Monthly Archives: November 2020

Aufs Rad gekommen: Per Drahtesel durch den Herbst

Da Radfahren nicht nur gesund, sondern auch gut für die Umwelt ist, unterstützt das UNIONHILFSWERK seine Mitarbeiter*innen dabei: Aktionen wie zuletzt das „Stadtradeln“ finden großen Anklang. Und die Portale Jobrad und Businessbike bieten Diensträder an, die vergünstigt gemietet werden können.

Wie das in der Praxis aussieht, erzählt Thomas Thielking:

Thomas Thielking ist Koordinator im Verbund Betreutes Wohnen Mitte und pendelt dafür täglich mindestens acht Kilometer nach Alt-Moabit: „Als Koordinator bin ich viel unterwegs und besuche mehrere Standorte regelmäßig. Da komme ich oftmals auch auf 20 Kilometer am Tag“. Bisher hatte er für die kürzeren Strecken oft ein Falt-Rad dabei, „aber für größere Entfernungen ist das einfach nichts“.

Als im Frühjahr die Pandemie ins Bewusstsein rückte, stellte Thomas Thielking sich immer öfter die Frage, „kann man denn aktuell überhaupt noch Busfahren?“ und beschloss für sich persönlich, nur noch mit dem Fahrrad zu fahren – oder auch mal CarSharing zu nutzen. „Schon im letzten Jahr habe ich mich mit dem Thema „neues Fahrrad“ beschäftigt und wollte mir ein schnelles, geländegängiges „Gravelbike“ kaufen. Da die aber nicht ganz günstig sind, habe ich mich ausführlich beraten lassen und in verschiedenen Fahrradläden Werbung für Dienstradanbieter gesehen. Dabei least dann der Arbeitgeber für die Mitarbeiter*innen ein Rad.“

Zwei Portale, die das Radfahren unterstützen

Während die USE bereits seit Sommer 2018 Fahrräder über das Portal „Jobrad“ bezuschusste Fahrräder zum Leasing anbietet, setzen die Unionhilfswerk Sozialeinrichtungen und Sozialen Dienste seit diesem Sommer auf „Businesbike“. Andere Unionhilfswerk-Gesellschaften befinden sich aktuell noch in der Planung bzw. in Gesprächen mit Anbietern. Für Thomas Thielking kam die Kooperation gerade richtig, er konnte sein neues Fahrrad bereits über Businessbike bestellen: „Es kam dann pünktlich zum Sommerurlaub, da konnte ich direkt loslegen und einiges ausprobieren.“

Das Prinzip ist auf beiden Portalen ähnlich: Nach der Registrierung im jeweiligen Online-Portal wählen Sie den gewünschten Händler in Ihrer Nähe und suchen sich dort das passende Rad aus – natürlich können Sie sich vorab im Geschäft dazu beraten lassen. Nach Ihrer Bestellung folgt die Bestätigung durch das UNIONHILFSWERK und schon heißt es: Losradeln – zur Arbeit, im Alltag, im Urlaub oder zum Sport, das ist ganz egal. Abgezahlt wird das neue Rad in 36 Monatsraten.

Wie die genaue Bezuschussung durch das UNIONHILFSWERK dann aussieht, ist unterschiedlich: Wird das Fahrrad als Dienstrad genutzt, weil Sie zum Beispiel zu häufig wechselnden Einsatzorten fahren müssen, zahlt das UNIONHILFSWERK die Raten bis zu einem bestimmten Betrag. Andere Kolleg*innen können das System der Gehaltsumwandlung nutzen, bei dem die Raten selbst getragen werden. Gespart wird aber in jedem Fall: Denn durch eine Gehaltsumwandlung gehen die Leasingraten vom Bruttolohn ab, so werden also Steuern gespart. Online können Sie sich auf beiden Portalen ausrechnen lassen, wie viel Sie tatsächlich bei einem Kauf einsparen.

