Monthly Archives: August 2024

Standorte der sozialen Psychiatrie: So kann Teilhabe gelingen

Besondere Wohnform Neukölln: Ein Ort der Unterstützung und Teilhabe

 

Historie und Angebot

Der erste Halt der Tour führte zur Besonderen Wohnform Neukölln des Unionhilfswerks (ehemals bekannt als Übergangswohnheim Neukölln). Die Regionalleitung der Regionen Neukölln und Treptow-Köpenick sowie das Leitungsteam der Einrichtung, Carolin Rosner und Miriam Abbas, empfingen die Medienvertretenden und Träger herzlich und führten sie durch die Räumlichkeiten.

Die Einrichtung in der Kirchgasse existiert seit 1987 und bietet Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen eine temporäre Eingliederungsmaßnahme sowie Betreuung von Patient*innen aus dem Krankenhaus des Maßregelvollzugs. Die Einrichtung kann 29 Personen in fünf Wohngruppen unterbringen, wobei jede*r Bewohner*in über ein Einzelzimmer verfügt. Gemeinschaftlich genutzt werden Küche, Bäder und Aufenthaltsräume. Zudem verfügt der Standort über einen großen Garten und eine Werkstatt zur arbeitstherapeutischen Beschäftigung.

 

Fokus auf individuelle Fähigkeiten

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Unterstützung der individuellen Fähigkeiten der Klient*innen. Ziel ist es, die Bewohner*innen medizinisch, sozial und beruflich zu begleiten und ihre Selbstständigkeit zu fördern. Die Betreuung ist in der Regel auf 2 bis 3 Jahre ausgelegt und wird individuell angepasst. Schwerpunkte liegen auf der Bewältigung des Alltags, administrativer Begleitung, therapeutischer Beratung und Arbeitserprobung.

 

Positive Rückmeldungen von Bewohner*innen

Die Menschen fühlen sich in der Einrichtung wohl. Ein Bewohner liebt vor allem den großen Garten. Immer donnerstags nimmt er an der Gartengruppe teil, kümmert sich aber auch an den anderen Tagen um Blumen, Kürbisse und die anderen Pflanzen. Ein anderer Bewohner ist erleichtert, nicht mehr im klinischen Maßregelvollzug untergebracht zu sein und fühlt sich in der Besonderen Wohnform Neukölln gehört und frei. Ein weiterer Bewohner hat sich sehr stabilisiert und ist bereit für ein selbstbestimmtes Leben außerhalb der Einrichtung. Der Wunsch nach einer eigenen Wohnung hat sich jedoch bisher nicht erfüllt.

 

Ein ausführlicher Bericht über das ehemalige Übergangswohnheim  in Neukölln ist in der Morgenpost erschienen.

 

Weitere wichtige sozialpsychiatrische Standorte in Berlin

 

Niedrigschwelliger Wohnverbund, Prowo Berlin gGmbH

Die zweite Station der Tour führte zum niedrigschwelligen Wohnverbund der Prowo Berlin gGmbH in der Scharnweberstraße in Friedrichshain. Diese Einrichtung bietet obdachlosen Menschen mit komplexen psychiatrischen Unterstützungsbedarfen niedrigschwellige Hilfe an. Hier finden sich Therapeutische Wohngemeinschaften und Unterbringungsmöglichkeiten nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz, mit fließenden Übergängen und ohne Abbruch der Betreuungsbeziehungen. Es besteht eine enge Kooperation mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst und dem Vivantes Klinikum am Urban.

 

soulspace für junge Menschen in Krisen, ajb/Vivantes Krankenhaus am Urban

Dritter Halt war soulspace. Seit seiner Eröffnung 2018 hat sich die Zahl der Nutzer*innen des niedrigschwelligen Angebots in der Kreuzberger Grimmstraße verdreifacht. Es richtet sich an junge Menschen im Alter von 15 bis 35 Jahren. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage, insbesondere infolge der Pandemie, ist die Kapazitätsgrenze von soulspace deutlich überschritten, was den Träger dazu bewegt, weitere Standorte zu planen.

