Monthly Archives: Juli 2019

Die eigene Komfortzone verlassen

Mein Name ist Sahel Anees und ich komme aus Bangalore in Indien. Ich habe vom UNIONHILFSWERK über die IJGD (Internationale Jugendgemeinschaftsdienste) erfahren, eine Organisation, die Freiwilligenaustausch für alle Altersgruppen in verschiedensten Teilen der Welt fördert. Ich bin in Deutschland als Freiwilliger des „weltwärts“ Süd-Nord-Programms, das 2014 gestartet wurde und welches Freiwilligendienste über ein Jahr für Menschen aus Asien, Lateinamerika und Afrika organisiert. Aktuell nehmen an diesem Austauschprogramm 40 Freiwillige teil.

Meine Arbeit im UNIONHILFSWERK fängt früh an, ich helfe den Hauswirtschaftskräften beim Reinigen der verschiedenen Flure und Waschräume. Auch darüber hinaus gibt es immer Arbeiten, mit denen ich die Hauswirtschaft in ihrer alltäglichen Arbeit unterstützen kann. Nachmittags bin ich in der Kinderbetreuung.

Während meiner Arbeit in der Flüchtlingsunterkunft lerne ich jeden Tag etwas dazu: Ich lerne verschiedene Werkzeuge kennen, repariere die unterschiedlichsten Dinge und erlebe vor allem, wie in Deutschland „mit System“ gearbeitet wird. Die Arbeit zeigt mir aber auch unterschiedliche Perspektiven: die Geschichten, die ich hier höre, kommen aus den verschiedensten Teilen der Welt. Gleichzeitig begegne ich hier Werten und Einstellungen, die ich sehr schätze, vor allem durch das unermüdliche Team der Sozialarbeiter, die sich bemühen, den Geflüchteten ein besseres Leben zu ermöglichen.

Soziale Arbeit in Indien und in Deutschland – Parallelen und Unterschiede

In meinem Heimatland Indien hat der soziale Sektor eine große Bedeutung, es wird unglaublich viel für Bedürftige getan. Hier kann ich Parallelen zwischen Indien und Deutschland ziehen, sehe aber auch Unterschiede: Soziale Einrichtungen in Indien funktionieren wesentlich unbürokratischer. In Deutschland spielen Termine und Fristen eine große Rolle. Die genauen Planungen ermöglichen eine übersichtliche und gute Zusammenarbeit in den Teams.

Zu meinen schwierigsten Aufgaben gehört es, die Kinder zu unterrichten – insbesondere wegen der Sprachbarriere. Trotzdem halte ich durch, das Unterrichten macht auch mit unkonventionelleren Methoden Spaß. So lernen sowohl Kinder als auch Lehrer dazu – und das verbindet uns in besonderer Weise. Für mich brachte dies Erfahrungen und Vertrauen in meine Fähigkeiten um in der Zukunft im Bildungsbereich als Lehrer zu arbeiten. Der wichtigste Schritt für mich war, aus meiner „Komfortzone“ herauszutreten.

Ich habe eine Familie gefunden

Bisher war mein Einsatz als Freiwilliger eine spannende Erfahrung mit den unterschiedlichsten Gefühlen. Durch meine Arbeit im UNIONHILFSWER wachse ich als Person und erkenne die unterschiedlichen Lebensmodelle. Die Beziehungen, die ich hier aufbaue und die Ideen, die ich bekomme, werden mir als tolle Erinnerungen auch nach meinem sozialen Jahr bleiben. Auch wenn ich weit weg von Zuhause bin, kann ich doch sagen, dass ich eine Familie im UNIONHILFSWERK in Lichtenberg gefunden habe. Und im August endet mein soziales Jahr. Dann heißt es: Abschiednehmen von einem Zuhause, weit weg von einem anderen Zuhause.