Radfahren hält fit – im ganzen Team

Thomas Thielking freut sich, dass sein Gravelbike rechtzeitig angekommen ist: „Das war in diesem Jahr wirklich ein Glückspiel, die Läden waren zeitweise leergekauft“. So aber konnte er nicht nur seinen Urlaub genießen, sondern auch am diesjährigen „Stadtradeln“ im September teilnehmen.  Im Team des Betreuten Wohnens Mitte waren sieben Kolleginnen und Kollegen dabei und radelten gemeinsam knapp 1400 Kilometer. So entwickelte sich das Radfahren zur Team-Building-Maßnahme. „Wir feuerten uns da gegenseitig an“, erzählt er. „Und schließlich wurde auch ein gemeinsamer Teamausflug zur Fahrradtour auf die Pfaueninsel, andere Ausflüge waren in diesem Jahr ja ohnehin nicht denkbar. Ich bin übrigens immer mit Helm unterwegs, das habe ich in diesem Jahr auch gelernt,“ räumt er lachend ein.

Für das Stadtradeln waren im UNIONHILFSWERK auch andere Teams unterwegs – insgesamt traten 89 Unionhilfswerker in die Pedale und fuhren 6.985 Kilometer in 30 Tagen. Damit lagen wir berlinweit auf dem 12. Platz. Ganz besonders fleißig war dabei die USE mit fast 3.500 zurückgelegten Kilometern. Allen voran fuhr mit großem Abstand USE-Kollege Dirk Netzner: Er allein radelte 1.466 Kilometer! Die versprochene Fahrradtasche für den Erstplatzierten hatte er sich damit wohl mehr als verdient.

Validation im UNIONHILFSWERK – Empathie schafft Vertrauen

Ziel des UNIONHILFSWERK ist es, die Palliative Geriatrie mit der Validation® sowohl in den eigenen pflegerischen Einrichtungen, als auch darüber hinaus voranzutreiben. Denn Validation ist nicht nur eine Kommunikationsmethode und Entwicklungstheorie, sondern auch eine Haltung. Sie liefert neben der Anwendung in der Arbeit mit Menschen mit Demenz grundsätzliche Impulse für uns als Personen in unseren beruflichen wie privaten Rollen. Aus diesem Grund war am 18. November für alle leitenden Mitarbeiter*innen des UNIONHILFSWERK eine Auftaktveranstaltung zu diesem Thema geplant. Infolge der Corona-Pandemie wurde sie auf das nächste Jahr verschoben.

Weil uns das Thema wichtig ist, haben wir eine zentrale Beteiligte an dieser Veranstaltung, Hedwig Neu, hierzu befragt. Sie arbeitet bei den Diakonissen Speyer, ist Validation-Master und leitet eine AVO© in Wachenheim an der Weinstraße.

 

Frau Neu, was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich tiefergehend mit Validation zu beschäftigen?

Ich habe sowohl in meinem privaten Umfeld als auch in meiner beruflichen Tätigkeit als Krankenschwester immer wieder erlebt, dass meine Umgangsweisen mit dementen Menschen ins Leere laufen. Ich erinnere mich eindrücklich an einen Patienten im Krankenhaus. Ich war gerade „frisch examinierte“ Krankenschwester und hatte Nachtdienst.  Bei meinem Rundgang sah ich einen älteren Herrn, der dabei war, das Bettgitter an seinem Bett zu übersteigen. “Was machen Sie denn da?“, fragte ich ihn. „Ich muss nach Hause zu meinen Kindern, meine Frau ist krank!“ entgegnete der Herr.  Offensichtlich wusste er nicht, dass seine Frau schon verstorben war und die Kinder erwachsen. Realitätsorientierende Erklärungsversuche halfen genauso wenig wie die Notlüge, dass ich dafür gesorgt hätte, dass die Kinder gut untergebracht seien und ich mich vergewissert hätte, dass es seiner Frau gut ging.  Der Patient wurde immer wütender und versuchte, mich zu schlagen.  Der herbei gerufene Arzt verordnete Beruhigungsmittel und die damals noch übliche Fixierung für 24 Stunden. Intuitiv habe ich wahrgenommen, wie verzweifelt Menschen mit Demenz in solchen Situationen sein können.  Ich habe mir öfter gewünscht, einen anderen Zugang zu finden. Die damals übliche Praxis, Menschen mit Demenz und uns herausforderndem Verhalten Beruhigungsmittel zu verabreichen und zu fixieren fand ich grausam. Schließlich habe ich im Jahr 1996 einen Workshop mit Naomi Feil – der Begründerin der Validation besucht und dort verstanden, dass das Verhalten von Menschen mit Demenz einen Grund hat und ich lernen kann, empathisch ihre Bedürfnisse und Gefühle zu erkennen und zu begleiten.

