Monthly Archives: März 2026

„Und der Frühling kam trotzdem“ – Eine Matinée voller Erinnerungen, Poesie und leiser Kraft

Poesie an einem Sonntagmittag

Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf der Bühne: eine lange Tafel, elf Menschen.  Dahinter Blumen als zarte Frühlingsboten. Acht Mitglieder des PAPILLONS-Ensembles, eine Jugendliche, dazu die künstlerische Leiterin Christine Vogt und Michael Hanemann, Schauspieler und Unterstützer der Gruppe seit ihrer Gründung vor zehn Jahren. Das Bühnenbild ist schlicht – und gerade deshalb wirkungsvoll.

 

Zwischen Zauberstab und Klavierklängen

In der ersten Reihe sitzt eine Jugendliche, die mit einem kleinen Zauberstab die Einsätze der Lesenden koordiniert. Am Rand begleitet eine weitere Engagierte mit feinen Klavierklängen. Das Publikum ist gemischt: treue PAPILLONS-Besucherinnen und -Besucher ebenso wie viele neue Gesichter. Auffällig: die Mehrheit ist weiblich, viele zwischen 55 und 95 Jahren. Auch Bewohner*innen des Hauses sind gekommen – für sie ist die Matinée eine willkommene Abwechslung.

 

Kindheit, Krieg und Frühling

Die Ensemblemitglieder lesen eigene Gedichte – entstanden in einer Poesiewerkstatt. Ihre Texte kreisen um den Frühling, um Natur, um Erinnerungen an Kindheit in den 1940er- und 50er-Jahren. Auch Werke der verstorbenen Mitbewohnerin Aldona Gustas, einer renommierten Malerin und Dichterin, finden ihren Platz – eindringlich vorgetragen, voller Kraft. Udo Thiel erzählt von seiner Kindheit auf dem Land: Kühe eintreiben, als Lohn ein Wurstbrot und 20 Pfennig. Die Bäuerin sei „netter als meine Mutter“ gewesen – weich, zugewandt. Die eigene Mutter hingegen: hart. Ursula Krupp flüchtet in ihren Erinnerungen auf die Wiese, wenn der Streit im Haus zu groß wird – hinein in eine Welt aus Pflanzen, Insekten und Schmetterlingen. Doch sie schreibt auch über den Frühling im Krieg. Der Rhythmus ihres Gedichts trägt die Angst eines Fliegeralarms. Im Raum wird es still, als sie liest: „Da ist erst kein Gefühl, nur Reaktion. Überlegungen hätten das Leben gekostet. Und der Frühling kam trotzdem.“

 

Zwischen Lachen und Liedern

Auch leichtere Töne haben ihren Platz: Bernd Leichsenring verbindet den Frühling mit Liebe und Lust. Als er von der „wilden Hilde“ erzählt, geht ein Lachen durch den Saal. Spontan stimmt er das Steigerlied an – das Publikum lächelt, einige singen mit. Für einen Moment wird aus der Lesung ein gemeinsames Erlebnis.

 

Gemeinschaft auf der Bühne

Wenn Stimmen nachlassen, hilft das Ensemble einander. Udo Thiel übernimmt Gedichte eines Mitstreiters – nicht ohne ihn vorher respektvoll um Zustimmung zu bitten. Thorsten wird von Michael Hanemann unterstützt, der seine Texte mitträgt, ihnen zusätzliche Klarheit verleiht. Es sind leise Gesten der Solidarität – und sie erzählen fast ebenso viel wie die Gedichte selbst.

 

Eine leise, große Erkenntnis

Viele Texte kreisen um ein zentrales Motiv: den Lauf der Natur. „Es gibt Krieg und Vernichtung. Trotzdem kommt der Frühling“, heißt es in einem Gedicht. Eine einfache, fast tröstliche Wahrheit – für eine Generation, die Krieg erlebt hat. Und für eine Gegenwart, die wieder von Unsicherheiten geprägt ist.