Entspannung pur: Unser Ausflug zum Kiessee

Ehrlich gesagt, ein bisschen mulmig war mir am Montagmorgen schon zumute, als ich mich auf das mit zwei Satteltaschen bepackte Fahrrad schwang, um zur Arbeit zu fahren. Die ganze Zeit hatte ich mich auf diesen Ausflug mit den Klienten des Betreuten Einzelwohnens vom Wohnverbund Mitte gefreut – von langer Hand im Kollegium vorbereitet.

Entspannung ist besonders im Sommer schwierig

Entstanden war die Idee dazu im Gespräch mit einer Klientin. Gerade wenn es draußen so warm ist, die Stadt sonnendurchflutet, voller schwitzender Menschen und stinkender Autos, dann fällt es ihr besonders schwer, ihre Wohnung zu verlassen. Sie saß mir in einem schattigen Café gegenüber, froh, dass sie es zum vereinbarten Termin geschafft hatte. Ihr hübsches Gesicht wie immer, wenn es ihr nicht gut ging, geschützt durch eine große, dunkle Sonnenbrille und ein tiefsitzendes Basecape. „Ich halte es kaum noch aus, die ganze Stadt geht mir so auf die Nerven, wenn mir heute einer blöd kommt, dann…“ Sie sehne sich so sehr nach Natur, Ruhe und Vogelgezwitscher.

Da erzählte ich ihr von dem See, der tagsüber Badestrand ist, an dem man aber ab 20 Uhr übernachten und dann Ruhe und Natur exklusiv genießen kann. Ja, und so planten wir gemeinsam diesen Ausflug mit Übernachtung am Kiessee in Schildow. Es meldeten sich überraschend noch weitere fünf Klienten an.

Vor dem Ausflug sind alle aufgeregt

Aber jetzt, wo es endlich soweit war, kamen in mir leise Zweifel auf: Halten die Leute, die sich in ihrer normalen Isoliertheit eingerichtet haben, 32 Stunden Gemeinschaft aus? Können sie es ertragen, dass das Gelände um den See ab 20 Uhr ab – und wir darauf eingeschlossen werden? Wird auch wirklich jeder einen Schlafsack, eine Isomatte und ein Zelt abbekommen? Was tun, wenn einer plötzlich von Panik befallen wird…?

Im Büro angekommen erwartete mich ein freudig aufgeregtes Treiben. Überall standen verpackte Zelte und Rucksäcke herum und Kollegen und Kolleginnen wuselten durcheinander. Nachdem ich den Bus abgeholt hatte und wieder ins Büro eilte, sprangen mir schon zwei junge Frauen entgegen, über eine Stunde vor dem verabredeten Termin: „Wir wollten lieber früher hier sein, als zu spät, wir sind doch so aufgeregt!“ Allmählich lösten sich meine Bedenken auf und machten routinemäßiger Geschäftigkeit Platz. Hier ein Wort, dort einen Kaffee oder ein Wasser angeboten, später das Gepäck im Bus verstaut und endlich los.

Am Kiessee herrschte noch reger Badebetrieb. Schnell fanden wir einen geeigneten Platz für unsere Zelte und dann ging es erst einmal ab ins kühle Nass. Beim Aufbau der Zelte wurden Erinnerungen ausgetauscht: „Das ist jetzt fast 20 Jahre her, dass ich in einem Zelt geschlafen habe!“; „Früher sind wir mal mit meinem Vater zelten gewesen…“. Während sich der Strand um den See allmählich leerte, versammelten wir uns um die Schüssel mit Kartoffelsalat und Bouletten und das Mückenspray wurde reihum gereicht.