 

Arbeit für Menschen mit psychischen und geistigen Behinderungen, Raststätte der VIA Blumenfisch gGmbH

Die Tour endete in der Raststätte der VIA Blumenfisch gGmbH. VIA Blumenfisch ist eine anerkannte Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen. Der Träger unterstützt den beruflichen Ein- und Wiedereinstieg. Die Raststätte am Südkreuz in Schöneberg ist ein inklusiver Arbeitsort und eine beliebte Adresse für Pausen.

 

Wunsch- und Wahlrecht für Leistungen erhalten

Das Land Berlin schlägt eine auf Pauschalen basierende neue Leistungs- und Vergütungsstruktur vor. Dieser Vorschlag ist jedoch weder bedarfsgerecht noch orientiert er sich an den individuellen Erfordernissen der Zielgruppe. Sollte dieser umgesetzt werden, droht ein massiver Qualitätsverlust in der Versorgung und Teilhabe von psychisch und kognitiv beeinträchtigten Menschen, die Leistungen über die Eingliederungshilfe beziehen. Die Verhandlungen über den neuen Berliner Rahmenvertrag laufen noch. Es bleibt zu hoffen, dass sich das Land Berlin anders entscheidet. Das Wunsch- und Wahlrecht für Leistungen muss erhalten bleiben, damit Menschen mit Behinderungen auch in Zukunft selbstbestimmt leben können.

Mehr zur Leistungs- und Vergütungsstruktur des Landes Berlin und den Auswirkungen erfahren Sie in der Stellungnahme des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin e. V.

 

 

  • Uwe Brohl-Zubert, Referent Soziale Psychiatrie/ Queere Lebensweisen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin, begrüßte die Teilnehmenden.

 

Fotos: Holger Groß

Hürdenspringer-BENEFIZnacht: Katharina Greve über ihr freiwilliges Engagement und ihr Comic „Die dicke Prinzessin Petronia“

Katharina, wie schön, dass Du uns am 19. September unterstützen wirst. Du hast ein ganz besonderes Format für uns, eine Comic-Lesung. Was kann man sich genau darunter vorstellen?

Ich freue mich auch sehr, bei Eurem Jubiläum dabei zu sein. Vor allem, dass ich gemeinsam mit Bernadette la Hengst auftreten kann, freut mich ganz ungemein. Von ihr bin ich ein großer Fan. Aber zur Comic-Lesung: Es gibt eine monstergroße Leinwand. Auf diese werden die Bilder des Comic-Buches projiziert, nacheinander, so wie wenn man es lesen würde. Aber ich leihe Prinzessin Petronia und dem Multifunktionswurm Mirco meine Stimme, lese also mit verteilten Rollen. Man muss nicht selbst lesen, sehr bequem, ein bisschen kinoartig.

Auf Deine Comic-Heldin Prinzessin Petronia, die extra für die BENEFIZnacht per Wurmloch aus dem Weltall angereist kommt, sind wir auch schon ganz neugierig. Kannst Du uns schon ein bisschen mehr über sie verraten?

Petronia ist die missmutige, pummelige und wissenschaftsbegeisterte Cousine des allseits bekannten kleinen Prinzen. Weil „der kleine Schleimer“, wie Petronia ihren Cousin bezeichnet, so süß und schnuckelig ist, bekommt er die ganze Aufmerksamkeit, obwohl Petronia die Thronfolgerin ist. Außerdem ist Petronia eine coole Erfinderin, eine Naturwissenschaftlerin, mathematisch begabt. So ein richtiges MINT-Vorbild, deshalb auch die Farbe. Darum ist ihr Motto auch nicht „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Stattdessen vertritt sie die Ansicht: „Mit der Lupe sieht man viel besser!“ Und weil der Palast zu klein, das Weltall aber unendlich ist, wurde Petronia von ihrer dominanten Mutter aus dem Palast auf einen hüpfballgroßen Planeten am Rande der Milchstraße verbannt.

Viele der Themen von Petronia sind uns zumindest in Grundzügen aus unserer Arbeit mit den Jugendlichen sehr vertraut. Vielleicht könnte ja auch Petronia einen Mentor oder eine Mentorin gebrauchen?

