Monthly Archives: März 2021

Sorbische Osterbräuche in Corona-Zeiten zu uns nach Hause geholt – und zur Inspiration für die „Zeiten danach“….

„WITAJĆE K NAM DO ŁUŽICY!“ – Herzlich willkommen in der Lausitz

….Gäste und Besucher*innen der Ober- und der Niederlausitz im Nordosten Sachsens und im Südosten Brandenburgs wundern sich nicht selten über die zweisprachigen Orts- und Hinweisschilder an den Straßen. Slawisch klingende Namen mitten in Deutschland? Der Ursprung geht auf das 6. und 7.Jahrhundert zurück, als sich im Zuge der Völkerwanderung in dieser kaum besiedelten Region Slaw*innen niederließen – die Sorb*innen in der Oberlausitz und die Wendinnen und Wenden in der Niederlausitz. Sie kamen aus dem jetzigen Weißrussland. Zeitweilig dehnten sich die Siedlungsgebiete von der Nordsee über das Wendland bis an die Ostsee aus. Ortsnamen mit den Endsilben -ow, -itz und -in verweisen heute auf Gründungen aus dieser Zeit.

In der Lausitz haben die alten Bräuche nach Jahren der Vergessenheit in den letzten Jahrzehnten eine regelrechte Renaissance erfahren. Welche es zu Ostern sind, wollen wir uns näher anschauen….

Osterreiten ist eine Tradition aus dem 14. Jahrhundert | © J. Nitzsche

Osterreiter verkünden die Auferstehung

Seit Jahrhunderten ist es Tradition, dass in der Gegend zwischen Bautzen (obersorbisch: Budyšin) und Hoyerswerda (obersorbisch: Wojerecy) die Osterreiter*innen am Ostersonntag in Prozessionen die Botschaft von der Auferstehung Christi in ihre Nachbargemeinden tragen. Festlich gekleidete Reiter*innen mit Zylinder und schwarzem Gehrock singen Lieder und beten außerhalb der Ortschaften den Rosenkranz oder eine Litanei. Auf dem Rücken ihrer mit buntbestickten Schleifen geschmückten Pferde führen die Osterreiter*innen das Kreuz, Kirchenfahnen und die Statue des auferstandenen Christus mit.

Versuche, das Osterreiten im Nationalsozialismus zum germanischen Brauch umzufunktionieren, schlugen fehl. Auch die DDR-Regierung hatte Schwierigkeiten mit der Tradition – die Medien tabuisierten ihren christlichen Charakter. Trotzdem nahm die Reiterzahl ständig zu – in den letzten Jahren fanden sich an die 1.600 Reiter*innen an unterschiedlichen Treffpunkten zusammen und zogen  tausende von Menschen an.
Neugierig geworden? Wer in diesem Jahr vom Sofa aus zuschauen möchte, findet auf YouTube zahlreiche Filme mit den Osterreiter*innen und ihrer Liedern.

Protestanten singen

Während die katholischen Sorb*innen das Osterreiten pflegen, gibt es auf evangelischer Seite diesen Brauch nicht mehr. Nach der Reformation wurde das Osterreiten verboten. Seitdem pflegen die Protestant*innen das Ostersingen, bei dem sorbische Frauen in festlichen Trachten durch die Dörfer ziehen und Passionslieder singen.

Nach Quellen aus dem 17. Jahrhundert trafen sich in der Osternacht auch Männer, um die Felder des Dorfes Osterlieder singend zu umlaufen und anschließend singend vor die Häuser zu wandern, wo sie mit Kuchen erwartet wurden.

Diese Jahrhunderte alte, wichtige Tradition der gesamten Lausitz verschwand um 1950 fast völlig. Anfang der 90er Jahre wurde sie neu belebt.