Die Stille zeigt ihre Wirkung in besonderer Weise

Und plötzlich war es still um uns herum. Nur die Vögel, die in der Ferne vorbeifahrende S-Bahn und unsere sanft dahin plätschernden Gespräche waren noch zu hören. Der See lag in der Abendsonne wie ein großer Spiegel vor uns, gesäumt von Schilf und einigen reglos verharrenden Graureihern. Es mag vielleicht kitschig klingen – aber die äußere Ruhe und Friedlichkeit legte sich wie ein Schleier über uns und machte uns für Stunden eins mit der Natur und dem Augenblick. Eine Teilnehmerin spazierte gemächlich um den See, eine andere saß mit den Füßen im Wasser am Strand und rauchte mit versonnenem Blick eine Zigarette, andere spielten zwischen den Zelten Mensch-ärgere-dich-nicht, später Fuß- Wasser- Volleyball oder Tischtennis. Allmählich wurde die Gruppe kleiner und mit dem letzten Licht verschwand auch der letzte Teilnehmer im Zelt. Himmlische Ruhe!

Am Morgen weckte uns dann ein Vogelkonzert. Nach und nach schälte sich eine verschlafene Gestalt aus jedem der Zelte, ein Campingkocher zischte und wenig später roch es verlockend nach Kaffee. Aus dem morgendlichen Schwimmen entwickelte sich eine ausgelassene Wasserschlacht um die kleine Badeinsel in der Mitte des Sees. Danach, bei einem letzten Kaffee am Strand, blickte ich in zwei strahlende Augen: „Es ist wunderbar inmitten so fröhlicher Menschen in den Tag zu starten!“

Selten konnte ich die positive Wirkung unserer Arbeit so direkt und intensiv erleben, wie an diesen zwei Tagen, ging es mir wenig später in der S-Bahn durch den Kopf, da zeigte mein Diensthandy eine neu eingegangene Nachricht an: „Danke für diesen schönen Ausflug!!!“

Grillspaß: Gesund UND nachhaltig – geht das?

An einem lauen Sommerabend sind Berlins Hinterhöfe, Gärten und Parks erfüllt von der unverkennbaren Duftmischung aus Holzkohle, Fleisch und Bier. In der warmen Jahreszeit gehört das Essen von Gegrillten im Freien zusammen mit Familie, Freunden oder beim Sommerfest mit Kollegen und Klienten dazu wie die Pommes zum Freibadbesuch. Es sind die Atmosphäre und die ausgelassene Stimmung, die alles noch viel besser schmecken lassen. Doch gerade die Berichte und Diskussionen über den Klimawandel und den Ausstoß von Treibhausgasen, für den wir alle verantwortlich sind, können Würstchen und Grillkäse den Beigeschmack des schlechten Gewissens verleihen. Was gibt es für Möglichkeiten, demnächst mit gutem Gefühl den Grill anzuschmeißen?

 

Grillkohle aus Pflanzenresten

Zweidrittel der Deutschen grillt immer noch mit Holzkohle – einem der größten Klimakiller. Nicht nur, dass ein Großteil der Holzkohle aus illegal gerodeten Regenwäldern stammt, auch das Verbrennen schadet der Umwelt enorm: Bei nur einer Grillparty setzt die eingesetzte Holzkohle ca. 7 Kilogramm CO2 frei. Das entspricht einer Autofahrt von etwa 35 Kilometern. Die Deutschen insgesamt schaffen es so in einem Jahr auf eine halbe Milliarde Kilogramm Kohlenstoffdioxid allein durchs Grillen. Doch deshalb muss noch lange niemand auf Bratwürstchen und Co. verzichten: Briketts aus Olivenkernen, Weinreben oder Kokosnussschalen  sind eine sehr gute Alternative zur Holzkohle. Die sind nicht nur umweltfreundlicher und ressourcenschonender, weil sie auf landwirtschaftlichen Abfällen basieren, sie brennen oftmals besser und länger. Und wenn sogar Grill-Weltmeister auf Kokosnussschalen schwören, dann muss da was dran sein!

 

Grillen – ohne Fleisch?!