 

Applaus und Tränen

Nach rund 50 Minuten endet die Matinée. Christine Vogt verabschiedet das Publikum, bittet um Spenden. Thorsten hebt seinen Zylinder – mit einem Lächeln. Dann: Applaus. Langanhaltend, kraftvoll, fast fünf Minuten. Im Publikum sind Tränen zu sehen. Viele wirken tief berührt. „Es geht im Leben doch immer um die einfachen Dinge: Begegnung, Familie, Natur“, sagt eine Besucherin später. Eine andere meint: „Die Natur nimmt ihren Lauf – egal, was wir Menschen tun.“ Und wieder eine andere bringt es auf den Punkt: „Dass dieses Ensemble eine Bühne bekommt und seine Geschichten teilt – das ist eine einmalige Erfahrung.“

 

Die Bühne, die bleibt

Genau darin liegt der Kern der PAPILLONS: Hochaltrigen Menschen, viele von ihnen mit Demenz, eine Stimme zu geben. Ihnen Raum zu schaffen für ihre Erinnerungen, ihre Poesie, ihre Würde. Und zugleich die Stadtgesellschaft an einen Ort zu holen, der sonst oft verborgen bleibt: das Pflegewohnheim „Am Kreuzberg“, mitten im Bergmannkiez. Es ist der Lebensort des Ensembles. Und ihr letztes Zuhause.

An diesem Sonntagmorgen aber ist es vor allem eines: eine Bühne voller Leben.

 

Der Führungskräfte-Fachtag 2026 – Über Standfestigkeit und Flexibilität

Führung ist keine Einzelrolle – sie ist Teil eines Verbunds

Bereits vor Beginn der Veranstaltung wurde spürbar: Führung heißt auch Austausch mit anderen Leitungskräften und Vernetzung. Ein WIR-Gefühl lag in der Luft, das sicher auch der offenen und anregenden Location anzurechnen ist. Die Atmosphäre war warm, die Gespräche lebhaft und die Gäste beim Einstieg ins Inhaltliche entsprechend gut eingestimmt.

Der Tag begann mit einem strategischen Rück- und Ausblick: Dieser sollte einerseits wertschätzend auf das blicken, was wir 2025 in unserem Träger gemeinsam geleistet und geschafft haben– von zahlreichen gelungenen Veranstaltungen über Meilensteine in der Inklusionsförderung bis hin zum zukünftigen Weiterbestehen der Kontakt- und Beratungsstelle. Andererseits standen natürlich Themen für 2026 und darüber hinaus auf dem Plan und auch die Frage: Was braucht eine gute Leitung, um ihr Team souverän durch die Aufgaben und Herausforderungen eines Jahres zu führen?

 

Führung braucht Räume für Reflexion, Austausch und Unterstützung

Eine Antwort auf diese Frage bot eines der Schwerpunktthemen des Tages: die mentale Gesundheit von Führungskräften. Denn in einer komplexen und fluiden Arbeitswelt sind Belastungen Realität – und umso wichtiger ist Resilienz. Der Impuls von Coach, Therapeut und Kommunikationstrainer Matthias Cohn holte viele Zuhörende mit den richtigen Fragen ab. Er zeigte auf, wie wichtig es ist, zu differenzieren: Wo habe ich Handlungsspielraum? Was kann ich hingegen nicht ändern? Und wie verhalte ich mich zu beidem? Am Ende des Austauschs war klar: Resilienz ist trainierbar – durch Selbstreflexion, Verantwortung und Netzwerkorientierung. Psychische Gesundheit ist ein Führungsthema und die Impulse schlugen sich bereits in den Pausen in zahlreichen Gesprächen nieder.


Führung heißt, Orientierung zu geben. Und Orientierung entsteht durch Klarheit

Ein besonderer Programmpunkt war der Austausch mit Stefan Evers, Bürgermeister im Senat Kai Wegner und Berliner Senator für Finanzen. In seiner Keynote zur finanzpolitischen Perspektive auf die Sozialpolitik wurde deutlich, vor welchen Herausforderungen Land und Träger stehen – wachsende Bedarfe, begrenzte Mittel, notwendige Reformen. Evers‘ Einordnung des Status Quo und der sich in den kommenden Jahren abzeichnenden Entwicklungen und Herausforderungen war ehrlich, klar und lösungsorientiert.

Im anschließenden moderierten Gespräch diskutierten Geschäftsführerin Katrin Weidemeier und Geschäftsführer Dr. Martin Kaufmann sowie unser Führungskräftepublikum offen und konstruktiv mit Stefan Evers über Handlungsspielräume, Verantwortung und die Rolle freier Träger in bewegten Zeiten. Der Dialog zeigte: Soziale Arbeit braucht politische Rahmensetzung – und Politik braucht starke, verlässliche Partner*innen aus der Praxis. Sich darauf verlassen zu können, befördert sowohl Standfestigkeit als auch Flexibilität, macht stark für absehbare Aufgaben und auch für überraschende Wendungen.

 

Was bleibt?

Der Führungskräfte-Fachtag war kein bloßes Tagesevent, sondern ein weiterer Schritt in unserer Organisationsentwicklung – um als Arbeitgeber auch weiterhin sowohl Stabilität als auch Entwicklung zu ermöglichen. Um in Kontakt und im Austausch zu bleiben und gemeinsam voranzubringen, was uns wichtig ist. Denn je komplexer die Welt wird, desto wichtiger wird das WIR.

 

Ein Abend der Gemeinschaft- Fastenbrechen im Reinickendorfer Rollbergekiez

Ein Zeichen für Gemeinschaft im Rollbergekiez

In diesem Jahr wurde ein besonderes Zeichen gesetzt: Zum ersten Mal hatte das Stadtteilzentrum Rollberge mit Akteur*innen aus dem Rollbergekiez die Nachbarschaft ins Streethouse in der Schluchseestraße zum gemeinsamen Fastenbrechen im Ramadan eingeladen. Die Resonanz war groß: Nach nur einem Tag waren die Plätze mit Voranmeldung vergeben und das große Interesse zeigte, wie stark das Bedürfnis nach Begegnung und Austausch ist.

 

Kulinarische Vielfalt und fröhliche Begegnungen

Traditionell nach Sonnenuntergang füllten sich die Tische mit dampfender Suppe, duftenden Reisgerichten, frischem Fladenbrot und süßen Nachspeisen. Die Vielfalt der Speisen spiegelte die kulturelle Vielfalt der Menschen wider, die an diesem Abend zusammenkamen. Kinder liefen lachend zwischen den Tischen umher, während Erwachsene miteinander ins Gespräch kamen. Fremde wurden zu Bekannten, Bekannte zu Freundinnen und Freunden.

 

Die Bedeutung des Fastenbrechens im Ramadan

Das tägliche Fastenbrechen – „Iftar“ genannt – markiert im Ramadan einen besonderen Moment. Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang verzichten erwachsene Musliminnen und Muslime auf Essen und Trinken. Das Fasten ist eine der fünf Säulen des Islams und dient der inneren Einkehr, der Disziplin und der Besinnung. Doch an diesem Abend stand vor allem das Miteinander im Mittelpunkt.

Das Fastenbrechen bedeutet für mich mehr als nur wieder zu essen“, sagte eine Besucherin. „Es ist der Moment, in dem wir als Familie und als Gemeinschaft zusammenkommen und dankbar sind für das, was wir haben.

Ein anderer Gast ergänzte: „Gerade hier im Kiez zeigt das Iftar, dass wir trotz unterschiedlicher Hintergründe zusammengehören. Dieses gemeinsame Essen verbindet uns.

 

Spiritualität und Respekt im Streethouse

Auch an die spirituelle Dimension wurde gedacht: Ein ruhiger Raum stand für das Gebet zur Verfügung. Damit wurde Raum für persönliche Einkehr geschaffen – und zugleich ein sichtbares Zeichen für Respekt und Offenheit gesetzt.

 

Ramadan als Zeit des Zusammenhalts

Der Ramadan trägt den Geist von Familie und sozialem Zusammenhalt in sich. Ähnlich wie die Adventszeit vor Weihnachten ist er geprägt von Vorbereitungen, Dekorationen, gemeinsamen Aktivitäten mit Kindern und Treffen mit Verwandten und Freund*innen. Er endet mit dem sogenannten Zuckerfest, dem Fest des Fastenbrechens, an dem drei Tage lang gefeiert wird.

An diesem Abend im Rollbergekiez war dieser Geist besonders spürbar: Solidarität, gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, Teil einer vielfältigen Gemeinschaft zu sein.

