Monthly Archives: Oktober 2018

Echte Profis beim Abend des Selbermachens

Das Projekt Kiez trifft Kiez des Vereins Aussichtsreich e.V. war zum dritten Mal zu Gast in der Zuverdienstwerkstatt und lud zum Selbermachen ein.  Die im Vorfeld angemeldeten Gäste konnten an dem Tag der offenen Tür zwei Dinge in der Werkstatt erlernen. Entweder einen Einkaufbeutel selber zu nähen oder ein Schreibtisch-Utensilo aus einem Buch anzufertigen. Das Besondere dabei:  Die Beschäftigten der Zuverdienstwerkstatt nahmen bei der Anleitung die Rolle der Profis ein und brachten den Besuchern das Nähen an der Maschine bei. Es bildeten sich Zweiergruppen, in denen eifrig erklärt, zugehört, beobachtet und erfolgreich angeleitet wurde. Die Besucherinnen und Besucher hatten anschließend große Freude an ihren selbstgenähten Beuteln. Sie konnten diese sogleich kostenlos mit nach Hause nehmen und nach Lust und Laune auch mit tollen, gekauften Produkten aus der Zuverdienstwerkstatt befüllen.

Beschäftigte wie Besucher waren stolz auf die tollen Ergebnisse

Eine Anleiterin des Nachmittags war die Beschäftigte Frau Kerstin H. Sie beschreibt den Nachmittag so: „Erst war ich sehr aufgeregt. Doch nachdem ich meine anfängliche Scheu, in Kontakt zu der Besucherin zu treten, überwunden hatte, hat es großen Spaß gemacht, ihr das Nähen beizubringen. Die Atmosphäre war locker und ungezwungen aber auch ganz schön trubelig. Als die Besucherin ihren Beutel fertig hatte, waren wir beide stolz.“

Auch im nächsten Jahr wird es wieder einen Abend des Selbermachens in der Zuverdienstwerkstatt  geben, an dem sich Besucherinnen und Besucher nach Herzenslust ausprobieren können. Wir freuen uns darauf!

Happy Birthday, Galerie ART CRU Berlin!

Vor 10 Jahren entstand in Berlin die erste und einzige Galerie für sogenannte Outsider Art – und somit ein Ort, an dem die Kunst von Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung oder geistigen Behinderungen öffentlich präsentiert werden konnte und kann. Es begann eine Entwicklung hin zu mehr Verständnis und zu einer veränderten Wahrnehmung der künstlerischen Arbeiten von „Außenseitern“: Outsider Art als wichtiger Teil der Gegenwartskunst. Angeregt durch die Projektinitiatorin und Galerieleitung, Alexandra von Gersdorff-Bultmann, hat die Galerie Art Cru Berlin seither das Ziel, mit dem etabliertem Kunstbetrieb aktiv in den Austausch zu treten. Der Verein PS-Art e.V. Berlin ist der Träger dieses Projektes, der sich als Netzwerk verschiedener psychosozialer Institutionen versteht. Zu den zahlreichen Mitgliedsorganisationen des Vereins zählen seit vielen Jahren auch zwei Gesellschaften der Stiftung Unionhilfswerk Berlin, die Unionhilfswerk Sozialeinrichtungen gGmbH und die USE gGmbH.

Carolin Rosner ist Vorsitzende des Vereinsvorstandes von PS-Art e. V.

Zu Beginn dieses Jahres wurde Carolin Rosner als erste Vorsitzende in den Vereinsvorstand PS-Art e.V. gewählt. Für die Leiterin des UNIONHILFSWERK-Übergangswohnheims Neukölln war das 10-jährige Jubiläum damit das erste größere Projekt, das sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus dem Vereins-Vorstand und den Mitgliedsorganisationen realisierte.

PS-Art e.V. lud gemeinsam mit der Galerieleiterin und ehemaligen Vereinsvorsitzenden, Alexandra von Gersdorff-Bultmann, zu einem spätsommerlichen Geburtstagsfest in die Galerie Art Cru Berlin ein. Der romantische Kunsthof in der Oranienburger Straße, inmitten der Berliner Kunstszene im Scheunenviertel, füllte sich mit kreativem Leben, gestaltet von den Mitgliedsorganisationen. Sie eröffneten mit ihren Angeboten zum kreativ werden und dem Verkauf künstlerischer Arbeiten – von Plastiken, Bildern oder auch designten Produkten – einen besonderen Blick auf ihre therapeutischen Tätigkeitsbereiche.

