Monthly Archives: August 2021

Mittendrin, florierend und vielfältig – 10 Jahre USE in Teltow

Die Entscheidung der USE gGmbH, ihr Angebot für Menschen mit einer psychischen Behinderung auch auf Brandenburg auszuweiten, fiel schon vor mehr als zehn Jahren. Denn immer wieder wendeten sich Menschen, die einen Werkstatt-Platz suchten, an die USE. Auch lange nach der Wende schien der Bedarf im Umland von Berlin noch nicht gedeckt zu sein.

Blick zurück

Auf der Suche nach einem geeigneten Standort für eine Werkstatt wurde man bei der Biomalz Fabrik in Teltow fündig. In dem alten Backstein-Gebäude-Komplex mit den ansässigen Gewerbe-Treibenden, Kunst- und Kulturschaffenden konnte man sich die Werkstatt sehr gut vorstellen: ein idealer Ort, um Menschen mit Behinderung zu integrieren.

In den folgenden Jahren baute die USE die Werkstattbereiche Garten- und Landschaftsbau, Metallbau, Baubetrieb, Schneiderei, Verwaltung und Hauswirtschaft auf. Neu waren in dieser Betriebsstätte die Abteilungen Digitaldruck und Lettershop – eine Ergänzung des PrintingHouses in der Genter Straße in Berlin. Später kamen die Bereiche Tischlerei, Malerei und Konfektionierung noch hinzu.
Bis zur Klärung, welches Bundesland – Berlin oder Brandenburg – zuständig war, vergingen allerdings noch fast zwei Jahre. In dieser Zeit konnte die USE aber bereits die ersten Menschen mit Behinderung aufnehmen, so dass Ende 2011 bereits 22 Beschäftigte in Teltow tätig waren. „Nach ersten harten Jahren, in denen wir unsere Ideen und unser Konzept mehrfach überdenken und auf die Bedürfnisse der Menschen in der Region besser anpassen mussten, entwickelte sich ein florierender, bunter Werkstattstandort. Mittlerweile sind die Möglichkeiten auf dem Biomalz Gelände sogar etwas zu eng geworden. Deshalb suchen wir nach Möglichkeiten, uns auf und mit der Biomalz Fabrik in den nächsten Jahren weiterentwickeln zu können – um als fester Bestandteil der Arbeitswelt den Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen gute Angebote zur beruflichen Bildung und Weiterentwicklung anbieten zu können“, beschreibt Andreas Sperlich, Geschäftsführer der USE, die Entwicklungen.
Tatsächlich reichen die ursprünglich geplanten 77 Plätze heute nicht mehr aus, um den Beschäftigten in acht Arbeitsbereichen ihren beruflichen Weg zu ebnen, weitere Plätze werden benötigt. Und einige Beschäftigte konnten in dieser Zeit in eine Ausbildung oder auf betriebsintegrierte Arbeitsplätze wechseln.

Die Netzwerke

Ein wichtiger Baustein zum Erfolg war die gute Vernetzung vor Ort. Zur evangelischen Kirchengemeinde der St.-Andreas-Kirche in Teltow pflegte man von Beginn an gute Kontakte. Über das gemeinsame Projekt Engel & Mensch entstand eine fruchtbare, bis heute andauernde Zusammenarbeit, berichtet Pfarrer Christoph Noack. Als die Gemeinde 2011 mit der Pflege ihrer Grünflächen nicht mehr zufrieden war, beauftragte sie den Garten- und Landschaftsbau der USE.  Heute pflegt er regelhaft das Friedhofsgelände Teltow und die drei großen Grundstücke Andreaskirche, Pfarramt und Gemeindezentrum mit Kita in der Mahlower Straße. „Mit der USE setzen wir unseren integrativen Ansatz fort. Wir schätzen die inklusive und menschliche Form der Zusammenarbeit vor Ort sehr. Und wir wissen, auf sie kann man sich verlassen.“, beschreibt Noack die Zusammenarbeit.

