Monthly Archives: Februar 2026

Gemeinsam unterwegs

Ein Job mit Herz und Sinn

Peter Linke zeigt, wie wertvoll die Arbeit der Dienste ist: Wenn er mittwochs bei Ilse Schubert klingelt, geht für die 91-Jährige die Sonne auf. Frau Schubert wohnt im zwölften Stock eines Hochhauses und sitzt im Rollstuhl. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie allein. „Ich habe keinen weiter“, sagt sie leise. „Kinder habe ich keine. Mein Bruder und meine Schwester sind auch nicht mehr in der Lage, mich zu besuchen.“

Doch mittwochs ist alles ein bisschen leichter. Dann steht Peter Linke vor der Tür. „Er geht mit mir spazieren“, erzählt Frau Schubert. „Sonst würde ich nur in der Wohnung sitzen.“ Gemeinsam unternehmen sie kleine Ausflüge, beispielweise einen Besuch im Park – oder in den Supermarkt. Über den Stopp im Supermarkt freut sie sich besonders. „Dort holt er mir immer die Milka-Schokolode aus dem Regal“, sagt sie lachend. Peter Linke nickt schmunzelnd: „Ihre Lieblingssorte ist die mit Vollmilch.“

Für ihn ist diese Arbeit weit mehr als ein Job: „Ich habe Spaß an der Arbeit. Wenn sie lächelt, gehe ich mit einem guten Gefühl nach Hause.“

 

Mobilität und Nähe schenken

Was nach einer kleinen Geste klingt, bedeutet für viele Menschen, die von den Mobilitätshilfediensten begleitet werden, ein Stück Lebensqualität. Denn für sie ist der Weg nach draußen oft ohne Unterstützung kaum zu bewältigen – körperlich wie seelisch.

Tobias Plaumann, 37, arbeitet als Mobilitätshelfer in Lichtenberg. Er kennt Einsamkeit aus eigener Erfahrung. „Während meiner Ausbildung habe ich meine Mutter verloren, dann hat sich meine Freundin von mir getrennt, zudem musste ich eine Operation überstehen. Danach fiel ich in ein tiefes Loch“, erzählt er offen.

Heute hilft Tobias Plaumann anderen, wieder Teil des Lebens zu werden. Wenn er Senior*innen zum Arzt begleitet, beim Einkaufen hilft oder einfach ein offenes Ohr schenkt, weiß er, wie wichtig das ist. „Ich sehe in jedem Menschen ein Stück von dem, was ich selbst erlebt habe“, sagt er. „Und ich weiß, wieviel schon ein bisschen Aufmerksamkeit verändern kann.“

Für Ilse Schubert ist der wöchentliche Besuch von Peter Linke ein kleines Stück Freiheit. Für Peter Linke und Tobias Plaumann ist ihre Arbeit eine Herzensangelegenheit. Beide zeigen, dass Mobilitätshilfe weit über das hinausgeht, was man auf den ersten Blick sieht – sie bewegt Menschen, innerlich wie äußerlich.

Ein starkes Wir für Berlin

Begegnung, Unterstützung, Verbundenheit – Michael Dietmann macht deutlich, wie aus Einzelnen ein starkes Wir entsteht

Zusammenhalt und Gemeinschaft sind unverzichtbar. Sie geben Halt, Orientierung und stärken jede und jeden Einzelnen. Das Unionhilfswerk schafft gezielt Räume, in denen Menschen sich begegnen, austauschen und unterstützen können – Orte, an denen aus einem „Ich“ ein „Wir“ wird. Diese Möglichkeiten richten sich nicht nur an die Menschen, die wir begleiten, sondern auch an unsere Mitarbeitenden.

Ein zentrales Anliegen des Unionhilfswerks ist es, Themen wie Einsamkeit, psychische Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt sichtbar zu machen, zu enttabuisieren und das Bewusstsein dafür zu schärfen. Wir wollen sensibilisieren – innerhalb der Verbund und nach außen – und uns als kompetenten Träger positionieren, der Erfahrung, Fachwissen und Menschlichkeit vereint. Für uns ist Engagement kein Zusatz. Es ist unser Kern. Es richtet sich an alle: an die Menschen, die wir begleiten, an ihre Angehörigen, an unsere Mitarbeitenden und an Freiwillige in der ganzen Stadt.