Bräuche mit heidnischen Wurzeln

Die Ursprünge des Ostersingens und des Osterreitens liegen in vorchristlicher Zeit, als die Menschen in Prozessionen um die Felder ritten, um so die junge Saat vor Schäden durch magische Einflüsse zu bewahren und sich dadurch eine gute Ernte erhofften. Bei den sorbischen Bräuchen verbinden sich heidnische und christliche Motive: Die Sorb*innen verehrten in vorchristlicher Zeit in heiligen Hainen Sonnen- und Flussgötter. Sie glaubten an Hexen und Kobolde, an den Teufel und an den Drachen Plon. Dieser kam manchmal als struppige Henne oder erschien in Gestalt einer Eule.

Ostereier verzieren – ein Kunsthandwerk

Das Ei wird seit Jahrtausenden in vielen Kulturen als Symbol der Fruchtbarkeit angesehen. Bereits im Mittelalter wurde es als „Zinsei“ eingesetzt und musste mit der Jahressteuer abgegeben werden. Daraus entstand wohl auch der Brauch, Eier zu verschenken.

Die erste nennenswerte Erwähnung des bunten sorbischen Ostereies stammt aus dem Jahr 1717. Die mit bunten Ornamenten verzierten Eier gehören in der Oberlausitz zum traditionellen Osterfest dazu. Das Eierverzieren ist bei den Sorben zur Kunst geworden und es werden dabei die unterschiedlichsten Techniken angewendet: Die Wachs- und Kratztechnik, sowie das Ätzen und das Bossieren, worunter man das Formen mit Wachs oder Ton versteht.

Die Gestaltung ist vielfältig, trotzdem sind es hauptsächlich religiöse Symbole, die die bunten Eier schmücken. Das christliche Symbol der Dreifaltigkeit wird durch Dreiecke dargestellt, Striche dagegen symbolisieren die Sonnenstrahlen, das Licht und das Erwachen der Vegetation. Kreise und Punkte stehen hauptsächlich für den Schutz von Mensch und Tier vor bösen Dämonen.
Ein schöner Brauch, der auch im Corona-Lockdown zuhause und mit der Familie gut ausprobiert werden kann. Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf – auch hierzu finden Sie auf Youtube zahlreiche Videos mit Anleitungen und Inspirationen.

Ostereier kegeln – ein altes Spiel

Ein österlicher Brauch, der auch heute wieder sehr beliebt ist, ist das sogenannte Waleien. Im Garten oder auf einer Wiese werden die verzierten Ostereier auf einer abschüssigen Bahn aus Sand oder Erde hinuntergerollt. Wer von den Spielern das Ei des Anderen trifft, erhält ein Geldstück oder Schokolade. Der sorbische Osterbrauch war früher besonders bei den Bäuerinnen und Bauern verbreitet, die sich dadurch ein gutes Wachstum für die Saat und eine reiche Ernte versprachen.
Wie wäre es im heimischen Garten oder naheliegenden Park? Lassen Sie die bunten Eier doch ebenfalls rollen.

Elixier für Schönheit und Gesundheit

Auch der Brauch, das „Osterwasser“ zu holen, stammt aus vorchristlicher Zeit. Damit dieses besondere Wasser tatsächlich die Gesundheit und Schönheit förderte, wusch man sich mit ihm und besprengte das Vieh und mancherorts auch die Menschen, denen man begegnete. Es war allerdings nicht einfach, das Wasser zu holen: Es musste in der Osternacht vor Sonnenaufgang aus einem gen Osten fließenden Gewässer geschöpft werden. Junge Mädchen füllten das Wasser schweigend in einen Tonkrug und trugen es schweigend nach Hause. Junge Burschen versuchten, die Mädchen zum Reden oder Lachen zu bringen. Wenn sie es schafften, wurde das Osterwasser zum „Plapperwasser“ und verlor dadurch alle positiven Eigenschaften. Schafften es die Mädchen aber, schweigend zu bleiben, wuschen sie sich damit zu Hause Hände und Gesicht und konnten nun für ein Jahr auf Gesundheit und Schönheit hoffen…

Osterschießen

Vorwiegend in der Oberlausitz ist das Osterschießen ein Begriff: Geschossen wird mit selbst gebauten Karbidkanonen. Der Krach und die Knallerei sollen Hexen und böse Geister auf Distanz halten. Mit dem christlichen Osterfest hat dieser Brauch allerdings wenig zu tun.