Die Diplom-Psychologin Sonja Massow vertritt seit 2012 das Sozialunternehmen nicht nur nach innen, sondern auch in der Region. Dadurch, dass sie in vielen Netzwerken von Potsdam-Mittelmark vertreten ist, machte sie die gute Arbeit der USE in den letzten neun Jahren immer bekannter. Für diese gute Arbeit sorgt auch sie selbst: Als Reha-Managerin betreut sie die behinderten Menschen, die in der USE beschäftigt sind. Sie leistet Beistand in Krisen, unterstützt beim Antragstellen und ist zuständig für die Reha-Verlaufplanung. Gemeinsam mit der Standortleiterin Cornelia Fiedler und den Kolleg*innen vor Ort möchte sie das wichtige Angebot in der Region noch weiter ausbauen – „…denn hier finden gerade Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung gute Perspektiven für die Teilhabe am Arbeitsleben,“ erklärt Sonja Massow.

Austauch mit Frankreich

Ein guter Kontakt entstand so auch zur Stadt Teltow und dem Bürgermeister Thomas Schmidt. Bei einem Werkstatt-Besuch lernte er u.a. die Fachgebietsleiterin der Kreativen Textilwerkstatt, Josefine Degraa, kennen. Und eine Idee war geboren: Die Stadt beauftragte die Textilwerkstatt mehrmals, kleine Rübchen-Schultüten für die Teltower ABC-Schüler zu nähen.

Zudem regte der Bürgermeister den Austausch mit der französischen Partnerstadt Gonfreville L’Orcher an. 2018 und 2019 fanden gegenseitige Besuche von USE und l’ESAT Gonfreville, einer ähnlichen Einrichtung, statt, die nur wegen Corona unterbrochen werden mussten.

„Von Anbeginn an war die USE eine Bereicherung für unsere Stadt. Ein Mosaikstein, der das Sozialgefüge in der Stadt ergänzt und noch mehr komplettiert hat. Sogar in unserer französischen Partnerstadt Gonfreville L’Orcher sind enge Freundschaften entstanden, die ihren Ursprung im Haus der USE hatten. Europa wächst zusammen und wir sind stolz darauf!“ schätzt Thomas Schmidt die Zusammenarbeit mit dem Sozialunternehmen.

Zehn Jahre, das ist ein Jubiläum, zu dem in der Regel gern mal die Korken knallen. Vor allem wenn man so gute Akteur*innen und Partner*innen an seiner Seite weiß. Aber leider geht das nicht unter Corona-Bedingungen.
Dennoch möchte der USE-Standort in Teltow dieses Ereignis nicht einfach verstreichen lassen. Mit Aktionen in den sozialen Medien und einem kleinen, internen Fest am 27. August will man die Leistungen der Mitarbeitenden und Beschäftigten in den vergangenen Jahren würdigen.

Viel Spaß dabei!

„In den Schuhen des Anderen gehen“: Fachtagung zur Validation® für Leitungskräfte im UNIONHILFSWERK

UNIONHILFSWERK wird zum Autorisierten Zentrum für Validation®

Ein spannendes Thema, wie die Teilnehmer*innen fanden, die sich am 11. August im Lazarus-Haus „Wohnen und Pflege“ an der Bernauer Straße einfanden, um die mehr über die Validation® zu erfahren.

Und das nicht von ungefähr – das Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie (KPG) wird eines von zwei deutschen Autorisierten Zentren für Validation® nach Naomi Feil (AVO). Das Validation® Trainingsinstitut in Cleveland Ohio, die internationale Dachorganisation der Validation® hat das KPG dazu berechtigt, zertifizierte Ausbildungen, Seminare und Workshops zum Thema durchzuführen.

Den Perspektivwechsel üben

Einen ersten Eindruck von dieser besonderen Kommunikationsmethode konnten die Teilnehmer*innen auf dem von Dirk Müller, Bereichsleiter KPG, moderierten Fachtag gewinnen –  und das in Theorie und praktischen Übungen.

Hedwig Neu, Validation®-Master/Teacher und Leiterin des Autorisierten Zentrums für Validation® der Diakonissen Speyer, zeigte in ihrem durch Rollenspiele aufgelockerten Beitrag auf, wie erste Schritte in der Validationspraxis gegangen werden können. Besonders vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie mit den vielen Regeln und Einschränkungen sei die Validation® eine ideale Methode der Kommunikation mit Menschen mit Demenz. „Wir müssen wissen, dass gerade die Maske ein starkes Symbol für Erleben in Vergangenheit, für Seuche, Krankheit, Krieg ist, doch kann man die Distanz durch eine Maske im Gesicht durch Empathie überbrücken“, beschreibt Neu. Wie ein Chamäleon schlüpfte sie dabei in die Rolle eines verwirrten, desorientierten Menschen und machte so anschaulich klar, dass Validation® auch bedeute, einen Perspektivwechsel vorzunehmen: „in den Schuhen des Anderen zu gehen“, wie es Naomi Feil ausgedrückt hat.

