Monthly Archives: April 2025

Märchenzauber als Brücke zwischen den Generationen

Was dabei geschieht, das erfahren wir an einem Donnerstagvormittag im frühlingshaften März im Pflegewohnheim „Alt-Treptow“. Hier entsteht im Begegnungsraum auf einem der Wohnbereiche eine märchenhafte Frühlingsatmosphäre. Bunte Frühlingsblumen werden arrangiert, ein sternenklarer Märchenvorhang ziert die Fenster, der Ohrensessel wird mit Blumengirlanden verziert – der Märchenstuhl.

Auch die 5- bis 6-jährigen Kita-Kinder aus der benachbarten Kita „Heureka“ haben sich auf diesen besonderen Moment vorbereitet. Sie bringen ihre selbst gemalten Bilder von Frühblühern mit ins Pflegewohnheim. Schneeglöckchen, Krokusse und Osterglocken strahlen auf buntem Papier. Als die Märchenerzählerin Birgit Hägele einen magischen Ton erklingen lässt, wird es ruhig.

Begrüßung und erster Kontakt

Ihre Begrüßung hat Methode: „Wie heißen die Menschen, wenn sie älter sind?“, fragt Birgit Hägele die Kinder. Schüchtern kommt die Antwort: „Senioren.“ Gemeinsam und mutiger begrüßen die Kinder: „Guten Morgen, liebe Seniorinnen und Senioren!“ Anschließend gehen sie auf einzelne Bewohner*innen zu, stellen sich vor und fragen nach deren Namen. Diese direkte Begegnung schafft einen ersten persönlichen Kontakt – ein wichtiger Moment für beide Seiten.

Die Reise in die Märchenwelt

Mit einem goldenen Schlüssel in der Hand kündigt Birgit Hägele die Reise in die Märchenwelt an. Eingeleitet durch Flötenklänge, spricht sie den Zauberspruch: „Mit diesem goldenen Schlüssel hier, da öffnet sich die Märchentür.“ Und sie beschreibt, wie sich der Winter verabschiedet und die ersten Frühblüher sich ans Licht wagen. Das Schneeglöckchen, als Zeichen für Neuanfang und Hoffnung, steht im Mittelpunkt der ersten Geschichte.

„Wer hat in seinem Leben schon einmal gewartet?“, fragt sie weiter. Eine alte Dame lacht und erzählt, wie sie sich einmal an einer Kinokasse vorgedrängelt hat. „Ich hatte keine Lust, zu warten“, überrascht sie die Runde und löst Heiterkeit bei allen aus.

Märchenhafte Türöffner in die Vergangenheit

Birgit Hägele verbindet die Märchenthemen geschickt mit persönlichen Geschichten. So werden die Krokusse mit Schneewittchen in Zusammenhang gebracht, das Gänseblümchen mit seinem roten Rand erinnert an das Erröten vor Freude. Über diese Verbindungen entstehen Erinnerungsbrücken. Die Kinder lauschen aufmerksam, während die Senior*innen in Gedanken in ihre Kindheit zurückreisen.

Am Ende der Erzählrunde singen Kinder und Senior*innen gemeinsam den Frühlingslied-Klassiker „Im Märzen der Bauer die Rößlein anspannt…“ – eine Bewohnerin kennt alle Strophen auswendig – später erzählt sie, dass sie lange als Erzieherin gearbeitet hat. Das gemeinsame Singen verstärkt die Verbundenheit zwischen den Generationen. Ein wunderbarer Abschluss für eine Begegnung, die noch lange nachklingt.

Förderung des Projekts und die Bedeutung des Erzählens

Dieses schöne Begegnungsformat wird gefördert von der Unionhilfswerk-Förderstiftung. Es zeigt auf wunderbare Weise, wie freies Märchenerzählen Generationen verbinden und einen kreativen Zugang zu Menschen mit Demenz und Kindern schaffen kann. Märchenerzählerin Birgit Hägele spricht mit ihren Geschichten viele Sinne an und bietet Menschen mit Demenz und Kindern Raum für biografische Anknüpfungspunkte und gestisches Spiel.