Für einige gehört Fleisch zum Grillen dazu wie Autan zum Sommer. Doch hier die nächste schlechte Nachricht für Grill-Fans: Neben Holzkohle ist auch das Grillen von Fleisch schlecht für’s Klima. Aufzucht, Transport und Verarbeitung verursachen eine Menge an Treibhausgasen und haben einen enormen Wasserverbrauch – z.B. bei einem Kilo Rindfleisch sind es knapp 21 Kilo an Treibhausgasen und ca. 15 500 Liter Wasser! Also dann: Grillen ohne Fleisch? Nicht unbedingt. Die Würstchen- und Steak-Jünger unter uns sollten nur darauf achten, welches Fleisch sie auf den Grill werfen. Klimafreundlicher als das schon marinierte, abgepackte Steak aus der Supermarktkühltheke ist Fleisch aus der Region, am besten vom Bio-Bauern oder Fleischer um die Ecke. Das ist zwar meist ein paar Taler teurer, doch ein Stück Fleisch von guter Qualität ist nicht nur gut für’s Klimagewissen sondern auch für den Gaumen. Weniger aber dafür bewusster genießen ist hier die Devise!

 

Vorsicht beim Grillen von Gemüse und Käse!

Neben Fleisch in allen Variationen erfreuen sich Gemüse und Käse vom Grill immer größerer Beliebtheit – das bringt nicht nur Abwechslung auf den Teller, sondern auch Bonuspunkte auf dem Klimakonto. Während 1 Kilogramm Käse noch 8 Kilogramm Treibhausgase produziert, hat das Grillen von Gemüse ein unschlagbare Ökö-Bilanz: 1 Kilogramm verursacht auch nur 1 Kilogramm an Emissionen. Also rauf auf den Grill mit Zucchini, Aubergine, Tomate, Paprika und Co. Doch häufig werden Käse und Gemüse in Alufolie-Päckchen auf den Rost oder gar in die Glut gelegt. Das ist Vorsicht geboten: Alufolie ist nicht nur schädlich für die Umwelt, weil sie meist unter großem Energieaufwand in Tagebauten und zu Lasten des Regenwaldes hergestellt wird, sie kann darüber hinaus auch noch schädlich für unsere Gesundheit sein. In Verbindung mit Hitze und Säure bzw. Salz löst sich das Aluminium aus der Folie heraus und geht auf die eingeschlossenen Lebensmittel über. Doch auch hier gibt es Abhilfe: Grillkörbe aus Edelstahl, gusseiserne Pfannen oder die guten alten Schaschlik-Spieße eignen sich viel besser für das Zubereiten von Gemüse auf dem Grill. Auch für Feta-Käse und Fisch gibt es hier zwei alu-freie und klimafreundliche Ideen:

  1. Gegrillter Feta im Kohlrabiblatt (Zutaten für 4 Personen)
  • 200 Gramm Feta
  • 1 Tomate
  • 1 kleine Zwiebel
  • 1 Knoblauchzehe
  • Salz, Pfeffer, Kräuter nach Wunsch (z.B. Basilikum)
  • 1 Esslöffel Olivenöl
  • 4 große Kohlrabiblätter und Olivenöl

Feta und die Tomate in ca. 1 cm große Stücke schneiden. Zwiebel und Knoblauch hacken. Die geschnittenen Zutaten mischen und nach Belieben mit Salz, Pfeffer und Kräutern würzen. Einen EL Öl daruntermischen. Käsemasse in 4 gleich große Teile aufteilen und gleichmäßig in die Mitte der 4 Kohlblätter geben. Ein kleines Päckchen daraus packen und mit kleinen Spießen (z.B. Rouladenspieße) fixieren. Die Päckchen mit Öl bestreichen und auf den Grillrost legen. Geschützt durch das Kohlblatt kann die Käsemasse in Ruhe darin köcheln, ohne dass sie anbrennt. Wenn der Käse schön weich ist, kann er ausgepackt und serviert werden. Das Kohlblatt kann ohne schlechtes Gewissen im Biomüll entsorgt werden.

