Monthly Archives: September 2022

Chancengleichheit für alle Kinder: Das Unionhilfswerk findet seinen Weg in der Kinderbetreuung

Kindergärten als Bildungseinrichtungen

In den 60er und 70er Jahren werden in Westdeutschland und im Westteil Berlins Kindergärten massiv ausgebaut: 1965 haben 35 Prozent der berechtigten Kinder einen Betreuungsplatz. Ende der 80er Jahre sind es schon über 80 Prozent. Kindergärten haben sich als regelhafte Einrichtung etabliert, ihr Besuch wird zunehmend normal. Aus den einstigen Aufbewahrungsanstalten sind Erziehungs- und Bildungsinstitutionen geworden, die auf die Schule vorbereiten und Chancengleichheit für alle Kinder herstellen sollen. Die Vereinbarkeit von Kind und Beruf steht noch nicht im Vordergrund. Das Ziel ist es, Kinder aus benachteiligten sozialen Schichten zu fördern und so gleiche Chancen herzustellen.

Die erste Kita des Unionhilfswerks

Umgebung erkunden: Die Erzieherinnen der Kita WIesenstraße unternehmen einen Ausflug mit den Kindern

1987 nahm in der Weddinger Wiesenstraße 25 die erste Kita des Unionhilfswerks ihre Tätigkeit auf. 80 Prozent der Kinder kamen aus Familien, die unter schwierigen sozioökonomischen Bedingungen lebten, 50 Prozent hatten einen Migrationshintergrund. Durch die Kooperation mit einer benachbarten Förderschule lag ein Schwerpunkt der Kita in der Integration und Förderung sprachauffälliger und hörgeschädigter Kinder. Zu dieser Zeit bestand ein noch sehr diffuses Feld der Integrationsansätze mit ausländischen und behinderten Kindern, erinnerte sich Ute Tiburczy, die erste Leiterin der Einrichtung. Erschwerend kam hinzu, dass die Kinderbetreuung für das Unionhilfswerk ein neues Tätigkeitsfeld darstellte: Die nötigen Verwaltungsstrukturen gab es noch nicht. Innerhalb weniger Wochen mussten Personal und Einrichtung für 60 Kinder bereitgestellt werden. Eine „Gratwanderung” war das, so Tiburcy, die schließlich mit sieben Erzieherinnen den Betrieb startete. Bald konnten Sprachheilpädagoginnen als feste Mitarbeiterinnen gewonnen werden. Die Organisationsabläufe spielten sich gut ein und das Team wuchs zusammen. So waren die Voraussetzungen für eine erfolgreiche pädagogische Arbeit, bei der die Erziehung zur Selbständigkeit und die Entwicklung der Persönlichkeit im Vordergrund standen, geschaffen.

Modelleinrichtung in Kreuzberg

Bereits 1986 begannen die Planungen des Unionhilfswerks für die Übernahme einer neuen Kindertagesstätte in Kreuzberg. Hier war der Bedarf an Kindergärten, u. a. durch den Zuzug türkischer Familien, groß und der Platz für den Bau neuer Einrichtungen knapp. Bei der Kita handelte es sich um eine Modelleinrichtung: Sie wurde im Rahmen der 1987 in West-Berlin stattfindenden Internationalen Bauausstellung (IBA) eingerichtet – und zwar in einem Wohnhauskomplex auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik. Das war zu dieser Zeit etwas Besonderes. Die Fabrik wurde 1884 errichtet und 1933 zu Kleinstwohnungen umgebaut. Nun sollten familiengerechte Wohnungen und eine Kita gemeinsam in der Naunynstraße 69 Platz finden. Nach umfangreichen Umbauten war es im März 1989 soweit: Die Kreuzberger Kindertagesstätte wurde eröffnet.

Zweisprachigkeit als Kita-Konzept

„‚Wow, ist das eine schöne Einrichtung‘, habe ich gedacht, als ich zum ersten Mal da war. Ich war so überwältigt. Da war alles so warm und so familiär“, erinnert sich Anne Dörte Schweitzer, die im Herbst 1989 ihre Tätigkeit in der Kreuzberger Kita als Erzieherin aufnahm. Die Einrichtung war im Quergebäude des Baukomplexes auf zwei Etagen mit 650 Quadratmeter Fläche untergebracht. Ihre Räume waren großzügig und hell gestaltet, nur durch Sicherheitsglas voneinander getrennt. 700 Quadrameter Freifläche konnten ebenso von den Kindern genutzt werden. 80 Prozent von ihnen waren türkischer Herkunft. Um den Kindern gute Entwicklungschancen zu geben, sollten sie in der Kita türkisch sprechen können. In jeder Gruppe gab es deshalb eine türkischsprachige Erzieherin. Zweisprachigkeit sollte den Alltag der Einrichtung prägen. Langfristiges Ziel war daher, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen deutschen und türkischstämmigen Kindern herzustellen. Dieses wurde jedoch nicht erreicht: Viele deutsche Eltern zeigten sich begeistert von den lichtdurchfluteten Räumen und der angebotenen Vollwertkost, doch die hohe Zahl von Kindern türkischer Herkunft wirkte auf sie häufig abschreckend. Ein neues Konzept musste her.

Das Unionhilfswerk und die Montessori-Pädagogik

Der rosa Turm ist eines der zahlreichen Sinnesspielzeuge der Montessori-Pädagogik

Mitte der 90er Jahre kam Anne Dörte Schweitzer, die die Kreuzberger Einrichtung seit 1995 leitete, erstmals mit der Montessori-Pädagogik in Berührung: Eine benachbarte Montessori-Grundschule suchte eine Partnerschaft zu einer Vorschuleinrichtung und stellte sich bei ihr vor. Schweitzer gefiel der pädagogische Ansatz und so entstand die Idee, die Kreuzberger Kita in ein Montessori-Kinderhaus umzuwandeln. Zunächst fiel diese jedoch nicht auf fruchtbaren Boden. Das erste Montessori-Kinderhaus betrieb das Unionhilfswerk schließlich nicht in Kreuzberg, sondern ab dem Jahr 2000 in der neu gegründeten Kita in der Zehlendorfer Lissabonallee 28. Die damalige Fachbereichsleiterin Ulrike Hinrichs, heute Geschäftsführerin zweier Gesellschaften der Unionhilfswerk, hatte das Konzept hierzu ausgearbeitet. Nachdem sich dieses bewährt hatte und die Kreuzberger Kita aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge weniger Zulauf erhielt, wurde die Entscheidung gefällt, ab 2004 auch in der Naunynstraße nach der Montessori-Pädagogik zu arbeiten. Der Plan ging auf: Mit dem neuen pädagogischen Konzept konnte sich die Einrichtung vor Anmeldungen kaum retten. Nun besuchen Kinder vieler verschiedener Herkunftsländer und mit unterschiedlichem Bildungshintergrund die Kita.

 

Im nächsten Beitrag erfahren Sie, welche Auswirkungen die Krise des Ehrenamtes auf das Unionhilfswerk hatte und welche innovative Lösung dafür gefunden wurde.

1972 als Behindertenheim gegründet – Besondere Wohnform Wilmersdorf wird 50 Jahre!

Ende August feierte die Besondere Wohnform Wilmersdorf im Garten der Einrichtung ein tolles Jubiläumsfest. Bewohner*innen und deren Angehörige, aktive und ehemalige Kolleginnen und Kollegen aber auch Freund*innen und Förderer kamen zum 50. Geburtstag der traditionsreichen Einrichtung.

Auf dem Programm standen Ausflüge in die Geschichte des Hauses mit Film und Vortrag aber auch in einer kleinen Ausstellung, eine Performance des inklusiven Schwarzen Theaters zum Mitmachen, Musik und Tanz genauso wie Kulinarisches….

Was hat sich in den Jahren seit der Gründung als Behindertenheim 1972 ereignet? Was lässt sich hieraus stellvertretend für die Sozialbranche ablesen? Die Einrichtungsleitungen, Regina Treiling und Susanne Buchholz sowie Hanna Mauermann, Betreuerin und Projektleiterin des Schwarzen Theaters R 28 haben sich mit diesen Fragen beschäftigt:

Frage: 1972 zur Zeit seiner Gründung als sogenannte Wohnstätte für erwachsene Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen zählte diese Einrichtung des Unionhilfswerks bundesweit zu den ersten institutionellen Betreuungsangeboten. Was hat sich seither für die Bewohner*innen verändert?

Antwort: Das könnten natürlich am besten Bewohner*innen beantworten, die schon damals hier wohnten. Noch bis vor 5 Jahren lebte eine der Damen der ersten Stunde in unserer Einrichtung.  Sie erzählte uns noch davon und erlebte den Wandel der Paradigmen hautnah. Als sie einzog, wurde das Essen zentral vom eigens dafür angestellten Küchenpersonal zubereitet. Es gab feste, für alle Bewohner*innen verbindliche Tagesabläufe, um nur einige der Rahmenbedingungen zu nennen. Die Leitung verstand sich als „Hausmutter“ bzw. Hausvater. Sie wurden so genannt und agierten auch so, unerwünschtes Verhalten wurde mit dem Entzug von z. Bsp. Rauchwaren oder Zuwendung geahndet.

„Individuelle Lebensqualität“ ist heute nicht nur ein Schlagwort. Die Unterstützung und Assistenz ist individueller geworden, die Tagesabläufe sind flexibler und an den Bedarfen der Bewohner*innen orientiert. Die Gruppen entscheiden, was sie essen wollen und bereiten die Mahlzeiten mit Unterstützung der Mitarbeiter*innen zu. Die Möblierung der Zimmer erfolgt nach den Wünschen der Nutzer*innen, Taschengeld wird nicht mehr als „pädagogisches“ Druckmittel eingesetzt.

Frage: Was hat sich für die Mitarbeiter*innen geändert und was in der Gesellschaft?

Natürlich hat sich auch für die Mitarbeiter*innen sehr viel verändert. Während in den 70er Jahren Menschen mit Beeinträchtigungen „verwahrt“ wurden und den Klient*innen mit einer klar paternalistischen Haltung gegenübergetreten wurde, frei nach dem Motto: “…ich weiß besser, was gut für Dich ist“, haben – analog zum gesellschaftlichen Wandel – Begriffe wie Selbstbestimmung und Teilhabe inhaltlich Einzug in die Arbeit gehalten. Dies bedeutet im Alltag natürlich, dass Mitarbeiter*innen weniger die „Bestimmer“ im Leben der Klient*innen sind sondern die „Überzeuger“ werden und sein müssen. Menschen mit Beeinträchtigungen scheinen inzwischen in der Gesellschaft mehr Anerkennung zu erfahren. In den 70ern firmierte die heutige „Aktion Mensch“ noch als „Aktion Sorgenkind“. Damals gab es die wohl gut gemeinte Serie „Unser Walter“. Die Darstellung der Titelfigur, ein Kind/Jugendlicher mit Trisomie 21, zeigte kaum etwas von seiner  Persönlichkeit. Sie beschränkte sich auf die Darstellung der Probleme, die sich aus der Beeinträchtigung des „Titelhelden“ für die Familie ergaben. Heute gibt es u.a. Inklusionsklassen, Theatergruppen für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, barrierearme Internetseiten und Texte in Leichter Sprache

Frage: „Aber Lotti ist glücklich“ – so der Titel einer Reportage, die 1973 für das ZDF entstand. Unter anderem wurden der Alltag der Bewohner*innen dieses Hauses und die Einrichtungsleitung portraitiert. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums haben Sie mit einem Film unter dem Arbeitstitel „Lotti 2.0“ auf diese mittlerweile historische Quelle Bezug genommen. Was war Ihr Ansatz?

Antwort: Der Filmtitel lautet, „Von Fremdbestimmtheit zur Mitbestimmung“, 50 Jahre Wohnheim Wilmersdorf. (Den Film finden Sie unter dem Beitrag)

Wir wollten die Geschichte weitererzählen: „Aber Lotti ist glücklich“ zeigt das Leben von Menschen mit geistiger und psychischer Beeinträchtigung im West-Berlin der 70er Jahre. In der Bundesrepublik herrscht das Wirtschaftswunder, die Gräuel des 2. Weltkrieges werden zugedeckt und weitgehend ‚vergessen‘. Die Vernichtung von geistig und psychisch Behinderten liegt ca. 28 Jahre zurück. Die Menschen (alle wurden der Zwangssterilisation unterworfen) leben weiter in den Anstalten, betreut von Menschen, deren Vorgänger*innen in die Vernichtung geschickt haben. In der BRD herrscht ‚Die bleierne Zeit.‘

1972 beginnt in West-Berlin die Geschichte der Enthospitalisierung und ermöglicht Anstaltsbetroffenen erstmals in ihrem Erwachsenenleben Wohnen in einem bürgerlichen Umfeld. Die neuen Bewohner unterliegen in dieser Zeit dem Entmündigungsparagrafen (BGB, alte Fassung §1896) sind rechtlos wie Kinder und haben deshalb einen Vormund. Die Leitung besteht aus der Hausmutter und einem Hausvater. Die Frage einer Liebesbeziehung wird in dem Film thematisiert, aber von der Hausmutter dahingehend gelenkt, dies nicht als Störung in der Wohngemeinschaft zu zulassen.

In einer 1973 erhobenen Umfrage erklärten auf die direkte Frage „ob geistig behinderte Kinder früh sterben sollten“ 20% mit Ja, 50% bedingt mit Ja.

Der aktuelle Film „Lotti 2.0“ stellt die Frage, was hat sich seit 1973 verändert, es geht um das Sichtbarmachen eines Kapitels jüngerer deutscher Geschichte, die mit dem endgültigen Inkrafttreten des Bundesteilhabegesetzes im März 2023 vorerst einen großen Schritt in die Zukunft festlegt. Die Geschichte der Liebenden beleuchtet die ambivalente Realität zweier, unter gesetzlicher Betreuung stehender Menschen. Erzählt wird über die gelebte Erfahrung einer Mutter, die die gesetzliche Betreuung ihrer Tochter abgegeben hat und nun deren Entwicklung im ‚Haupthaus‘ des Wohnheims Wilmersdorf in der neuen Rolle betrachtet. Sie reflektiert dabei ihre Vorbehalte zu der Entscheidung ihrer Tochter.

Frage: Nach so viel Rückschau in die Vergangenheit – wie bewerten Sie die gegenwärtige Situation – angesichts von BTHG aber auch der demografischen Entwicklung und dem daraus resultierenden Fachkräftemangel?

Antwort: Ein Ziel des BTHG ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen so leben können  wie Menschen ohne Beeinträchtigungen. Die Unterstützung soll personenzentriert erfolgen, damit jeder Mensch selbst entscheiden kann, wie er oder sie leben, wohnen und arbeiten möchte. Von diesem hehren Ziel sind wir als Gesellschaft offensichtlich in der Umsetzung noch weit entfernt.

Der demographische Wandel ist ein uns durchgängig begleitendes Thema, Klient*innen werden älter und ihr Unterstützungsbedarf ändert sich. Viele langjährige Mitarbeiter*innen nähern sich dem Renteneintrittsalter und gleichzeitig gibt es einfach weniger junge Menschen, die einen Beruf im Gesundheits- und Sozialwesen ergreifen. Sicher liegt der Mangel an Fachkräften nicht nur daran, dass es immer weniger junge Menschen gibt, sondern auch daran, dass ein angehender Elektriker im ersten Lehrjahr ca. 750 € verdient während angehende Auszubildende der Heilerziehungspflege für ihre Fachschulausbildung schon mal 200 € pro Monat mitbringen müssen.

Frage: Zum Abschluss noch ein Blick in die Glaskugel – was sind Ihre Visionen für die Besondere Wohnform Wilmersdorf in 10 Jahren?

Antwort: In 10 Jahren ist die Homepage des Unternehmens ausschließlich in leichter Sprache verfasst und „schwierige Sprache“ kann dann optional aufgerufen werden.