Am Rande der Milchstraße wäre es sicher ganz gut, wenn sie jemanden hätte. Ihr Multifunktionswurm Mirco kann ja sprechen – und ist manchmal vielleicht ein bisschen wie ein Mentor? Vielleicht obwohl er ihr Haustier ist? Er ist ein bisschen realistischer als sie. Es gibt zum Beispiel die Geschichte als sich Petronia eine Wolke kauft, weil sie gern auf ihrem Planeten Wetter haben möchte. Die Gebrauchsanleitung wirft sie weg. Mirco denkt, dass das vielleicht keine gute Idee ist. Aber Petronia hört nicht auf ihn, weil sie ja die naturwissenschaftliche Obercheckerin ist und natürlich keine Gebrauchsanleitung braucht. Sie schaltet die Wolke an, es fängt an zu regnen und hört nicht mehr auf. Im Endeffekt hat sie dann eine 1a – Klimakatastrophe mit einer Riesenüberschwemmung auf ihrem Planeten. Das sind so Punkte, bei denen Mirco vielleicht ein bisschen schlauer oder bedachter ist als sie. Und ein bisschen stelle ich mir so auch die Arbeit von einem Mentor oder einer Mentorin vor. Nur dass Petronia natürlich Alleinherrscherin ist und die völlige Macht hat. Aber ob am Rande der Milchstraße oder in der Mitte Berlins – es ist gut, nicht allein vor den verrückten Herausforderungen des Universums zu stehen. Darum finde ich das Hürdenspringer-Projekt so prima!

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Hürdenspringer-BENEFIZnacht

DATUM
19. September 2024 | Einlass: 18 Uhr | Beginn: 19 Uhr

ORT
Kulturstall Britz auf dem Gutshof Britz | Alt-Britz 81 |12359 Berlin

TICKETS
Der Eintritt kostet 35.- Euro (37.- Euro incl. VVK-Gebühr). Mit dem Kauf eines Tandemtickets für 70.- Euro (74.- Euro inkl. VVK-Gebühr) wird zusätzlich zum eigenen auch der kostenlose Eintritt eines unserer aktiven Mentees mitfinanziert. Wer gerne mehr geben möchte: Der Eintrittspreis kann frei wählbar bis zu 100.- Euro aufgerundet werden.

Durch den Ticketkauf soll unser Schüler*innenmentoring gesichert und somit Berliner Jugendliche beim Übergang Schule-Beruf unterstützt werden: Gemeinsam mit ihren Mentor*innen erarbeiten sie eine passende Zukunftsperspektive. Die Schüler*innen entwickeln sich persönlich weiter, ihr Selbstvertrauen wird gestärkt und die schulischen Leistungen verbessern sich.

Hier geht es zum Ticketverkauf: rausgegangen.de

Alles über die Hürdenspringer-BENEFIZnacht finden Sie auf unionhilfswerk.de.

Barrierefreie Übergänge ins Berufsleben schaffen

Fleiß und viel Unterstützung zahlten sich aus

Azime nahm über den Zeitraum eines Jahres am Pilot- und Modellprojekt „Barrieren – nein Danke! 2“ der BUS  gGmbH teil. Ein ehemaliger Lehrer von Azime hatte sie auf das Projekt aufmerksam gemacht. Sie hat den sonderpädagogischen Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ und kann deshalb keinen formalen Schulabschluss erwerben. Derzeit besucht die junge Frau eine Klasse zur Integrierten Berufsausbildungsvorbereitung (IBA) im Bereich „Ernährung und Hauswirtschaft“ an einer Oberschule. Das Projekt „Barrieren – nein Danke! 2“ unterstützte sie zusätzlich alle zwei Wochen durch Coaching und Begleitung während ihrer Betriebspraktika.
Ich habe mich mit Azime zum Interview getroffen:

 

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Projekt „Barrieren – nein Danke! 2“ und was habt ihr gemacht? 

Azime: „Wir haben über meinen Lebenslauf gesprochen, einen Praktikumsplatz gesucht und (Praktikums-)Bewertungen gemacht.“

Wo war denn dein letztes Praktikum? Und was hast du dort gemacht?