Verletzliche Gefühle wie Angst oder Zorn, müssten dabei unbedingt anerkannt werden und wir sollten uns bewusst sein, dass Validation® immer nur eine Kurzzeitintervention sei. Erste Schritte gehen“, wie im Titel angekündigt, heißt dann für die Teilnehmenden auch, sich auf ein Rollenspiel einzulassen und in der Gruppe Techniken wie das Spiegeln, Zentrieren und Kalibrieren zu probieren.

Kommunikation mit Empathie: Validation® im Alltag

Dass die Methode der Validation® nicht nur für die Arbeit mit Dementen große Vorteile haben kann, sondern auch in der Arbeitswelt Bedeutung hat, machte Paula Westphal in ihrem Vortrag „Wie man in den Wald hineinruft …“ deutlich. Die berliner Supervisorin, Coach und Physiotherapeutin verwies darauf, dass in der Arbeitswelt Themen wie Kommunikation, Struktur und Ordnung, Sinn und Ziele Fairness und Gerechtigkeit eine große Rolle spielten. Elemente, die zusammenhängen, sich bedingen und gegenseitig beeinflussen. „Egal, an welcher Ecke einer Tischdecke man zieht – die anderen bewegen sich immer mit“, so ihr anschauliches Bild.

Der dritte Teil des Fachtages stellte praktische Übungen in fünf sogenannten „Erlebnisecken“ in den Vordergrund. So konnten die Teilnehmenden mit Hedwig Neu und Amöna Landrichter, Projektleiterin der Zentralen Anlaufstelle Hospiz (ZAH), „im Kontakt sein und validierende Kommunikation üben“.  ZAH-Mitarbeiterin Claudia Pfister zeigte unter dem Motto „Haste Lieder – dann erinnere dich!“ auf, wie viel Spaß das Singen macht und welche große Bedeutung es in der Arbeit mit dementen Menschen hat. Von der Macht der Düfte und den Wirkungen der Aromatherapie konnte man sich bei Sabine Sack, Koordinatorin im Hospizdienst Nord und Aromatherapeutin Eva Wagner überzeugen und Daniela Heemeier, Mitarbeiterin in der ZAH, zeigte über Bewegung den „Zauber des Folgens und Führens“ als intensive gemeinsame Momente zwischen Menschen.

Auch eine „palliativgeriatrische Sprechstunde“, abgehalten vom Züricher Geriater und Palliativmediziner und Vorstand der Fachgesellschaft Palliative Geriatrie, Dr. med. Roland Kunz, konnte besucht werden. Der Chefarzt der Klinik für Akutgeriatrie und Zentrum für Palliative Care, Spital Waid, sprach über „Schmerz und Zuwendung im geriatrischen Bereich und darüber hinaus“.

 

Wie Validation® im Alltag im UNIONHILFSWERK erlernt und praktiziert wird, lesen Sie hier: Validation® im UNIONHILFSWERK – auf dem Weg mit Katharina Schäfer.

Digitalisierung im Freiwilligen-Engagement: Interview mit Dominique Souren

Hallo Dominique, schön, dass du da bist.

Danke, ich freue mich dabei zu sein.

Du bist seit einigen Monaten an der Digitalisierung bei der Stiftung Unionhilfswerk Berlin beteiligt. An welchen konkreten Aufgaben seid ihr gerade dran?

Wir arbeiten aktuell an mehreren Projekten zu Digitalisierung. Auch im Freiwilligenmanagement kann vieles durch den Einsatz von passender Software erleichtert werden: Es fängt schon beim Eintrittsprozess für neue Freiwillige an, an dessen Digitalisierung wir gerade arbeiten. Im Rahmen dieses Projektes haben wir beispielsweise eine digitale Signatursoftware ausgewählt, die unseren Nutzerbedürfnissen entspricht. Unter anderem durch diese Software wird es möglich sein, den Eintrittsprozess von neuen Engagierten schneller und papierfrei durchzuführen.