Es gibt mehr Mitarbeiter*innen in der Ausbildung und Fachkräfte, weil das Unternehmen das Schulgeld bezahlt. Vielleicht gibt es dann auch schon die „Unionhilfswerk Schule für Sozialwesen“. Natürlich haben wir dann auch mehr Mitarbeiter*innen, weil diese dann bevorzugt behandelt werden dürften bei der Vergabe von Kitaplätzen in den Kitas des Unionhilfswerks.

Wenn es Ausfälle wegen Krankheit gibt, werden wir dann nur noch die Leasingfirma „Call a Hilfswerker“ anrufen müssen und erhalten Personal zu besonders günstigen Konditionen.

Alle technischen Möglichkeiten, Barrieren zu senken sind ausgeschöpft, so sind alle Bäder saniert und ohne Schwellen beim Einstieg in die Dusche. Sämtliche Türen im Haus sind mit Tür-Chip zum Öffnen, weil vielen Menschen mit Beeinträchtigung das Benutzen eines Schlüssels schwerfällt etc. Das Haupthaus ist energetisch saniert. Wir haben im Hof mindestens zwei Ladestationen für E-Autos wobei eine natürlich für unseren dann vorhandenen VW-Bulli-Elektro reserviert ist. In 10 Jahren haben wir bereits seit 9 Jahren ein Lasten-E-Bike.

Vielleicht haben wir dann auch eine angegliederte Trainingswohnung in der Nähe, um Klient*innen zu ermöglichen, Betreutes Einzelwohnen (BEW) auszuprobieren…

Egal, was auch die Zukunft bringt, wir werden bleiben, was wir sind, Wegbegleiter!

 

50 Jahre Wohnheim Wilmersdorf

Tarifzwang in der Pflege als Allheilmittel?

Haben wir nicht jahrelang nach einer Aufwertung des Pflegeberufes und einer besseren Vergütung gerufen? Also weshalb nun die eher verhaltende Euphorie? Ganz einfach. Weil wir uns als Träger ungern in eine Tarifbindung zwängen lassen. Und schon gar nicht im Eiltempo. Natürlich haben wir uns im Unionhilfswerk sehr gefreut, als klar wurde, dass die Kostenträger ab 1. September 2022 höhere Personalkosten akzeptieren müssen. Das steht eindeutig auf der Habenseite. Aber dass wir uns dafür entscheiden müssen, entweder einem Tarifvertrag beizutreten, unsere Löhne einem gängigen Tarifvertrag anzulehnen oder ein von den Kassen veröffentlichtes regionales Durchschnittstarifniveau zu zahlen, grenzt an Entmündigung.

Die Kassenbeiträge werden für alle angehoben

Wir haben uns für das regionale Durchschnittstarifniveau entschieden. Etwas Anderes scheint in der Kürze der Zeit gar nicht abbildbar. Die von den Kassen dazu veröffentlichen Durchschnittslöhne liegen deutlich über unserem derzeitigen Lohngefüge, der Sprung bei Pflegekräften ohne Ausbildung liegt teilweise bei 40 %. Keine Ausnahme, wenn man sich in der Branche umhört. Freuen wird es die Mitarbeiter*innen, daran besteht kein Zweifel. Aber wer bezahlt die Preisexplosion am Ende? Das sind zum einem unsere Kunden, da die Eigenanteile deutlich steigen. Somit auch der Anteil der Sozialhilfeempfänger. Zum anderen werden die Kassenbeiträge für alle angehoben werden müssen, anders ist eine dauerhafte Refinanzierung dieser enormen Kosten nicht machbar. Welche Auswirkungen die höheren Kosten auf das Kundenverhalten haben werden, bleibt abzuwarten. Das ist die Kehrseite der Medaille. Fragt man mich nach meiner ganz persönlichen Sicht auf die Dinge, so halte ich es mit Johann Wolfgang von Goethe: „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust…“.

Ein klar definierter Stufenplan wäre besser gewesen

Wir hätten uns mehr Zeit gewünscht, um die in Teilen deutliche Lohnsteigerung für unsere Mitarbeiter*innen, die wir im Grundsatz befürworten, umzusetzen. Ein klar definierter Stufenplan wäre aus unserer Sicht für alle Seiten vertretbar gewesen. Aber leider ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.