Azime: „Im Café Day Date. Ich habe die Tafel beschrieben, serviert, bin auch manchmal einkaufen gegangen, habe alles gemacht. Ich habe auch in der Küche gearbeitet.“

Was möchtest du gerne beruflich machen? 

Azime: „Im Café arbeiten, servieren und backen.“

Was würdest du einer Freundin in deiner Situation raten?

Azime: „Ich würde ihr helfen. Ich habe auch schon zwei Freundinnen geholfen. Wir sind durch Spandau gelaufen und haben überall nachgefragt. Dann haben sie Praktikumsplätze gefunden.“

 

Im Praktikum konnte Azime durch ihre Arbeit überzeugen.

Da sie eine Fachpraktikerausbildung im Service machen möchte, das Café jedoch kein Ausbildungsbetrieb ist, wurde ihr zunächst ein Aushilfsjob angeboten.

Azimes Mutter ist selbst betroffen und bekam nach 15 Jahren Arbeitslosigkeit erst über den Klageweg die Förderleistung „Unterstützte Beschäftigung“. Über diese erhielt auch sie ein Coaching und absolvierte Praktika, die sie zu ihrem jetzigen Arbeitgeber führten. „Ich unterstütze meine Tochter. Ich recherchiere viel, was es für Möglichkeiten gibt, wo sie ein Praktikum machen kann, wo sie ihren Weg finden kann“, sagt die Mutter. „Aber ohne Unterstützung durch Projekte wie ‚Barrieren – nein Danke! 2‘ kann man das Ziel nur schwer erreichen.“

 

Manchmal gestaltet sich der Weg schwierig

Nicht alle Teilnehmerinnen von „Barrieren – nein Danke! 2“ hatten so schnell Erfolg bei der Praktikumssuche wie Azime. Der Weg einer Teilnehmerin, die im Öffentlichen Dienst arbeiten wollte, gestaltete sich besonders schwierig. Erst nach Monaten und durch die Streuung der Bewerbung über eine interne Stelle im Senat konnte ein Praktikum für sie ermöglicht werden.

Zwei andere Teilnehmerinnen, ebenfalls mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“, die gerne in einem Hort oder Kindergarten arbeiten wollten, konnten zwar mit Unterstützung einen Praktikumsplatz finden. Ihnen ist es aufgrund ihres fehlenden formalen Abschlusses jedoch verwehrt, eine Ausbildung in diesem Bereich zu machen, obwohl sie sich während des Praktikums als geeignet erwiesen. Selbst eine Anstellung als Hilfskraft lässt sich wegen des Fachkräftegebots in Berliner Kindergärten meist nicht umsetzen. Das ist eine strukturelle Diskriminierung. Zusätzlich besteht in vielen Kindergärten noch die Sorge, dass Menschen mit kognitiven Einschränkungen prinzipiell nicht für die Kinderbetreuung geeignet sind. Als Gründe werden der Kinderschutz und der zusätzliche Betreuungsaufwand für das ohnehin schon knappe Personal genannt.

Die Mehrzahl der Projektteilnehmerinnen konnte einen Betrieb finden, der an einer Übernahme interessiert ist. Der Weg, über Praktika einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden, funktioniert. In manchen Fällen braucht es jedoch sehr viel Geduld, Selbstbewusstsein und leider oft noch externe Unterstützung.

 

 

*Name von der Redaktion geändert

Markenbotschafterinnen und -botschafter aus Überzeugung

Das soziale Unternehmen bietet verschiedene Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation für zumeist psychisch erkrankte Menschen an. Kein leicht erklärbares Produkt, das durch einen schönen Schein beeindrucken könnte. Dafür aber durch Authentizität. Denn von dem, was sie tun, sind sehr viele Beschäftigte der Werkstatt für behinderte Menschen überzeugt.

Mit über 30 Berufsfeldern in unterschiedlichen Branchen bietet die USE ihnen eine attraktive Alternative zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Hier können die über 1.000 Beschäftigten aufgrund ihrer Erkrankung oder Behinderung nicht mehr tätig sein. Nichts tun wäre allerdings auch keine Option. Vielmehr finden sie in der USE Tagesstruktur und eine Tätigkeit, die sie fordert, aber nicht überfordert. Für einige von ihnen war und ist es der rettende Anker, nachdem sie im Job krank wurden.