Was ist das Besondere dieser Methode – im Vergleich zu anderen?

Da gibt es mehrere Aspekte, die ich beschreiben möchte.

Das Menschenbild:  Validationsanwender*innen verstehen desorientiertes Verhalten von alten Menschen mit Demenz als einen berechtigten Ausdruck von Gefühlen und Bedürfnissen in der letzten Lebensphase.  Naomi Feil sagt dazu: „Alte Menschen mit Demenz müssen mit ihren oft ein Leben lang verdrängten Gefühlen und Bedürfnissen ringen, um in Frieden sterben zu können“.

Die Art und Weise der Kommunikation: Validationsanwender*innen versuchen nicht, Menschen mit Demenz zu korrigieren, sie von ihren Vorhaben abzubringen, ihre Aussagen zu beschwichtigen und davon abzulenken. Sie stellen sich mit Einfühlungsvermögen auf ihr Gegenüber mit Demenz ein und erklären die Gefühlsäußerungen und Bedürfnisse für gültig, indem sie bedingungslos zuhören, sich bedingungslos einlassen. Empathie schafft Vertrauen und stellt die Würde wieder her.

Die an die jeweilige Phase angepassten Validationstechniken: Validationsanwender*innen beherrschen Techniken verbalen, aktiven Zuhörens zum Wiederspiegeln von Gefühlen und Bedürfnissen genauso gut, wie nonverbale Techniken. Sie können durch Spiegeln der Bewegung, der Stimme, durch die Musik und durch gezielte, verankerte Berührungen Menschen mit Demenz in fortgeschrittenen Phasen weiter begleiten und verlieren nie den Kontakt.

Die Validationsgruppe: In diesen Gruppen kommen Menschen mit Demenz zusammen, die sonst von Gruppenaktivitäten eher nicht profitieren. In diesen Gruppen erleben wir, dass Personen, die schon länger nicht mehr viel gesprochen haben, wieder anfangen, zu sprechen und Rollen zu übernehmen, während sie im Alltag eher als zurückgezogen oder herausfordernd wahrgenommen werden.  Validationsgruppenleiter*innen haben gelernt, Menschen mit Demenz in fortgeschrittenen Phasen in Kontakt miteinander zu bringen.

Welche Bedeutung hat die Validation in der aktuellen Zeit, in der alte Menschen aufgrund der Pandemie ihre Lieben zum Teil gar nicht oder nur sehr eingeschränkt begegnen können?

Diese Frage habe ich auch vielen Mitarbeitern*innen in den Seniorenzentren der Diakonissen Speyer gestellt, als es nach dem ersten Lockdown wieder möglich war, Validationsseminare- und Kurse zu veranstalten. Die Mitarbeiter*innen waren einhellig der Meinung, dass Gefühle von Angst und Einsamkeit und Erinnerungen an Krisenzeiten in der Vergangenheit durch Validation rechtzeitig erkannt und begleitet werden konnten. Dadurch wurde bei vielen alten Menschen mit Demenz ein weiterer Rückzug verhindert. Ich selbst habe nicht nur in Gesprächen mit Mitarbeitern*innen sondern auch im eigenen Kontakt mit den Bewohnern*innen in dem Seniorenzentrum, wo das Validationszentrum seinen Sitz hat, erfahren dürfen, dass Validation in dieser Zeit nicht nur den alten Menschen geholfen hat, sich nicht allein gelassen zu fühlen, sondern dass auch die An- und Zugehörigen davon profitiert haben, dass man sie in ihrer Not angehört hat.  Das war sicher ein wesentlicher Beitrag zum Abmildern der Erfahrung von Kontakteinschränkungen und Distanzerfahrungen.  Ich habe sowohl bei den Mitarbeitern*innen als auch bei den uns anvertrauten Bewohnern*innen gesehen, dass Validation Grenzen überbrückt. Selbst die Schutzkleidung, die Mund- Nasenbedeckung oder das Visier stellen kein Hindernis dar, wenn wir mit Wertschätzung und Respekt Kontakt herstellen und einfühlsam auf andere Menschen zugehen. Validation ist zudem eine Kurzzeitintervention.

Lässt sich Validation auch auf andere Lebens- und Arbeitsbereiche übertragen bzw. generalisieren?

