen Stellen: in Gruppenangeboten, beim Ehrenamt oder bei Freizeitaktivitäten.

 

Mehr als ein Sportangebot

Wie wertvoll solche Begegnungen sein können, zeigt eine Sportgruppe in unserem F1 Stadtteilzentrum am Mehringplatz.
Seit 13 Jahren treffen sich dort jeden Dienstag rund 15 Menschen zwischen 60 und 85 Jahren. Viele von ihnen leben allein oder haben Menschen verloren, die ihnen nahestanden. Gemeinsam verbringen sie zunächst eine Stunde mit Bewegung. Danach sitzen sie oft noch mehrere Stunden bei Kaffee und Kuchen zusammen, feiern Geburtstage oder grillen gemeinsam. Selbst wenn der Sporttrainer einmal verhindert ist, fällt der Dienstag nicht aus – die Gruppe trifft sich trotzdem. Denn längst geht es um weit mehr als Sport.

Als die Teilnehmenden gefragt wurden, was ihnen dieser Dienstag bedeutet, waren die Antworten eindeutig:

„Der Dienstag bedeutet mir sehr viel. Da freue ich mich die ganze Woche drauf.“

„Ich bin nicht mehr so allein.“

„Wir machen Bewegung und haben jemanden zum Reden.“

Diese Aussagen zeigen eindrucksvoll, worauf es ankommt: Verlässlichkeit, Gemeinschaft und das Wissen, Teil einer Gruppe zu sein. Oft sind es genau diese regelmäßigen Begegnungen, die Einsamkeit wirksam entgegenwirken.

 

Gemeinsam mehr Wir

Unter dem Motto „Gemeinsam mehr Wir“ zeigen wir während der aktuellen Woche der Einsamkeit, was in vielen unserer Einrichtungen bereits geschieht, um Einsamkeit vorzubeugen oder zu lindern: Menschen kommen zusammen, hören einander zu und erleben Gemeinschaft. Gleichzeitig wissen wir, dass noch immer viele Menschen von diesen Angeboten nicht erreicht werden oder bislang kein passendes Angebot finden. Deshalb wollen wir bestehende Angebote sichtbarer machen und dort neue Zugänge schaffen, wo Menschen bislang noch nicht erreicht werden.

Wir haben auf unserer Website eine neue Informationsseite eingerichtet, auf der wir Hintergründe zu Einsamkeit, Unterstützungsmöglichkeiten und Beispiele aus unserer Arbeit vorstellen. Begleitend dazu erzählen wir auf unseren Social-Media-Kanälen Geschichten von Menschen, Projekten und Begegnungen – ganz konkret und mitten in Berlin.

Die Aktionswoche markiert dabei den Auftakt zu einer langfristigen Initiative, mit der wir das Thema Einsamkeit stärker in den öffentlichen Fokus rücken möchten. Ziel ist es, neue Zugänge zu schaffen und Menschen zu ermutigen, Unterstützung anzunehmen oder selbst Teil einer Gemeinschaft zu werden.

Denn Einsamkeit ist kein individuelles Versagen. Sie ist eine gesellschaftliche Herausforderung – und wir können ihr nur gemeinsam begegnen.

 

Begegnung beginnt mit einem offenen Miteinander

Gemeinschaft wächst dort, wo Menschen einander Zeit schenken, zuhören und sich willkommen fühlen. Dafür engagieren wir uns im Unionhilfswerk – jeden Tag, in ganz Berlin.
Die Woche der Einsamkeit erinnert uns daran, wie wichtig solche Orte sind. Und daran, dass manchmal schon ein regelmäßiger Dienstag genügt, damit aus einem „Ich“ wieder ein „Wir“ wird.

