Monthly Archives: Mai 2025

Video: „Schlagfertig für Vielfalt“ – Ein Kartenspiel wird im Unionhilfswerk zum Symbol gelebter Diversität

Unsere Diversity-Aktion 2025: Das Unionhilfswerk-Kartenspiel "Schlagfertig für Vielfalt"

 

Vielfalt als gelebte Haltung

Vielfalt ist bei uns im Unionhilfswerk mehr als ein theoretisches Konzept – sie ist gelebte Realität. Mit der Unterzeichnung der Charta der Vielfalt im Sommer 2023 bekennen wir uns zu einem vorurteilsfreien und wertschätzenden Arbeitsumfeld für alle Mitarbeitenden, unabhängig von Alter, ethnischer Herkunft, Geschlecht, körperlichen und geistigen Fähigkeiten, Religion, sexueller Orientierung oder sozialer Herkunft.

Um dem Anspruch der Charta umfänglich gerecht zu werden, setzen wir kontinuierlich Maßnahmen um, die Vielfalt nicht fördern und zur Auseinandersetzung mit dem Thema einladen.

 

„Schlagfertig für Vielfalt“ – ein Kartenspiel als Impulsgeber

Im Mittelpunkt der diesjährigen Diversity-Aktion steht unser eigens entwickelte Kartenspiel „Schlagfertig für Vielfalt“. Es thematisiert typische diskriminierende Aussagen aus dem Berufsalltag, beispielsweise zu Geschlecht, Herkunft, psychischer Gesundheit oder Altersfragen, und stellt ihnen respektvolle und schlagkräftige Gegenreden gegenüber.

Das Kartenset umfasst:

  • 20 Karten mit häufigen Vorurteilen und passenden, fundierten Gegenargumenten
  • 5 Blanko-Karten für eigene Erfahrungen, Teamideen oder neue Formulierungen
  • Eine ausführliche Spielanleitung, die zur Reflexion und zum Austausch im Team einlädt

Die ersten 150 Exemplare des Kartenspiels verteilten wir im Rahmen unseres Führungskräfte-Fachtags am 5. Mai 2025.

 

Vielfalt sichtbar machen – eine Mitmachaktion mit Herz

Anlässlich des Deutschen Diversity-Tags am 27. Mai 2025 riefen wir dann eine besondere Mitmachaktion ins Leben, die auf große Resonanz stieß:  Wir luden Mitarbeitende dazu ein, sich mit dem neuen Kartenspiel auseinanderzusetzen und ihre Gedanken, Reaktionen und Team-Momente in Foto- oder Videoform zu teilen. Zahlreiche Einsendungen aus dem gesamten Unternehmensverbund zeigen nun ein vielstimmiges, engagiertes Stimmungsbild:

  • Persönliche Statements
  • Gemeinsame Reflexionen im Team
  • Kleine Spielszenen mit den Karten
  • Kreative Fotoaktionen

„Vielfalt sichtbar machen“ – dieses Ziel unterstützten viele unserer Kolleginnen und Kollegen. Jede Einsendung zeigt: Vielfalt ist Haltung. Und sie wird im Unionhilfswerk aktiv gelebt.

 

Vielfalt als Chance und Stärke

Vielfalt steigert nicht nur die Effektivität von Arbeit und Engagement. Gesellschaftliche Vielfalt im Unternehmen abzubilden, erhöht auch die Chance, unseren gesellschaftlichen Zweck gut zu erfüllen und die gesetzten Ziele zu erreichen, passende Angebote zu entwickeln und zukunftsfähig zu sein.

Vielfalt erweitert die Perspektiven innerhalb unseres Unternehmensverbundes und fördert Kreativität durch die Integration verschiedener Blickwinkel.