Dank der langjährigen Zusammenarbeit des Pflegewohnheims „Alt-Treptow“ mit der Kita „Heureka“ ging dieses schöne Projekt zu Beginn des Jahres reibungslos an den Start. Nicht zuletzt auch dank der ehemaligen Erzieherin Marianne Rhode, die die Begegnung nun ehrenamtlich begleitet und auch genießt: „Jede Begegnung ist anders, aber immer etwas ganz Besonderes“, sagt sie und freut sich auf die nächste Märchenstunde.

Über die Märchenerzählerin

Birgit Hägele ist Diplom-Puppenspielerin und Geschichtenerzählerin.

Ich erzähle Geschichten,
für Große und Kleine,
drinnen und draußen,
wohin immer Sie mich einladen.

Hier einige Impressionen:

„Kurios und zauberhaft“ – Die MoArts begeistern mit neuer Ausstellung

Begeisterte Künstler*innen im Rampenlicht

Birgitta von Homeyer und Irina Wußmann, Leiterinnen und Kuratorinnen, eröffneten gemeinsam den feierlichen Nachmittag und stellten die einzelnen Künstler*innen auf der Bühne vor. Die Freude über die Anerkennung war groß: Alle bekamen die Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen, begleitet von herzlichem Applaus und Blumen. Brigitte Mutschke präsentierte stolz ihre Bildcollage „Das Wohnzimmer“: „Auf der Bühne zu stehen ist schon aufregend, aber ich habe es geschafft!“ Reiner Köhn, ebenfalls begeistert von der Resonanz, ergänzte: „Es ist gut, Anerkennung zu bekommen.“

Ein besonderer Zugang zur Kunst

Um die oft kuriosen und fantasievollen Werke besser zu erfassen, lud Birgitta von Homeyer das Publikum zu einer interaktiven Bildbetrachtung ein. Die Beschreibung des Werks „Kurios“ von Reiner Köhn fasste sie so zusammen:

„Ich sehe Clowns und Geister. Alle sind Geister. Ich sehe Pinocchio und Jesus. Das ist zumindest meine Vorstellung; er hat eine Beziehung zu der sitzenden Dame. Oben sehe ich Wolken oder einen Wurm? Es gibt Steine. Alle sind lebensfroh, es ist wie im Zirkus. Alle sind bewegt und tanzen wohl, sie sind fröhlich.“

Diese intensive Auseinandersetzung mit den Bildern führte zu lebhaften Gesprächen und bereicherte die anschließende Führung durch die Ausstellung.

Farbenfroh, unbefangen und voller Lebensfreude

Die Atmosphäre der Vernissage war entspannt und fröhlich. Bei Kaffee und Kuchen genossen die Gäste die Kunstwerke und den persönlichen Austausch mit den Künstlerinnen und Künstlern. „Es sind wunderbare Arbeiten, es macht Freude, sie anzusehen. Sie sind so unbefangen!“, schwärmte eine Besucherin. Ein anderer Gast ergänzte: „Man kann nur glücklich sein bei dieser Ausstellung.“

Ein Gemeinschaftsprojekt mit vielen helfenden Händen

Der Erfolg dieser Ausstellung war nur dank der tatkräftigen Unterstützung vieler engagierter Menschen möglich. Für die musikalische Untermalung sorgten die ehrenamtlichen Klavierspieler Juri und Wolfram, während Herr Benz die Veranstaltung fotografisch festhielt. Angelika überraschte die Gäste mit selbst gebackenem Kuchen. Auch beim Aufbau der Ausstellung packten viele mit an, darunter Sabine Teubner Mbaye, Katharina Schnitzler und Ingrid Bauermeister. Ein großes Dankeschön an alle Helferinnen und Helfer!

Besonderer Dank gilt dem SOS-Kinderdorf-Team, das den MoArts jedes Jahr die Möglichkeit bietet, ihre Kunstwerke einem breiten Publikum zu präsentieren. Diese langjährige, erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Unionhilfswerk ist ein wunderbares Beispiel für gelebte Inklusion und gemeinschaftliches Engagement.