 

Musik, die verbindet: Die Berliner Philharmoniker zu Gast in unseren Einrichtungen

Ein Konzert mitten im Alltag

Am 30. Mai 2026 verwandelte sich unsere Kontakt- und Beratungsstelle (KBS) in der Waldemarstraße in einen Konzertort der besonderen Art. Vier Musiker*innen der Berliner Philharmoniker waren zu Gast und gestalteten ein rund 40-minütiges Mittagskonzert, das viele Besucherinnen nachhaltig beeindruckte.
Die Kontakt- und Beratungsstellen richten sich an Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und ihre Angehörigen: Sie bieten kostenfreie, unverbindliche Unterstützung im Alltag und schaffen Räume für Begegnung und neue Kontakte – ein wichtiges Angebot mitten in der Stadt.
Das Konzert fand im Rahmen des VeloStage-Formats statt – einem mobilen Bühnenkonzept, bei dem die Musiker*innen in Berliner Kieze und Einrichtungen kommen. In der KBS selbst wurde bewusst auf die mobile Bühne verzichtet: Die Musik fand direkt in den Räumen statt und schuf so eine besonders unmittelbare und persönliche Atmosphäre.

 

Musik zum Mitmachen und Erleben

Eröffnet und begleitet wurde die Veranstaltung von Einrichtungsleiterin Lucie Frütel. Durch das Programm führte Annika Schmitz, Senior Managerin Education & Outreach bei den Berliner Philharmonikern, die die Musiker*innen nicht nur organisatorisch begleitete, sondern auch mit viel Gespür moderierte und das Publikum aktiv einbezog.
Es spielten Guillermo Serrano Marchena (Trompete), Jorge Rodríguez Semedo (Trompete), Olaf Ott (Posaune) und Christian Freimuth (Tuba).
Das Repertoire war bewusst abwechslungsreich gestaltet: Neben klassischen Stücken erklangen bekannte Melodien mit hohem Wiedererkennungswert. So wurde etwa zu „Pink Panther“ geschnipst, bei „La Bamba“ geklatscht und bei „My Way“ leise mitgesungen. Es wurde gewippt, geschwungen und gelächelt – und selbst ein Besucher, der sich augenzwinkernd als „Kulturbanause“ bezeichnete, zeigte sich begeistert.

 

Begegnung auf Augenhöhe

Im Anschluss an das Konzert blieb Zeit für Austausch bei Kaffee und Gesprächen. Besucher*innen nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen – etwa zum Alltag der Musiker*innen oder dazu, wie es ist, an so unterschiedlichen Orten aufzutreten.
Die offene und persönliche Atmosphäre machte das Konzert zu mehr als einem musikalischen Erlebnis: Es entstand ein echter Dialog zwischen Künstler*innen und Publikum.

 

Ein musikalisches Wochenende im Verbund

Das Konzert in der Waldemarstraße war Teil einer kleinen Konzertreihe in Kreuzberg: Insgesamt fanden an diesem Wochenende mehrere Auftritte in unterschiedlichen Einrichtungen statt – darunter im F1 Stadtteilzentrum am Mehringplatz und im Pflegewohnheim „Am Kreuzberg“.
Die Musiker*innen der Berliner Philharmoniker und der Karajan-Akademie brachten so ihre Musik direkt in den Stadtteil und schufen in kurzen, stimmungsvollen Konzerten besondere Momente des Innehaltens und der Freude.

 

Ein gelungener Abschluss

Mit „Vielen Dank für die Blumen“ von Udo Jürgens endete das Konzert in der KBS – passend dazu erhielten die Musiker*innen, Annika Schmitz sowie weitere Unterstützer*innen jeweils eine Blume als Zeichen des Dankes.
Im Anschluss zog das Ensemble weiter – das nächste Konzert wartete bereits im Görlitzer Park.
Ein Wochenende, das gezeigt hat, wie nahbar große Musik sein kann.

 

Das Konzert im Stadtteilzentrum F1 am Mehringplatz | © Jelena Schmidt

Auch die Bewohnenden im Pflegewohnheim „Am Kreuzberg“ wurden musikalisch verwöhnt. | © Jelena Schmidt

PAPILLONS feiern bewegende Premiere mit „heim-kehr“

Eine Stille, die bewegt

heim-kehr beginnt ungewöhnlich: Elf alte Menschen sitzen regungslos auf der Bühne, schweigend auf ihren Stühlen. Vier Kinder stehen am Rand. Eine lange Sequenz in völliger Stille eröffnet die Inszenierung – ein Moment, der viele Zuschauerinnen und Zuschauer tief berührt und manche herausfordert. Denn Stille kann mitunter lauter sein als jedes gesprochene Wort.