Gemeinschaft, die trägt

In unseren Einrichtungen, Diensten und Projekten zeigt sich, was entsteht, wenn Menschen füreinander da sind. Ob in der Beratung, in der Pflege oder in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen – Gemeinschaft wirkt. Sie gibt Sicherheit, Orientierung und Mut.

Das Miteinander im eigenen Umfeld und gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigen sich im offenen Ohr für die Nachbarin, im Engagement eines Freiwilligen oder in der Hand, die jemandem gereicht wird, der Unterstützung benötigt. Gemeinschaft braucht Aufmerksamkeit – und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen: für sich selbst und für andere.

Schritte zu mehr Miteinander

Als Unionhilfswerk fördern wir bewusst und strukturiert Engagement. Wir ermöglichen Austausch, Weiterbildung und gemeinsame Erfahrungen. Durch Workshops, Fortbildungen und vielfältige Veranstaltungsformate stärken wir unsere Mitarbeitenden – fachlich wie persönlich. So entsteht eine Kultur, die von Rückhalt, Verständnis und gegenseitiger Unterstützung geprägt ist.

Mit weiteren Initiativen bauen wir Brücken zwischen Menschen und fördern Begegnung.

Ein Beispiel hierfür sind die Berliner Herzenszeilen. Hier treten Freiwillige und von Einsamkeit betroffene Menschen über persönliche Briefe miteinander in Kontakt. Oft entstehen daraus Verbindungen, die weit über das Projekt hinausreichen – kleine Gesten mit großer Wirkung.

Auch über unseren Verbund hinaus schaffen wir Strukturen, die Menschen zusammenbringen und unterstützen. Wir arbeiten daran, Wissen zu bündeln, den Austausch zu fördern und den Zugang zu Angeboten zu erleichtern. So bauen wir Brücken zwischen Menschen, schaffen Bewusstsein für gesellschaftliche Herausforderungen und helfen dabei, Einsamkeit vorzubeugen.

Engagement stärkt das Wir

Auch Unternehmen können Teil dieses Miteinanders werden. Im Rahmen unseres professionellen Corporate-Volunteering-Programms bieten wir sogenannte Social Days an. Dabei können Teams einen strukturierten und sinnstiftenden Einsatz in unseren Einrichtungen erleben. Die Möglichkeiten reichen von der Gestaltung der Außenbereiche über die Unterstützung bei Festen bis hin zu handwerklichen Projekten.

Diese Einsätze sind sorgfältig vorbereitet, fachlich begleitet und auf die Bedürfnisse der Menschen in unseren Einrichtungen abgestimmt. Sie schaffen Begegnungen auf Augenhöhe, schenken Freude und eröffnen neue Perspektiven. Gleichzeitig stärken sie den Teamgeist, die soziale Kompetenz und das Verantwortungsbewusstsein in den Unternehmen. Corporate Volunteering wirkt – für beide Seiten.

Jeder Beitrag zählt

Eine Gemeinschaft lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen und sich einbringen. Jeder Beitrag ist wichtig: ein Gespräch, ein freiwilliger Einsatz oder ein professionelles Engagement im Rahmen einer Unternehmenspartnerschaft.

Das Zusammenspiel von Mitarbeitenden, Freiwilligen, Unternehmenspartner*innen und dem Unionhilfswerk Landesverband Berlin e. V. macht den entscheidenden Unterschied.

Sport und psychische Gesundheit

Eine Ausnahme bildet der Berliner Lauftreff „Laufen für die Seele“. Da Menschen mit psychischen Erkrankungen aus eigener Kraft viel zu selten den Zugang zum regelmäßigen Aktivsein finden, wurde von engagierten Ärzten, Psychologen und Angehörigen vor 22 Jahren das Projekt „Laufen für die Seele“ als einladendes inklusives Sportangebot ins Leben gerufen: Jede Woche treffen sich Menschen mit und ohne Behinderung zu einem gemeinsamen Lauftraining an verschiedenen Orten in Berlin, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind.