Gerade jetzt mit der Pandemie ist digitales Arbeiten mehr Thema denn je. Wo siehst du das größte Potential für das UNIONHILFSWERK?

Die Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements steht für uns trotz und gerade wegen der widrigen Umstände in der Pandemie weiterhin an erster Stelle. Außerdem hoffen wir, für eine Arbeitserleichterung und erleichterte Kommunikation der Hauptamtlichen mit und auch zwischen den Freiwilligen untereinander zu sorgen.

Da Arbeiten am selben Ort für viele Aufgaben nicht mehr zwingend notwendig ist, können nicht nur Zeit, Energie und Kosten eingespart werden. Es ergeben sich auch neue Möglichkeiten, interessierte Bürger*innen für ein Engagement oder die Teilnahme an einer Veranstaltung zu gewinnen. Etwa, wenn man nach der Arbeit nicht noch durch Berlin fahren muss, sondern eine Veranstaltung via MS Teams von zu Hause aus wahrnehmen kann.

Aus meiner Perspektive ist die größte Herausforderung, die Digitalisierungsprojekte mit ihren Vorteilen für die flexible Zusammenarbeit und Teilnahme auch nach dem Abflauen der Pandemie weiter voranzutreiben. Idealerweise schafft man es, hybride Angebote anzubieten, also solche, die sowohl die digitale Teilnahme, als auch die Teilnahme vor Ort ermöglichen. Auf der anderen Seite leben viele Formate, Engagementformen und Veranstaltungen von der Präsenz, vom Zusammensein und vom direkten sozialen Austausch. Das ist wichtig und gut so und hier sehe ich Digitalisierung als Werkzeug, das mehr Zeit für diese Begegnungen ermöglicht.

Was sind weitere digitale Bereiche, an denen du arbeitest?

Ein Projekt ist die Einführung einer zentralen Datenbank zur Verwaltung von Freiwilligen, der Bedarfe der Einrichtungen des UNIONHILFSWERK und von Veranstaltungen. Durch die Vernetzung mit externen Plattformen wie Aktion Mensch oder Berlin Bürgeraktiv können per Mausklick die Bedarfe unserer Einsatzstellen dort geteilt werden, sodass eine deutlich größere Reichweite erzielt und gleichzeitig Zeit gespart wird. Einerseits wollen wir durch die gemeinsame Datenbank die Verwaltung der Freiwilligen zentralisieren, so dass lästiges Abgleichen und nachprüfen von Datensätzen der Vergangenheit angehören. Andererseits wollen wir, dass Einsatzstellen dezentral und autonom ihre Bedarfe und Veranstaltungen pflegen und einstellen können, sodass hier ein deutlich flexibleres Arbeiten möglich ist.

Klingt vielversprechend. Neben der digitalen Signatur, welche weiteren Pilot-Projekte laufen aktuell?

Ganz wichtig ist hier die Einführung von Microsoft Teams und MS 365 mit den Freiwilligen zusammen. Dieser Prozess läuft seit Ende 2020 und wird im Sommer/Herbst ausgeweitet werden. Es werden dann im Rahmen einer Pilotgruppe viele Werkzeuge verfügbar sein, mit denen die Kommunikation und Zusammenarbeit in unterschiedlichen Teams vereinfacht und verbessert werden können. Neben den grundlegenden Funktionen von MS Teams, wie etwa dem Chat, der den Überfluss an E-Mails ablösen kann oder der Möglichkeit, kostenlose Telefon- und Videokonferenzen abzuhalten, wird es weitere Werkzeuge geben, die zahlreiche Prozesse abbilden können. Dies schafft zum einen größere Klarheit bei der Arbeit mit den Freiwilligen, sorgt aber auch für einen einfacheren Informationsaustausch und erlaubt eine unkomplizierte Vernetzung zwischen den Projektteilnehmer*innen.

Stichwort Informationsaustausch – wie wird dieser Aspekt im Freiwilligenmanagement in Zukunft digital(er) gehandhabt?

Wir sind gerade dabei, eine neue Newsletter-Software für die Versendung von Informations-Mails aufzusetzen.