„Ich will nach Hause.“ Diesen Satz sagen Menschen, die mit Demenz leben, häufig. Er steht für die Sehnsucht nach Geborgenheit, Sicherheit und Vertrautheit. „Die Kindheit rückt im Alter näher“, erklärt die künstlerische Leiterin Christine Vogt. Die Kinder schließen einen halbrunden, transparenten Vorhang und verwandeln die Bühne in ein Erinnerungshaus, auf dessen Oberfläche Bilder und Geschichten der Vergangenheit sichtbar werden.

 

Erinnerungen zwischen Schutz und Überleben

Das Publikum taucht in die Kindheitswelten der Akteur*innen ein. Persönliche Erinnerungsstücke wie der Hund Blacky, eine Lieblingsdecke, die ältere Schwester oder ein vertrautes Lied werden lebendig. Gleichzeitig finden auch schmerzhafte Erfahrungen ihren Platz – Flucht, Krieg und das Überleben während des Fliegeralarms.
Berührende Scherenschnitte der Kinder, eingespielte Tonspuren und die Livemusik von Annika Hein am Akkordeon verdichten diese Erinnerungsbilder zu einer atmosphärischen Collage.
Schauspieler Michael Hanemann und Akteurin Ursula Krupp ergänzen die Inszenierung mit Gedichten über Natur und Kindheit in den 1940er- und 1950er Jahren. Besonders eindrucksvoll wirken die Texte der verstorbenen Mitbewohnerin sowie renommierten Malerin und Dichterin Aldona Gustas:

Wo Märchen in Flüssen münden, dunkelt von Erinnerungen umzäunt mein Elternhaus.

 

Lebensfreude trotz schwerer Erinnerungen

Wer angesichts der Themen Krieg und Verlust eine bedrückende Aufführung erwartet, wird überrascht. Auf der Bühne stehen Gemeinschaft, Lebensfreude und Leichtigkeit im Mittelpunkt. Kinder und alte Menschen tanzen und singen gemeinsam, fröhliche Musik erklingt und Seifenblasen schweben durch den Raum.
Erst der Ruf zum Abendessen beendet die Reise in die Vergangenheit und holt die Akteur*innen zurück in ihre Gegenwart – in ihr letztes Zuhause, das Pflegewohnheim „Am Kreuzberg“.

 

Eine Premiere, die Diskussionen auslöst

Bei der anschließenden Premierenfeier wurde intensiv über das Erlebte gesprochen. Die Inszenierung wurde durchaus kontrovers diskutiert. Einige Gäste empfanden den Vorhang als trennendes Element.

„Ich möchte die Akteur*innen sehen, in ihr Erleben eintauchen und beobachten, wie sich Erinnerungen in ihren Gesichtern spiegeln“, formulierte ein Besucher seine Eindrücke.

Andere wiederum zeigten sich begeistert von Bühnenbild und Erzählweise. Dr. Sinja Meyer-Rötz, Pflegebeauftragte des Berliner Senats, besuchte die PAPILLONS erstmals und sagte: „Als Pflegebeauftragte stehe ich täglich in engem Kontakt mit Pflegebedürftigen und Angehörigen. Ich höre viele traurige und bedrückende Geschichten. Danke, liebe PAPILLONS, dass Sie uns mit einer solchen Leichtigkeit in Ihre Welt mitnehmen. Die Bilder dieses Abends nehme ich dankbar mit.“

Auch Schauspieler Christofer von Beau zeigte sich tief bewegt. Vor dem Besuch habe er Berührungsängste gehabt: „Ein Pflegewohnheim zu betreten bedeutet auch, in meine eigene Zukunft zu schauen. Will ich das?“ Nach der Aufführung überwog jedoch die Begeisterung: „Es ist großartig, was das Ensemble gemeinsam mit den Kindern leistet. Danke.“