Osterfeuer

In der Nacht vor dem Ostersonntag werden in der Niederlausitz Osterfeuer angezündet. Dieser Brauch geht auf den weit verbreiteten Glauben an die reinigende Kraft des Feuers zurück. In der Lausitz zwischen Spremberg und Lübben brennen Samstagnacht mehr als 1000 Osterfeuer, die größten soll es an der Spreewehrmühle in Cottbus und am Festungsturm in Peitz geben.

Statue des Zauberlehrlings Krabat in Schwarzkollm | © R. Mettke

Auf den Spuren Krabats…..  Ein Ausflugsziel für die Zeit nach Corona

Die Sage vom guten sorbischen Zauberer ist eng mit der Geschichte Schwarzkollms verbunden. Hier spielt die Erzählung KRABAT von Ottfried Preußler die auch verfilmt wurde. Mit seiner über 600 Jahre alten Geschichte zählt Schwarzkollm zu den ältesten Ortschaften innerhalb der Region. Der liebevoll gestaltete Dorfplatz lädt ein, mehr über die einzigartige sorbische Kultur und den Sagenschatz der Lausitz zu erfahren. Der KRABAT-Brunnen mit seinen 12 Raben ist Teil eines Wasserspiels und verspricht an warmen Sommertagen eine willkommene Erfrischung. Die zentral gelegene Marienkirche verleiht dem unter Ensemble-Schutz stehenden Ortskern zusätzlich Charakter. Im 12./13. Jahrhundert mit gotischen Elementen erbaut, wurde das Gebäude nach einem Brand im klassizistisch-romanischen Stil wiedererrichtet. Aber auch die typischen Drei- und Vierseitenhöfe mit den ziegelbedeckten Torbögen, der Dorfanger und das durch die ländliche Idylle führende umfangreiche Wander- und Radwegenetz machen Schwarzkollm zu einem lohnenswerten Ausflugsziel. Vor allem der über 80 km lange KRABAT-Radweg führt durch die sorbische Region zu zahlreichen Sehenswürdigkeiten und hat mit dem Erlebnishof „KRABAT-Mühle Schwarzkollm“ ein sehenswertes Etappenziel. Hier am Originalschauplatz im Koselbruch wird die Sage vom sorbischen Zauberer wieder lebendig.

Weitere Informationen: www.schwarzkollm.de

 

Einige Inspirationen für das diesjährige Osterfest zuhause konnten wir den alten Bräuchen und Sitten entnehmen. Haben Sie weitere Ideen für gemütliche Osterfeiertage in Corona-Zeiten? Schreiben Sie es in die Kommentare.

„Liebe, Sex und sone Sachen“

Jeder Mensch soll wichtige Informationen verstehen können. Denn dies ist die Grundlage, um sich eine Meinung bilden und Entscheidungen treffen zu können.
Um selbstbestimmt leben und verantwortungsbewusst mitentscheiden zu können, sind Menschen mit Lernschwierigkeiten unter anderem auf Texte in Leichter Sprache angewiesen. Leichte Sprache vereinfacht ihnen den Zugang zu Texten und Informationen.
Auch Menschen mit weniger Deutsch- oder geringeren Lese- und Schreibkenntnissen profitieren von dieser Form der Barrierefreiheit. Selbst älteren Menschen, denen die Zunahme von englischen Begriffen Schwierigkeiten bereitet, nutzt die Leichte Sprache.
Und letztlich hilft eine leicht verständliche Sprache doch allen Menschen – hat nicht jede*r von uns schon einmal vor einem amtlichen Schreiben gesessen und sich einfachere Formulierungen gewünscht?