Die Validation nach Naomi Feil wurde für die Begleitung von hochaltrigen Menschen mit Demenz in der letzten Lebensphase entwickelt.  Die drei Säulen der Validation sind: Theoretische Grundannahmen zum hohen Alter, wertschätzende, achtsame und empathische Grundhaltung und 15 nonverbale und verbale Validationstechniken, die mit Empathie angewendet der betroffenen Person Raum und Resonanz für das geben, was jetzt ausgedrückt und gesagt werden muss.

Personen aus anderen Lebens- und Arbeitsbereichen stehen an einem anderen Punkt an ihrem Leben oder so gesagt, sie sind nicht mit dem Aufarbeiten unerledigter Angelegenheiten im Zustand der Hochaltrigkeit, Gebrechlichkeit und der Demenz beschäftigt.  Trotzdem erleben und durchleben wir alle, egal in welchem Lebens- und Arbeitsbereich doch Krisen und Konflikte. Es gibt Lebensphasen, in denen unsere Gefühls- und Bedürfnisebene sehr aktiv ist.  So gesehen brauchen wir alle von der Wiege bis zur Bahre zeitweise ein Gegenüber, das uns „validiert“, uns mit Achtsamkeit begegnet, uns mit Einfühlungsvermögen versteht und sich auf uns so wie wir eben sind, einlässt. Ich finde, dass liebende Mütter sich mit Liebe und Einfühlungsvermögen an ihre Säuglinge anpassen und ohne Worte die Bedürfnisse und Gefühle ihrer Kinder verstehen können. Ich kenne einige Mitarbeiter*innen der Behindertenhilfe, die mit viel Einfühlungsvermögen schwer mehrfach behinderte Menschen mit und ohne Demenz begleiten.  Ich bin überzeugt und habe selbst schon die Erfahrung gemacht, dass junge Menschen mit Demenz von Validationstechniken profitieren, selbst wenn sie vom Lebensalter her mitten im Leben stehen und nicht in der Phase der Hochaltrigkeit auf ihr Leben zurückblicken und ich weiß, dass Hospizhelfer auf Empathie basierende Kommunikationstechniken verwenden, um Sterbende zu begleiten.

Was ist Ihre Vision für die Zukunft im Hinblick auf die Validation?

Meine Vision ist, dass Validation zur alltäglichen Kommunikation mit alten Menschen mit Demenz wird.  Meine Vision ist, dass Validation als wesentlicher Bestandteil von palliativer Geriatrie fachliche Anerkennung erfährt. Meine Vision ist, dass ich, sollte ich selbst einmal alt und dement werden, nicht über meine kognitiven Beeinträchtigungen definiert werde, sondern über mein Menschsein. Meine Vision ist, dass wir Menschen in den Zeiten unseres Lebens, in denen wir besonders verletzlich sind, validierend begleitet und nicht allein gelassen werden. Ich glaube, dass Validation ein Grundrecht ist, das alten Menschen (mit Demenz) insbesondere in ihrer letzten Lebensphase zusteht.

Freiwilliges Engagement: Für den sozialen Frieden in der Stadt

Wir gratulieren Ihnen zum Startschuss des zusätzlichen Standorts im Bezirk Reinickendorf! Was wünschen Sie sich für das Ehrenamtsbüro in der Grußdorfstraße 16?

Ich danke Ihnen sehr für Ihren Glückwunsch, der unsere freudige Stimmung unterstreicht, die ich mit der offiziellen Eröffnung des zusätzlichen Standortes in Berlin-Tegel verspüre. Ein großer Wunsch ist bereits mit Lage der Geschäftsräume in Erfüllung gegangen. Großer Dank für die Entdeckung dieser Geschäftsräume gebührt meiner engagierten Kollegin. Mit der Eröffnung des neuen Tegel-Centers – in absehbarer Zeit – auf der gegenüberliegenden Straßenseite, sind wir ein Teil des pulsierenden Lebens einer lebendigen Stadtgesellschaft. Für die Sichtbarkeit des bürgerschaftlichen Engagements in Berlin-Reinickendorf ist der zusätzliche Standort ein unschätzbarer Zugewinn.

Wie ergänzen sich die beiden Standorte in Reinickendorf?