 

Ehrung für Engagement und zehn Jahre PAPILLONS

Emotional wurde es auch bei den Grußworten von Lilith Langner, Vorständin der Stiftung Unionhilfswerk Berlin. Sie dankte dem Ensemble mit den Worten: „Ihr erlebter Schutz oder Ihre erfahrene Rettung in Grenzsituationen kann uns heute Mut machen.“ Zugleich überraschte sie das Publikum mit zwei besonderen Ehrungen. Claudia Blaich, die seit der Gründung der PAPILLONS vor zehn Jahren ehrenamtlich engagiert ist, erhielt für ihren langjährigen Einsatz die Verdienstmedaille in Bronze, überreicht vom Stiftungsratsvorsitzenden Dr. Georgi.

Anlässlich des Jubiläums übergab Lilith Langner außerdem einen liebevoll gestalteten Geburtstagkuchen aus der Patisserie der USE gGmbH sowie eine Karte mit allen Inszenierungen der vergangenen zehn Jahre. Bereits dieser Rückblick macht deutlich, mit wie viel Leidenschaft, Kreativität und Engagement Christine Vogt und die PAPILLONS in den vergangenen Jahren ein außergewöhnliches Theaterprojekt geschaffen haben.

heim-kehr ist weit mehr als eine Theaterinszenierung – es ist eine Einladung, Erinnerungen zu teilen, Generationen zu verbinden und dem Alter mit Offenheit, Würde und Menschlichkeit zu begegnen.

Mit dem Rad von Berlin nach Marokko: Warum Christophers Plan B zur Traumetappe wurde

Zahlen und Fakten

„Bitte führe uns einmal anhand von Zahlen durch diese Etappe – durch wie viele Länder bist du gefahren, wie viele Kilometer und Höhenmeter hast du gesammelt, wie viele Platten hattest du, wie viele Tage hat es geregnet, welche Sprachen hast du genutzt und an wie vielen Tagen hast du im Zelt geschlafen?“

Christopher:
Ich bin diesmal durch sechs Länder gefahren: Deutschland, die Niederlande, Belgien, Frankreich, Spanien und Marokko. Insgesamt waren es 3.635,85 Kilometer und 22.492,66 Höhenmeter bei 220 Stunden, 53 Minuten und 23 Sekunden reiner Fahrzeit – und das Ganze ohne einen einzigen Platten.

Im Schnitt habe ich pro Tag rund 4.778 kcal verbrannt und am Ende der Etappe waren es fünf Kilo weniger auf der Waage. Übernachtet habe ich 26 Nächte in Unterkünften und 11 Nächte im Zelt oder in der Hängematte. Sprachlich war es auch eine bunte Mischung: Ich habe Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch und Arabisch genutzt – je nachdem, wo ich gerade unterwegs war.

 

 

Schlafplätze unterwegs

„Du bist diesmal von Berlin bis nach Marokko gefahren – oft ohne zu wissen, wo du am Abend schläfst. Nach welchen Kriterien entscheidest du unterwegs spontan über deine Schlafplätze, und gab es eine Situation, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?“

Christopher:
Damit ich zeitlich im Plan bleibe, setze ich mir pro Tag ein klares Ziel: mindestens 100 Kilometer fahren. Meine verfügbaren Reisetage sind ziemlich genau durchgerechnet, deshalb ist dieses Tagesziel mein wichtigstes Kriterium.

Wenn ich die 100 Kilometer erreicht habe, schaue ich, was in der Umgebung möglich ist – ein schönes kleines Hotel, eine Pension, ein Campingplatz oder, wenn es passt, ein Platz zum Wildcampen.

In Erinnerung geblieben ist mir besonders eine Wildcamp-Nacht in Andalusien. Ich bin mitten in der Nacht an einem Picknickplatz angekommen und habe im Dunkeln mein Lager aufgeschlagen. Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und der Ausblick hat mich einfach umgehauen. Dieser Moment – abends noch unsicher, wo man da eigentlich gelandet ist, und dann am Morgen dieses Panorama – das ist genau die Art von Überraschung, für die ich solche Etappen liebe.