Damit können wir komfortabel Newsletter gestalten und versenden und bieten Interessenten gleichzeitig die Möglichkeit, sich selbstständig über unsere Webseite für diesen Newsletter anzumelden. Die Software ermöglicht es uns auch, Freiwilligen in Zukunft je nach Interessengebiet oder Wohnbezirk passend auf sie zugeschnittene Informationen zu schicken. Davon erhoffen wir uns, unser Informationsangebot zu verbessern und den Newsletter „die freiwilligen“ als Medium noch interessanter zu machen.
Außerdem wollen wir ermöglichen, dass Freiwilligenagenturen, die mit dem UNIONHILFSWERK verbunden sind, diese Software nutzen und ihre eigenen Informations-Mails an ihre Kontakte verschicken können. Auch hier, in der Kommunikation nach außen, wollen wir also mehr Autonomie ermöglichen, weil wir glauben, dass durch eine gezielte Ansprache das freiwillige Engagement auch über diese Kanäle gefördert werden wird.

Richtig umgesetzt verspricht Digitalisierung eines Tages eine Gesellschaft mit mehr Freiheit und weniger Arbeit. Was sind potenzielle Barrieren, die du siehst oder denen du schon begegnet bist?

Ich weiß nicht, ob es notwendigerweise auf mehr Freiheit und weniger Arbeit hinausläuft, aber idealerweise sollte die Digitalisierung Organisationen dabei unterstützen, ihre Kernaufgaben gegenwärtig und auch in Zukunft besser wahrnehmen zu können. Die Einführung von neuer Software und die einhergehende Anpassung von Prozessen geht natürlich nicht von heute auf morgen. Auch das ist ein Prozess, der Schritt für Schritt gegangen werden muss, nicht gegen, sondern mit den Beteiligten zusammen. Natürlich kommen bei Veränderungen dann auch mal Widerstände auf, das ist normal und auch gut so, schließlich muss nicht alles Neue auch besser sein und sollte dieser Prüfung auch standhalten können. Wenn es das nicht tut und den Ansprüchen nicht genügt, dann muss eben noch nachgebessert werden.

Zudem muss sichergestellt werden, dass die Hardware-Voraussetzungen für Teilnehmende erfüllt und die Zugänge für die Nutzung bereitgestellt werden. Das ist einmal über die Ausstattung, aber auch über Schulungen und gemeinsamen Austausch zu erreichen, was man entsprechend organisieren muss. Die Stiftung Unionhilfswerk Berlin hat natürlich einen begrenzten Rahmen an Fördermitteln, die zur Verfügung stehen. Vor dem Hintergrund müssen wir neben den Nutzerbedürfnissen also auch stark auf die Kosten achten und hier eine gute Balance finden. Generell macht es jedoch unabhängig vom Ressourcenaufwand keinen Sinn, Software oder digitale Prozesse an den Nutzer*innen vorbei etablieren zu wollen. Es geht nur mit den Menschen zusammen und nicht über ihre Köpfe hinweg.

 

Dominique, vielen Dank für den interessanten Einblick und Deine Zeit.

„Mein Beitrag zur Teilhabe im Superwahljahr“ – im Gespräch mit Rita Hübenthal-Montero über ihre Broschüre „Das politische Berlin …einfach erklärt“ und weitere Angebote zum Wahljahr

Rita Hübenthal-Montero arbeitet seit über 20 Jahren als Betreuerin von Menschen mit Behinderungen im UNIONHILFSWERK. Ihr zweites berufliches Standbein sind Stadtführungen und Seminare, die sie seit vielen Jahren auch in einfacher Sprache anbietet. Neben den Angeboten im Zusammenhang mit politischer Bildung und dem Thema Wahlen bietet sie als zertifizierte Stadtführerin generelle und thematische Stadtführungen durch Berlin und Potsdam an. Wir haben mit ihr über die Broschüre „Das politische Berlin …einfach erklärt“ gesprochen.

Wie kam es zu der Idee, „Das politische Berlin …einfach erklärt“ herauszubringen und welches Ziel verbinden Sie damit?