Der Traditionsstandort im Rathaus Reinickendorf – seit 1996 bestehend – bildet weiterhin mit seinen engagierten ehrenamtlichen Kolleg*innen die Basis für die gelingende Beratung und Vermittlung von interessierten Reinickendorfer*innen in das ehrenamtliche und freiwillige Engagement.
Der zusätzliche Standort mit seinen 65 m² in Berlin-Tegel macht es nun möglich, das mit dem Auftraggeber, dem Bezirksamt Reinickendorf, erarbeitete Konzept so umzusetzen, dass dieses einer für Freiwilligenagenturen zeitgemäßen Qualität und Professionalität entspricht.

Wie und womit wird der zusätzliche Standort freiwilliges und ehrenamtliches Engagement in Reinickendorf fördern und unterstützen?

Gemeinsam mit meiner Kollegin und ihren langjährigen fachlichen Kompetenzen als Freiwilligenkoordinatorin bauen wir am Standort Grußdorfstraße die weiteren Handlungsfelder nach den Standards der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen aus und auf.
Hier werden wir soziale Einrichtungen und Projekte sowie Vereine beratend unterstützen, um ihre Arbeit mit freiwillig Engagierten zu stärken und weiterzuentwickeln. Zum Beispiel bei Freiwilligenvereinbarungen, Leitfäden zur Freiwilligenarbeit, Willkommens- und Begleitformaten sowie Dankeschön-Formaten.
Die Unterstützung bei Projektentwicklungen in den vielfältigen und sich auch oft verändernden Engagementfeldern ist ebenso eines unserer künftigen Handlungsfelder.

Lassen Sie mich als Beispiel auf die vergangenen fünf Jahre blicken. Eben waren da noch geflüchtete Menschen mit großen Hilfe- und Unterstützungsbedarfen. Jetzt sind die gleiche Menschen Berlinerinnen und Berliner, die sich gestaltend und engagierend in die Gesellschaft einbringen.
Oder nehmen wir das Jahr 2020 mit seinen rasanten Veränderungen, die neue Formate auch für das freiwillige Engagement notwendig machen. Teilweise, um die zwischenmenschlichen Kontakte aufrecht zu erhalten, können Treffen und Hilfeangebote nur per Telefon oder Online-Plattformen umgesetzt werden. Nicht jede*r kann hier im Umgang mit der Technik mithalten und so braucht es Projekte, um Menschen mit diesen neuen, digitalen Möglichkeiten vertraut zu machen.
Die Netzwerkarbeit und Kooperationsentwicklung im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements ist ebenfalls ein weiteres und wichtiges Aufgabenfeld für uns und auch die Interessenvertretung für das freiwillige und ehrenamtliche Engagement, einschließlich der Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit, spielen eine wichtige Rolle.

Freiwilliges Engagement ist unentgeltlich, aber nicht umsonst. Wir möchten hierzu die Wertschätzungs- und Anerkennungskultur für die Zeitspender*innen stärken und weiterentwickeln. Die nun ausgearbeitet vorliegende Berliner Engagementstrategie wird hierzu ebenso ihren Beitrag leisten können wie die Auszeichnung „Europäische Hauptstadt des freiwilligen Engagements – Berlin 2021″. Ein Titel, der Ehrung und ebenso Verantwortung bedeutet.
Freiwilliges Engagement darf keine regulären, sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten ersetzen. Auch diesbezüglich verstehen wir uns als Interessenvertretung für die engagierten Menschen. Freiwilliges Engagement trägt einen wesentlichen Beitrag zur Förderung von Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt bei – und somit für den sozialen Frieden in unserer Stadt.

Anfang des Jahres übernahm die Stiftung Unionhilfswerk Berlin die Trägerschaft des Ehrenamtsbüros. Worauf konnten Sie bereits aufbauen? Was ist für die nächste Zeit geplant?