 

 

Plan B als Chance

„Der Start ab Teheran war dieses Jahr aufgrund der Kriegssituation nicht möglich. Wie gehst du mental damit um, wenn sich große Reisepläne plötzlich ändern müssen – und hat dich die Route nach Marokko im Nachhinein vielleicht sogar positiv überrascht?“

Christopher:
Auf jeden Fall hat mich die Route nach Marokko positiv überrascht. Ich dachte vorher: „Okay, wieder durch Europa fahren – das wird mich vielleicht nicht so „flashen“ wie Asien, die Türkei oder Iran. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Die Vielfalt der Landschaften und Menschen in Westeuropa ist enorm und hat mich total begeistert.

Mit Planänderungen komme ich ganz gut klar, weil sie eigentlich von Anfang an einkalkuliert waren. Mein Konzept „Etappen-Weltreise“ ist bewusst so gedacht, dass es flexibel bleibt. Mir war klar: Irgendwann kommt der Moment, in dem ich ein bestimmtes Land nicht durchfahren kann. Die Erde ist rund, es gibt keine Einbahnstraße. Wenn Iran im nächsten Jahr immer noch nicht zu bereisen ist, kann ich von Marokko aus zum Beispiel weiter nach Ägypten, nach Kairo, fahren. Es gibt immer eine Möglichkeit, die Reise fortzusetzen.

Wichtiger als meine Route ist mir, dass es den Menschen in den Krisenregionen möglichst gut geht. Zum Glück habe ich aus vielen Ländern, in denen ich schon war, – insbesondere im Iran – Freundinnen und Freunde, mit denen ich in direktem Kontakt stehe. Von ihnen erfahre ich, wie es ihnen aktuell geht, und das beruhigt mich sehr.

 

 

Regen, Technik und Improvisation

„Auf so einer langen Strecke läuft selten alles glatt. Was war dein herausforderndster Moment auf dieser Etappe – technisch, organisatorisch oder persönlich – und wie hast du ihn gelöst?“

Christopher:
Am herausforderndsten waren definitiv die Phasen mit Dauerregen. Kurz vor Paris hatte ich drei Tage Regen am Stück – das hat nicht nur an der Motivation gekratzt, sondern auch meiner Technik zugesetzt. Am Ende ist mein Garmin-Navigator komplett ausgefallen und ich musste auf Navigation per Smartphone umsteigen – mit entsprechend höherem Stromverbrauch und mehr Organisation.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich in den Pyrenäen: Dauerregen, Sturm, keine echte Pause. Das Problem an diesem Dauerregen ist, dass meine Kleidung – und vor allem meine Radschuhe, die unten geöffnet sind – keine Chance haben, durchzutrocknen. Nach mehreren Tagen kann das gesundheitsschädigend werden.

Irgendwann war klar, dass es so nicht weitergeht, und ich bin notgedrungen 20 Kilometer mit einem Taxi bis nach Pamplona gefahren, um aus dieser Regen- und Sturmecke herauszukommen. Das war eine harte Entscheidung, weil ich am liebsten alles aus eigener Kraft fahre, aber es war die einzig vernünftige Entscheidung – und ja, sie hat mir ein kleines „Regen-Trauma“ verpasst.

 

 

Vertrauen und Ungewissheit

„Viele können sich kaum vorstellen, mit so viel Ungewissheit unterwegs zu sein. Was hast du auf dieser Etappe über Vertrauen gelernt – in andere Menschen, in deine Vorbereitung oder auch in dich selbst?“

Christopher:
Dieses Gefühl der Ungewissheit ist für mich ein zentraler Teil des Abenteuers. Man weiß nie genau, was hinter der nächsten Kurve oder hinter dem nächsten Berg auf einen wartet – und genau das macht es spannend.

Beim Vertrauen in andere Menschen verlasse ich mich sehr auf mein Bauchgefühl. Solange man weltoffen bleibt und das den Menschen auch ausstrahlt, laufen 99 Prozent aller Begegnungen positiv. Mir ist natürlich klar, dass es in jedem Land „schwarze Schafe“ gibt, aber die halten sich meist in typischen Touristengegenden auf. Diese Regionen versuche ich möglichst zu umgehen oder nur zu durchqueren, wenn es keine andere Route gibt.