 

Zeigen, was für Menschen mit Behinderungen möglich ist

Diese Erfahrungen nach außen zu tragen und damit zu zeigen, was auch für andere Menschen mit Behinderung möglich ist, das ist die Aufgabe der Markenbotschafter*innen der USE. Denn nichts ist authentischer, als von den eigenen Erfahrungen zu berichten. In verschiedenen Formaten – sei es auf Veranstaltungen, in Social Media Posts oder auch mal ganz klassisch in einer Anzeige – kommen sie zum Einsatz.

Um sich darauf vorzubereiten, treffen sich die rund 15 Beschäftigten und vier Mitarbeitenden regelmäßig in Workshops mit einem Team aus der Öffentlichkeitsarbeit. Hier wird über die bevorstehenden Aktionen gesprochen, aber auch über Themen, die die Markenbotschafter*innen beschäftigen, zum Beispiel über Anerkennung, das Entgelt oder ihre Erfahrungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Und es entstehen neue Ideen: Derzeit entwickelt ein kleines Team ein Impro-Theaterstück, mit dem sie im öffentlichen Raum für die Themen Behinderung und Arbeit sensibilisieren wollen.

 

Stimmen der Markenbotschafter*innen

Manja Metz: „Ich bin Markenbotschafterin für die USE, weil ich sehr stolz auf das bin, was wir hier leisten. Ich möchte gern Geschichten über uns als USE erzählen, andere von unserem Tun begeistern und einladen, uns zu unterstützen. Hier arbeiten so viele wundervolle Menschen mit wiederum ganz beeindruckenden Menschen zusammen. Außerdem haben wir eine Geschäftsführung, die auf Augenhöhe arbeitet. Ich bin überzeugt, wir tun das Richtige mit Sinn – das möchte ich in die Welt tragen.“

Walid Hussein: „Ich möchte mich im öffentlichen Bereich dafür einsetzen, dass jeder gleich ist, unabhängig vom Leistungsstand. Jeder hat die Möglichkeit auf eine Beschäftigung. Ich gebe meine Erfahrung gern weiter und berichte, wie ein Alltag in der Schneiderei aussieht und wie man sich fühlt.“

Philipp Schmidt: „Ich hab‘ mich sehr gefreut, dass man meine Arbeit wertschätzt, fachlich wie menschlich, das hat mich sehr berührt. Deswegen möchte ich einfach zeigen, wofür die USE steht, für Menschlichkeit, aber auch für gute Arbeit. Ich bin auch hier als Markenbotschafter, um mich stark zu machen für die Belange von kranken und behinderten Menschen und mich für Toleranz einsetzen, weil behinderte Menschen in der heutigen Gesellschaft stark ausgegrenzt und ausgegliedert werden.“

Neue Perspektiven in der Pflege: Marko Randelovic`s Weg aus Serbien nach Berlin

Lieber Herr Randelovic, wie entstand für Sie die Idee, nach Deutschland zu gehen – und arbeiteten Sie auch in Serbien bereits in der Pflege?

Marko Randelovic: Ich wusste schon immer, dass ich auswandern möchte. Dass es Deutschland wird, war nicht von Anfang an klar. Vor vier Jahren war ich zum ersten Mal zu Besuch in Berlin und war sofort begeistert von der Kunst- und Kulturszene. Ich fühlte mich hier sehr wohl, und die Sprache gefiel mir auch. Ich fand eine Lehrerin, die ursprünglich aus Leipzig kam und mir Deutsch beibrachte. Serbisch und Deutsch ähneln sich ein wenig und so hatte ich in Serbien bereits das B2-Niveau erreicht und meine Lust, nach Deutschland zu gehen, wuchs.

Ich hatte nach dem Gymnasium eine Medizinschule in Serbien besucht und ein Jahr im Gesundheitssystem gearbeitet. Außerdem unterrichtete ich Englisch auf Online-Plattformen. Daher auch mein Interesse an Sprachen.