In den letzten Jahren hat sich viel getan. Es gibt inzwischen zahlreiche Informations-Broschüren zu den unterschiedlichsten persönlichen und gesellschaftlichen Themen in Leichter Sprache.

Wissen und Verstehen stärkt

In unserem Fachbereich für „Menschen mit Behinderung“ ist jetzt eine ganz besondere Broschüre entstanden. Mit dem Titel „Liebe, Sex und sone Sachen“ behandelt das 45 Seiten umfassende Heft das Thema Sexualität in Leichter Sprache. Zahlreiche Illustrationen und Bilder helfen den Leser*innen dabei, die Informationen und Inhalte noch besser zu verstehen.

Der Ursprung für diese Idee war das sexualpädagogische Konzept, das der Fachbereich 2018 vorstellte. Schon bei der Arbeit an diesem Konzept war klar, dass es nicht eingleisig nur von den Mitarbeiter*innen umgesetzt werden soll, sondern vor allem von den Klientinnen und Klienten verstanden werden muss. Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf Sexualität, Intimsphäre und Selbstbestimmung sowie auf Schutz vor Gewalt jeder Form. Hier ist Präventionsarbeit und Aufklärung gefragt, denn Wissen und Verstehen stärkt.

Die wichtigsten Inhalte des Konzeptes wurden von Astrid Goeke, Koordinatorin in der Eingliederungshilfe, übersetzt. Dabei mussten die Richtlinien der Leichten Sprache beachtet werden. Prüfgruppen kontrollierten und diskutierten im Anschluss jeden einzelnen Satz – wo nötig, gab es nochmal Anpassungen.
Die Teilnehmenden der Prüfgruppen waren Christian Frania aus der besonderen Wohnform „Wohnheim Wilmersdorf“, Jenny Grabowski und Michael Lange aus der besondere Wohnform „Wohnheim Nordufer“ sowie Franziska Keil, die Frauenbeauftragte aus dem Betreuten Einzelwohnen Mitte und Michel Han, der Männerbeauftragte.
Franziska Keil mochte den Austausch innerhalb der Gruppe und sagt: „Spannend war für mich, die schweren Texte in leichte Sprache umzuwandeln. Da steckt viel Arbeit drin und ich freue mich über das, was ich hier geleistet und beigetragen habe.“

Das richtige Bild zum Text kann viel zum Verständnis beitragen

Gemeinsam mit der Prüfgruppe suchte Astrid Goeke im Anschluss die Bebilderung aus. Teilweise war es gar nicht so leicht, ein passendes Bild zu finden, das zum Textverständnis beiträgt.

Für das Titelbild der Broschüre riefen die Verantwortlichen einen Kunstwettbewerb ins Leben. Alle Klient*innen der Fachbereiche „Menschen mit Behinderung“ und „Menschen mit psychischer Erkrankung“ konnten ihre Kunstwerke zum Thema Sexualität einreichen. So kam es, dass nicht nur auf dem Titel eine eindrucksvolle Illustration zu sehen ist, sondern auf den letzten Seiten der Broschüre weitere Kunstwerke gezeigt werden.

Damit die Broschüre auch tatsächlich das „Leicht Lesen“-Siegel erhalten konnte, durchlief sie das standardisierte Prüfverfahren von Capito. Auch von dieser Prüfstelle gab es nochmal zahlreiche Anmerkungen und Hinweise, die berücksichtigt und umgesetzt wurden.

Und jetzt liegt sie druckfrisch vor, die neue Broschüre „Liebe, Sex und sone Sachen“ und alle Beteiligten sind sich einig: Die Arbeit dafür und der lange Weg über die verschiedenen Prüfgruppen hat sich gelohnt.

Jetzt werden die Broschüren verteilt und alle Klient*innen des Fachbereichs „Menschen mit Behinderung“ erhalten ein Exemplar. Begleitend dazu führen die Bezugsbetreuer*innen Gespräche. Bereits 2020 waren 2 Fortbildungen in Leichter Sprache zu dem Thema Sexualität geplant. Diese mussten wegen Corona leider ausfallen, werden in diesem Jahr aber erneut angeboten.
In den kommenden Jahren soll es weitere Fortbildungen für Klient*innen zu diesen Themen geben. Um aufzuklären – um zu stärken.