Um mich selbst sicherer zu fühlen, habe ich außerdem immer die Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen, der gleichzeitig meine GPS-Daten übermittelt. Das war zum Beispiel in La Rioja in Spanien wichtig, wo ich zeitweise über 100 Kilometer ohne Handyempfang unterwegs war.

 

 

 

Filmen als Tagebuch

„Du hast bereits deine ersten Etappen intensiv gefilmt und auch diesmal wieder ganze Passagen dokumentiert und sehr persönliche Gedanken geteilt – für uns wirkt das fast so, als wärst du unterwegs nie wirklich allein gewesen. Hilft dir das Filmen auf der Reise tatsächlich dabei, dich weniger allein zu fühlen, und wie verändert es dein Erleben der Etappe, wenn du gleichzeitig ‚für deine Community‘ fährst?“

Christopher:
Das Filmen selbst ist für mich in erster Linie wie ein Tagebuch. Wenn ich nicht dokumentieren würde, müsste ich all die Eindrücke im Kopf behalten – und das ist bei den vielen Reizen, die täglich auf einen einprasseln, kaum möglich. Videos und Bilder helfen mir enorm, mich zu erinnern und die Reise im Nachhinein Revue passieren zu lassen.

Du hast aber indirekt recht mit dem „nicht allein sein“. Dadurch, dass ich viele Videos und Fotos in den sozialen Medien poste, bekomme ich viel Resonanz – Kommentare, Nachrichten, Fragen. Darauf antworte ich auch regelmäßig. Das sorgt dafür, dass mein Bedürfnis nach Austausch auf einem gesunden Level bleibt. Man hat das Gefühl, dass Freunde, Familie und Interessierte live mitreisen.

Es gibt natürlich auch Phasen, in denen ich länger keine Verbindung zur Außenwelt habe. In solchen Momenten führe ich viele Selbstgespräche, manchmal auch in anderen Sprachen, um zu üben. Und ich unterhalte mich ziemlich viel mit meinem Fahrrad „Jindujun“. Manchmal schimpfe ich sogar mit ihm, wenn es scheinbar andere Pläne hat – etwa wenn ich kurz absteige und es so wirkt, als wolle es einfach wegrollen.

Gleichzeitig liebe ich es, andere zu unterhalten und zu inspirieren: Freunde, Familie, aber auch Menschen, die mich zufällig finden oder die ähnliche Lebensträume haben. Wenn meine Videos und Geschichten Anreize und Motivation geben, dass sich jemand auch traut, seinen eigenen Traum anzugehen, dann ist das eines der schönsten Ergebnisse dieser Dokumentation.

 

 

Ein Lieblingsmoment am Atlantik

„Wenn du nur einen einzigen Moment dieser Etappe herauspicken dürftest – welcher war dein absoluter Lieblingsmoment auf dem Weg von Berlin nach Marokko und warum bleibt dir genau dieser so stark im Gedächtnis?“

Christopher:
Das ist wirklich schwierig, weil es so viele intensive Momente gab. Wenn ich mich aber entscheiden muss, dann wähle ich den „Parc naturel régional Médoc“ in Frankreich.

Das ist ein riesiger Naturpark am Atlantik, durch den der EuroVelo 1 führt. Ich konnte dort einen kompletten Tag über mehr als 100 Kilometer auf traumhaften Radwegen fahren – durch Wälder, Dünenlandschaften und immer wieder mit Abstechern zu den großen Sanddünen und zum Ozean. Dieser Mix aus endlosem Radweg, Natur und Meer hat mich total gepackt. Für mich steckt in diesem Tag die Essenz dieser Etappe: im eigenen Rhythmus fahren, den Kopf freibekommen und gleichzeitig überwältigende Landschaften erleben.