Unbedingt sehenswert

Die Ausstellung „Kurios & zauberhaft“ der MoArts Kunstgruppe des Unionhilfswerks bleibt noch bis zum 15. Mai 2025 geöffnet.

Ausstellungsraum im Restaurant des SOS-Kinderdorfes Berlin
Waldstraße 23/24 | 10551 Berlin

Montag bis Freitag 9 – 18 Uhr

Mehr zu der Ausstellung erfahren Sie auf auf unserer Webseite unionhilfswerk.de.

 

  • © Birgitte Mutschke

Vom Informatiker zum Pflegefachmann: Dorjjagdag Gankhuyags mutiger Neustart in Berlin

Vor gut drei Jahren kam Dorjjagdag Gankhuyag aus der Mongolei nach Berlin, um hier eine Ausbildung zum Pflegefachmann zu beginnen. In seiner Heimat hatte der 31-jährige Informatiker nach abgeschlossenem Studium zwei Jahre lang Journalismus studiert. Seit März 2024 arbeitet er im Pflegewohnheim „Am Kreuzberg“, seit dem letzten Sommer mit dem Abschluss seiner Ausbildung nun als examinierter Pflegefachmann.

Was hat Sie dazu bewogen, die Mongolei zu verlassen und nach Deutschland zu kommen?

Inspiriert hat mich meine große Schwester. Sie kam mit 18 Jahren nach Deutschland. Sie lebt hier seit vielen Jahren und hat eine Ausbildung als medizinische Fachangestellte gemacht. So habe ich mitbekommen, welche Ausbildungsangebote es in Deutschland gibt. Bei der pflegerischen Ausbildung fand ich die Kombination aus Praxisteil und dem schulischen Teil sehr interessant. Daher habe ich mich für die Ausbildung zum Pflegefachmann entschieden. Außerdem war meine Großmutter Krankenschwester und deshalb war mir der pflegerische Bereich vertraut. Bei meiner Arbeit als Informatiker habe ich gemerkt, wie sehr mir der Kontakt mit den Menschen liegt – auch das trug zu meiner Entscheidung für den Wechsel in die Pflege bei.

Wie war es für Sie, als Sie in Deutschland ankamen?

Anfangs war es nicht ganz einfach, mit der neuen Sprache, mit der Art der Kommunikation und auch mit der anderen Kultur klarzukommen. In der Mongolei sind wir ganz leise, sprechen eher wenig und wenn, dann reden wir ganz kurz und direkt. Hier ist es ganz anders. Daran musste ich mich erst mal gewöhnen und lernen, wie man hier miteinander umgeht. Auch die Menge an bürokratischem Aufwand war am Anfang eine Herausforderung. Ich habe direkt mit der Pflegeschule angefangen und bin dann auch bald in die Praxis gekommen. Das war alles neu und ziemlich viel Arbeit und dazu gab es den Papierkram und die vielen Nachweise, wie Impfungen beispielsweise. Das war noch in Corona-Zeiten. Deswegen musste ich mich komplett nochmal neu impfen lassen. Obwohl ich in der Mongolei schon vollständig geimpft war, haben hier alle Impfungen von vorne angefangen. Von Tetanus bis zur Corona-Impfung.

Nach drei Monaten habe ich mit viel Glück ein Zimmer in einer Fünfer-WG in Wannsee gefunden. Hier wohnen – abgesehen von mir – Studierende aus internationalen Austauschprogrammen. Mit dem eigenen Zuhause hat sich alles normalisiert.

Sie sprechen exzellent Deutsch – wie haben Sie das gelernt?

Bevor ich nach Deutschland kam, brauchte ich das B 2-Zertifikat als Sprachnachweis. Ich habe sieben Monate intensiv gelernt und alle Medien und Geräte auf deutsche Sprache umgestellt und einfach alles auf Deutsch gehört. Das hat mir viel gebracht.

Wer hat Sie beim Ankommen in Deutschland unterstützt?