 

Ein starkes Zeichen für Offenheit und Wertschätzung

Das Kartenspiel ist bewusst so gestaltet, dass es nicht an ein bestimmtes Datum gebunden ist. Es soll Teams unterstützen, auch im Arbeitsalltag wiederholt und spielerisch über Vielfalt ins Gespräch zu kommen. Ob in Teambesprechungen, bei kollegialem Austausch oder im Rahmen interner Fortbildungen: „Schlagfertig für Vielfalt“ kann immer wieder hervorgeholt werden – als Impulsgeber, Mutmacher und Werkzeug für mehr Achtsamkeit im Umgang miteinander.

Wir bedanken uns herzlich bei allen, die sich beteiligt haben und damit ein starkes Zeichen für Offenheit und Wertschätzung setzen.

„Ich bin HEPpy“ – Wie ein Nachmittag auf dem Tempelhofer Feld für Begeisterung in der Heilerziehungspflege sorgt

Heilerziehungspflege (HEP) ist ein vielfältiger Beruf, bietet zahlreiche Einsatzmöglichkeiten und ermöglicht Inklusion und Teilhabe – dennoch ist er kaum bekannt.
Für das 2024 neu gegründete „Aktionsbündnis Fachkräftegewinnung für die Eingliederungshilfe“ (AFgE) war klar: Das muss sich ändern. Deshalb wurde im Mai 2025 im Rahmen einer berlinweiten Aktionswoche auf den HEP-Beruf aufmerksam gemacht und über dessen Inhalte und Möglichkeiten informiert.
Wir veranstalteten als Mitglied dieses Aktionsbündnisses am 20. Mai einen „HEPpy Nachmittag“ mit tatkräftiger Unterstützung unserer Auszubildenden in der Heilerziehungspflege.

 

Heilerziehungspflege – ein Beruf mit Sinn und Abwechslung

Das Wichtigste vorab: Heilerziehungspflege ist alles, nur nicht langweilig. Kein Tag gleicht dem anderen.
Ziel der Heilerziehungspflege ist es, Menschen mit geistigen, körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen in ihrer persönlichen Entwicklung, Eigenständigkeit und bei der gesellschaftlichen Teilhabe zu unterstützen – sei es in der Schule, im Beruf oder im Alltag.
Heilerziehungspfleger*innen begleiten Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder ältere Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen – und unterstützen diese bei einer aktiven und selbstbestimmten Gestaltung ihres Lebens: Von der Begleitung zum Arzt bis zum gemeinsamen Ausflug in den Zoo.
Und das Beste daran: HEPs bringen ihre Persönlichkeit und Kreativität ein und gestalten ihren Berufsalltag aktiv mit.

 

HEPpy-Nachmittag auf dem Tempelhofer Feld

Am 20. Mai lud das Unionhilfswerk angehende Sozialassistent*innen und Schüler*innen von weiterführenden Schulen aus der Nachbarschaft zum „HEPpy Nachmittag“ auf das Tempelhofer Feld ein.
Abseits des gewohnten Schulalltags und trockener Infovorträge wurde der Beruf der Heilerziehungspflege hier auf ganz andere Weise erfahrbar: Bei Spiel, Spaß und Snacks informierten sich Gäste – gezielt eingeladen oder zufällig vorbeikommend – in entspannter Atmosphäre über ein Berufsbild mit Zukunft. Und vor allem: Sie trafen Menschen, die diesen Beruf gewählt haben und mit Begeisterung aus ihrem Alltag berichteten.

 

Ich bin HEPpy

Vier Auszubildende aus unserem Fachbereich Eingliederungshilfe unterstützten die Aktion und waren – dank ihrer orangen T-Shirts mit dem Motto „Ich bin HEPpy“ – leicht zu erkennen.
Gut gelaunt beantworteten sie Fragen wie: „Was muss man für die Ausbildung mitbringen?“ oder „Lachst du viel mit deinen Klient*innen?“ Sie sprachen über persönliche Erfahrungen, Herausforderungen und darüber, warum ihr Beruf sie – und ihre Klient*innen so glücklich macht. Im Mittelpunkt stand dabei das persönliche Kennenlernen. Bei Spielen wie Wikingerschach, Leitergolf und Frisbee wurde gemeinsam gelacht – und ganz nebenbei der Beruf erlebbar gemacht. In den Pausen kamen alle bei Snacks und alkoholfreien Getränken ins Gespräch – und konnten den HEP-Azubis direkt Fragen zum Arbeitsalltag stellen.

 

HEP im Unionhilfswerk

Das Unionhilfswerk bietet in den Bereichen Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen und für Menschen mit psychischen Erkrankungen vielfältige Einsatzmöglichkeiten für Heilerziehungspfleger*innen – und bildet in Kooperation mit Berufsfachschulen auch selbst aus.
Zu den Einsatzbereichen von HEPs im Unionhilfswerk zählen:

 

Die Besucherinnen des „HEPpy Nachmittags“ nahmen viele Eindrücke mit –einige von ihnen haben vielleicht sogar zukünftige Kolleg*innen getroffen. Eins ist sicher: Nach diesem Nachmittag wissen die Teilnehmenden ganz sicher, wie viel in der Heilerziehungspflege steckt!  Wer mehr über die Ausbildung zur Heilerziehungspflege im Unionhilfswerk erfahren möchte, findet alle Infos auf unserer Karriereseite für Auszubildende. Und wer bereits ausgebildet ist und sich als Fachkraft einbringen will, findet unter dem Jobtitel „Fachkraft in der Betreuung“ unsere aktuellen Stellenangebote.

Mach auch du den Unterschied – wir freuen uns auf dich!

 

 

 

 

Von der Lust, Dinge zu finden – und der besonderen Kunst an einem einzigartigen Ort

Die Galerie will die Künstler*innen fördern, sie und ihr Werk sichtbar machen.

Häufig stehen die Autodidakt*innen außerhalb des etablierten Kunstbetriebs – diese besondere Galerie trägt durch ihre Arbeit dazu bei, gesellschaftliche Stigmatisierungstendenzen abzubauen. Sie schafft einen Raum für die Begegnung des Kunstpublikums mit der einzigartigen visuellen Sprache dieser außergewöhnlichen Künstler*innen.

Derzeit sind hier die Arbeiten der aus Holland stammenden Künstlerin Maria-Maike Leffers zu sehen: Der Titel ihrer ersten Einzelausstellung lautet „Spur und Linie“. Die Leiterin der Galerie, Marie Jeschke, hat diese Ausstellung zusammen mit Ivan Nenchev, Vorsitzender des Trägervereins PS-Art e. V. Berlin, kuratiert.

Am 14. Mai 2025 um 18 Uhr findet in der Galerie ein Artist Talk mit Marie Jeschke und der Künstlerin statt. Im Vorfeld haben die beiden sich in der Galerie getroffen, um über ihre Arbeit und die Ausstellung zu sprechen.

 

Davon berichtet die Galerieleitung Marie Jeschke:

Kaum betreten wir den Hof der Galerie, hebt Maika etwas auf. Ein Zuckerpapierchen.

Maria-Maike Leffers: „Hier gibt’s schon mal drei Farben – zufällig ist das hier Salz. Salz der Erde – ist Kunst das Salz der Erde? Ich möchte, dass sich jeder in meine Arbeit einmischen kann. Es sind offene Einladungen.“

Bei jedem Besuch nimmt sie etwas mit – kleine Andenken für eine fortlaufende Serie.

Maria-Maike Leffers: „Ich habe Zeiten, da habe ich es ganz stark: eine Findlust. Ich entdecke Dinge oft aus dem Augenwinkel. Es ist wie ein Spiel.“

Im Atelier sammeln sich diese Fundstücke. Kolleg*innen bringen ihr Reste – Stoffe, Papier, Abschnitte. Manchmal nimmt sie alles an, manchmal braucht sie ihren eigenen Blick.

Maria-Maike Leffers: „Im Kopf bin ich immer am Machen. Schon morgens denke ich: Was finde ich heute?“ Besonders angetan haben es ihr derzeit metallische Eisbonbonpapiere, aus denen sie winzige Rahmen reißt.

„Weiß auf Weiß“

Ihre Arbeiten entstehen oft aus Netzwerken von Linien, aus Spuren des Lebens.

„Es ist eine Form von Zeichnung“, sagt sie. „Ich liebe es, weiß auf weiß zu arbeiten – Schatten, Zwischenräume. Farbe allein ist nicht so mein Ding.“

Obwohl sie manchmal auch ein Väschen oder ein Blümchen zeichnet, sind es vor allem freie Formen, in denen sie sich bewegt.

Maria-Maike Leffers: „Bei figürlicher Arbeit werde ich fast streng mit mir. Zeichnen lässt mich freier sein.“

 

Wurzeln in Wort und Collage

Vor etwa 30 Jahren begann sie, Fundstücke und Fragmente zu verbinden – in Collagen, kleinen Geschichten, inspiriert von Spoken Word und frühen Textfragmenten.

Maria-Maike Leffers: „Das war wie ein zweiter Bildungsweg – mich und die Welt bewusster wahrnehmen.“

 

„Meine eigene Ausstellung war eine neue Welt“

Als ihre Ausstellung geplant wurde, konnte sie sich erst kaum vorstellen, die Galerie mit ihren Arbeiten zu füllen.

„Aber dann begann ich, meine Werke mit den Augen der anderen zu sehen. Es war wie eine ‚mich-Führung‘. Ich entdeckte neue Bedeutungen – es fühlte sich fast an, als wären es neue Arbeiten.“

Die Reaktionen waren unterschiedlich: Manche sprachen von Ruhe, andere von Dynamik.

Maria-Maike Leffers: „Für mich stimmt beides. Das Dazwischen mag ich besonders.“

 

Offenes Atelier – offener Blick

Das Offene Atelier St. Hedwig liegt in einem alten Gebäude voller Geschichte nicht weit entfernt von der Galerie Art Cru. Ein Ort, der inspiriert. Hier arbeitet die Künstlerin.

Maria-Maike Leffers: „Schon auf dem Weg dorthin fange ich an zu arbeiten – Materialien lesen, Formen denken.“

Die Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen ist geprägt von einem liebevollen Austausch.

Maria-Maike Leffers: „Viele brauchen klare Bilder. Ich mag Leere, Zwischenräume, abstrakte Andeutungen. Ich nehme die Reste der anderen und arbeite damit weiter – ohne klares Ziel. Vielleicht bin ich noch unterwegs.“

Ihre Arbeiten sind spontane Dialoge mit der Welt – Fundstücke, die zu Geschichten werden.

 

 

 

„Wir kamen mit dem Leiterwagen nach Berlin.“

Wo befanden Sie sich am 8. Mai 1945 oder während des Kriegsendes?

Im Frühjahr 1945 wurde unsere Berliner Kindergruppe von Ostpreußen nach Hohenstadt im Sudetengau vertrieben und von dort – nach dem Einmarsch der Russen im Sudetengau – über Prag mit dem Zug nach Dresden in ein Flüchtlingslager gebracht. Dort lebten wir längere Zeit, bis uns Lastwagen nach Wünsdorf bei Berlin brachten. Von dort ging es mit zwei Leiterwagen, zwei Mütter und fünf Kinder zu Fuß nach Berlin.

In Berlin fanden wir eine zerstörte Wohnung aber Helfer, die alles regelten. Das war im Mai und noch später. Viele Menschen waren 1945 auf den Straßen unterwegs, kaum einer wusste wohin – man half sich gegenseitig.

Können Sie einen besonderen Moment oder eine Begegnung nennen, die Sie nachhaltig geprägt hat?

Die Aufarbeitung der letzten Jahre begann in der Schule. In der Erinnerung erlebte ich die Begegnungen, die etwas Hilfe und Erleichterung brachten noch einmal. Ich erinnerte mich an den Mann im zerstörten Dresden, der uns Getränke und Brot brachte und den Weg in das Flüchtlingslager in Dresden zeigte.

Wie hat sich Ihr Alltag unmittelbar nach 1945 sowie in den folgenden Monaten und Jahren verändert?

Das geregelte Leben – Wohnungssuche, Arbeit und Schule – war schwer für uns Kinder. Viele Familien fanden sich wieder und sprachen über das Geschehene, was jeder ertragen musste.

Was bedeutet es für Sie, dass der 8. Mai 2025 als einmaliger gesetzlicher Feiertag in Berlin eingeführt wurde?

Damals dachten viele, dass sie den Mai 1945 mit allem, was man ertragen musste, nie vergessen würde…

Aber es gibt Gedenktage und auch Ereignisse, die diese Zeit in Erinnerung bringen sollen und die auch eine persönliche Erinnerung hervorbringen sollen – dafür ist dieser 8. Mai ein sehr guter Tag – damals bei glühender Hitze!

 

Die Stimmen von Käti Grabowski, Fritz Mardorf und Hannelore Treutler sind Teil einer Generation, die das Kriegsende nicht nur miterlebt, sondern mitgetragen hat. Ihre Geschichten mahnen, was Krieg bedeutet – und was Frieden wert ist. Der 8. Mai 2025 als gesetzlicher Feiertag in Berlin ist ein wichtiger Schritt, diese Erinnerungen lebendig zu halten. Denn wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft mit mehr Menschlichkeit gestalten.

 

 

„Dann saßen wir im Keller – und der Krieg endete.“

Wo befanden Sie sich am 8. Mai 1945 oder während des Kriegsendes?

Ich lebte in Thüringen. Dort war ein besonders Hitlertreuer, der Gauleiter Sauckel, tätig. Wir spotteten „Sauleiter Gaukel“, wussten aber, dass wir uns dabei nicht erwischen lassen durften.

Wann und wie haben Sie erstmals vom Ende des Krieges erfahren – und wie reagierten die Menschen um Sie herum?

Daran erinnere ich mich genau. Wir saßen im Luftschutzkeller. Aus Sicherheitsgründen waren damals die Trennwände zwischen den Kellern entfernt worden. Aus diesem Grunde hatte der Fleischermeister freien Weg zu den Bewohnern der Häuser und bot ihnen den Rest seiner Ware an. Er wollte ihn „vor dem Feind retten“. Das war für uns das Kriegsende.

Welche Bilder, Geräusche oder Gerüche aus dieser Zeit sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Die Kriegsereignisse haben meinen Wohnort nur insofern erreicht, als mit den Jahren immer häufiger Flugzeuge (Bomber) von West nach Ost flogen, um dort ihre Last abzuwerfen. Einmal erwischte es auch unseren Ort: Als wir nicht im Keller waren, schlug eine Bombe in unserem Garten ein und richtete Schaden an. Wir vermuteten, dass ein Bomberpilot auf dem Rückweg noch eine nicht genutzte Bombe fand und sie irgendwo abwarf.

In unsere Region marschierten zuerst die Amerikaner ein. Deshalb hatten wir – natürlich für kurze Zeit – bis sie die Russen ablösten, völlig unterschiedliche Verhältnisse.

Was Gerüche betrifft, hatte meine Mutter eine schöne Zeit, sie erwähnte die herrlichen Seifengerüche, als die Amerikaner die Besatzung stellten. Ich war mehr an amerikanischen Kaugummis interessiert. Auch was Geräusche betrifft, konnte die Zeit nicht unterschiedlicher sein. Keiner kann die damals Panjewagen genannten Pferdefuhrwerke der Russen und ihre Geräusche vergessen. Das war ein großer Unterschied zu den modernen Fahrzeugen der Amerikaner.

Können Sie einen besonderen Moment oder eine Begegnung nennen, die Sie nachhaltig geprägt hat?

Ich erinnere mich an eine maßlose Enttäuschung in der Nachkriegszeit. Das war die Schulreform. Die verschiedenen Regierungen, die damals das Sagen hatten, hatten auch unterschiedliche Ansichten über die Schulstruktur. So kam es, dass ich, als frischer Oberschüler (Gymnasium) wieder zurück musste in die Grundschule und den Schulwechsel nach mehreren Jahren noch einmal machen musste. Diese Entwicklung war prägend für mich!

Wie hat sich Ihr Alltag – und der Ihrer Familie – unmittelbar nach 1945 sowie in den folgenden Monaten und Jahren verändert?

Mein Vater war Soldat, er kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde dort einem Farmer als Arbeitskraft zugeteilt. Der war nicht an einer schnellen Freigabe des Gefangenen interessiert, deshalb kam mein Vater sehr spät in den Kreis seiner Familie zurück. So wurde ich von zwei Frauen, meiner Mutter und Großmutter erzogen. Eine Hauptbeschäftigung war damals die Nahrungsbeschaffung. Es fehlte an allem. Die Beschaffung erstreckte sich auf die umliegenden Dörfer, wo alle möglichen Haushaltsgegenstände und Wertsachen in Nahrungsmittel verwandelt wurden. Meine Mutter begab sich sogar auf eine abenteuerliche Fahrt über die Grenze zu Verwandten, um auch dort etwas zu beschaffen.

Wie blicken Sie heute, 80 Jahre später, auf diese Zeit zurück? Hat sich Ihre Sichtweise verändert?

Ich habe hohe Achtung vor den Alliierten, die damals mit einem ungeheuren Kraftakt die Nazis besiegten. Das sollte man nie vergessen. Ich habe im vorigen Jahr Torgau besucht. Dort steht am Elbufer das Denkmal der Begegnung am 25. April 1945, wo sich die russischen und US-Soldaten die Hände reichten. Für diese Entwicklung bin ich dankbar und habe mich an das Zusammentreffen beider Mächte in meinem Heimatort 1945 erinnert.

Welche Hoffnungen haben Sie für die Gegenwart und Zukunft in Bezug auf Frieden, Demokratie und Zusammenhalt, und welche Botschaft möchten Sie der jüngeren Generation mitgeben?

Leider wird besonders in der heutigen Zeit der damals erreichte Frieden in Frage gestellt – und man neigt allzu leichtfertig zu Drohgebärden. Diejenigen sollten das letzte Wort haben, bei denen die Vernunft überwiegt und der Wille, eine bessere Welt zu schaffen. Man sollte die Steigerung der Verteidigungsausgaben nicht übertreiben – einmal beschaffte Waffen werden möglicherweise Krieg bedeuten, wenn auch nicht bei uns, aber vielleicht in Ländern dieser Welt, die aus Gründen der Religion oder Besitzansprüche oder Stammesfehden glauben, noch Krieg führen zu müssen.

Zu dieser Entwicklung können wir Alten nicht mehr viel beitragen, außer unsere Stimme zu erheben, aber wir schauen auf die jüngere Generation und hoffen, dass sie für uns alle eine lebenswerte Zukunft erkämpft.

 

Während Fritz Mardorf das Kriegsende in Thüringen erlebte, war Hannelore Treutler als Kind mit einem Leiterwagen unterwegs durch ein zerstörtes Land. Im nächsten Beitrag berichtet sie von ihrer Flucht, von Begegnungen voller Hilfsbereitschaft – und von einem Dresdner, der ihr bis heute unvergessen geblieben ist.

 

Hier finden Sie außerdem den Beitrag von gestern „Ich möchte nicht noch mal einen Krieg erleben. Käti Grabowsky berichtet“.

 

 

 

 

„Ich möchte nicht noch mal einen Krieg miterleben.“

Schulzeit in Frankfurt/Oder und Rückkehr nach Berlin

„1942 wurden Berliner Schüler*innen evakuiert und ich ging eine Weile lang nach Frankfurt/Oder in die Schule. Samstags kam ich zurück nach Berlin zu meiner Familie. Als immer mehr Menschen aus dem Osten flohen und diese auch in Frankfurt/Oder untergebracht werden mussten, endete meine Schulzeit dort.“

Bombenangriffe und Zerstörung

„Ich wuchs in der Leibnizstraße in der Nähe des Kurfürstendamms auf. Bei den Bombenangriffen wurde die komplette Fassade des Hinterhauses weggerissen. Wie bei einem Längsschnitt durch das Haus, konnte man in die Wohnungen sehen, jedoch nicht hineingehen, weil die Treppen zerstört waren. Die Häuser am gesamten Ku’Damm waren von den Bomben zerstört worden.“

„Wenn die Sirenen beim Bombenalarm heulten, griffen wir schnell Wertsachen, warme Kleidung und wichtige Papiere und gingen in den (Luftschutz)-Keller. Weil mein Vater handwerklich erfahren war und sich mit Holz auskannte, stützte er den Keller zusätzlich ab. Anfangs gab es noch Voralarm mit einem Warnsignal, später gab es nur noch die richtigen Alarme – ohne die Vorwarnung. Die Zeit war zu aufregend, an Details oder besondere Eindrücke kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich hatte noch meine Mutter und meinen Vater – das war für mich sehr wichtig, aber keinesfalls selbstverständlich. Es half dabei, die schlimme Zeit besser auszuhalten.“

Erlebnisse beim Kriegsende und eine Ohrfeige

„Als meine Eltern vom Kriegsende erfuhren, nahmen mein Vater und ich den Handwagen und versuchten, uns mit Lebensmitteln zu bevorraten. Beim Einmarsch der Russen versteckten die Mütter die jungen Mädchen hinter sich. Mir nahmen die Russen ein Armband ab, ließen mich aber unversehrt. Ich erinnere mich an einen russischen Offizier, der Deutsch konnte und ein 12-jähriges Mädchen vor der Vergewaltigung gerettet hat.“

„Damals habe ich meine letzte Ohrfeige von meiner Mutter bekommen. Ich tanzte zusammen mit meiner Freundin zur Musik vom Plattenspieler. Meine Mutter dachte, wir hätten russische Soldaten angelockt. In der Zeit nach Kriegsende fuhr ich mit meiner Familie mit der S-Bahn raus aufs Land, um Kartoffeln zu bekommen – mit gefüllten Rücksäcken kamen wir zurück.“

Neuanfang nach dem Krieg

Vor dem Krieg hatte Käti eine Lehre als Filmherstellerin begonnen – dieser Industriezweig war in Berlin vollständig zerstört worden. Daher suchte sie nach einer neuen Beschäftigung. Was sollte man in der Zeit lernen? Für welche Arbeit bekam man Geld?
Sie erledigte Auftragsarbeiten, schrieb lange Listen und verdiente damit Geld.

1947 lernte Käti Grabowsky ihren späteren Mann kennen. Die beiden heirateten 1950 und bauten gemeinsam mit einem Freund einen Süßwarengroßhandel auf – in der ersten Zeit lieferten sie die bestellten Waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß aus, bis sie sich ein motorisiertes Dreirad anschaffen konnten. Später arbeitete Frau Grabowsky bis zu ihrer Pensionierung bei der Kaufhauskette Hertie in der Wilmersdorfer Straße in der Süßwarenabteilung.

Der Wunsch nach Frieden und das Erlebte

„Als junge Menschen waren wir durch den Krieg viel ernster. Im Vergleich dazu fällt mir heute bei manchen jungen Leuten auf, dass sie vor allem Spaß haben wollen, unverbindlicher sein und möglichst wenig Verantwortung übernehmen. Ich möchte nicht noch mal einen Krieg miterleben – zumal ein heutiger Krieg ja viel schlimmer wäre. Das wünsche ich niemandem.“

 

Während Käti Grabowsky in Berlin den Neuanfang wagte, erlebte ein elfjähriger Junge in Thüringen auf ganz eigene Weise das Ende des Krieges. Im nächsten Beitrag schildert Fritz Mardorf seine Erinnerungen an Würstchen im Luftschutzkeller, die Geräusche von Pferdefuhrwerken – und an einen Moment, der sich für ihn wie Frieden anfühlte.