 

 

„Ich war eine derjenigen, die dich unterwegs digital begleitet haben – und ich fand es großartig, auf diese Weise fast live mit dabei zu sein. Schön, dass du gesund und voller Reiseerlebnisse wieder zurück bist. Mögest du noch lange von diesen Eindrücken zehren – wir sind jetzt schon gespannt auf deine nächste Etappe. Vielen Dank für das Interview“!

 

Schön, dass wir Nachbar*innen sind – Aktionstag in Reinickendorf stärkt das Miteinander

Die Aktion: Karten, Gespräche und viele Begegnungen

Zum Tag der Nachbarschaft verteilten Alexandra Knorr und Christine Gregor, Mitarbeiterinnen der Kontaktstelle PflegeEngagement Reinickendorf, von 11 bis 14 Uhr Postkarten in den Hallen am Borsigturm.
Auf der Vorderseite: ein bunter Blumenstrauß mit der Botschaft „Schön, dass wir Nachbar*innen sind!“, auf der Rückseite die Einladung, sich in der eigenen Nachbarschaft zu engagieren.
Die beiden kamen dabei mit zahlreichen Besucher*innen ins Gespräch – von pflegenden Angehörigen bis zu Menschen, die „einfach so“ etwas für ihr Wohnumfeld tun wollen.
Viele nahmen Karten mit, um sie später in den Briefkasten der Nachbar*innen zu werfen und so einen kleinen Anstoß für mehr Kontakt in der Nachbarschaft zu geben.

 

Eine Postkarte als Einladung zur Nachbarschaft

Die in Reinickendorf verteilte A5-Karte lädt dazu ein, Nachbarschaft aktiv zu gestalten. Auf der Vorderseite steht die Frage: „Haben Sie heute schon Ihren Nachbarn gegrüßt?“ – gefolgt von Ideen, wie ein Plausch im Hausflur oder eine gemeinsam organisierte Spielegruppe den Kontakt im Kiez beleben kann.

Die Karte erklärt Schritt für Schritt, wie man den beigelegten Grußkarten-Teil ablöst, eine persönliche Botschaft an die Nachbar*innen schreibt und in den Briefkasten wirft – damit zwischen Rechnungen auch mal eine freundliche Überraschung liegt.
Wer Lust bekommt, eine Einkaufsgemeinschaft, Telefonkette oder Tauschbörse anzuregen, wird direkt eingeladen, sich bei der Kontaktstelle PflegeEngagement zu melden.

 

Warum gute Nachbarschaft uns allen nutzt

Eine funktionierende Nachbarschaft stärkt das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit – Menschen wissen, dass „jemand da ist“, wenn sie Hilfe brauchen.
Studien zeigen, dass soziale Beziehungen und nachbarschaftliche Kontakte das Risiko von Einsamkeit und damit verbundenen gesundheitlichen Problemen deutlich senken, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Belastungen.

Der Tag der Nachbarschaft wird europaweit jedes Jahr Ende Mai gefeiert und motiviert Millionen von Menschen zu kleinen und großen Aktionen für mehr Gemeinschaft. In Deutschland beteiligt sich eine Vielzahl von Initiativen und Nachbarschaftsprojekten; sie setzen ein Zeichen dafür, dass gelebtes Miteinander in Quartieren ein wichtiger Baustein für gesellschaftlichen Zusammenhalt ist.

 

Die Kontaktstelle PflegeEngagement Reinickendorf

Die Kontaktstelle PflegeEngagement Reinickendorf unterstützt pflegebedürftige Menschen, pflegende und sorgende Angehörige, Freund*innen und Nachbar*innen. Zu den Angeboten gehören u.a. Gesprächsgruppen für pflegende Angehörige, Aktivgruppen, Informationsveranstaltungen und ein Besuchsdienst.

Diese Angebote können helfen, der Isolation in einer Pflegesituation entgegenzuwirken. Sie tragen dazu bei, die seelische Gesundheit zu stärken und die Belastung, die mit Pflege einhergeht, besser zu bewältigen.