Hier geht es zur Broschüre „Liebe, Sex und sone Sachen“.

Bei Fragen rund um die Broschüre wenden Sie sich bitte an Astrid Goeke.

Ökologisch ist das neue Chic – Die USE-Schneiderei näht für nachhaltige Designer-Labels

Erst seit einem Jahr leitet Caterina Salvati die Auftragsschneiderei der USE. Allein in dieser Zeit sind drei neue Kunden, die großen Wert auf Nachhaltigkeit legen, dazu gekommen: MOOT, Les Lunes und Yoru. Alle drei suchten nach einem sozialen Unternehmen in Berlin, das ihre Produkte zu fairen Bedingungen herstellt. Für die Maßschneidemeisterin Salvati waren das geradezu Wunschkunden. Sie beschäftigt sich schon lange mit dem Thema „Upcycling“ (der Umwandlung von Abfallstoffen zu neuen Produkten) und hat in ihrer früheren Laufbahn bereits für umweltbewusste Unternehmen wie Bis es mir vom Leibe fällt gearbeitet.

„Wir waren gleich auf einer Wellenlänge, dass macht die Zusammenarbeit sehr angenehm.“, berichtet Salvati. „Für unsere besonderen Produktionsbedingungen herrschte von Beginn an großes Interesse. Durch unseren regelmäßigen Austausch sind die Designer nah dran am Prozess – eine Drucksituation entsteht so gar nicht erst.“ Denn in der Schneiderei der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) der USE arbeiten 27 Menschen mit einer meist psychischen Behinderung. Hier müssen die Arbeitsprozesse so gestaltet werden, dass die Menschen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten sie gut ausführen können – und manchmal müssen sie auch an die aktuelle Tagesform angepasst werden.

Haarbänder aus B-Ware

Besonders die Aufträge von Les Lunes eignen sich hierfür. Das Modelabel, das feine Jumpsuits, Leggings und Oberteile aus gemütlichen Stoffen unter fairen Bedingungen in China produziert, lässt Haarbänder, sogenannte Scrunchies, bei der USE fertigen. B- und C-Ware, also Produkte, die kleine Mängel aufweisen, werden nicht einfach weggeschmissen, sondern von dem Team um Caterina Salvati zu den derzeit sehr angesagten Haarbändern verarbeitet. „Wir haben diese Arbeit in viele kleine Prozesse aufgeteilt, so dass sowohl starke als auch schwache Beschäftigte an dem Produkt arbeiten können.“ Insgesamt sieben Beschäftigte wirken so an dem Fashionteil mit.

T-Shirts aus Bettwäsche

Auch die Idee hinter MOOT – Made out of trash ist ähnlich. Aus alter, gespendeter Bettwäsche, die niemand mehr haben möchte, stellt das junge Berliner Unternehmen coole T-Shirts her. Die USE-Schneiderei erhält das von MOOT bereits eingefärbte, saubere Bettzeug zum Vernähen. Die Textilien werden zunächst auseinandergeschnitten und von Reißverschlüssen und Knöpfen befreit. Aus diesen vorbereiteten Stoffstücken schneiden die USE-Beschäftigten T-Shirts in den Größen XS – L zu. Im Anschluss werden die Zuschnitte zusammengenäht. Da die unterschiedlichen Stoffe nicht immer leicht zu bearbeiten sind, braucht es hier eine gute Vorbereitung und Einarbeitung, bis der Arbeitsprozess gut läuft und von den Menschen mit Behinderung nahezu selbstständig ausgeführt werden kann.

Auch wenn das Fashionteil mittlerweile trotz seines stolzen Preises von 49 € sehr nachgefragt ist, passen sich die jungen Designer den Produkitonsbedingungen der Schneiderei an, in dem ersten halben Jahr wurden gut 100 T-Shirts hergestellt.