Ich selbst habe Mitte Februar die Stelle im Projekt übernommen und meine Kollegin folgte ungefähr vier Wochen später. Das langjährige ehrenamtliche Team mit zehn Mitgliedern war die Basis, mit der wir starteten.
Ab ungefähr Mitte März kam der Lockdown, der alles zum Erliegen brachte. Auch wichtige Aspekte, die noch gar nicht richtig begonnen hatten, wie die Teamentwicklung und die Suche nach einem zusätzlichen Standort – wurden jäh unterbrochen.
Die großartige Unterstützung vom Team der IT-Abteilung des UNIONHILFSWERK ermöglichte es, dass wir unsere Aufgaben zur Übernahme des Projekts und zur Weiterentwicklung dennoch beginnen konnten. Weiterhin aufbauen konnten wir auf die langjährigen Erfahrungen der Kolleg*innen der Freiwilligenagenturen Oskar in Lichtenberg und Sternenfischer in Treptow-Köpenick. Die kollegiale Hilfsbereitschaft war und ist von einer Herzlichkeit geprägt, die sehr tragend ist.
Auch Stefanie Wind, die mit ihrem großartigen Wissens- und Erfahrungsreichtum als Fachbereichsleitung der Stiftungsprojekte bereits durch das Bewerbungsverfahren in 2019 eine Basis geschaffen und Strukturen vorgezeichnet hatte, hat wesentlich zur gelingenden Umsetzung beigetragen. Ebenso möchte ich viele andere Kolleg*innen, beispielsweise aus der Personalabteilung, Fördermittelverwaltung, Wohnungswirtschaft, dem Freiwilligenmanagent oder Haushandwerk mit großer Dankbarkeit erwähnen, die alle hervorragend kollegial und fachlich kompetent ihre Anteile zum Projekt und seiner Entwicklung beitragen.
In den kommenden drei Monaten planen meine Kollegin und ich den Aufbau eines Teams von Freiwilligen, die uns in den Bereichen Engagementberatung, Daten- und Websitepflege sowie Öffentlichkeitsarbeit (social media) unterstützen und ergänzen.

Führten die aktuellen Corona-Bedingungen zu Schwierigkeiten bei der Eröffnung des neuen Büros?

Diese Frage kann ich uneingeschränkt mit Ja beantworten. Viele Absprachen konnten nur per E-Mail oder Telefon gemacht werden. Das „Pflänzlein des Vertrauens“ wächst aber am besten bei regelmäßigen persönlichen Treffen und Gesprächen. Das war aufgrund von Corona seit März nicht möglich. Daher braucht dieser Weg des Vertrauensaufbaus aktuell mehr Zeit und gegenseitiges Verständnis.

Das Ehrenamtsbüro vermittelt unter anderem ehrenamtliche Helfer*innen. Wird dieses Angebot von sozialen Einrichtungen und Organisationen in Reinickendorf bereits genutzt?

Hier macht uns die Corona-Krise am meisten zu schaffen. Richtig gute, zwischenmenschlich lebendige Kontakte werden durch ein persönliches Kennenlernen zum fruchtbaren Boden für eine gute und zufriedenstellende Zusammenarbeit. Das war und ist bisher leider nur sehr, sehr eingeschränkt möglich. Wir setzen hier auf den zusätzlichen Standort, um die Kolleg*innen zu uns einladen zu können.
Die bei uns in der Datenbank vorhandenen Angebote und Bedarfe der sozialen Einrichtungen und Projekte bedürfen einer Aktualisierung, da sich aufgrund von Corona viele Angebote verändert haben oder vollkommen neu sind. Wir bauen aktuell ein kleines Freiwilligenteam auf, dass sich um die Datenpflege kümmern wird, um so dem Berater*innen-Team eine gute Basis für ihre Vermittlungstätigkeit zu geben.

Seit April bietet das Ehrenamtsbüro Reinickendorf eine CORONA-HILFE-HOTLINE für Hilfesuchende an. Wie wurde das Angebot bisher angenommen? Und bemerken Sie aktuell einen Unterschied zur ersten Corona-Welle im Frühjahr?

Der Aufbau der Corona-Hilfe-Hotline beanspruchte unsere ohnehin knappen personellen Ressourcen erheblich und trug damit zu weiteren zeitlichen Verzögerung im Aufbau des Projekts bei. Für die Besetzung der Hotline haben sich auch hauptamtliche Kolleg*innen des UNIONHILFSWERK eingebracht. An dieser Stelle nochmals meinen ganz herzlichen Dank für die tolle kollegiale Unterstützung!
Im Verhältnis zu dem Engagement der hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kolleg*innen in der Corona-Hilfe-Hotline sowie der sich angemeldeten Hilfe-Gebenden und Freiwilligen sind die Hilfebedarfe unerheblich gewesen. Wir konnten in den Monaten April bis Juni nur knapp zehn Hilfebedarfe registrieren und erfüllen. Positiv gesehen hat die nachbarschaftliche Unterstützung vermutlich ganz von selbst stattgefunden. So deutete es die Beauftragte für Senioren im Bezirksamt Reinickendorf.
Gegenwärtig erhalten wir keine Anrufe  oder Hilfebedarfe bei der Corona-Hotline. Inwieweit die Ruhe trügerisch ist, kann ich nicht sagen. Gibt es eventuell Menschen mit Hilfebedarf, die ihre persönlichen (Hinderungs)Gründe haben, sich nicht zu melden?

Was wünschen Sie sich für das Bürgerschaftliche Engagement in 2021 ?

Auch wenn sich ungefähr ein Drittel der Berliner*innen regelmäßig freiwillig und ehrenamtlich engagieren, so darf es nicht als Selbstverständlichkeit be- und verhandelt werden. Es braucht weiterhin den Ausbau und die Stärkung von guten Engagementstrukturen, beispielsweise durch hauptamtliche Freiwilligenkoordinator*innen in sozialen Einrichtungen und Projekten. Ich wünsche mir, dass die Ansätze von Vielfalt, Inklusion sowie interkultureller Öffnung weiterhin ihre Wirkung beim Engagement entfalten und so zum Selbstverständnis in der Gesellschaft beitragen. Ich wünsche mir mehr öffentlichkeitswirksame Darstellungen von freiwillig und ehrenamtlich engagierten Menschen und ihren Projekten in den Medien – als Anerkennung und Wertschätzung sowie als Inspiration und Anregung.

 

Weitere Informationen zum Ehrenamtsbüro Reinickendorf.

Mit Kraft durch die Krise: Gesund bleiben – auch psychisch

Am 15.10. ging es via Youtube-Stream live: Die USE hatte auf verschiedenen Kanälen dazu eingeladen, mitzudiskutieren. Das Thema: „Welche Bedeutung hat Arbeit in Krisenzeiten? Wie kann sie uns helfen, auch psychisch gesund zu bleiben? Diskutieren Sie mit Betroffenen und Experten!“.

Denn die Corona-Zeit fordert uns alle auch beruflich. Homeoffice, Kurzarbeit und geschlossene Werkstätten von einem Tag auf den anderen – gerade für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen war das nicht leicht zu managen. Als Expertin gab die Diplom-Psychologin Susann Helfrich einen ersten Input darüber, welche Bedeutung Arbeit und Beschäftigung für die psychische Gesundheit haben. Unterstützt wurde sie von zwei Beschäftigten der Werkstatt, die eindrucksvoll über ihre Erfahrungen berichteten – inklusive praktischer Tipps. Schauen Sie doch einfach rein.

Flankiert wurde das auf den Social-Media-Accounts der USE. Auch hier drehte sich alles um das Thema psychische Gesundheit. Wir nahmen psychische Krankheiten genauer unter die Lupe und gaben Anregungen, wie man trotz Erkrankung gut durch eine Krise kommt. Dabei schilderten Betroffene ihre eigenen Erfahrungen und Susann Helfrich gab Tipps, um gut durch die Corona-Pandemie zu kommen.

Die folgenden Videos geben spannende Einblicke.

Sabine Karotki ist Beschäftigte in der USE-Schneiderei. Sie erzählt, dass es ihr inbesondere in der ersten Phase der Corona-Pandemie nicht gut ging. In der aktuellen Situation geht es ihr besser, Angst macht sie ihr dennoch:

Thomas Kauschke ist Beschäftigter in der USE-Verwaltung. Er erzählt, wie er die lange Zeit Zuhause erlebt hat – und wie er sich ablenken konnte.

Susann Helfrich ist Diplom-Psychologin in der USE. Sie erklärt, wie ein guter Umgang mit der Pandemie aussehen kann und zählt Bewältigungsstrategien auf. Sie empfiehlt: "Kommen Sie in Aktion."

 

Hinweis: Wenn Sie in dieser Zeit das Gefühl haben, von negativen Gefühlen übermannt zu werden, zögern Sie nicht, sich Hilfe zu holen. Sprechen Sie mit Verwandten oder Vertrauten. Wenn Sie nicht weiter wissen, ist der Berliner Krisendienst für Sie da: https://www.berliner-krisendienst.de/