 

Fotos: Jennifer Leipold und Zaman Alawid

Kinder stärken – Resilienz in der Kita

Schwierige Lebensumstände im Reuterkiez

Was brauchen Kinder, um seelisch gesund aufzuwachsen – besonders dann, wenn sie in schwierigen Lebensumständen groß werden? Mit dieser Frage habe ich mich in meiner Bachelorarbeit beschäftigt, die ich in der Kita „BeerenStark“ im Reuterkiez in Berlin-Neukölln durchgeführt habe – einem der am stärksten belasteten sozialen Ballungsräume der Stadt.
Der Reuterkiez steht wie kaum ein anderer Ort für die Verdichtung sozialer Herausforderungen: hohe Armutsquote, beengte Wohnverhältnisse, niedriger Bildungsstand, Migrationsgeschichte, Transferleistungsbezug. Jedes zweite Kind im Bezirk wächst statistisch gesehen in Armut auf.

 

Kita als Schutzraum und Wurzelort

Ich bin seit fast 20 Jahren im Träger tätig, viele Jahre davon im Kinderhaus am Sawyer in Zehlendorf. 2023 wechselte ich als stellvertretende Leitung nach Neukölln – ein innerer Quantensprung, getragen von der Überzeugung, dass Kitas entscheidende Schutzräume sein können: Schutzhüllen, die Kinder umgeben, und gleichzeitig Orte, an denen sie Wurzeln entwickeln – durch stabile Beziehungen und verlässliche Bindungserfahrungen.

 

Zwei Schwerpunkte: Resilienz und Armutssensibilität

Im Mittelpunkt meiner Arbeit standen zwei zentrale Themen: Resilienzförderung – also die Stärkung psychischer Widerstandskraft – und ein armutssensibles pädagogisches Handeln. Ich wollte herausfinden, ob Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren, die in armutsbetroffenen Haushalten leben, weniger resilient sind als ihre Altersgenossen aus scheinbar günstigeren wirtschaftlichen Verhältnissen.
Unerwartete Ergebnisse aus der Kita „BeerenStark“
Insgesamt befragte ich 42 Kinder unserer Kita mithilfe der wissenschaftlich erprobten Resilienzskalen RSKita 3–6. Dieses Instrument ermöglicht es, die Kinder selbst nach ihrer seelischen Wahrnehmung zu fragen. 28 Fragen konnten sie über verschieden große Holzbausteine gewichten – ganz nach ihrer eigenen Einschätzung.
Das Ergebnis hat mich überrascht: Kinder aus armutsbetroffenen Familien schätzten sich im Durchschnitt als besonders resilient ein – sogar höher als Kinder aus Familien ohne finanzielle Unterstützung. Diese Erkenntnis widerspricht gängigen Vorannahmen. Sie zeigt: Resilienz ist keine angeborene Eigenschaft, sondern ein dynamischer Prozess – geprägt durch Beziehungen, Alltagserfahrungen und die Qualität der pädagogischen Begleitung.

 

Kinder ernst nehmen – Einblicke ins emotionale Erleben

Besonders wertvoll war für mich die Erkenntnis, dass kindliche Selbsteinschätzungen echte Einblicke ins emotionale Erleben geben. Zwei Kinder mit besonders niedriger Einschätzung machten deutlich: Hier braucht es gezielte Unterstützung – passgenau orientiert an den sogenannten Resilienzfaktoren wie Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit, soziale Kompetenz und Stressbewältigung.

 

Resilienz als Schlüssel zu Chancengleichheit

Diese Faktoren sind nicht nur im Berliner Bildungsprogramm verankert, sondern auch ein Schlüssel zu echter Chancengleichheit – besonders in belasteten Bezirken wie Neukölln.
In der Kita „BeerenStark“ gehen wir diesen Weg seit zwei Jahren ganz bewusst. Gemeinsam mit dem Team leben wir Resilienzförderung im Alltag – auf Basis eines Wertekreises aus Wissen, Haltung und Handeln.

 

Schutz, Teilhabe und seelische Gesundheit

Denn klar ist: Kitas helfen dabei, Schutzhüllen um das Kind zu bilden, indem sie die individuelle Situation jedes einzelnen Kindes in den Blick nehmen und gezielte Maßnahmen einleiten – um zu stärken, zu unterstützen und Teilhabe zu ermöglichen. So leisten wir einen wesentlichen Beitrag zur seelischen Gesundheit und zu einem gelingenden Aufwachsen.