Hoodies zum Wohlfühlen

Während Les Lunes und MOOT sich bereits am Markt etabliert haben, steckt das Label Yoru noch in den Kinderschuhen. Zwei junge Modedesign-Studentinnen möchten das Kleidungsstück, das wohl fast jeder junge Mensch in seinem Kleiderschrank hat – einen schwarzen Hoodie – so fair und nachhaltig wie möglich produzieren. Nach ersten Gesprächen im Sommer hat die Schneiderei Ende September mit dem Zuschneiden und Nähen der Kapuzenpullis begonnen. „Die Herausforderung hier ist das Garn. Während alle anderen Materialien zertifiziert sind, haben wir noch keines gefunden, das auch unseren Qualitätsansprüchen genügt“ , beschreibt Catrina Salvati den Prozess. Aber auch hier sind die Designerinnen und die Schneiderin zuversichtlich, einen guten Weg zu finden.

Impfbegleitung von Ilse Schubert: „Ich wollte es von Anfang an – das war keine Frage“

Einmal pro Woche – und das bereits seit drei Jahren – besuchen Mitarbeiter*innen des Mobilitätshilfedienstes Reinickendorf die 87-jährige Ilse Schubert aus Berlin-Reinickendorf. Auf Nazim Kasap freut sie sich immer am meisten, „weil er so sehr nett ist“, erzählt sie mir. Gemeinsam zu lachen, ist beiden besonders wichtig. Sie gehen gern Spazieren – selbstverständlich mit Kaffeetrinken im „Zentrum“, dem Einkaufszentrum im Märkischen Viertel.

Statt heißem Kaffee zum heißersehnten Impftermin

Doch heute unternehmen sie einen Ausflug der besonderen Art: Anstelle des heißen Kaffees wartet die heißersehnte erste Corona-Impfung. Mit dem Taxi geht es zum Erika-Heß-Eisstadion an der Müllerstraße. Schon nach dem Ausstieg ist vor Ort alles perfekt organisiert. Alle Senior*innen werden von einer Vielzahl von freiwilligen Helfern durch den Impfprozess geführt, professionell und ausgesprochen nett und freundlich. Die vielen Formulare sind dadurch bald vergessen. Aktuell werden hier innerhalb von sechs Stunden 500 Menschen mit dem Impfstoff von Moderna geimpft. Nach Handdesinfektion und Temperaturkontrolle ist die Anmeldung schnell erledigt und auf eine kurze Wartezeit folgt der Gang in die Impfkabine. Die Impfärztin klärt Frau Schubert auf, dann kommt der kaum spürbare Pieks. Voila – es ist vollbracht, worauf derzeit so viele Menschen weltweit warten. In vier Wochen folgt dann die zweite Impfung.

Aufgeregt sei sie nicht gewesen und auf die Frage, ob es für sie klar gewesen sei, sich zu impfen lassen, antwortet sie: „Ich wollte es von Anfang an – das war keine Frage“. Und Bedenken hat sie schongleich gar keine: „Ich bin schon so alt geworden, was soll mir schon passieren?“, sagt sie mir leicht schmunzelnd.  Zurückblickend auf das Corona-Jahr 2020 fügt sie hinzu: „So schnell habe ich keine Angst“ , sie hofft, „dass alles bald wieder in Ordnung kommt, um das alte Leben wieder zurück zu haben“.

Am meisten freut sich Frau Schubert, bei gutem Wetter raus gehen zu können ins Grüne, denn dabei geht ihr Herz auf. Viele Jahre hatte Sie einen Schrebergarten mit kleiner Hütte, den sie leider 2014 aufgeben musste. Doch mit Nazim Kasap und all den anderen tollen Mobilitätshelfer*innen kommt sie regelmäßig raus aus ihrer Wohnung, obwohl ihre Beine nicht mehr so wollen, wie sie will… . Auf diese Weise kann sie noch immer regelmäßig am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Das Taxi für Frau Schubert kommt für die Rückfahrt nach Hause und ich verabschiede mich bei ihr.