  1. Fisch vom Grill ohne Alufolie

Beim Grillen von Fisch, wie zum Beispiel Lachs, sind Grillbretter aus Zedernholz eine gute und überraschend günstige Alternative zu den üblichen Alufolie-Päckchen. Die Bretter müssen über Nacht in Wasser (wer es mag, auch in Bier) eingeweicht werden und können mehrfach verwendet werden. Das Grillbrett kommt dann direkt auf den Rost und darauf der Fisch. Durch den Dampf des Zedernholzes erhält der Fisch auch ein besonderes Aroma. Wie beim Fleisch gilt auch bei Fisch: Weniger ist besser für die Umwelt und auf die Qualität kommt es an.

 

Wer also ein paar Dinge beim Grillen beachtet, tut Gutes für die Umwelt und muss trotzdem nicht auf Geschmack und Spaß verzichten. Wir wünschen guten Appetit bei der nächsten Grillparty!

War es wirklich Anarchie im Übergangswohnheim?

Andrea Müller, Sozialarbeiterin im Übergangswohnheim (ÜWH) Neukölln, wurde von der Einrichtungsleiterin Carolin Rosner dabei beobachtet, als sie zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen –  Miriam Al-Sayad, Beate Begall und René Stahlberg –  eine geheime Mission vorbereitete. Seltsame Utensilien wurden im Pausenraum gelagert: Köpfe aus Schaumstoff, Spraydosen, Hunderte von Sicherheitsnadeln und da –  hatte sie da wirklich auch Ratten gesehen? Ja. Aber zum Glück waren es auf dem zweiten Blick nur Stofftiere.

Rockige Töne hinter verschlossenen Türen

Trotzdem nahm das verdächtige Treiben eher zu als ab:  Holger Graf, aus der Werkstatt des Betreuten Wohnens Innstraße, schleppte zusammen mit den Teilnehmern der Holzwerkstatt sehr eindeutige große Schilder mit Aufdrucken wie: „No Future“, „Anarchy in Neukölln“ und „Punk is not dead“  ins ÜWH. Was ging da also vor ??

Aus dem Gruppenraum hörte Carolin Rosner zudem noch sehr laute Stimmen von Bewohnerinnen und Bewohnern, die „Und wie du wieder aussiehst, mit Löchern in der Hose und ständig dieser Lärm“ brüllten. Worauf stimmten sie sich hinter geschlossener Tür nur ein??

Nach und nach entdeckte Carolin Rosner noch weitere Hinweise darauf, dass sich im Übergangswohnheim etwas ihr völlig Unbekanntes zusammenbraute: Dosenraviolikonserven stapelten sich in der Teamküche, Tüten aus Zeitungspapier wurden hergestellt, Kirschen, deren Kerne fein säuberlich von Fabian Rimke entfernt und dann (wofür nur?) gesammelt wurden.

Letztlich kam es am Freitag, den 05. Juli zum Showdown und plötzlich war alles klar: das Sommerfest! Ja, klar! Warum ist sie nicht eher darauf gekommen?

Anarchie, die Spaß macht

Nach und nach strömten Punks und buntes Volk in den Garten, aus den Lautsprechern ertönten wilde Klänge und die Sing-Gruppe gab mit aufblasbaren Gitarren ihr Bestes, die Besucher auf das Motto „PUNK“ einzustimmen. Am Büfett wurden selbstgemachte Salate, Fish‘n, Chips und Obstspieße angeboten. Die Stimmung war herrlich rockig. Das Kirschkernweitspucken fand großen Zulauf, mutige Gäste wurden mit abwaschbaren Tattoos und Haarlack versorgt, das Musikquiz fand seine Mitstreiter…

Carolin Rosner atmete auf, denn diese Art von Anarchie macht doch einfach nur Spaß!

Special Olympics: Bronze und Silber für Kevin Koch

 

Kevin Koch ist seit 2011 im Bereich „Bootsbau“, der Werkstatt für behinderte Menschen der USE gGmbH, beschäftigt. Sein sportliches Talent hat man hier früh erkannt und gefördert. Mit der Teilnahme an den Special Olympics im März 2019 erlebte er sein absolutes Highlight.