Gerade am Anfang war meine Schwester eine große Unterstützung und meine Verlobte, die meinen Übergang hier in Deutschland viel einfacher gemacht hat, da sie schon vor mir hier war. In meinem ersten Betrieb war die Verwaltung eine ganz große Unterstützung. Beim Wechsel zum Unionhilfswerk hat Nico Otremba mir sehr geholfen – gerade auch im Umgang mit den Ämtern und der Ausländerbehörde. Und natürlich meine meine Praxisanleiterin, die mich so gut und fürsorglich auf meine praktische Prüfung vorbereitet hat. Auch meine Klassenlehrerin Christine Wieland war in den letzten drei Jahren eine große Stütze für mich.

Was hat sie in Deutschland am meisten überrascht?

Am Anfang dachte ich, dass ich mich hier mit Englisch verständigen könnte. Aber das war absolut nicht so. Ich schätze die Art und Weise, wie die Deutschen untereinander kommunizieren. Sie sind sehr offen und wir sprechen ganz viel. Das gefällt mir.

Worauf freuen Sie sich am meisten in Ihrer neuen Rolle als Pflegefachmann?

Ich freue mich darauf, dass ich noch selbstständiger arbeiten und Verantwortung übernehmen kann. Ich bleibe in meinem jetzigen Wohnbereich, auf dem viele Menschen mit psychischen Erkrankungen wohnen, die zum Teil weniger alt sind. Dort wollte ich immer schon hin. Und ich bin dem gesamten Team der psychiatrischen Station 1, das mich großartig unterstützt und mit offenen Armen empfangen hat, sehr dankbar und freue mich auf die künftige Zusammenarbeit!

Herr Gankhuyag, wir bedanken uns herzlich für das spannende Gespräch.

Maris und die PAPILLONS: Wie ein besonderes Theaterprojekt Herzen verbindet

Ein unerwarteter Beginn

Manchmal klingelt das Leben buchstäblich an der Tür. Man öffnet, und ein neues Abenteuer beginnt.
So jedenfalls kam es, dass mein Sohn Maris Teil der Papillons wurde: Nach einem Umzug hatten wir unsere ehemalige Nachbarin, Regisseurin Christine Vogt, zufällig in der Nähe getroffen. Ein kleiner Plausch, ein paar Schritte bis zu unserer neuen Adresse. „Ach hier wohnt Ihr jetzt“, sagt Christine. Sie gibt mir ihre Karte und erzählt von ihrem Theaterprojekt in einem Pflegewohnheim.

Die Einladung, die alles veränderte

Kurze Zeit später arbeite ich mit einem verstauchten Fuß von zu Hause aus. Es klingelt an der Tür – die Treppen herauf kommt Christines Mann Michael. Ich bin mehr als erstaunt, denn obwohl wir viele Jahre lang Nachbarn waren, hatten wir kaum jemals mehr als einen kurzen Gruß ausgetauscht.
Ob Maris vielleicht Interesse hätte, zusammen mit alten Menschen Theater zu spielen, möchte Michael wissen. Er erzählt, dass viele von ihnen Demenz haben. Auch meine Mutter leidet an Demenz. Die Krankheit und viele der Probleme, die sie mit sich bringt, begleitet meinen Alltag seit zwei Jahren auf oft schmerzliche Weise. Maris vermisst seine Oma, so wie sie früher war, begleitet diesen zunehmend hilflosen Menschen aber auf eine ganz liebevolle, fürsorgliche und humorvolle Art.

Ein neues Abenteuer für Maris

Maris, zu dem Zeitpunkt sieben Jahre alt, möchte unbedingt bei den PAPILLONS mitmachen. Schon das Kennenlern-Wochenende begeistert ihn. Er habe einen neuen besten Freund und auch alle anderen Kinder und Jugendlichen seien toll, berichtet er. Auch mit den alten Menschen passt es sofort, „weil man sich mit ihnen so gut unterhalten kann“.
Seine Spielpartnerin heißt Fatima. Irgendetwas verbindet diese beiden Seelen. Er erzählt, wie Fatima bei den Proben immer „Butterfly“ singt – so schön, dass er sich heimlich eine Träne wegwischen muss. Außerdem erzählt er, dass Fatima in dem Stück von ihrem Mann spricht und davon, dass er sie tatsächlich nach seinem Tod noch einmal besucht.

Die Premiere: Ein unvergessliches Erlebnis

Juni 2024: „Die Anprobe“ feiert Premiere. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet und bin so gespannt, ob ein Projekt wie dieses funktionieren kann. Regisseurin Christine hält eine kleine Ansprache und stimmt uns auf den 1. Akt ein. Das Stück beginnt mit einer Art Tour durch die Szenerie, danach werden die Plätze eingenommen. Schon als wir eintreten, hab‘ ich einen Kloß im Hals. Die Musik, die liebevoll gestalteten Settings der Akteurinnen und Akteure, die Kostüme, und vor allem: Das Gefühl, die Stimmung, und die Chemie zwischen den alten und jungen Akteuren, ergreifen mich und halten mich bis zum Schlussapplaus fest.

Die Begegnung von Jung und Alt

Es ist ein Stück, auf das man sich einlassen muss, eine Herausforderung. Hier passiert etwas völlig abseits vom Mainstream, und ich spüre, ich muss meine Sehgewohnheiten komplett umkrempeln. Alte Menschen, die in Pflegewohnheimen leben, werden zwar noch von Verwandten und Freunden besucht. Für den Rest der Gesellschaft sind sie aber so gut wie unsichtbar. Bei den PAPILLONS werden sie in die Mitte der Gesellschaft, ins Rampenlicht geholt. Ihre Persönlichkeit und ihre Geschichten, die ihre Identität geprägt und ihnen Wert und Würde verliehen haben, dürfen nochmal leuchten. Und der Tod schwingt mit in diesem Theater. Viel eher tröstlich als tragisch ist der Blick auf dieses Thema, vor dem wir im Alltag aus Hilflosigkeit oder Überforderung die Augen verschließen. Es wird aber auch stellenweise sehr lustig. Die Szenen sind so vielfältig wie das Leben selbst. Ich lache und vergieße Tränen.

Respekt und Ernsthaftigkeit im Spiel

Besonders intensiv erlebe ich die Ernsthaftigkeit der Kinder, mit der sie den Alten zu ihren Szenen verhelfen. Ich spüre auch ihren Respekt vor dem langen Leben ihrer Spielpartnerinnen und Spielpartner.

Ein unvergesslicher Abschied

Maris hat unglaublich viel aus dieser Erfahrung mitgenommen. Ich kann Christine und allen anderen Beteiligten nur meinen größten Dank für diese wertvolle Arbeit aussprechen. Mir bleibt es ein Rätsel, wie sie und ihr Team es schaffen, all die losen Enden tatsächlich in ein Stück zu gießen. Fatima ist wenige Wochen nach den Aufführungen verstorben. Maris nimmt regelmäßig das große Foto von ihr aus dem Regal, und ist sich sicher, dass sie ihn genau so wenig vergessen wird wie er sie.

 

„Ich konnte viele Glücksmomente schenken“

Ich treffe Thorsten Bartelt an der Gartenpforte zu einem schmucken Einfamilienhaus im Reinickendorfer Ortsteil Hermsdorf. Der 63-Jährige hat diesen Ort oft besucht, denn Thorsten Bartelt ist Lebens- und Sterbebegleiter. Ein Ehrenamt, das er seit gut drei Jahren für den Hospizdienst Nord des Kompetenzzentrums Palliative Geriatrie im Unionhilfswerk ausübt.
Sein Besuch gilt der 83-jährigen Hannelore Hauke, deren Ehemann Eckbert Hauke vor kurzem verstorben ist. Was diese Begleitung Thorsten Bartelt und dem Ehepaar Hauke bedeutet hat, erzählen sie im Interview.

 

Frau Hauke, wie geht es Ihnen?

Mein Mann hatte Mund- und Kieferkrebs, 2020 wurde ihm der halbe Kiefer entfernt, ein Knochen aus dem Wadenbein wurde eingesetzt. Danach ging es eigentlich besser, er wollte leben, war zuversichtlich. Doch dann hat er eine Sepsis bekommen und er hat sich davon nie mehr erholt. Die Pflege zu Hause konnte ich nicht mehr leisten, er kam dann in ein Heim, wo ich ihn fast jeden Tag besucht habe. Sein Tod war eine Erlösung nach sehr langem Leiden.
Manchmal war es schwer, mitanzusehen, wie jemand, der so tatkräftig und unternehmungslustig war wie mein Mann, immer hilfloser wird. Er bekam eine Magensonde und auch Sprechen konnte er zum Schluss nicht mehr.

 

Herr Bartelt, wie sind Sie dazu gekommen, Familie Hauke auf diesem schweren Weg zu begleiten?

Sabine Sack, die damalige Koordinatorin des Hospizdienstes, hatte mir die Begleitung Herrn Haukes vorgeschlagen – es war meine erste –, und ich habe ihn im Frühjahr 2022 kennengelernt, nachdem er aus dem Krankenhaus wieder nach Hause kam.  Seine Frau hatte ihn in dieser Zeit noch im Haus gepflegt. Wir hatten gleich beim ersten Besuch einen guten Draht miteinander. Günstig war auch, dass ich in der Nähe wohne, so konnte ich jede Woche vorbeikommen und auch mal einen Extrabesuch einplanen.

 

Wie sahen die Besuche genau aus?

Wir haben die Besuchstage am Anfang so gestaltet, dass wir uns entweder unterhalten haben oder ich habe von meinen Tageserlebnissen erzählt. Mit der Zeit fiel Herrn Hauke das Sprechen aber immer schwerer, da habe ich angefangen, Geschichten vorzulesen. So zum Beispiel Karl-May-Bücher, weil Egbert Hauke ein großer Western-Fan war. „Winnetou“ konnte man ja auch nach einer Woche weiterlesen, das hat Herrn Hauke großen Spaß gemacht. Als es ihm dann immer schlechter ging und er Mühe hatte, dem Vorgelesenen zu folgen, haben wir Musik gehört. Ich hatte das Gefühl, dass ihn die Musik, die er früher mochte – Country- und Westernmusik – beruhigt und erfreut. Am Ende haben sich meine Besuche darauf beschränkt, Musik abzuspielen, etwas zu erzählen – einfach da zu sein.

 

Haben diese Besuche Sie entlastet, Frau Hauke?

Ich konnte meinen Mann nicht alleine lassen, er hatte immer den Drang, aufzustehen, hat sich dann oft die Magensonde rausgezogen. Darum war es eine große Entlastung und Beruhigung für mich, wenn jemand hier war. Wir haben keine Kinder, meine Familie ist in Süddeutschland und die Verwandten meines Mannes konnten den Anblick nicht ertragen … Um so dankbarer war ich, dass ein quasi Fremder wie Herr Bartelt mich so unterstützt hat! Wenn ich Fragen hatte, war er immer der erste Ansprechpartner. Er hat mir in vielen Dingen geholfen, mit denen ich überfordert war.

 

Und wie war das für Sie, Herr Bartelt?

Frau Hauke ist ja nicht mehr die Jüngste und auch nicht gesund, das hat das Ganze für sie sehr mühsam gemacht. Darum war ich froh, dass ich helfen konnte – manchmal mit Kleinigkeiten, wie die Fernsehsender neu einstellen oder Handwerker organisieren, um eine Rollstuhlrampe zu bauen. Es gab immer ausreichend Gelegenheit, sich nützlich zu machen und den Haukes viele kleine Glücksmomente zu schenken.

 

Herr Bartelt, Ihre „Aufgabe“ ist nun ja erfüllt, wenn man das so sagen darf. Was bleibt?

Frau Hauke hat mich gebeten, an der Trauerfeier teilzunehmen, was ich sehr gern gemacht habe. Egbert Hauke war die längste meiner insgesamt sechs Begleitungen. Das ist schon etwas Besonderes, denn manchmal verstirbt ein Mensch nach nur einem einzigen Besuch. Und natürlich werde ich auch Frau Haukes Nummer nicht aus meinem Handy löschen…