Ich bedanke mich sehr für diesen kleinen privaten Einblick in Ilse Schuberts aktuelles Leben und dafür, dass ich dabei sein konnte an diesem besonderen Tag. Ich wünsche alles Gute und viel Gesundheit!

*Die Mobilitätshilfedienste sind mit FFP2-Masken ausgestattet und begleiten damit Ihre Klient*innen. Für dieses Foto wurde kurzzeitig die Maske abgesetzt.

Video: Talk to USE – das neue Online-Format der USE

Talk To USE 2: Psychisch krank & trotzdem arbeiten – geht das auch in Corona-Zeiten?

 

Als Sozialunternehmen mit einem breiten Angebot für behinderte und benachteiligte Menschen hatte die USE vor der Pandemie auf die direkte Begegnung gesetzt – mit offenen Beratungen und vielen unterschiedlichen Veranstaltungen verteilt über das ganze Jahr. Denn im persönlichen Kontakt kann man erste Ängste nehmen und Vertrauen aufbauen. Das ist besonders bei Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder Beeinträchtigung, auf die sich die USE besonders mit ihrem Werkstatt-Angebot spezialisiert hat, wichtig.

Durch Corona war man auch hier gezwungen, neue Wege zu finden. Mit einer kleinen Talkrunde als Youtube-Livestream im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit im Herbst 2020 startete ein erster Versuch – mit einigem Erfolg. Nun baut die USE das Format weiter aus, mit eigenem Titel und einem Setting, das an ein kleines Fernsehstudio erinnert.

Arbeit wirkt stabilisierend

Am 16.02. startete der zweite Livestream mit dem Thema „Psychisch krank & arbeiten – geht das auch in Corona-Zeiten?“ Mit den praktischen Erfahrungen aus der Werkstatt aus zwei Lockdowns und Tipps von Experten wollte man Mut machen und zum Gespräch einladen. Dafür berichteten Beschäftigte und Fachkräfte aus der Tierpflege über ihren Umgang mit der Pandemie. Das Fazit hier: auch wenn zunächst Unsicherheit herrschte und immer wieder Ängste aufkamen, war und ist es überaus wichtig und stabilisierend, arbeiten gehen zu können. Den ersten Lockdown mit dem Betretungsverbot der Werkstätten erlebten sehr viele als extrem schwierige Zeit.

Homeoffice als Modell für die Werkstatt

Ein für die Werkstatt neues Modell entwickelte die Mediengestaltung der USE – das Homeoffice. Während es seit Monaten für viele Deutsche das gängige Arbeitsmodell ist, lässt es sich nicht so einfach auf die Werkstatt übertragen. Denn hier steht die Anleitung und Betreuung behinderter Menschen im Vordergrund. Mit einem Modell aus vier Säulen haben die Mediengestalter das Homeoffice schon im ersten Lockdown erprobt und nun im zweiten ausgebaut. Um aber den persönlichen Kontakt nicht abbrechen zu lassen, gibt es noch immer eine Anwesenheitspflicht an zwei Tagen in der Woche. Fachgebietsleiter Denny Rosenthal sieht darin durchaus eine Möglichkeit für die Post-Pandemie-Zeit.

Gerade zu diesem für die Werkstatt noch neuen Arbeitsmodell gab es via Chat einige Nachfragen. Noch gefragter war aber die Psychologin Susann Helfrich. Mit praktischen Tipps, wie man zum Beispiel mit seinen Ängsten vor U-Bahn-Fahrten umgeht – beendete sie die Runde.

Mit über 20 Livestreamern und über 200 späteren Aufrufen bewertet man diesen zweiten Talk to USE als Erfolg und plant bereits den nächsten. Denn Präsenzveranstaltungen scheinen leider auf längere Sicht noch nicht möglich zu sein.