Insgesamt waren es 15 Berliner Athletinnen und Athleten, die den Flug nach Abu Dhabi antraten. Gleich nach der Ankunft am Flughafen von Abu Dhabi wurden die Sportler eskortiert. Kevin Koch und seine Mitstreiter saßen in einem großen Bus und hatten vor und hinter sich Polizeiwagen. Rote Ampeln waren kein Problem. Das Ziel: Ein 5-Sterne-Hotel, in dem die Sportler untergebracht wurden.

Abu Dhabi, die Perle der Vereinigten Arabischen Emirate

In der Stadt haben ihn die selbstfahrenden U-Bahnen verwundert aber auch begeistert. Die Kultur, die weißen Gewänder der Scheiche, das höchste Gebäude der Welt – so viele Eindrücke auf einmal hatte Kevin Koch schon lange nicht mehr verdauen müssen. Erst jetzt stellt er fest, was für ein Riesenereignis das für ihn war.

Koch lief in das große Stadion ein, während das olympische Feuer entzündet wurde. Gesprochen wurde Arabisch und Englisch. Das Feuerwerk stand förmlich am Himmel. Wenn Träume wahr werden, dann fragt man sich, ob die Wirklichkeit fern ist. So ging es auch Kevin Koch in der arabischen Hauptstadt. Jeden Tag schwamm der breitschultrige junge Mann die anstrengenden Wettkämpfe. Die moderne Halle war voll von Rettungsschwimmern. Ein bisschen aufgeregt war Koch schon, aber im Wasser war es dann wie bei jedem Wettkampf.

Auf Fernsehbildschirmen wurden die anderen Sportarten übertragen. Die Stimmung bebte. Viel Zeit war jedoch nicht, jeder Tag im Wasser zählte, um die begehrten Plätze zu gewinnen. Am Ende des Tages war Koch froh in seinem Bett zu liegen. In drei Endwettkämpfen war es dann soweit: 50 Meter Rücken, 50 Meter Kraul und die Staffel, alles in der Leistungsklasse.

Großer Empfang in Berlin

Die Medaillen im Koffer wogen circa 1 Kilo. Bronze für Rücken, Silber für Kraul. In der Staffel war es nur der 7. Platz, aber dafür in der höchsten Leistungsklasse. Ohne den Sport hätte Kevin Koch das alles nicht erlebt. Wenn Inklusion für ihn einen Namen hat, dann „Special Olympics“.

Die Familie von Kevin Koch war begeistert. Mit Plakaten nahm sie den Medaillenträger in Berlin wieder in Empfang. Auch das Fernsehen war da. Anfang April ging´s nochmal ins Rote Rathaus zu Innensenator Andreas Geisel. Hier trug sich der Preisträger ins Goldene Buch der Stadt ein.

Kevin Koch will auf jeden Fall weitermachen. Mit 29 Jahren hat er noch eine große Zukunft vor sich. Wir dürfen gespannt sein.

Inklusion ist mehr als Fahrstühle einbauen

Wahlrecht für Menschen mit geistiger Behinderung

Vom Wahlrecht beispielsweise waren bis vor einigen Monaten Menschen mit geistiger Behinderung ausgeschlossen. Seit April können sie nun von diesem Recht Gebrauch machen. Das hat das Bundesverfassungsgericht einen Monat vor der Europawahl entschieden.

Workshops bereiteten auf die Wahl vor

Um Menschen mit geistiger Behinderung auf die Europawahl vorzubereiten, hat die Landeszentrale für politische Bildung Workshops durchgeführt. Mit Hilfe des Informationsheftes „Berlin für Europa – Ich wähle mit“ in leicht verständlicher Sprache wurden Hintergründe erklärt und die Abläufe der Wahl durchgespielt.