Durch die Firma Prokurant, die ausländische Fachkräfte rekrutiert, kam ich dann zum Unionhilfswerk.

 

Können Sie uns von Ihren ersten Eindrücken erzählen, als Sie nach Deutschland kamen. Welche Herausforderungen gab es während Ihrer Ausbildung?

Marko Randelovic: Meine Kolleginnen und Kollegen waren sehr freundlich und die Atmosphäre half mir sehr. Natürlich war ich anfangs nervös, aber durch die Unterstützung konnte ich mich schnell eingewöhnen und einleben.
Meine Ausbildung in Serbien musste in Deutschland anerkannt werden, was durch Prokurant organisiert wurde. Für die Anerkennung muss man Prüfungen bestehen. Außerdem ist ein Nachweis erforderlich, dass man das Sprachniveau B2 erreicht hat. Die Doppelbelastung aus Arbeiten und Lernen war anstrengend, aber es hat sich gelohnt. Und die praktische Arbeit hat mir besonders geholfen, nicht nur Theorie, sondern auch die rechtlichen Hintergründe und die deutsche Pflegepraxis kennenzulernen.
Anfangs hatte ich Angst vor Sprachbarrieren, aber diese Bedenken waren unbegründet. Ich konnte die Patient*innen immer gut verstehen und sie mich auch. Ich merkte ziemlich schnell, dass ich nicht jedes Wort verstehen muss, um trotzdem den Kontext verstehen zu können. Das half mir. Generell hat es mein Selbstvertrauen sehr gestärkt, diesen Weg und die Anerkennung geschafft zu haben. Das ist bis heute ein tolles Gefühl.

 

Gab es gezielte Maßnahmen, um Ihnen das Ankommen und die Integration zu erleichtern?

Marko Randelovic: Das Unionhilfswerk stellte mir eine Wohnung und organisierte verschiedene Events, wie einen Willkommenstag und ein Sommerfest. Besonders schön war ein Escape Room, den wir als Team besuchten. Alle waren wirklich nett und aufgeschlossen.
In den ersten Wochen durfte ich noch nicht als Fachkraft arbeiten, also habe ich drei Wochen lang Touren begleitet. So konnte ich alles kennenlernen, mir wurde alles gezeigt und erklärt.

 

In Serbien und Deutschland sind die Gesundheitssysteme sicher verschieden. Welche Unterschiede gibt es und welche Aspekte der deutschen Pflegepraxis haben Sie besonders beeindruckt oder herausgefordert?

Marko Randelovic: In Serbien arbeitete ich in einer stationären Praxis für Orthopädie und Chirurgie. Daher war die ambulante Pflege war für mich komplett neu. So etwas wie häusliche Pflege gibt es in Serbien sehr viel weniger, das ist meist über die Familien organisiert.
In Deutschland sind private und staatliche Gesundheitsdienste mehr verbunden, während in Serbien alles strikt getrennt ist. Die Krankenversicherung funktioniert hier anders und die häusliche Pflege ist generell viel weiter entwickelt.

 

Können Sie uns von einem besonders bewegenden Moment während Ihrer Ausbildung berichten?

Marko Randelovic: Ein besonderer Moment war für mich, als mir im Unterricht klar wurde, dass ich alles verstehe. Es war in der dritten Stunde, und ich fühlte mich plötzlich viel sicherer. Das ist mir in Erinnerung geblieben.
Manche Situationen erinnern mich an meine eigene Oma. Besonders, wenn ich bei den Patient*innen Dinge sehe, die meine Oma auch gemacht hat. Sie hat zum Beispiel auch Falten in die Gardinen gebügelt. Das ist mir hier in Deutschland auch begegnet und fühlt sich schön und vertraut an – und es bringt mich zum Lachen.

 

Welche persönlichen und beruflichen Ziele haben Sie für Ihre Zukunft in Deutschland und in der Pflege?

Marko Randelovic: Ich möchte mich weiterentwickeln und fortbilden, zum Beispiel in der Wundversorgung. Außerdem plane ich, mein Deutsch auf C1-Niveau zu bringen und hoffe, eine Wohnung in Schöneberg zu finden.