 

Nachbarschaft und Pflege: Entlastung für pflegebedürftige Menschen und ihren Angehörigen

Gerade in einer Pflegesituation kann auch ein aufmerksames Umfeld den Alltag spürbar erleichtern. Wenn Nachbar*innen kleine Wege übernehmen, nachfragen oder einfach regelmäßig nach dem Rechten sehen, ist das ein wichtiger Baustein, um Pflege zu Hause langfristig zu ermöglichen.

Daher fördert die Kontaktstelle PflegeEngagement gezielt nachbarschaftliche Hilfenetze – etwa indem Ideen aus der Nachbarschaft aufgegriffen, gemeinsam weiterentwickelt und bei der Umsetzung unterstützt werden.

 

Mitmachen erwünscht: So erreichen Sie die Kontaktstelle PflegeEngagement

Wer sich in seiner Nachbarschaft engagieren möchte – ob mit einer eigenen Idee oder als Teil bestehender Angebote – ist bei der Kontaktstelle PflegeEngagement herzlich willkommen.
Die Kolleginnen überlegen gemeinsam mit Interessierten, wie Projekte vor Ort umgesetzt werden können, und helfen dabei, Mitstreiter*innen zu finden und Aktionen bekannt zu machen.

Werfen Sie doch auch mal wieder einen kleinen Gruß in den Briefkasten Ihrer Nachbar*innen oder nehmen sich Zeit für einen kleinen Plausch – oft sind es genau diese kleinen Gesten, aus denen Vertrauen und ein wohltuendes Miteinander im Haus, im Kiez und in unserem Alltag entsteht.

 

Unionhilfswerkerin: Anke Felden

Name: Anke Felden

Alter: 57

Beruf: Berufspädagogin

 

Was genau machen Sie da?

Ich unterstütze die Fachkräfte methodisch – didaktisch in der Umsetzung der Beruflichen Bildung.

 

Was mögen Sie am liebsten an Ihrem Beruf?

Die Arbeit mit den Beschäftigten und den Fachkräften.

 

Was wollten Sie werden als Sie klein waren?

Ich wollte Astronautin werden. Ich wollte so gerne unsere Erde aus dem Weltall sehen und fremde Welten erforschen.

 

Was ist das Schrägste, was Ihnen bisher in Ihrem Berufsleben passiert ist?

Ursprünglich komme ich aus der Hotellerie. In meiner Ausbildung stand Herbert Grönemeyer vor mir und ich habe ihn nicht erkannt. Dafür habe ich ihm etwas über Brandschutz im Hotelzimmer erklärt. 😉

 

Welche Tätigkeit beherrschen Sie neben dem Job so gut, dass man Sie dafür bezahlen würde?

Ich kann sehr gut Vernetzen und Organisieren.

 

Am Wochenende mache ich am liebsten…?

Einen Strandspaziergang mit den Füßen in der Ostsee. Das kälteste waren 3 Grad.

 

Was ist Ihr Lieblingsplatz/-ort?

Am liebsten bin ich an der See oder am Meer.

 

Auf welchen Luxus könnten Sie verzichten?

Ich könnte sehr gut auf den Fernseher und das Handy verzichten.

 

Sie dürfen drei Gegenstände mit auf eine einsame Insel nehmen. Welche wären das?

Mein Kopfkissen, ein gutes Buch und Sonnencreme.

 

Wenn Sie eine Zeitmaschine hätten, zu welcher Zeit hätten Sie gern gelebt?

Das ist schwierig, mit dem Wissen von Heute – am liebsten Heute. Und ich würde gerne auch mal bei Luis dem 14. vorbeischauen in Versailles.

 

Was sollte jeder Mensch einmal im Leben getan haben?

Jeder Mensch sollte einmal in Neu York unter dem Weihnachtsbaum (im Bryant Park) stehen und „Ich war noch niemals in New York“ singen.

 

Welche Superkraft hätten Sie gern: Unsichtbar sein können, Gedanken lesen oder fliegen?

Ich würde gerne fliegen können.

 

Zum Schluss: Wen möchten Sie bei der Gelegenheit grüßen?

Alle meine Freunde und Bekannten, die auf der Welt verteilt leben.