Rainer Köhn und Wolfgang Weigelt, Bewohner der Wohngemeinschaft des UNIONHILFSWERK in Moabit, haben an einem dieser Workshops teilgenommen. Für sie stellte die Europawahl bis zu diesem Zeitpunkt eine große Herausforderung dar. Im Workshop erfuhren sie, wie sie erkennen, welche Themen und Positionen die Parteien vertreten – die Grundlage dafür, sich ihre eigene Meinung zu bilden und herauszufinden. Rainer Köhn will, dass mehr für die Umwelt getan wird. “Das mit dem Plastik in den Meeren ist eine große Schweinerei.“ „Es müssen zudem mehr Radwege gebaut werden“, fordert Wolfgang Weigelt. „Auch die Gehwege müssen dringend saniert werden. Es gibt viele Stolperstellen“, ergänzt Rainer Köhn. Außerdem wurde die Wahl simuliert – mit Wahlkabinen, einem alten Wahlzettel und einer Wahlurne.

Fit für den Wahltag

Am Wahltag wussten Rainer Köhn und Wolfgang Weigelt daher, was zu beachten war. „Man durfte nur ein Kreuz machen und musste dann den Zettel in die Wahlurne stecken“, betonte Wolfgang Weigelt.

Das Wahlrecht für Menschen mit Behinderung ist ein Meilenstein. Trotzdem ist der Weg zur umfassenden Inklusion noch weit.

USE trifft auf Fête de la Musique

Vielfältiges Angebot für Groß und Klein

Bereits im Innenhof des USE-Standorts luden vielerlei Dinge zum Anschauen ein, zum Beispiel handgefertigte Porzellantassen aus der Töpferei oder weiches Spielzeug aus dem ebenfalls zur USE gGmbH gehörenden dim-Laden. Daneben gab es das Glücksradspiel, zudem sich Groß und Klein voller Freude dazugesellten. Und natürlich war auch für das leibliche Wohl gesorgt: Die vielen Besucher genossen die leckeren Bratwürste, verschiedene Salate und selbst gebackenen Kuchen.

Touren durch das offene Haus

Das Haus stand offen für Besichtigungstouren. Man konnte beispielsweise in der Floristik ästhetische, im Wasser schwebende und mit Grün drapierte Rosen in kugelrunden Gläsern bewundern. Im lichtdurchfluteten Arbeitsraum unterm Dach sah man, wie Blume für Blume wilde Lilienbouquets entstanden sind.

In der Bürstenmacherei erfuhren die Gäste, wie man eine Bürste richtig einspannt. Die einzelnen Borsten wurden eine nach der anderen durchgezogen, bis der Bürstenkörper saß. Was dies für eine feingliedrige Arbeit ist, an der auch blinde Menschen sitzen, zeigte das fertige Produkt, zum Beispiel eine Berlin-Bürste.

Musik, Musik und noch mal Musik

Wenn die Houseband auftritt, ist gute Stimmung angesagt. Mehrere Stunden am Stück hat sie die Besucher als Vorband der Fête de la Musique unterhalten. Danach übernahm die Band Aja Brazil und spielte sich mit den Klassikern brasilianischer Musik in die Herzen des Publikums.

Mit Beginn der Fête de la Musique um 18 Uhr trat dann das Alm Beatz Kollektiv auf. Der Innenhof war brechend voll und die Atmosphäre euphorisch.

Ein unvergessliches inklusives Ereignis

Geschäftsbereichsleiter Frank Schönfeld hat der Abend sehr gut gefallen: „Super besucht, toller Abend, tolle Stimmung, in den Werkstätten waren insgesamt 450 Leute und am Abend brummte richtig der Bär, da waren es insgesamt an die tausend Leute.“

Neben den Menschen mit Behinderungen stießen sehr viele spontan dazu und machten den Abend zu einem unvergesslichen inklusiven Ereignis.

Fotos: Anne Deibele