In meiner Arbeit als Betreuerin erlebe ich immer wieder, dass unsere Klient*innen eine Scheu haben, sich politisch zu beteiligen, obwohl viele von ihnen durchaus eine politische Meinung haben. Besonders deutlich wurde es mir, nachdem ich eine Stadtführung zum Thema „das politische Berlin“ angeboten hatte. Ich hielt es deshalb in diesem wichtigen Wahljahr für sinnvoll, mit dieser Broschüre zur politischen Partizipation zu motivieren. Die Broschüre richtet sich unter anderem an Menschen in Behinderteneinrichtungen und Werkstätten, an deren Assistenzpersonen und andere Bezugspersonen.

Wir wollen die Menschen anregen, ihr Wahlrecht zu kennen und es zu nutzen. Dabei geht es um nichts weniger, als um die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben in unserer Demokratie.

Erst seit 2019 gilt ja, dass auch Menschen wählen dürfen, die wegen einer geistigen Behinderung eine*n Betreuer*in für alle Lebensbereiche haben. Bei der diesjährigen Wahl in Berlin sind sechs Kreuze bei der Stimmabgabe zu setzten. Viele dieser Erstwähler*innen benötigen dabei konkrete Unterstützung. In meinen Seminaren simulieren wir auch eine Wahl, damit sich die Menschen besser befähigt und gestärkt fühlen, zur Wahl zu gehen.

Was war Ihnen bei den Vorüberlegungen zu dieser Publikation besonders wichtig?

Wir wollten das politische Berlin aus dem historischen Kontext heraus erklären – warum das Wählen wichtig ist und Demokratie keine Selbstverständlichkeit. Politische Konzepte, ihre Historie und ihre Bedeutung werden an der Architektur und im Stadtbild Berlins sichtbar und erfahrbar gemacht. So wird zum Beispiel am Bild des Brandenburger Tors die Monarchie als Staatsform thematisiert und am Holocaust Mahnmal die Diktatur. Rund um Fotos vom Regierungsviertel gibt es Informationen zur Demokratie und zum Wahlrecht.

Dieser Ansatz ist in der Broschüre zusammen mit verschiedenen Mitwirkenden entstanden. Darunter sind Menschen mit Behinderungen, wie Vertreter des Berliner Werkstattrates, die sich in der Publikation auch persönlich zu den Themen äußern. In ihren Statements vermitteln sie authentisch, zum Beispiel ob Menschen mit einer Betreuung wählen dürfen oder warum Wählen wichtig ist.

Wie sind die ersten Resonanzen auf das Buch?

 „Ich finde es toll, dass das in dem Buch nicht so viel Text steht.“ Melisa A.

„Die Stattführung und das Buch habt ihr toll gemacht. Bei den Stadtführungen habt ihr es geschafft alle Leute mitzunehmen, und keine Langeweile zu verbreiten.“ Fabian Rau

Viele Fachkräfte in der Behindertenhilfe finden die Broschüre gut und wollen sie nutzen, um den Menschen mit kognitiven Einschränkungen die große Bedeutung von Wahlen näher zu bringen. Klienten mögen an der Broschüre, dass sie locker und bunt gestaltet und bebildert ist. Sie ist damit auch für Menschen mit sehr geringen Lesefähigkeiten zugänglich.

Ihre Vision für die Zeit nach der Wahl?

Weitermachen mit thematischen Führungen und Seminaren. Diese werden jetzt auch von einigen Volkshochschulen angeboten. Es ist mir wichtig, das Angebot von öffentlichen Stadtführungen für die Personengruppe aufrechtzuhalten und nach Bedarf zu ergänzen. Sonst gibt es solche Führungen bisher nicht.
Und vor allem wünsche ich mir, dass sich durch unsere Arbeit immer mehr Menschen mit kognitiven Einschränkungen ermutigt fühlen, aktiv an demokratischen Prozessen teilzunehmen. Egal, ob es sich hierbei um den persönlichen Wohnbereich, die Werkstatt, die Bezirkspolitik oder die Bundespolitik handelt!

Weitere Informationen zur Broschüre

Die Broschüre ist kostenlos und liegt in der Landeszentrale für politische Bildung in der Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin aus.
Bestellungen über die Webseite https://berlin-in-leichter-sprache.de/wp-content/uploads/2021/07/Das-politische-Berlin-Version2.pdf  oder die E-Mail-Adresse info@berlin-inleichtersprache.de – Telefon: 030- /6 46 18 32.