Neben dem bunten Treiben ging es, dem Anlass entsprechend, auch offizieller zu. So ließen es sich die zahlreichen Gratulanten – von der Geschäftsführerin des Paritätischen Berlin, Dr. Gabriele Schlimper,  über das Vorstandsmitglied aus dem PS-Art e.V., Dr. Wolfram Voigtländer bis hin zum Präsident des Landesverbandes Berliner Galerien LVBG, Werner Tammen – nicht nehmen, die wichtige Arbeit der Galerie und die der Initiatorin zu würdigen.

Kunst für einen guten Zweck

Neben der Eröffnung der Jubiläumsausstellung „CHAMELEONIC“ mit Arbeiten der Künstler Betty Feix, Christo Lufendiso, Luanza, Melanie Edwards und Peter Pankow kam auch Kunst für einen guten Zweck unter den Hammer: Bilder und Plastiken, entstanden in den Ateliers der Mitgliedsorganisationen. Hierzu zählten auch einige kraftvolle Bilder der Vietnamesin Thu Thu Nguen, (sh. Foto oben) die nach dem Krieg aus Laos floh. Infolge ihrer Erlebnisse auf der Flucht, verbunden mit einer Odyssee durch verschiedene Flüchtlingslager, verlor sie nahezu ihre Sprache. Durch die Behandlung in Deutschland fand sie über die Malerei eine neue Ausdrucksform. In der Galerie Art Cru wurde ihr Werk nach ihrem Tod 2007 in einer Retrospektive gezeigt.

Die Arbeiten der Auktion wurden zugunsten des Peace-Train-Berlin e.V., eine Kulturwerkstatt für Flüchtlingskinder und Jugendliche versteigert. Das Ergebnis kann sich für den Anfang sehen lassen – und eröffnet vielleicht sogar interessante Perspektiven für Wiederholungen.

Film: Dabei sein ist unser Recht

Wir fordern Inklusion

Wir wollen, dass Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Dabei ist es egal, ob sie eine psychiatrische Diagnose haben oder nicht, ob sie chronisch krank oder behindert sind oder nicht, ob sie sich in der Krise befinden oder nicht. Damit Inklusion zur Realität wird, helfen wir dabei, Barrieren zu erkennen und Lösungen zu finden, um diese zu überwinden.

Wir unterstützen unsere Interessenten dabei, zunächst passende Angebote zu finden, die ihren Wünschen und Interessen entsprechen. Das können Yoga-Kurse in Kieztreffs, das Tischtennistraining im Verein oder der Besuch im Theater sein – Hauptsache es sind Angebote, die es im Sozialraum bereits gibt und die dadurch inklusiv werden, dass Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sie nun besuchen. Um Orte besser zugänglich zu machen, erarbeiten wir gemeinsam, welche Barrieren es jeweils gibt und wie wir sie vermindern können. Oft braucht es für unsere Interessenten aber gar nicht mehr als jemanden an ihrer Seite, der sich gemeinsam mit ihnen für ihr Recht auf Teilhabe stark macht.

Experten aus eigener Erfahrung

Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind Menschen mit eigener Krisen- oder Psychiatrieerfahrung, die als Ehrenamtliche im InklusionNetzwerkNeukölln arbeiten. Sie setzen ihre Erfahrungen als Betroffene und ihre speziellen Kompetenzen, die sie aus diesen Erfahrungen gewonnen haben, in der Arbeit als Begleiter ein.
Häufig wird eine Begleitung zu Angeboten nur für einen ersten Termin in Anspruch genommen, weil schnell Sicherheit entstehen kann. Aber auch dauerhafte Begleitungen sind immer möglich. In einzelnen Kursen – beispielsweise im Nachbarschaftsheim Neukölln – ist ein Begleiter als Ansprechperson schon direkt vor Ort.