 

Haben Sie Ratschläge für andere Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen und eine ähnliche berufliche Laufbahn in der Pflege anstreben?

Marko Randelovic: Setzt euch Ziele, bleibt geduldig und haltet durch. Der Weg ist nicht leicht, aber es lohnt sich. Alle Papiere bis hin zum Visum haben bei mir 1 Jahr und 2 Monate gedauert. Das erste Visum gilt für 6 Monate, das nächste wieder für 6 Monate, dann kommt ein Visum für 3 Jahre und erst danach kann die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt werden. Man muss also Geduld haben und darf sich nicht entmutigen zu lassen.

 

Abschließend, was schätzen Sie am meisten an Ihrer Arbeit als Pflegefachkraft und was motiviert Sie, jeden Tag Ihr Bestes zu geben?

Marko Randelovic: Ich schätze es, dass die Menschen gut versorgt sind und sich wohlfühlen. Es ist schön zu sehen, wie dankbar die Patientinnen und Patienten sind. Aenne Jurat, meine Vorgesetzte, sagt immer, dass ich fürsorglich bin und gute Laune verbreite, wenn ich den Raum betrete. Das motiviert mich sehr.

 

Liebe Frau Jurat, waren Sie skeptisch, als es hieß, Ihr Team würde mit einem Mitarbeiter aus Serbien verstärkt? Und woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die ersten Wochen und Monate mit Marko denken?

Aenne Jurat: Ja, ich war sehr skeptisch. Die ersten Erfahrungen mit albanischen Fachkräften waren etwas chaotisch, aber diesmal war alles besser organisiert. Herr Ziesmann, der Personalkoordinator der pflegerischen Gesellschaften bei uns im Unionhilfswerk, hat uns großartig begleitet und unterstützt. Die Schulungen und Informationsveranstaltungen von Prokurant, zum Beispiel über die Anerkennung der Abschlüsse, waren hilfreich.
Ich war beeindruckt davon, wie gut Marko von Anfang an Deutsch sprach. Das hat vieles erleichtert. Und er ließ sich auch schnell dazu motivieren, wirklich Fragen zu stellen, wenn etwas nicht klar ist. Das traute er sich nach wenigen Tagen und das half natürlich auch.
Außerdem zeigte er sich flexibel und ging auch mal in andere Projekte oder Häuser, wenn dort Hilfe gebraucht wurde.

Und ich erinnere mich an einen besonders lustigen Moment: Wir haben zum Üben Inkontinenzprodukte angelegt, um Ängste abzubauen und Sicherheit zu geben. Da haben wir wirklich viel gelacht.

 

Wie nahmen Ihre Kundinnen und Kunden den jungen Mann an?

Aenne Jurat: Die Reaktionen der Klientinnen und Klienten waren fantastisch. Einige Frauen hatten bis dahin männliche Pflegekräfte verweigert, wollten plötzlich aber nur noch von Marko gepflegt werden – einige witzelten sogar darüber, ihn heiraten zu wollen.
Markos gute Laune und seine Fähigkeit, sich auch über andere Dinge als nur die Pflege zu unterhalten, haben alle begeistert. Er ist offen und zugewandt, das gefällt unseren Kund*innen.

 

Und Ihr Resümee: Können wir dem Fachkräftemangel in Deutschland damit begegnen, Kräfte aus dem Ausland zu gewinnen und hier auszubilden?

Aenne Jurat: Ja, ich denke, wir können dem Fachkräftemangel damit begegnen, wenn die Fachkräfte freiwillig nach Deutschland kommen möchten. Es ist sehr zeitaufwendig, aber es lohnt sich.
Nach der Anerkennung braucht es sicherlich noch weitere Begleitung. Und es hängt vom Charakter der Fachkräfte und von der Unterstützung des Pflegedienstes ab. Wir haben bei uns eine familiäre Atmosphäre im Team, das hat vieles erleichtert.
Und letztlich passte Marko einfach auch perfekt zu uns und wir sind froh und dankbar, dass er bei uns ist.

 

Liebe Frau Jurat, lieber Herr Randelovic, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben.