Monthly Archives: März 2025

Zwischen Kälte und Hoffnung: Ein Leben zwischen Obdachlosigkeit und Neuanfang

In einem warmen Aufenthaltsraum der Notunterkunft des Unionhilfswerks am Goslarer Platz 8-9 im Stadtteil Charlottenburg sitzt Gaston auf einer schlichten Holzbank. In den Händen hält er eine dampfende Tasse Kaffee, während er über sein Leben nachdenkt. Es ist ein Leben, das von schwierigen Entscheidungen und tiefen Einschnitten geprägt ist – ein Leben, das ihn schließlich nach Berlin führte. Hier versucht er, aus der Obdachlosigkeit herauszufinden und neu anzufangen.

Vom Studium in die Drogensucht

„Ich bin 43 Jahre alt und komme aus Saarbrücken“, beginnt Gaston seine Geschichte. „In meiner Studienzeit fing ich an, Heroin zu nehmen – und später auch zu dealen. Mein Studium habe ich deshalb nicht beendet.“ Eigentlich wollte er Gymnasiallehrer werden, mit den Fächern Deutsch, Geschichte und Englisch. Doch der Drogenkonsum und die damit verbundene Beschaffungskriminalität führten zu Vorstrafen und schließlich zum Abbruch seines Studiums.

Berlin: Hoffnung und Rückschläge

„Nach Berlin bin ich gekommen, weil viele meiner Freunde hier waren“, sagt Gaston. Doch die erhoffte Wende blieb aus. Eine begonnene Therapie brachte nicht den ersehnten Erfolg. Nach der Trennung von seiner Freundin, mit der er ein gemeinsames Kind hat, verlor er schließlich auch sein Zuhause. „Obdachlos wurde ich eigentlich erst hier in Berlin.“

Überleben auf der Straße: Kälte, Not und Kampfgeist

Die letzten Jahre waren für Gaston ein Kampf ums Überleben. „Ich habe oft in Hausfluren geschlafen, aber bei den Temperaturen ist das viel zu kalt“, erzählt er. Viele Menschen auf der Straße trotzen der Kälte mit nichts weiter als einem Schlafsack und einer Pappe darunter. „Die sind da scheinbar völlig abgehärtet“, sagt er nachdenklich. Er selbst sucht lieber Schutz in Hostels, Notunterkünften oder bei Bekannten. Der Alltag auf der Straße ist hart und entbehrungsreich. „Ich verkaufe in der U-Bahn Zeitungen, um etwas Geld zu verdienen. Ich will ja keine illegalen Sachen mehr machen“, erklärt Gaston. Seine Worte sind von Entschlossenheit geprägt – von dem festen Willen, einen Neuanfang zu wagen.„Ich will ins Betreute Wohnen. Für einen Drogenabhängigen ist das so ziemlich die einzige Möglichkeit, in absehbarer Zeit eine Wohnung zu bekommen.“ Doch der Weg dorthin ist lang und voller Hürden. Es braucht Geduld, Unterstützung und nicht zuletzt auch ein wenig Glück. Trotz der Herausforderungen hat Gaston Hoffnung.

Die Notunterkunft als wichtiger Ankerpunkt

„Hier zu sein, ist eigentlich ganz angenehm“, sagt er über die Notunterkunft am Goslarer Platz. „Es ist warm, und vor allem gab es bisher immer freie Plätze.“ Bis Ende April können Gaston und die anderen Gäste in der Einrichtung bleiben, denn dann endet die Kältehilfesaison.

Die Notunterkunft bietet weit mehr als nur einen Schlafplatz: Sie öffnet abends um 19.30 Uhr und schließt morgens um 8 Uhr. Es gibt warmes Essen, Kaffee, Tee und Frühstück. Für medizinische Versorgung sorgt das Team der Johanniter. Die Einrichtung bietet Platz für 150 Menschen, darunter bis zu zehn für Personen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Auch ein separater Raum für Frauen, Duschmöglichkeiten und eine Kleiderkammer gehören zu den Angeboten.

Schreiben als Hoffnungsschimmer

Gaston brennt für das Schreiben, schreibt Gedichte und kurze Erzählungen. „Das Schreiben gibt mir Kraft und Selbstvertrauen“, betont er. Es sind diese Lichtblicke, die Gaston Hoffnung geben: die Sicherheit eines warmen Ortes mit der Unterstützung durch die Mitarbeitenden der Notunterkunft und das Schreiben. Vielleicht werden diese Lichtblicke eines Tages der Schlüssel zu einem besseren Leben sein.

Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch und das Vertrauen.

Zusammen wachsen: Vielfalt und Inklusion als gemeinsame Aufgabe

Der Workshop resultierte aus der großen Auftaktveranstaltung im April 2024, die den Führungskräften im Unionhilfswerk alle Vielfaltsdimensionen vorstellte und mit der Verabredung endete, einzelne Vielfaltsdimensionen in den jeweiligen Unternehmensbereichen weiter zu betrachten und zu vertiefen. Die Leitungskräfte unserer pflegerischen Gesellschaft hatten sich für die Dimension „Körperliche und geistige Fähigkeiten“ entschieden und kamen nun zu einem Workshop zusammen, der von der Moderatorin Kerstin Richter begleitet wurde.

 

Warum ist Inklusion in der Arbeitswelt so wichtig?

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich umfassend und gleichberechtigt an der Gesellschaft zu beteiligen – unabhängig von individuellen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, ethnischer Herkunft, Geschlecht oder Alter. Studien zeigen, dass inklusive Arbeitsplätze nicht nur das Wohlbefinden der Beschäftigten fördern, sondern auch Fehlzeiten reduzieren und die Produktivität steigern.

Trotz dieser positiven Effekte gibt es Herausforderungen in der Arbeitswelt: Fehlende Offenheit gegenüber psychischen oder auch körperlichen Erkrankungen, Unsicherheiten im Umgang mit Betroffenen sowie hoher Arbeitsdruck erschweren die Inklusion.

 

Inklusion – eine Frage der Haltung

Der Workshop begann mit einem Partnerinterview und der Frage: „Wann hat sich der Tag heute für Sie gelohnt?“ Dies diente als Impuls für eine offene und persönliche Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Chancen der Inklusion im Arbeitsalltag.
In kleinen Gruppen wurde diskutiert, welche zusätzlichen Anforderungen Inklusion an Führungskräfte stellt und welche wiederkehrenden Konflikte auftreten – aber auch, welche positiven Entwicklungen bereits sichtbar sind.

Gemeinsam arbeiteten die Kolleg*innen heraus, dass Inklusion einerseits eine Frage der Haltung ist, aber auch strukturelle Anpassungen erfordert. Besondere Herausforderungen zeigen sich im Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitenden und Bewohner*innen. Die Teilnehmenden teilten den Wunsch nach mehr Wissen über Krankheitsbilder sowie klare Strategien für den Umgang mit Diagnosen.

 

Herausforderungen und Potenziale

Ein zentrales Thema war die Zusammenarbeit der Unionhilfswerk-Gesellschaften Unionhilfswerk Senioreneinrichtungen gGmbH und Service Inklusiv gGmbH.
Als Inklusionsunternehmen hat sich die Service Inklusiv gGmbH dazu verpflichtet, dauerhaft Menschen mit einer Schwerbehinderung zu beschäftigen. Über 40 % der Mitarbeitenden haben eine psychische Beeinträchtigung, eine körperliche Behinderung oder eine Lernschwäche. Als Dienstleistungsunternehmen übernimmt die Service Inklusiv u.a. die Speisen- und Getränkeversorgung sowie die Reinigung unserer vier Pflegewohnheime – so entstehen zahlreiche Schnittstellen und Begegnungen der Mitarbeitenden.

Pflegefachkräfte berichteten von einer Anstrengung bis hin zu Erschöpfung, wenn sie Mitarbeitende mit Beeinträchtigungen wiederholt an Abläufe erinnern oder nachfragen müssen.
Gemeinsam erarbeiteten die Teilnehmer*innen, dass eine engere Vernetzung zwischen den Gesellschaften wichtig ist, um Zuständigkeiten besser abstimmen zu können. Gleichzeitig zeigte sich im Gespräch, dass ein offener Umgang mit eigenen Schwächen essenziell für ein gelungenes Miteinander ist. Die Leitungskräfte sprachen aber auch darüber, dass in den letzten Monaten bereits viel passiert ist: Kolleg*innen der beiden Bereiche lernen sich besser kennen, es entstehen Vertrauensverhältnisse und Offenheit. Gemeinsam konnten mehrere Beispiele gefunden werden, in denen Inklusion bereits gut funktioniert und als Bereicherung wahrgenommen wird – ein Potenzial, das wir noch stärker als Chance begreifen und nutzen sollten.

 

Konkrete Ansätze für mehr Inklusion

Ein weiteres Thema war die Inklusion innerhalb des eigenen Teams. Wie spricht man psychische Erkrankungen sensibel an? Wie können Strukturen geschaffen werden, die es Betroffenen ermöglichen, ihre Ausbildung erfolgreich zu absolvieren?
Beispiele aus dem Arbeitsalltag zeigten, dass klare Absprachen, Empathie und eine gelebte Fehlerkultur entscheidende Erfolgsfaktoren sind.

Im Rahmen eines World Café wurden folgende Fragen bearbeitet:

  • Welche Unterstützung brauchen Bewohner*innen mit Beeinträchtigungen?
  • Welche Unterstützung benötigen Mitarbeitende?
  • Welche Ressourcen brauchen Führungskräfte?

Die Ergebnisse verdeutlichten, dass eine intensivere Schulung von Wohnbereichsleitungen sowie die Einführung klarer Konsequenzen in Teams helfen könnten.
Ein beeindruckendes Lernmoment war die praktische Übung „Der magische Zollstock“. Sie zeigte, dass neue Prozesse Zeit brauchen, Fehler erlaubt sein müssen und dass Teamarbeit nur gelingt, wenn alle dasselbe Ziel verfolgen. Dies führt zur zentralen Frage: Wie können wir als Gesellschaft Rahmenbedingungen schaffen, die sowohl Inklusion fördern als auch unser Team schützen?

 

Strategien für eine inklusive Unternehmenskultur

Um eine wirklich inklusive Arbeitswelt zu schaffen, sind gezielte Maßnahmen erforderlich, die gemeinsam erarbeitet wurden – und in Teilen auch bereits im Unionhilfswerk umgesetzt werden:

Sensibilisierung und Schulung

  • Regelmäßige Workshops und Trainings für Führungskräfte und Teams
  • Aufklärung über psychische Erkrankungen zur Reduzierung von Vorurteilen

Psychosoziale Sicherheit gewährleisten

  • Offene Kommunikationskultur ohne Angst vor Stigmatisierung
  • Führungskräfte als Vorbilder für einen wertschätzenden Umgang

Arbeitsgestaltung

  • verlässliche Dienstpläne
  • Ergonomische und reizreduzierte Arbeitsumgebungen

Zugang zu Unterstützungsangeboten

  • Betriebliche Beratungs- und Gesundheitsangebote für Mitarbeitende
  • Kooperationen mit externen psychologischen Beratungsstellen

Anonyme Feedback-Kanäle und Evaluierung

  • Mitarbeitendenbefragungen zur Ermittlung des Bedarfs
  • Regelmäßige Evaluation der Wirksamkeit inklusiver Maßnahme

 

Fazit und Ausblick

Der Workshop endete mit dem klaren Vorhaben, gemeinsam weiter an einer inklusiven Unternehmenskultur arbeiten zu wollen. Eine wichtige Erkenntnis: Inklusion beginnt mit Sensibilisierung. Wir müssen lernen, Fragen zu stellen, Unsicherheiten offen zu kommunizieren und uns gegenseitig zu unterstützen.
Es gibt bereits zahlreiche Beispiele, in denen Inklusion erfolgreich gelebt wird. Diese Erfolgsgeschichten sollten sichtbar gemacht und als Vorbilder genutzt werden.

Ein Blick auf die Erfahrungen aus anderen Gesellschaften des Unionhilfswerks zeigt, dass Vielfalt und Inklusion nicht nur Herausforderungen, sondern auch große Chancen bieten. Wie bereits im Blogartikel „Zusammen wachsen – Vielfalt und Generationen im Fokus“ dargestellt, profitieren Teams von der Vielfalt ihrer Mitglieder.

Der Workshop verdeutlichte, dass Inklusion ein aktiver Prozess ist, der von allen Beteiligten Engagement erfordert. Entscheidend sind:

  • Sensibilisierung für die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen
  • klare und praxisnahe Schulungen für Führungskräfte und Mitarbeitende
  • strukturierte Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gesellschaften des Unionhilfswerks

 

Die Teilnehmenden erarbeiteten konkrete Ideen für nächste Schritte, darunter eine engere Verzahnung von Theorie und Praxis, die Einführung von Reflexionsrunden in den Teams sowie eine intensivere Begleitung von Mitarbeitenden mit Beeinträchtigungen. Das übergeordnete Ziel bleibt es, eine Umgebung zu schaffen, in der alle Mitarbeitenden und Bewohner*innen gleichermaßen wertgeschätzt und unterstützt werden.

Die Erkenntnis des Tages: Inklusion beginnt nicht mit einzelnen Maßnahmen, sondern mit einer bewussten Entscheidung der Führungsebene, Inklusion als festen Bestandteil der Unternehmenskultur zu etablieren.

Wir sollten unseren Blick nicht nur auf die Einschränkungen einzelner Personen richten. Jeder Mensch ist mit seinen individuellen Stärken und Begrenzungen Teil der Gemeinschaft.

 

Hier gibt es einige Impressionen:

 

 

Quellen:

Robert Koch-Institut
https://kups.ub.uni-koeln.de/72032

 

 

Inklusive Strandtage am Plötzensee: Eine Erfolgsgeschichte geht weiter

Ein großes Dankeschön an alle Beteiligten

Diese Erfolgsgeschichte wäre ohne das Engagement und die Leidenschaft vieler Beteiligter nicht möglich gewesen. An erster Stelle möchten wir uns bei Andreas Stoltz, Fachkraft in der Besonderen Wohnform Joachim-Fahl-Haus, bedanken, der das Projekt 2023 initiiert hat, sowie bei Annika Bode und Laura Mensch, die als ehrenamtliche Teamleiterinnen 2024 die ganze Saison über mit Herzblut und unermüdlichem Einsatz dabei waren. Das Freiwilligenmanagement stand mit seiner Expertise und seinem Engagement stets unterstützend zur Seite. Die Betreiber des Strandbades Plötzensee und die zahlreichen Kooperationspartner*innen und Spender*innen haben gemeinsam mit uns an der Umsetzung unserer Vision gearbeitet und dafür gesorgt, dass die Inklusiven Strandtage zu einem Ort der Begegnung und Inklusion geworden sind. Und natürlich gilt unser Dank den jeweils ca. 20 Freiwilligen pro Termin, die mit ihrer Hilfsbereitschaft und ihrem Enthusiasmus die Inklusiven Strandtage zu etwas Besonderem gemacht haben.

 

Das Projekt Inklusive Strandtage des Freiwilligenmanagements ist abgeschlossen

Nach zwei erfolgreichen Jahren voller wertvoller Erfahrungen und intensivem Wissensaustausch mit dem Strandbad Plötzensee haben wir als Freiwilligenmanagements des Unionhilfswerks beschlossen, das Projekt Inklusive Strandtage abzuschließen. Wir sind stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben und sind zuversichtlich, dass die Inklusiven Strandtage auch in Zukunft ein fester Bestandteil des Plötzensees bleiben werden.

 

Was bleibt?

Viele der in den letzten zwei Jahren umgesetzten Maßnahmen bleiben bestehen und machen das Strandbad Plötzensee weiterhin inklusiv:

  • Barrierefreie Infrastruktur: Der 2024 eingeführte Strandrollstuhl steht auch 2025 täglich kostenlos zur Verfügung. Die im September installierte Rampe ermöglicht weiterhin einen leichten Zugang ins Wasser. Der barrierefreie Weg, der 2023 von Freiwilligen bis zur Strandbar und 2024 bis zum Wasser gebaut wurde, bleibt erhalten.
  • Weitere Verbesserungen: Das Strandbad Plötzensee plant weitere Maßnahmen zur Barrierefreiheit, darunter eine Verbesserung des sandigen Weges zum Wasser und den Bau eines neuen barrierefreien Spielplatzes.

 

Wie geht es 2025 weiter?

Auch wenn das Projekt des Freiwilligenmanagements abgeschlossen ist, bedeutet das nicht, dass die Inklusiven Strandtage am Plötzensee vorbei sind. Ganz im Gegenteil!

 

Das Strandbad Plötzensee übernimmt

Das Strandbad Plötzensee hat sich zum Ziel gesetzt, die Inklusion am Plötzensee weiter voranzutreiben und sucht derzeit nach Fördermöglichkeiten, um eine hauptamtliche Stelle für die Weiterführung der Inklusiven Strandtage zu finanzieren. Das Strandbad möchte hin zu einem „immer inklusiven“ Angebot. Der Strand und das Wasser sollen für alle zugänglich sein. „Die Inklusiven Strandtage sollen beibehalten und weiterentwickelt werden. Allerdings wird der neue Anspruch sein, dass jeder Tag ein inklusiver Strandtag ist und es zusätzlich monatlich einen Tag mit ganz speziellem inklusiven Unterhaltungs-& Rahmenprogramm gibt. „Zudem soll die finanzielle Hürde weiter gesenkt werden, z. B. durch Sparfuchs-Tage“, so Florian Heep, Betriebsleitung des Strandbades Plötzensee.

 

Eintrittspreise Sommer 2025

Menschen mit Beeinträchtigungen zahlen einen ermäßigten Preis von 5 € pro Person und erhalten von Montag bis Donnerstag ein Freigetränk. Die Vergünstigung für Menschen mit Beeinträchtigungen gilt an jedem Tag. Begleitpersonen haben immer freien Eintritt.

 

Und hier gibt es einige Bilder der Inklusiven Strandtage im letzten Jahr:

 

 

Unterstützung für Menschen mit Beeinträchtigung im Wandel

Die Eingliederungshilfe, also die Unterstützung für Menschen mit Beeinträchtigung, steht durch das Bundesteilhabegesetz (BTHG) vor einem bedeutenden Wandel. Das Ziel ist es, Menschen mit Beeinträchtigung eine individuellere und inklusivere Unterstützung zu bieten. Dabei stellen die geplanten Veränderungen sowohl Chancen als auch Herausforderungen dar, insbesondere im Hinblick auf die Vergütung. Durch die Einführung der Fachleistungsstunde erhalten Leistungsempfänger, rechtliche Betreuer*innen und Leistungsträger eine größere Transparenz darüber, welche Assistenzleistung direkt beim Klient*en ankommt. In Bezug auf die Leistungen für psychisch kranke Menschen sprechen wir von einer Pflichtversorgung innerhalb der Eingliederungshilfe sowie regionsbezogene Kliniken im Land Berlin als Leistungserbringer. Demnach gibt es die Verpflichtung, psychisch kranke Menschen so zu „steuern“, dass ihnen im regionalen Bezug ein Platz angeboten werden muss, der eine bestmögliche Assistenzleistung im Sinne des BTHG ermöglicht.

Hintergründe des Wandels

Der Berliner Rahmenvertrag (BRV) beschreibt die Leistungen der Eingliederungshilfe und orientiert sich am BTHG sowie der UN-Behindertenrechtskonvention. Zentrale Grundsätze sind dabei Transparenz, die Beteiligung von Peers und die Ausrichtung der Leistungen am individuellen Bedarf. Stand Januar 2025 sind die Ligaverbände und die zuständigen Senatsverwaltungen dabei, pauschalisierte Zeiten, die in die Vergütung einfließen sollen zu verhandeln. Denn es sind ja nicht nur die Zeiten für die individuellen und „sichtbaren“ Maßnahmen zu verhandeln im Rahmen der genehmigten Fachleistungsstunden. Es geht auch um Zeiten, die für die Klient*innen anfallen wie Fallbesprechungen, Fallsupervisionen und Koordinationsleistungen, die letztlich ihnen zugutekommen. Hier stockt es gerade. Denn beide Seiten haben unterschiedliche Vorstellungen. Welche Pauschale ist auskömmlich und deckt auch alle begleitenden Maßnahmen mit ab?

Herausforderungen

Für die Argumentation zur Erhöhung pauschalisierter Zeiten spricht im Bereich der psychiatrischen Einrichtungen die gesetzliche Pflicht zur Mitwirkung in bezirklichen Gremien. Das muss auch im jährlichen Sachbericht nachgewiesen werden. Dazu gehört neben vielen Facharbeitsgruppen auch das bezirkliche Steuerungsgremium, in dem die Menschen „gesteuert“ werden. Diese Gremien finden je nach Bezirk und Größe sowie Bedarf auch mehrmals im Monat statt. Da das Land bei weitem kein auskömmliches Zeitfenster für solche Gremien anbietet, hat die Liga eine Abfrage bei den Trägern initiiert, um nachzuweisen, dass das angebotene Zeitfenster fast dreimal so hoch ist. Dieses kleine Beispiel für die pauschalisierte Sichtweise kann weitreichende Auswirkungen auf die Praxis haben. Während gesetzlich eine individuelle Bedarfsdeckung gefordert wird, scheinen die Verhandlungen auf nicht nachvollziehbare Pauschalisierungen abzuzielen, die den individuellen Ansatz abschwächen könnten.

Chancen

Ein Fortschritt ist, dass einige Leistungen nicht separat nachgewiesen werden müssen. Dennoch bleibt unklar, wie diese Pauschalen mit der geforderten Personenzentrierung vereinbar sind. Und die Hoffnung ist, dass das Teilhabeinstrument Berlin (TIB), welches der Bedarfsermittlung dient und sicherstellen soll, dass jede*r Leistungsberechtigte genau die benötigte Unterstützung erhält, erfolgreich implementiert wird. Trotz der Herausforderungen bietet der Systemwechsel eine große Chance. Die stärkere Einbindung des TIB und die Ausrichtung an individuellen Bedarfen können dazu beitragen, die Eingliederungshilfe passgenauer und wirksamer zu gestalten. Die Betonung auf Transparenz, Zusammenarbeit und Teilhabe schafft zudem die Grundlage für Innovationen und langfristige Verbesserungen.

Ein positiver Ausblick

Der Prozess erfordert Mut zur Veränderung und einen klaren Fokus auf die Bedürfnisse der Menschen, die auf diese Hilfen angewiesen sind. Wenn Flexibilität und Individualität gewahrt bleiben, bietet der Systemwechsel großes Potenzial. Die nächsten Schritte in den Verhandlungen werden entscheidend sein, um die Chancen dieser Reform voll auszuschöpfen. Mit einer klaren Vision und dem Willen zur Zusammenarbeit kann die Eingliederungshilfe zu einem modernen und zukunftsorientierten System werden, das allen Beteiligten gerecht wird.