Zur Woche der Seelischen Gesundheit präsentierte das InklusionNetzwerkNeukölln (INN) nun seinen Kurzfilm „Dabei sein ist unser Recht!“. Dieser Film will Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in ihrem Recht auf Teilhabe bestärken und zeigt, wie Barrieren ganz praktisch überwunden werden können.

Weitere Informationen zum InklusionNetzwerkNeukölln finden Sie unter www.unionhilfswerk.de/inn oder auch bei facebook.com/inn.klusion.

Das InklusionNetzwerkNeukölln ist ein Projekt des UNIONHILFSWERK in Kooperation mit bipolaris e.V. und dem Nachbarschaftsheim Neukölln e.V. Es wird von der Aktion Mensch gefördert.

Poetische Blumengrüße im Gewächshaus: Das Gartencenter Rahnsdorf avancierte zum „Lesegarten“

Zum Termin herrschten nun nahezu tropische Temperaturen. Dennoch hatten viele Freunde der Poesie den Weg ins Gartencenter gefunden und die Gastgeber gaben sich mit Ventilatoren und gekühlten Getränken größte Mühe, für Abkühlung zu sorgen. Und der Weg hatte sich gelohnt: Zu hören war, wie bekannte Dichter und die Hobbypoeten vom Müggelsee den Zauber der Rose ebenso besangen wie den des winzigen Blütenkelches eines Krautes am Wegesrand.
Zwischen Hortensien, Dahlien, Hibiskus und Rosen hatten die Poeten vom Müggelsee im „Lesegarten“ einen poetischen Strauß gebunden. Dabei kamen auch die kleinsten Blümchen ganz groß raus. Denn, wie sagt es Erich Kästner? „Wer wagt es, sich den donnernden Zügen entgegenzustellen? Die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschwellen!“

Durch das Programm führten Dagmar Neidigk und Sabine Hinderland. Ilse Markgraf begleitete die Lesung mit der Gitarre. Sie begeisterten das Publikum an diesem kurzweiligen Abend mit einem Mix aus Nachdenklichem und Heiterem aus fremder und eigener Feder. Und bei einem Gläschen Wein im Anschluss waren sich die Gäste darüber einig, dass der „Rahnsdorfer Lesegarten“ eine neue Adresse für Freunde der Poesie werden sollte. Eine Fortsetzung in der Adventszeit ist also geplant (Wir halten Sie auf dem Laufenden).

Jetzt ist die ideale Pflanzzeit

Aber auch jetzt im Herbst ist das Gartencenter Rahnsdorf für Gartenfreunde eine gute Adresse. Denn der Oktober ist die ideale Pflanzzeit. Pflanzen, die jetzt in die Erde kommen, brauchen weniger Pflege und haben im Frühling schon einen Wachstumsvorsprung. Die Mitarbeiter im Gartencenter Rahnsdorf beraten Sie dazu gern.

Gartencenter Rahnsdorf der USE gGmbH
Fürstenwalder Allee 14
12589 Berlin
Tram 61 Rahnsdorf Waldschänke

GO! Empower-Mentoring – Abschied nach drei erfolgreichen Jahren

Zur Dankesfeier im September kamen sie alle nochmal zusammen: Mahmoud aus Ägypten, der einen Ausbildungsvertrag als Glaser in der Tasche hat, und sein Mentor Jörg, der ihn auf dem Weg dahin unterstützt hat.

Oder Gregor, der seinen Mentee bei einem Umzug ebenso begleitete wie bei einem Praktikum und der Ausbildung zum Anlagenmechaniker.

42 Tandems arbeiteten in den vergangenen drei Jahren zusammen

Tandems wie diese haben dem Projekt GO! seit dem Beginn im Oktober 2015 Gesichter verliehen. Aus dem Mentoring-Projekt sind insgesamt 42 aktive Mentorate hervorgegangen.
Mentee Sarah beispielsweise lernte ihre Mentorin im Mai 2017 kennen und wechselte noch im selben Jahr –  nach dem Besuch der Willkommensklasse – bereits in die reguläre neunte Klasse der Projekt-Kooperationsschule. Zum Schuljahresende 2018
besaß sie außergewöhnlich gute Deutschkenntnisse und das beste Zeugnis ihrer 9. Klasse. Sarah platzte fast vor Freude, als sie ihrer Mentorin davon berichtete.
Sarahs Mentorin leistete damit einen wichtigen Beitrag zu den Teilhabe-Chancen ihrer Mentee und zu mehr Chancengerechtigkeit.

Dankeschön-Feier im denkmalgeschützten Scheunen-Gebäude

Ermöglicht haben derlei Selbstwirksamkeitserfahrungen der Jugendlichen eine öffentliche Förderung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und eine Ko-Finanzierung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Christian Sievert aus dem Referat Jugendarbeit des Paritäters hielt am Tag der Dankesfeier ein Grußwort. Viele Kooperationspartner nutzen den warmen Spätsommertag zum regen Austausch mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern und natürlich mit dem Projektteam.

Stefanie Schmidt, die Projektkoordinatorin, sagte: „Wir sind beeindruckt davon, wie junge Menschen durch Mentoring ihre Stärken und Fähigkeiten entdeckt haben. Und davon, dass auch Mentorinnen und Mentoren an der Tandemarbeit gewachsen sind. Die Arbeit mit all diesen Menschen war eine große Bereicherung.“

Der Kooperationspartner „Die Scheune“, ein Neuköllner Jugendclub, sorgte für eine ganz besondere Atmosphäre. Denn gefeiert wurde im Hof des denkmalgeschützten Scheunen-Gebäudes mit seinen zahlreichen Freizeitangeboten für die jungen Teilnehmer. Köstliches arabisches Essen servierte das Frittier-Bike eines Catering-Services, der mit Geflüchteten arbeitet. In der „Abschiedsecke“ warteten auf die Tandems kleine Aufmerksamkeiten und ein „Wirkungsbuch“. Jörg und Mahmouds Eintrag hinterlässt ein Bild: Das Fenster, durch das Mahmoud als Glaser seine eigene Zukunft sieht.

Die süße Rückkehr

Die wohlwollende Brücke in eine neue Kultur

Meine Chefin, die Pflegedienstleitung Corinna Lange, begleitete mich persönlich zur ersten Tour. An den ersten zwei Tagen fuhren wir gemeinsam mit dem Fahrrad zu einer Reihe von Patienten. Corinna stellte sie mir eingehend vor und begann mit der richtigen Aussprache der Patientennamen. Für mich war das nicht einfach, weil ich aus Asien komme. Sie zeigte mir alle Einzelheiten bei der Arbeit. In der Pause teilte sie mit mir ihr mitgebrachtes Essen, was in Deutschland eher unüblich ist. Sie zeigte mir auch die Fotos ihrer drei Kinder. Das älteste ist 13, das jüngste erst 3 Jahre alt. „Das Kleinste ist noch in der Kinderkrippe. Jeden Morgen bringe ich es mit dem Fahrrad dort hin und muss mich beeilen, um pünktlich meine Tour zu den Patienten zu starten,“ erzählte sie mir strahlend. Nach zwei Tagen lobte sie: „Ich bin sehr zufrieden mit dir und deiner Pflege der Patienten. Der nächste notwendige Schritt ist, die deutsche Sprache gut zu lernen“, gab sie mir als Rat mit auf den Weg.

Leiterin Corinna Lange mit einem Patienten | Foto: UNIONHILFSWERK

Das Besondere an den Menschen sehen und annehmen

An den folgenden Tagen fuhr ich mit meiner Kollegin Katja im Auto zu den Patienten. Sie ist eine lebhafte, fröhliche Kollegin und versteht es, den Erlebnissen während der Arbeit immer das Besondere und Positive abzugewinnen. „Bei diesem Beruf kann man viele bewegende, aber auch lustige oder gar komische Geschichten erleben“, erzählte Katja, „wie beispielsweise über Frau Bayer*, die allein in ihrem dicht bewachsenen Sträuchergarten lebt. Sie wollte, dass ich für sie ihre Glühlampen repariere, so wie ein Hausmeister, und Brot mit vier Seiten kaufe. Wenn dem Brot eine Seite fehlte, wollte sie es nicht essen.“ Nur eine liebevoll zugewandte Kollegin kann genug Geduld aufbringen, um einer alten Frau, einst Sozialforscherin, die Wärme und das Verständnis entgegenzubringen, das sie braucht, weil sie wegen ihrer Krankheit langsam die Vorstellung von Raum und Zeit verliert.

Katja erzählte mir von der Persönlichkeit und den Vorlieben jedes einzelnen Patienten. Es gibt stille, wortkarge Patienten, andere sind sonderbar oder eigen. Jeder alte Mensch hat seinen eigenen Charakter. Wenn wir ihn gut verstehen und auf ihn eingehen, ist auch unsere Arbeit leichter, weil sie sich verstanden wissen.
Manchmal kommt man an die eigenen Grenzen. Trotz meines Engagements und meiner Geduld sind alte Menschen manchmal reizbar oder verärgert. Verständlicherweise ist man wegen Krankheit und Einsamkeit nicht so fröhlich wie Menschen, die noch aktiver im Leben stehen können.

Der Reichtum in einer besonderen Währung

Die Mehrzahl der Senioren, zu denen wir fahren, hat keine Kinder oder die Kinder leben weit weg von ihnen. Andere wiederum gehen intensiv anderen Dingen und Tätigkeiten nach und haben deshalb wenig Zeit für ihre Eltern. Ich wollte mit meiner Kollegin einen Spaß machen und sagte: „Oh, du und ich, wir sind doch glücklicher und reicher als viele andere.“ Sie war irritiert: „Was heißt das?“ „Jede von uns hat zwei Kinder. Wenn jedes Kind ein Diamant ist, dann haben wir mehr als 50 Kilo Diamanten“, antwortete ich. Katja verstand es und lachte laut: „Ich bin reicher, meine zwei Kinder wiegen jetzt jeweils über 60 Kilo“. Nachdem wir zwei Wochen mit viel Spaß gemeinsam gearbeitet hatten, gab mir Katja am letzten Tag ihre private und auch die dienstliche Nummer. „Ab Morgen musst du allein auf die Touren gehen. Aber allein bedeutet nicht einsam. Wann immer du Hilfe brauchst, ruf mich an. Mach dir keine Gedanken, du wirst es gut schaffen, davon bin ich überzeugt.“

Sprache, der Schlüssel für eine neue Kultur

Unser Büro ist klein, aber sehr gut organisiert – und jeder hat ein eigenes Fach, das mit dem Namen versehen ist. Jeden Morgen schauen wir nach, ob wir Briefe oder Fax haben, manchmal liegt da auch eine Postkarte oder Schokolade von jemandem, der Geburtstag hat. Eines Tages öffnete ich mein Fach und fand zusätzlich zu den üblichen Dokumenten eine kleine Broschüre, zweisprachig: „Deutsch-vietnamesisches Wörterbuch zur Kranken – und Pflegeversicherung in der Bundesrepublik Deutschland“. Ich war überrascht, ahnte aber sofort, von wem das kam. Es konnte niemand anderes sein als meine Chefin, die mich immer wieder ans Deutschlernen erinnerte. Mal direkt, mal über einen Notizzettel mit dem Hinweis auf einen Deutschkurs, verbunden mit dem Rat, daran teilzunehmen.

Eine universelle Sprache, die der Liebe und des Teilens

Katjas Erfahrungen sind tatsächlich exzellent: Wenn wir den Charakter und die Bedürfnisse von jemandem verstehen, wird der Umgang viel einfacher und unkomplizierter. Die Sprachbarriere erscheint zunächst riesig, aber sobald man die Zuneigung und das Vertrauen des Patienten hat, entsteht eine andere, eine neue Sprache: die Sprache der Liebe und des Teilens.

Und ich genieße das Wunder dieser Sprache sehr. Nun habe ich keine Sorge, keine Nervosität, keine Anspannung mehr, wenn ich zur Arbeit gehe. An manchen Wochenenden vermisse ich meine Klienten sogar und grüble, ob die Schmerzen von Frau Sommer* nach dem Sturz in der Mitte der Woche gelindert sind oder ob Frau Becker* nach vier Wochen im Krankenhaus wegen einer Lungenentzündung vollständig genesen ist.

Schalkauer Straße: Nachdem ich eintrat, wurde ich mit einem fröhlichen Lächeln empfangen: „Oh, wo warst du letzte Woche? Ich habe die ganze Zeit auf dich gewartet.“ „Ja, die Kinder waren krank, ich musste zuhause bleiben und mich um sie kümmern“, erwiderte ich, „was sind meine Aufgaben für heute?“ „Langsam, Langsam, lege bitte ab und setz‘ dich. Ich möchte mich nach deinen Kindern erkundigen. Ist deine Mutter in deiner Heimat wieder gesund? Erzähle bitte zuerst etwas.“

Ein anderes Mal in der Zechliner Straße: Nach dem Baden und Reinigen des Hauses für Frau Müller*, sagte sie zu mir: „Wenn du frei hast, dann bring bitte deine Kinder zu mir zum Spielen. Ich liebe Kinder sehr. Mein Mann und mein Sohn sind schon verstorben. Jetzt habe ich nur noch die Schwiegertochter und Enkelkinder. Sie sind sehr lieb, aber sie haben immer wenig Zeit. Sieh mich bitte als deine Oma an – jederzeit. Wenn du Hilfe brauchst, komm‘ einfach vorbei. Jetzt hast du in Berlin zusätzlich eine Verwandte und brauchst keine Angst mehr vor Traurigkeit zu haben.“ Ich war sehr berührt und wusste in diesem Moment nicht, was ich sagen soll. Ich schaute liebevoll in die Falkenaugen der 83-jährigen alten Dame. Bevor ich ging, wartete ich am Türrahmen, um mich von ihr zu verabschieden. Ihre Hausschuhe schienen wie festgeklebt auf dem Teppich, schwere und kleine Schritte folgten. Fest hielt ich ihre Hand und sagte „Tschüss“. Die kleine, alte Frau mit stark gekrümmtem Rücken umarmte mich und sagte: „Denk‘ bitte daran. Dies ist das Versprechen eines 83-jährigen Menschen“ und rieb ihren Kopf an meiner Schulter. Als ich mich abwandte, spürte ich plötzlich eine wohltuende Wärme.

Ein schwerer Entschluss

Eines Tages stand ich vor einer schweren Entscheidung. Die Sorgen um meine einsame und kranke Mutter in der Heimat beherrschten meine Gedanken vollständig. Ich kam nicht zur Ruhe, schlief aus Sorge nachts kaum und hatte zu wenig Energie für einen neuen Arbeitstag. Das Fahrradfahren wurde langsamer und schwerer für mich. Überlegungen und Abwägungen und ein schwerer Entschluss: Kehre ich in die Heimat zurück und gehe dort einer leichteren Arbeit am Computer in klimatisierten Büroräumen nach oder bleibe ich bei dieser sinnvollen, aber teilweise harten Arbeit.

Die glückliche Rückkehr

Ich war hin und her gerissen, als ich entschied, zu meiner alten Arbeitsstelle zurückzukehren. Was werden die Leute über mich denken? Wie werden sich meine Kolleginnen verhalten? Werde ich ihre große Zuneigung spüren können, wie zuvor? Aber meine Sorgen waren überflüssig. Ein warmer Händedruck Corinnas wie am ersten Tag, das freundliche Lächeln von Dagmar, von Mary wie in der alten Zeit, und auch das sehr starke Schulterklopfen von Kerstin beim ersten Tag des Wiedersehens. Dann wurde mir in der folgenden Woche ein neuer Arbeitsvertrag persönlich übergeben, obwohl die Dame aus der Personalabteilung plötzlich krank war. Eine Kollegin sprang für sie ein.

„Ich arbeite schon seit fast 25 Jahren im UNIONHILFSWERK“, verriet mir meine sehr nette Kollegin Carmen . Jetzt verstehe ich, warum sie so lange und ausdauernd diese Arbeit verrichten kann. Ja, jetzt glaube ich an die Geschichte meiner Kollegin Carmen sowie an das Versprechen von Oma Müller* und denke an die süße Umarmung am Türrahmen damals – und daran, dass ich an meine Rückkehr glaubte.

*Name von der Redaktion geändert