Eine von ihnen ist Nicole Titschler. Seit Jahren ist sie regelmäßig beim Lauftreff in Grünau dabei. Das Laufen hilft ihr, mit ihrer psychischen Erkrankung, die nicht medikamentös behandelt wird, besser umzugehen: „Ich fühle mich danach leichter, psychisch leichter. Und jedes Mal staune ich darüber, was mein Körper schafft, ohne in Stress zu geraten.“

 

Sport als Therapieergänzung

Jeder weiß, wie wichtig Sport für das Herz-Kreislaufsystem, für Muskeln und Knochen ist. Regelmäßige Bewegung ist aber genauso wichtig für die psychische Gesundheit, sie verbessert die Stimmung und den Antrieb und hilft, Angstsymptome zu lindem – ist also eine gute Therapieergänzung. Die Niedrigschwelligkeit des Angebots (kein Anmeldeprozess, keine Gebühren, keine besondere Sportkleidung) erleichtert den Zugang auch für Menschen mit Angst-Erkrankungen.

Um eine versicherungsrechtliche Absicherung der Teilnehmenden zu gewährleisten, ist „Laufen für die Seele“ seit einigen Jahren dem gemeinnützigen Sportverein USE-SOWAS e.V.  zugeordnet. Dieser Verein wiederum wird von dem Sozialunternehmen USE gGmbH getragen. Über 1000 Menschen mit einer meist psychischen Behinderung sind hier beschäftigt. In über 30 Berufsfelderm wird ihnen eine Teilhabe am Arbeitsleben ermöglicht. Allein das gibt ihnen schon einen stabilisierenden Rahmen. Darüber hinaus unterstützt das breite Sportangebot die berufliche Rehabilitation. Für die Werkstattbeschäftigten gibt es 22 Sportkurse in zehn Sportarten, von Laufen über Fußball bis Paddeln.

 

Unterstützung der beruflichen Rehabilitation

Auch hier hat man die Erfahrung gemacht, dass Sport positive Auswirkungen auf den Rehabilitationsprozess hat. Er hilft, Stress abzubauen, stärkt das Selbstwertgefühl und trägt zur Stabilisierung bei. Und er fördert die soziale Teilhabe. Die Teilnehmenden erfahren sich als Teil einer Gruppe, können in Interaktion gehen. Zudem ist das regelmäßige Training ein probates Medium, um Selbstwirksamkeit zu vermitteln.

Wie individuell und zugleich wirksam dieses Angebot sein kann, zeigt das Beispiel von Maximilian Imhof. Er wurde mit dem Leigh-Syndrom geboren, einer seltenen Energiestoffwechselerkrankung mit eingeschränkter Lebenserwartung. Bewegung ist für ihn nicht nur Wunsch, sondern medizinische Notwendigkeit – und lange Zeit hätte der 19-Jährige sich dennoch nicht vorstellen können, regelmäßig Sport zu treiben oder gar an Wettkämpfen teilzunehmen. Im geschützten Rahmen des Vereinssports konnte er nach und nach eigene Fähigkeiten entdecken, sich kontinuierlich weiterentwickeln und neues Selbstvertrauen aufbauen. Heute trainiert er mit großem Ehrgeiz, schätzt die sozialen Kontakte in der Gruppe und erlebt Sport als wichtigen Bestandteil von Lebensqualität, Teilhabe und persönlichem Wachstum: „Sport ist eine wichtige Konstante in meinem Leben. Erst durch den Sport in der USE habe ich meine Lebensfreude zurückgefunden. Heute versuche ich mich jährlich zu steigern und die Zeit zu genießen.“

 

Teilnahme an Laufveranstaltungen

Seit vielen Jahren startet die inklusive Laufgruppe für den gemeinnützigen Sportverein USE-SOWAS e.V. zudem bei großen Laufveranstaltungen in Berlin. Unter dem Motto „Wir leben laufend Inklusion“, begleitet von ehrenamtlichen Übungsleitern und mit ideeller Unterstützung der Schirmherren des Lauftreffs, dem „Marathonvater“ Horst Milde und Prof. Dr. Andreas Ströhle, werden Menschen mit Behinderung so beispielgebend in das organisierte Berliner Wettkampfgeschehen integriert.

Auch hier kann das positive Erleben im Team die Stabilisierung unterstützen. Hinzu kommt der Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen. Viele dieser Menschen haben das Gefühl, im Leben versagt zu haben. Hier können sie Erfolgserlebnisse sammeln, Niederlagen lassen sich gemeinsam besser verarbeiten. Die Erfahrung, dass der Körper funktioniert, stärkt zudem das Selbstwertgefühl.

Ein barrierearmer Zugang zu Sportangeboten kann psychisch erkrankte Menschen stabilisieren und als hilfreiche Ergänzung einer Therapie wirken.

 

Mehr als ein Konzert: Wie Musik Verbundenheit schafft

 

Frau Lee, Sie treten beim Benefizkonzert der Unionhilfswerk-Förderstiftung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf. Was hat Sie bewogen, sich für diesen besonderen Anlass zu engagieren?

Durch die Empfehlung des Bass Ki-Hyun Park durfte ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal an diesem Konzert mitwirken und ich bin sehr dankbar, dass ich auch in diesem Jahr wieder eingeladen wurde. Die künstlerische Leitung Ilona Schäfer hat das Programm mit so viel Liebe und Sorgfalt zusammengestellt, dass ich mich schon jetzt sehr darauf freue.

 

Sie haben von Seoul über Frankfurt bis Berlin viele Stationen durchlaufen. Was hat Sie am stärksten geprägt – als Sängerin und als Mensch?

Besonders prägend waren für mich die Anfänge in Frankfurt, wo ich mein Masterstudium begann, und später mein erstes Engagement in Magdeburg, wo ich debütierte. Vielleicht haben sich diese Erlebnisse so tief eingeprägt, weil es die ersten Schritte in einem neuen Leben waren – sowohl künstlerisch als auch menschlich.

 

Gibt es aus Ihrer Heimat Korea etwas, das Sie in besonderer Weise inspiriert und in Ihre Musik einfließt?

Korea ist keine „besondere Inspirationsquelle“ für mich, sondern immer ein Teil meiner Musik. Ich habe schon als Kind leidenschaftlich gern gesungen, und heute ist das Singen einfach mein Beruf geworden – eine natürliche Fortsetzung dessen, was mich schon immer erfüllt hat.

 

Das Konzert unterstützt die kulturelle Teilhabe pflegebedürftiger Menschen. Was bedeutet es Ihnen, mit Ihrer Musik Lebensfreude und Nähe zu schenken?

Musik hat die wunderbare Kraft, Menschen zu verbinden – selbst dann, wenn Worte fehlen. Gerade für pflegebedürftige oder einsame Menschen kann die Musik in einem Konzert ein Moment der Nähe und Lebendigkeit sein. Wenn ich auf der Bühne stehe, wünsche ich mir, dass meine Stücke Freude bereiten, Erinnerung wecken und vielleicht auch Trost spenden.

 

Viele ältere Menschen erleben Einsamkeit. Können Sie sich an einen Moment erinnern, in dem Ihr Gesang spürbar Trost oder Verbundenheit geschenkt hat?

Während der Corona-Zeit haben wir viele Konzerte online oder vor sehr kleinem Publikum gegeben. Die Gesichter der Zuhörer, die trotz der Distanz sichtbar berührt waren, haben mich tief bewegt. In solchen Momenten spüre ich, dass Musik gegenseitigen Trost schenken kann – ich empfange genauso viel Wärme vom Publikum, wie ich sie zu geben versuche.

 

Auch Künstler*innen stehen unter großem Druck. Was gibt Ihnen persönlich Kraft und innere Balance?

Als Künstlerin stehe ich oft unter großem Druck, aber die Musik selbst stärkt mich. Und ich bekomme viel Kraft aus meinem Umfeld – von meinem Hund, meinen Freunden und meiner Familie. Oft sind es auch die Fotos oder Videos, die ich nach einem Konzert bekomme, die mich berühren und motivieren. Und wenn ich frei habe, tue ich wirklich gar nichts – ich ruhe im wahrsten Sinne des Wortes aus.

 

Bei einem Benefizkonzert geht es nicht nur um Musik, sondern auch um Botschaften. Was soll das Publikum anschließend mit nach Hause nehmen?

Bei einem Benefizkonzert geht es für mich nicht nur um die Musik, sondern auch um das, was zwischen den Menschen entsteht. Ich wünsche mir, dass das Publikum bei der Matinée mit einem Gefühl von Verbundenheit nach Hause geht – mit dem Bewusstsein, dass wir durch kleine Gesten und gegenseitige Aufmerksamkeit viel bewirken können. Vielleicht erinnert dieser Vormittag daran, dass niemand wirklich allein ist, solange wir einander zuhören.